Die Perlenkönigin

von Ludwig Bechstein

~5 Min

Es war ein­mal ein kleines Fis­cher­dorf, das an einem großen See lag. Alle Jahre wieder kam dort eine schöne Unbekan­nte ans Ufer. Und jedes Mal kam sie mit einem prächti­gen Schif­flein gefahren, das so aus­sah, als wäre es aus lauter Perlen zusam­menge­fügt. Nie­mand wusste, woher sie kam und wohin sie ging, wenn sie wieder verschwand.

Die Fis­cher­leute hat­ten die schöne Unbekan­nte aber sehr lieb, denn sie streute am Ufer immer Perlen aus und wink­te den Kindern, diese aufzule­sen. Da waren die Kinder dann geschäftig und freuten sich am schö­nen Far­ben­spiel der Perlen. Wenn die Perlen dann alle aufge­sam­melt waren, kamen die Fis­ch­er und Fis­cherin­nen und tru­gen eine ordentliche Mahlzeit auf: Fis­che, Brot und guten Wein. Die schöne Unbekan­nte verneigte sich fre­undlich, aß einige Bis­sen und trank ein wenig von dem Weine.

Oft passierte es auch, dass sich Prinzen und Edelleute aus fer­nen Län­dern ein­stell­ten, wenn die schöne Unbekan­nte ans Ufer kam. Die vie­len Besuch­er waren auf Brautschau, denn es ging die Rede um, dass die schöne Unbekan­nte eben­so reich an Schätzen wie an Leibess­chön­heit sei. Wen wun­dert’s da, dass man bald nur noch von der Per­lenköni­gin sprach. Doch jed­er, der sich um ihre Gun­st bewarb, musste drei Proben beste­hen. Und bish­er waren alle Bewer­ber kläglich gescheitert.

Die erste Probe war es, die Haar­farbe der Per­lenköni­gin zu errat­en, denn ihr Haupt war stets dicht ver­schleiert. Was hat­ten die Bewer­ber nicht schon alles ger­at­en: schwarz, rot, blond, braun, weiß, grün, grau und blau.

Die zweite Probe war, sich die Hals­kette der Per­lenköni­gin umzuhän­gen. Wur­den die hell glänzen­den Perlen dann trübe, war das ein schlecht­es Zeichen, und die schöne Dame fing an zu weinen. Ihre Trä­nen wur­den aber zu eben­so hellen Perlen, wie sie bere­its an der Kette waren. Die neuen Perlen fügte die schöne Unbekan­nte ihrer Kette hinzu und nahm diese wieder an sich. Und wenn die Kette dann wieder am Halse der Jungfrau hing, glänzten die Perlen auch wieder hell und wundersam.

Die dritte und let­zte Probe war, zu errat­en, was die Per­lenköni­gin auf der Brust trug. Und so schlau die Bewer­ber auch waren, sie kon­nten es nicht her­aus­find­en. Kein­er gewann die Gun­st der schö­nen Unbekan­nten, und wäre er auch der reich­ste Fürst gewesen.

Manche ver­sucht­en es auch mit List, um etwas Näheres über den Verbleib Per­lenköni­gin zu erfahren. Doch blieben alle Anstren­gun­gen frucht­los, denn das Per­len­schif­flein entschwand den Blick­en der Men­schen immer viel zu schnell.

Es gab aber einen Knaben unter den Dor­fkindern, den hat­te die Per­lenköni­gin unter allen Kindern am lieb­sten. Sie nahm ihn bei jedem Besuch in ihre Arme und drück­te ihn her­zlich. Der Knabe hat­te die schöne Dame auch sehr lieb, doch er wurde größer und wagte sich bald nicht mehr, die Perlen aufzule­sen. Auch musste er jet­zt oft mit seinem Vater auf den See fahren und fischen.

