Die Nixe von Nidden

von Ludwig Bechstein

~5 Min

Der Ort Nid­den am Kurischen Haff kön­nte auch Mid­den heißen, denn er liegt so recht mit­ten auf der Kurischen Nehrung, dieser läng­sten Landzunge weit und bre­it. Es ist nicht geheuer­lich, dort abends ein­sam zu wan­deln. Manchem ist es schon geschehen, daß er dort am glat­ten Spiegel des Kurischen Haffs wan­delte, da sahe er nicht weit vom Ufer­rande ein grünes Eiland von nicht großem Umfange, von dem wehte Blu­men­duft zu ihm herüber und süß­betören­der Gesang, und er sah wohl eine weiße Jungfrau auf dem Eiland, die wink­end ihren Schleier wehen und ihre Stimme so won­nesam erschallen ließ wie die Lurlei am fer­nen Rheinstrom. 

Wenn nun ein Jüngling hin­geris­sen von der All­ge­walt dieses Gesanges, der in Worten das Glück pries, bei ihr auf ihrer glück­seli­gen Insel zu weilen im traut­en Allein­sein, und ange­lockt vom Zauber der Schön­heit der ihm sehn­suchtvoll zuwink­enden Jungfrau, die immer näher kam, weil sie auf ein­er schwim­menden Insel stand, zu ihr hinüberzuschwim­men strebte, so floh die Insel wieder vor dem Schwim­mer, daß er ihren Strand nim­mer erre­ichen kon­nte und nim­mer fes­ten Boden gewin­nen, und endlich sah er Jungfrau und Insel vor seinen Blick­en versinken, und in dem Wellen­strudel, der dadurch ent­stand, ward auch er hinab zur Tiefe geris­sen. Noch kein­er von allen, die dieses treulose Glück ver­sucht, ist wiedergekehrt, und nicht ein­mal einen Leich­nam solch­er hat die Meer­fei der Tiefe zurückgegeben.