Die Nixe im Teich

von Brüder Grimm

~11 Min

Es war ein­mal ein Müller, der führte mit sein­er Frau ein vergnügtes Leben. Sie hat­ten Geld und Gut, und ihr Wohl­stand nahm von Jahr zu Jahr noch zu. Aber Unglück kommt über Nacht: wie ihr Reich­tum gewach­sen war, so schwand er von Jahr zu Jahr wieder hin, und zulet­zt kon­nte der Müller kaum noch die Müh­le, in der er sass, sein Eigen­tum nen­nen. Er war voll Kum­mer, und wenn er sich nach der Arbeit des Tages nieder­legte, so fand er keine Ruhe, son­dern wälzte sich voll Sor­gen in seinem Bett. Eines Mor­gens stand er schon vor Tage­san­bruch auf, ging hin­aus ins Freie und dachte, es sollte ihm leichter ums Herz wer­den. Als er über dem Mühldamm dahin­schritt, brach eben der erste Son­nen­strahl her­vor, und er hörte in dem Wei­her etwas rauschen. Er wen­dete sich um und erblick­te ein schönes Weib, das sich langsam aus dem Wass­er erhob. Ihre lan­gen Haare, die sie über den Schul­tern mit ihren zarten Hän­den gefasst hat­te, flossen an bei­den Seit­en herab und bedeck­ten ihren weis­sen Leib. Er sah wohl, dass es die Nixe des Teichs war, und wusste vor Furcht nicht, ob er davonge­hen oder ste­hen bleiben sollte. Aber die Nixe liess ihre san­fte Stimme hören, nan­nte ihn bei Namen und fragte, warum er so trau­rig wäre. Der Müller war anfangs ver­s­tummt, als er sie aber so fre­undlich sprechen hörte, fasste er sich ein Herz und erzählte ihr, dass er son­st in Glück und Reich­tum gelebt hätte, aber jet­zt so arm wäre, dass er sich nicht zu rat­en wüsste. Sei ruhig,‘ antwortete die Nixe, ich will dich reich­er und glück­lich­er machen, als du je gewe­sen bist, nur musst du mir ver­sprechen, dass du mir geben willst, was eben in deinem Hause jung gewor­den ist.‘ Was kann das anders sein,‘ dachte der Müller, als ein junger Hund oder ein junges Kätzchen?‘ und sagte ihr zu, was sie ver­langte. Die Nixe stieg wieder in das Wass­er hinab, und er eilte getröstet und gutes M utes nach sein­er Müh­le. Noch hat­te er sie nicht erre­icht, da trat die Magd aus der Haustüre und rief ihm zu, er sollte sich freuen, seine Frau hätte ihm einen kleinen Knaben geboren. Der Müller stand wie vom Blitz gerührt, er sah wohl, dass die tück­ische Nixe das gewusst und ihn bet­ro­gen hat­te. Mit gesenk­tem Haupt trat er zu dem Bett sein­er Frau, und als sie ihn fragte warum freust du dich nicht über den schö­nen Knaben?‘ so erzählte er ihr, was ihm begeg­net war, und was für ein Ver­sprechen er der Nixe gegeben hat­te. Was hil­ft mir Glück und Reich­tum,‘ fügte er hinzu, wenn ich mein Kind ver­lieren soll? aber was kann ich tun?‘ Auch die Ver­wandten, die her­beigekom­men waren, Glück zu wün­schen, wussten keinen Rat.

Indessen kehrte das Glück in das Haus des Müllers wieder ein. Was er unter­nahm, gelang, es war, als ob Kisten und Kas­ten von selb­st sich füll­ten und das Geld im Schrank über Nacht sich mehrte. Es dauerte nicht lange, so war sein Reich­tum gröss­er als je zuvor. Aber er kon­nte sich nicht ungestört darüber freuen: die Zusage, die er der Nixe getan hat­te, quälte sein Herz. Sooft er an dem Teich vor­beikam, fürchtete er, sie möchte auf­tauchen und ihn an seine Schuld mah­nen. Den Knaben selb­st liess er nicht in die Nähe des Wassers; hüte dich,‘ sagte er zu ihm, wenn du das Wass­er berührst, so kommt eine Hand her­aus, hascht dich und zieht dich hinab.‘ Doch als Jahr auf Jahr verg­ing und die Nixe sich nicht wieder zeigte, so fing der Müller an sich zu beruhigen.

Der Knabe wuchs zum Jüngling her­an und kam bei einem Jäger in die Lehre. Als er aus­gel­ernt hat­te und ein tüchtiger Jäger gewor­den war, nahm ihn der Herr des Dor­fes in seine Dien­ste. In dem Dorf war ein schönes und treues Mäd­chen, das gefiel dem Jäger, und als sein Herr das bemerk­te, schenk­te er ihm ein kleines Haus; die bei­den hiel­ten Hochzeit, lebten ruhig und glück­lich und liebten sich von Herzen.

