Die Nonne, der Bergmann und der Schmied

von Ludwig Bechstein

~6 Min

Eine Nonne, ein Bergmann und ein Schmied wan­derten miteinan­der durch die Welt. Ein­mal hat­ten sie sich in einem großen fin­stren Walde verir­rt, so daß sie froh sein mußten, als sie endlich in der Ferne ein Gemäuer erblick­ten, darin sie Obdach zu find­en dacht­en. Sie gin­gen also darauf zu und sahen, daß es ein altes wüstes Schloß war, schon halb vef­fall­en, doch noch so weit erhal­ten, daß man allen­falls und zur Not noch darin wohnen kon­nte. Darum beschlossen sie, darin zu bleiben, und hiel­ten Rat, wie sie sich ein­richt­en woll­ten. Bald wur­den sie einig, daß immer eins von ihnen daheim bleiben und die Wirtschaft bestellen sollte, während die bei­den andern aus wären, um Nahrungsmit­tel herbeizuschaffen.

Das Los, zu Hause zu bleiben, traf zuerst die Nonne. Als nun der Bergmann und der Schmied in den Wald gegan­gen waren, so besorgte die Nonne die Küche, und als ihre Gefährten zur Mit­tagszeit nicht heimka­men, verzehrte sie einst­weilen ihren Teil von der Mahlzeit. Da trat auf ein­mal ein graues Män­nchen zur Tür here­in, schüt­telte sich und sprach: »O wie friert mich!«

Die Nonne antwortete: »Set­ze dich zum Ofen und wärme dich.«

Das Män­nchen tat, wie ihm die Nonne gebot, aber bald rief es: »O wie hungert mich!«

Die Nonne sagte: »Auf dem Ofen ste­ht Essen, so iß.« Da machte sich das Män­nchen über das Essen und aß in Geschwindigkeit alles auf, was da war. Darüber wurde die Nonne zornig und schalt es, daß es für ihre Gefährten gar nichts übrigge­lassen hätte. Da geri­et auch das Män­nchen in einen großen Zorn, nahm die Nonne, schlug sie und warf sie von ein­er Wand zur andern. Darauf ließ das böse Män­nchen die Nonne liegen und ging seines Weges. Am Abend kamen die bei­den Gefährten der Nonne nach Hause, und als sie hun­grig ihr Essen ver­langten und nichts mehr fan­den, so macht­en sie der Nonne heftige Vor­würfe und woll­ten ihr nicht giauben, als sie ihnen erzählte, was ihr wider­fahren wäre.

Den fol­gen­den Tag erbot sich der Bergmann, das Haus zu hüten, und ver­sprach, er werde schon dafür sor­gen, daß nie­mand hun­grig zu Bette gehen müsse. So gin­gen nun die bei­den andern in den Wald, und der Bergmann besorgte das Essen, verzehrte seinen Teil und set­zte dann das übrige auf den Ofen. Da trat das Män­nchen here­in, aber wie erschrak der Bergmann, als er sah, daß es zwei Köpfe hat­te. Es schüt­telte sich und sprach: »O wie friert mich!« Ganz voller Furcht ver­wies es der Bergmann zum Ofen. Bald darauf fing es an zu Kla­gen: »O wie hungert mich!«

»Auf dem Ofen ste­ht Essen, so iß!« antwortete der Bergmann. Da fiel das Män­nchen mit seinen bei­den Köpfen über das Essen her, und bald war alles aufgezehrt und die ganze Schüs­sel wie aus­g­eleckt. Als der Bergmann das Män­nchen deswe­gen auss­chalt, erg­ing es ihm, wie es der Nonne ergan­gen war – das Män­nchen schlug ihn braun und blau, warf ihn gegen alle Wände, daß es krachte und ihm Hören und Sehen verg­ing, ließ ihn dann liegen und ging davon. Als nun am Abend der Schmied mit der Nonne heimkam und nichts für bei­der Hunger fand, geri­et er mit dem Bergmann in Stre­it und ver­maß sich hoch und teuer, mor­gen, wo an ihm die Rei­he sei, das Haus zu hüten, da sollte es keinem an Essen fehlen.