So war die Per­lenköni­gin schon mehrere Male ans Ufer gestiegen und hat­te ihren lieben Fis­cherkn­aben nicht gese­hen. Da wurde sie sehr trau­rig, denn ihr Herz hat­te ger­ade diesen Jüngling auser­wählt. Und darum wün­schte sie sich um so mehr, dass der schöne Fis­ch­er­sohn einst die drei Proben beste­hen möge.

Eines Abends beschloss die Per­lenköni­gin, den geliebten Fis­ch­er­sohn unsicht­bar aufzusuchen. Als der gold­ene Mond aufge­gan­gen war und sich im Wass­er spiegelte, fuhr das Per­len­schif­flein wieder durch die Wellen. Die Per­lenköni­gin trat unerkan­nt in die kleine Kam­mer des Geliebten und beugte sich san­ft über den Schlafend­en. Dann löste sie ihre Per­len­kette vom Hals und hängte sie dem Jüngling um. Welch eine Freude! Die Perlen blieben so hell und klar wie zuvor. Die Per­lenköni­gin küsste darauf den Teuren und entschwand. Der Jüngling aber war nun in Liebe zur Per­lenköni­gin ent­bran­nt, doch es fehlte ihm der Mut, sich der Geliebten zu nähern.

Als die Per­lenköni­gin wieder ein­mal am Lager des Jünglings weilte, erwachte dieser aus dem Schlafe. Da nahm die Per­lenköni­gin ihre Per­len­kette und hängte sie dem Geliebten um den Hals. Die Perlen aber glänzten so hell wie zuvor. Da liefen der Per­lenköni­gin warme Trä­nen über die Wan­gen. Sie warf den Schleier zurück, nahm ihre Haare und trock­nete ihre Trä­nen. Der Jüngling sah nun, dass ihre Haare ganz gold­en waren.

Dann schlug die Per­lenköni­gin ihr Kleid ein wenig auf und ein heller Spiegel auf ihrer Brust warf das Bild des Jünglings san­ft und schön zurück. Die Per­lenköni­gin war aber in großer Sorge, denn sollte die Per­len­kette nur ein einziges Mal am Halse des Geliebten trüb wer­den, hätte sie sich nicht mehr näh­ern dürfen.

Es kam die Zeit, wo die Per­lenköni­gin wieder zum Fis­cher­dorf fuhr und in gewohn­ter Weise Perlen für die fro­hen Kinder ausstreute. Dieses Mal waren beson­ders viele Fürsten und edle Her­ren gekom­men, um der schö­nen Per­lenköni­gin den Hof zu machen. Auch der Fis­cher­jüngling stand etwas abseits, denn er wollte sich der Ange­beteten endlich näh­ern. Als die hohen Her­ren an den drei Proben wie gewohnt gescheit­ert waren, kam die Rei­he an den Jüngling.

Er neigte beschei­den den Kopf und sprach: Oh, deine Haare müssen gold­en sein.” In diesem Augen­blick fiel der Schleier herab, und ihre gold­nen Lock­en wall­ten hernieder. Dann hängte die Per­lenköni­gin ihre Per­len­kette um den Hals des Jünglings, und sie blieb rein und glänzend. Jet­zt sprach der Fis­ch­er: Ein rein­er schön­er Spiegel muss auf dein­er Brust sein, holde Jungfrau!” Da öffnete die Per­lenköni­gin ihr Kleid ein wenig, und der klare Spiegel auf der Brust zeigte ein san­ftes schönes Bild, das Bild des Jünglings.

Da ertönte vom Per­len­schif­flein ein heller Jubel und fröh­liche Musik. Ein Rei­he schön­er Frauen und blühen­der Män­ner erhob sich vom Schif­flein und nahm das holde Paar in die Mitte. Dann glitt das Per­len­schif­flein auf spiegel­heller Wasser­fläche zur Per­lenin­sel, wo die Heimat der Per­lenköni­gin war. Dort lebte das Braut­paar for­t­an in großem Glück und bei­de sahen das kleine Fis­cher­dorf nie mehr wieder.