Ein­st­mals ver­fol­gte der Jäger ein Reh. Als das Tier aus dem Wald in das freie Feld aus­bog, set­zte er ihm nach und streck­te es endlich mit einem Schuss nieder. Er bemerk­te nicht, dass er sich in der Nähe des gefährlichen Wei­hers befand, und ging, nach­dem er das Tier aus­gewei­det hat­te, zu dem Wass­er, um seine mit Blut befleck­ten Hände zu waschen. Kaum aber hat­te er sie hineinge­taucht, als die Nixe emporstieg, lachend mit ihren nassen Armen ihn umschlang und so schnell hin­ab­zog, dass die Wellen über ihm zusammenschlugen.

Als es Abend war und der Jäger nicht nach Haus kam, so geri­et seine Frau in Angst. Sie ging aus, ihn zu suchen, und da er ihr oft erzählt hat­te, dass er sich vor den Nach­stel­lun­gen der Nixe in acht nehmen müsste und nicht in die Nähe des Wei­hers sich wagen dürfte, so ahnte sie schon, was geschehen war. Sie eilte zu dem Wass­er, und als sie am Ufer seine Jäger­tasche liegen fand, da kon­nte sie nicht länger an dem Unglück zweifeln. Wehk­la­gend und hän­derin­gend rief sie ihren Lieb­sten mit Namen, aber verge­blich: sie eilte hinüber auf die andere Seite des Wei­hers, und rief ihn aufs neue: sie schalt die Nixe mit harten Worten, aber keine Antwort erfol­gte. Der Spiegel des Wassers blieb ruhig, nur das halbe Gesicht des Mon­des blick­te unbe­weglich zu ihr herauf.

Die arme Frau ver­liess den Teich nicht. Mit schnellen Schrit­ten, ohne Rast und Ruhe, umkreiste sie ihn immer von neuem, manch­mal still, manch­mal einen hefti­gen Schrei ausstossend, manch­mal in leisem Wim­mern. Endlich waren ihre Kräfte zu Ende: sie sank zur Erde nieder und ver­fiel in einen tiefen Schlaf. Bald überkam sie ein Traum.

Sie stieg zwis­chen grossen Fels­blöck­en angstvoll aufwärts; Dor­nen und Ranken hak­ten sich an ihre Füsse, der Regen schlug ihr ins Gesicht und der Wind zauste ihr langes Haar. Als sie die Anhöhe erre­icht hat­te, bot sich ein ganz ander­er Anblick dar. Der Him­mel war blau, die Luft mild, der Boden senk­te sich san­ft hinab und auf ein­er grü­nen, bunt beblümten Wiese stand eine rein­liche Hütte. Sie ging darauf zu und öffnete die Türe, da sass eine Alte mit weis­sen Haaren, die ihr fre­undlich wink­te. In dem Augen­blick erwachte die arme Frau. Der Tag war schon ange­brochen, und sie entschloss sich gle­ich, dem Traume Folge zu leis­ten. Sie stieg müh­sam den Berg hin­auf, und es war alles so, wie sie es in der Nacht gese­hen hat­te. Die Alte empf­ing sie fre­undlich und zeigte ihr einen Stuhl, auf den sie sich set­zen sollte. Du musst ein Unglück erlebt haben,‘ sagte sie, weil du meine ein­same Hütte auf­suchst.‘ Die Frau erzählte ihr unter Trä­nen, was ihr begeg­net war. Tröste dich,‘ sagte die Alte, ich will dir helfen: da hast du einen gold­e­nen Kamm. Harre, bis der Voll­mond aufgestiegen ist, dann geh zu dem Wei­her, set­ze dich am Rand nieder und sträh­le dein langes schwarzes Haar mit diesem Kamm. Wenn du aber fer­tig bist, so lege ihn am Ufer nieder, und du wirst sehen, was geschieht.‘

Die Frau kehrte zurück, aber die Zeit bis zum Voll­mond ver­strich ihr langsam. Endlich erschien die leuch­t­ende Scheibe am Him­mel, da ging sie hin­aus an den Wei­her, set­zte sich nieder und kämmte ihre lan­gen schwarzen Haare mit dem gold­e­nen Kamm, und als sie fer­tig war, legte sie ihn an den Rand des Wassers nieder. Nicht lange, so brauste es aus der Tiefe, eine Welle erhob sich, rollte an das Ufer und führte den Kamm mit sich fort. Es dauerte nicht länger, als der Kamm nötig hat­te, auf den Grund zu sinken, so teilte sich der Wasser­spiegel, und der Kopf des Jägers stieg in die Höhe. Er sprach nicht, schaute aber seine Frau mit trau­ri­gen Blick­en an. In dem­sel­ben Augen­blick kam eine zweite Welle heranger­auscht und bedeck­te das Haupt des Mannes. Alles war ver­schwun­den, der Wei­her lag so ruhig wie zuvor, und nur das Gesicht des Voll­mondes glänzte darauf.

