Die Nelke

von Brüder Grimm

~9 Min

Es war eine Köni­gin, die hat­te unser Her­rgott ver­schlossen, dass sie keine Kinder gebar. Da ging sie alle Mor­gen in den Garten und bat zu Gott im Him­mel, er möchte ihr einen Sohn oder eine Tochter bescheren. Da kam ein Engel vom Him­mel und sprach gib dich zufrieden, du sollst einen Sohn haben mit wün­schlichen Gedanken, denn was er sich wün­scht auf der Welt, das wird er erhal­ten.‘ Sie ging zum König und sagte ihm die fröh­liche Botschaft, und als die Zeit herum war, gebar sie einen Sohn, und der König war in gross­er Freude.

Nun ging sie alle Mor­gen mit dem Kind in den Tier­garten, und wusch sich da bei einem klaren Brun­nen. Es geschah ein­st­mals, als das Kind schon ein wenig älter war, dass es ihr auf dem Schoss lag und sie entschlief. Da kam der alte Koch, der wusste, dass das Kind wün­schliche Gedanken hat­te, und raubte es, und nahm ein Huhn und zer­riss es, und tropfte ihr das Blut auf die Schürze und das Kleid. Da trug er das Kind fort an einen ver­bor­ge­nen Ort, wo es eine Amme tränken musste, und lief zum König und klagte die Köni­gin an, sie habe ihr Kind von den wilden Tieren rauben lassen. Und als der König das Blut an der Schürze sah, glaubte er es und geri­et in einen solchen Zorn, dass er einen tiefen Turm bauen liess, in den wed­er Sonne noch Mond schien, und liess seine Gemahlin hinein­set­zen und ver­mauern; da sollte sie sieben Jahre sitzen, ohne Essen und Trinken, und sollte ver­schmacht­en. Aber Gott schick­te zwei Engel vom Him­mel in Gestalt von weis­sen Tauben, die mussten täglich zweimal zu ihr fliegen und ihr das Essen brin­gen, bis die sieben Jahre herum waren.

Der Koch aber dachte bei sich hat das Kind wün­schliche Gedanken und ich bin hier, so kön­nte es mich leicht ins Unglück stürzen.‘ Da machte er sich vom Schloss weg und ging zu dem Knaben, der war schon so gross, dass er sprechen kon­nte, und sagte zu ihm wün­sche dir ein schönes Schloss mit einem Garten, und was dazu gehört.‘ Und kaum waren die Worte aus dem Munde des Knaben, so stand alles da, was er gewün­scht hat­te. Ober eine Zeit sprach der Koch zu ihm es ist nicht gut, dass du so allein bist, wün­sche dir eine schöne Jungfrau zur Gesellschaft.‘ Da wün­schte sie der Königssohn her­bei, und sie stand gle­ich vor ihm, und war so schön, wie sie kein Maler malen kon­nte. Nun spiel­ten die bei­den zusam­men und hat­ten sich von Herzen lieb, und der alte Koch ging auf die Jagd wie ein vornehmer Mann. Es kam ihm aber der Gedanke, der Königssohn kön­nte ein­mal wün­schen, bei seinem Vater zu sein, und ihn damit in grosse Not brin­gen. Da ging er hin­aus, nahm das Mäd­chen bei­seit und sprach diese Nacht, wenn der Knabe schläft, so geh an sein Bett und stoss ihm das Mess­er ins Herz, und bring mir Herz und Zunge von ihm; und wenn du das nicht tust, so sollst du dein Leben ver­lieren.‘ Darauf ging er fort, und als er am andern Tag wiederkam, so hat­te sie es nicht getan und sprach was soll ich ein unschuldiges Blut ums Leben brin­gen, das noch nie­mand belei­digt hat?‘ Sprach der Koch wieder wo du es nicht tust, so kostet dichs selb­st dein Leben.‘ Als er wegge­gan­gen war, liess sie sich eine kleine Hirschkuh her­bei­holen und liess sie schlacht­en, und nahm Herz und Zunge, und legte sie auf einen Teller, und als sie den Alten kom­men sah, sprach sie zu dem Knaben leg dich ins Bett und zieh die Decke über dich.‘