Als am andern Tage das Essen fer­tig war, kam das Män­nchen wieder, und dies­mal hat­te es drei Köpfe. Es klagte über Frost, und der Schmied hieß es, sich ah den Ofen set­zen. Als es darauf über Hunger klagte, teilte der Schmied von dem Essen etwas ab und set­zte es ihm hin. Damit war das Män­nchen geschwind fer­tig; es sah sich mit seinen sechs Augen begierig um und ver­langte mehr, und als der Schmied sich weigerte, ihm mehr zu reichen, wollte es ihm mit­spie­len wie der Nonne und dem Bergmann. Der Schmied aber war nicht faul, nahm seinen großen Schmiede­ham­mer, ging auf das Män­nchen los und schlug ihm zwei von seinen Köpfen ab, so daß das Män­nchen seinen drit­ten Kopf zwis­chen die Ohren nahm und eilig die Flucht ergriff. Der Schmied lief ihm durch viele Gänge nach, bis es bei ein­er eis­er­nen Tür plöt­zlich vor ihm ver­schwand. Nun mußte der Schmied es aufgeben, das Män­nchen weit­er zu ver­fol­gen, nahm sich aber vor, nicht eher zu ruhen, als bis er mit seinen bei­den Gefährten alles glück­lich bestanden hätte. Indessen waren der Bergmann und die Nonne nach Hause gekom­men. Der Schmied brachte ihnen, wie er ver­sprochen hat­te, ihr Essen und erzählte ihnen sein Aben­teuer und zeigte ihnen die bei­den abge­haue­nen Köpfe, die sie mit ver­dreht­en Augen anstar­rten. Darauf beschlossen alle drei, sich von dem grauen Män­nchen, wenn es möglich wäre, ganz zu befreien, und gle­ich am fol­gen­den Tage gin­gen sie ans Werk. Sie mußten lange suchen, ehe sie die eis­erne Tür fan­den, bei der das Män­nchen gestern ver­schwun­den war, und es kostete große Mühe, ehe sie sie aufzus­pren­gen ver­mocht­en. Da tat sich ein weites Gewölbe vor ihnen auf; darin saß ein schönes junges Mäd­chen an einem Tis­che und arbeit­ete. Sie sprang auf und fiel ihnen zu Füßen, indem sie ihnen für ihre Befreiung dank­te und erzählte, sie sei eine Königstochter und von einem mächti­gen Zauber­er hier­her geban­nt wor­den; gestern Mit­tag habe sie auf ein­mal emp­fun­den, daß der Zauber gelöst sei und seit­dem habe sie jede Stunde auf Befreiung gehofft. Aber außer ihr sei noch eine andre Königstochter in dieses Schloß geban­nt. Darauf gin­gen jene und sucht­en auch diese andre Königstochter auf und befre­it­en sie. In großen Freuden dank­te sie ihnen eben­falls und sagte, daß auch sie gestern zu Mit­tag es gefühlt habe, wie ihre Verza­uberung gelöst sei. Nun erzählten die bei­den Königstöchter ihren Befreiern, in ver­bor­ge­nen Kellern des Schloss­es sei ein großer Schatz, den ein schreck­lich­er Hund bewache. Sie gin­gen nun danach und fan­den endlich den Hund, und der Schmied erschlug ihn mit seinem schw­eren Ham­mer, wie er sich auch zur Wehr set­zen mochte. Der Schatz aber war Gold und Sil­ber, ganze Pfan­nen voll, und dabei saß als Hüter ein schön­er Jüngling. Der ging ihnen ent­ge­gen und dank­te ihnen, daß sie ihn erlöst hät­ten. Er sei der Sohn eines Königs, aber von einem Zauber­er in dieses Schloß geban­nt und in das dreiköp­fige Män­nchen ver­wan­delt wor­den. Als er zwei von seinen Köpfen ver­loren, da sei die Verza­uberung der bei­den Königstöchter gehoben wor­den, und als der Schmied den gräßlichen Hund erschla­gen, da sei auch er erlöst gewe­sen. Dafür soll­ten sie nun den ganzen Schatz zum Lohne haben. Darauf ward der Schatz geteilt, und ehe sie damit fer­tig wur­den, hat­ten sie lange zu tun; die bei­den Königstöchter aber heirateten aus Dankbarkeit für ihre Erlö­sung die eine den Schmied und die andere den Bergmann, und der schöne Königssohn heiratete die Nonne.

So lebten sie in Frieden und Freude zusam­men bis an ihr Ende.