Trost­los kehrte die Frau zurück, doch der Traum zeigte ihr die Hütte der Alten. Aber­mals machte sie sich am näch­sten Mor­gen auf den Weg und klagte der weisen Frau ihr Leid. Die Alte gab ihr eine gold­ene Flöte und sprach harre, bis der Voll­mond wiederkommt, dann nimm diese Flöte, set­ze dich an das Ufer, blas ein schönes Lied darauf, und wenn du damit fer­tig bist, so lege sie auf den Sand; du wirst sehen, was geschieht.‘

Die Frau tat, wie die Alte gesagt hat­te. Kaum lag die Flöte auf dem Sand, so brauste es aus der Tiefe: eine Welle erhob sich, zog her­an, und führte die Flöte mit sich fort. Bald darauf teilte sich das Wass­er, und nicht bloss der Kopf, auch der Mann bis zur Hälfte des Leibes stieg her­vor. Er bre­it­ete voll Ver­lan­gen seine Arme nach ihr aus, aber eine zweite Welle rauschte her­an, bedeck­te ihn und zog ihn wieder hinab.

Ach, was hil­ft es mir,‘ sagte die Unglück­liche, dass ich meinen Lieb­sten nur erblicke, um ihn wieder zu ver­lieren.‘ Der Gram erfüllte aufs neue ihr Herz, aber der Traum führte sie zum drit­ten­mal in das Haus der Alten. Sie machte sich auf den Weg, und die weise Frau gab ihr ein gold­enes Spin­nrad, tröstete sie und sprach es ist noch nicht alles voll­bracht, harre bis der Voll­mond kommt, dann nimm das Spin­nrad, set­ze dich an das Ufer und spinn die Spule voll, und wenn du fer­tig bist, so stelle das Spin­nrad nahe an das Wass­er, und du wirst sehen, was geschieht.‘

Die Frau befol­gte alles genau. Sobald der Voll­mond sich zeigte, trug sie das gold­ene Spin­nrad an das Ufer und spann emsig, bis der Flachs zu Ende und die Spule mit dem Faden ganz ange­füllt war. Kaum aber stand das Rad am Ufer, so brauste es noch heftiger als son­st in der Tiefe des Wassers, eine mächtige Welle eilte her­bei und trug das Rad mit sich fort. Als­bald stieg mit einem Wasser­strahl der Kopf und der ganze Leib des Mannes in die Höhe. Schnell sprang er ans Ufer, fasste seine Frau an der Hand und ent­floh. Aber kaum hat­ten sie sich eine kleine Strecke ent­fer­nt, so erhob sich mit entset­zlichem Brausen der ganze Wei­her und strömte mit reis­sender Gewalt in das weite Feld hinein. Schon sahen die Fliehen­den ihren Tod vor Augen, da rief die Frau in ihrer Angst die Hil­fe der Alten an, und in dem Augen­blick waren sie ver­wan­delt, sie in eine Kröte, er in einen Frosch. Die Flut, die sie erre­icht hat­te, kon­nte sie nicht töten, aber sie riss sie bei­de voneinan­der und führte sie weit weg.

Als das Wass­er sich ver­laufen hat­te und bei­de wieder den trock­nen Boden berührten, so kam ihre men­schliche Gestalt zurück. Aber kein­er wusste, wo das andere geblieben war; sie befan­den sich unter frem­den Men­schen, die ihre Heimat nicht kan­nten. Hohe Berge und tiefe Täler lagen zwis­chen ihnen. Um sich das Leben zu erhal­ten, mussten bei­de die Schafe hüten. Sie trieben lange Jahre ihre Her­den durch Feld und Wald und waren voll Trauer und Sehnsucht.

Als wieder ein­mal der Früh­ling aus der Erde her­vorge­brochen war, zogen bei­de an einem Tag mit ihren Her­den aus, und der Zufall wollte, dass sie einan­der ent­ge­gen­zo­gen. Er erblick­te an einem fer­nen Bergesab­hang eine Herde und trieb seine Schafe nach der Gegend hin. Sie kamen in einem Tal zusam­men, aber sie erkan­nten sich nicht, doch freuten sie sich, dass sie nicht mehr so ein­sam waren. Von nun an trieben sie jeden Tag ihre Herde nebeneinan­der: sie sprachen nicht viel, aber sie fühlten sich getröstet. Eines Abends, als der Voll­mond am Him­mel schien und die Schafe schon ruht­en, holte der Schäfer die Flöte aus sein­er Tasche und blies ein schönes, aber trau­riges Lied. Als er fer­tig war, bemerk­te er, dass die Schäferin bit­ter­lich weinte. Warum weinst du?‘ fragte er. Ach,‘ antwortete sie, so schien auch der Voll­mond, als ich zum let­zten­mal dieses Lied auf der Flöte blies und das Haupt meines Lieb­sten aus dem Wass­er her­vorkam.‘ Er sah sie an, und es war ihm, als fiele eine Decke von den Augen, er erkan­nte seine lieb­ste Frau: und als sie ihn anschaute und der Mond auf sein Gesicht schien, erkan­nte sie ihn auch. Sie umarmten und küssten sich, und ob sie glück­selig waren, braucht kein­er zu fragen.