Da trat der Bösewicht here­in und sprach wo ist Herz und Zunge von dem Knaben?, Das Mäd­chen reichte ihm den Teller, aber der Königssohn warf die Decke ab und sprach du alter Sün­der, warum hast du mich töten wollen? nun will ich dir dein Urteil sprechen. Du sollst ein schwarz­er Pudel­hund wer­den und eine gold­ene Kette um den Hals haben, und sollst glühende Kohlen fressen, dass dir die Lohe zum Hals her­auss­chlägt.‘ Und wie er die Worte aus­ge­sprochen hat­te, so war der Alte in einen Pudel­hund ver­wan­delt, und hat­te eine gold­ene Kette um den Hals, und die Köche mussten lebendi­ge Kohlen her­auf­brin­gen, die frass er, dass ihm die Lohe aus dem Hals her­auss­chlug. Nun blieb der Königssohn noch eine kleine Zeit da und dachte an seine Mut­ter, und ob sie noch am Leben wäre. Endlich sprach er zu dem Mäd­chen ich will heim in mein Vater­land, willst du mit mir gehen, so will ich dich ernähren.‘ Ach,‘ antwortete sie, der Weg ist so weit, und was soll ich in einem frem­den Lande machen, wo ich unbekan­nt bin.‘ Weil es also ihr Wille nicht recht war, und sie doch voneinan­der nicht lassen woll­ten, wün­schte er sie zu ein­er schö­nen Nelke und steck­te sie bei sich.

Da zog er fort, und der Pudel­hund musste mit­laufen, und zog in sein Vater­land. Nun ging er zu dem Turm, wo seine Mut­ter darin­sass, und weil der Turm so hoch war, wün­schte er eine Leit­er her­bei, die bis oben­hin reichte. Da stieg er hin­auf und sah hinein und rief her­zlieb­ste Mut­ter, Frau Köni­gin, seid Ihr noch am Leben, oder seid Ihr tot?‘ Sie antwortete ich habe ja eben gegessen und bin noch satt,‘ und meinte, die Engel wären da. Sprach er ich bin Euer lieber Sohn, den die wilden Tiere Euch sollen vom Schoss ger­aubt haben: aber ich bin noch am Leben und will Euch bald erret­ten.‘ Nun stieg er herab und ging zu seinem Her­rn Vater, und liess sich anmelden als ein fremder Jäger, ob er kön­nte Dien­ste bei ihm haben. Antwortete der König ja, wenn er gel­ernt wäre und ihm Wild­bret schaf­fen kön­nte, sollte er herkom­men; es hat­te sich aber auf der ganzen Gren­ze und Gegend niemals Wild aufge­hal­ten. Da sprach der Jäger, er wollte ihm so viel Wild schaf­fen, als er nur auf der königlichen Tafel brauchen kön­nte. Dann hiess er die Jägerei zusam­menkom­men, sie soll­ten alle mit ihm hin­aus in den Wald gehen. Da gin­gen sie mit, und draussen hiess er sie einen grossen Kreis schliessen, der an einem Ende offen blieb, und dann stellte er sich hinein und fing an zu wün­schen. Als­bald kamen zwei­hun­dert und etliche Stück Wild­bret in den Kreis gelaufen, und die Jäger mussten es schiessen. Da ward alles auf sechzig Bauern­wa­gen geladen und dem König heim gefahren; da kon­nte er ein­mal seine Tafel mit Wild­bret zieren, nach­dem er lange Jahre keins gehabt hatte.

Nun emp­fand der König grosse Freude darüber und bestellte, es sollte des andern Tags seine ganze Hofhal­tung bei ihm speisen, und machte ein gross­es Gastmahl. Wie sie alle beisam­men waren, sprach er zu dem Jäger weil du so geschickt bist, so sollst du neben mir sitzen.‘ Er antwortete Herr König, Ew. Majestät halte zu Gnaden, ich bin ein schlechter Jäger­bursch.‘ Der König aber bestand darauf und sagte du sollst dich neben mich set­zen,‘ bis er es tat. Wie er da sass, dachte er an seine lieb­ste Frau Mut­ter, und wün­schte, dass nur ein­er von des Königs ersten Dienern von ihr anfin­ge und fragte, wie es wohl der Frau Köni­gin im Turm gin­ge, ob sie wohl noch am Leben wäre oder ver­schmachtet. Kaum hat­te er es gewün­scht, so fing auch schon der Marschall an und sprach königliche Majestät, wir leben hier in Freuden, wie geht es wohl der Frau Köni­gin im Turm, ob sie wohl noch am Leben oder ver­schmachtet ist?‘ Aber der König antwortete sie hat mir meinen lieben Sohn von den wilden Tieren zer­reis­sen lassen, davon will ich nichts hören.‘ Da stand der Jäger auf und sprach, gnädig­ster Herr Vater, sie ist noch am Leben, und ich bin ihr Sohn, und die wilden Tiere haben ihn nicht ger­aubt, son­dern der Bösewicht, der alte Koch, hat es getan, der hat mich, als sie eingeschlafen war, von ihrem Schoss weggenom­men und ihre Schürze mit dem Blut eines Huhns betropft.‘ Darauf nahm er den Hund mit dem gold­e­nen Hals­band und sprach das ist der Bösewicht,‘ und liess glühende Kohlen brin­gen, die musste er angesichts aller fressen, dass ihm die Lohe aus dem Hals schlug. Darauf fragte er den König, ob er ihn in sein­er wahren Gestalt sehen wollte, und wün­schte ihn wieder zum Koch, da stand er als­bald mit der weis­sen Schürze und dem Mess­er an der Seite. Der König, wie er ihn sah, ward zornig und befahl, dass er in den tief­sten Kerk­er sollte gewor­fen wer­den. D arauf sprach der Jäger weit­er Herr Vater, wollt Ihr auch das Mäd­chen sehen, das mich so zärtlich aufge­zo­gen hat und mich her­nach ums Leben brin­gen sollte, es aber nicht getan hat, obgle­ich sein eigenes Leben auf dem Spiel stand?‘ Antwortete der König ja, ich will sie gerne sehen.‘ Sprach der Sohn gnädig­ster Herr Vater, ich will sie Euch zeigen in Gestalt ein­er schö­nen Blume.‘ Und griff in die Tasche und holte die Nelke, und stellte sie auf die königliche Tafel und sie war so schön, wie der König nie eine gese­hen hat­te. Darauf sprach der Sohn nun will ich sie auch in ihrer wahren Gestalt zeigen,‘ und wün­schte sie zu ein­er Jungfrau; da stand sie da und war so schön, dass kein Maler sie hätte schön­er malen können.

Der König aber schick­te zwei Kam­mer­frauen und zwei Diener hinab in den Turm, die soll­ten die Frau Köni­gin holen und an die königliche Tafel brin­gen. Als sie aber dahin geführt ward, ass sie nichts mehr und sagte der gnädi­ge barmherzige Gott, der mich im Turm erhal­ten hat, wird mich bald erlösen.‘ Da lebte sie noch drei Tage und starb dann selig; und als sie begraben ward, da fol­gten ihr die zwei weis­sen Tauben nach, die ihr das Essen in den Turm gebracht hat­ten und Engel vom Him­mel waren, und set­zten sich auf ihr Grab. Der alte König liess den Koch in vier Stücke zer­reis­sen, aber der Gram zehrte an seinem Herzen, und er starb bald. Der Sohn heiratete die schöne Jungfrau, die er als Blume in der Tasche mit­ge­bracht hat­te, und ob sie noch leben, das ste­ht bei Gott.