Die Nachtigall

von  Johann Wilhelm Wolf

~19 Min

In Chi­na, weißt du Wohl, ist der Kaiser ein Chi­nese, und alle, die er um sich hat, sind Chi­ne­sen. Es ist nun viele Jahre her, aber ger­ade deshalb ist es wert, die Geschichte zu hören, ehe sie vergessen wird! Des Kaisers Schloss war das prächtig­ste der Welt: ganz und gar von feinem Porzel­lan, so kost­bar, aber so spröde, so misslich, daran zu rühren, dass man sich ordentlich in acht nehmen musste. Im Garten sah man die wun­der­lich­sten Blu­men, und an die aller­prächtig­sten waren Sil­ber­glock­en gebun­den, welche erk­lan­gen, damit man nicht vor­beige­hen möchte, ohne die Blu­men zu bemerken. Ja, alles war in des Kaisers Garten so aus spekuliert. Und er erstreck­te sich so weit, dass der Gärt­ner selb­st das Ende des sel­ben nicht kan­nte. Ging man immer weit­er, so kam man in den her­rlich­sten Wald mit hohen Bäu­men und tiefen Seen. Der Wald ging ger­ade hin­unter bis zum Meer, welch­es blau und tief war; große Schiffe kon­nten bis unter die Zweige hin­segeln, und in diesen wohnte eine Nachti­gall, die so her­rlich sang, dass selb­st der arme Fis­ch­er, der soviel anderes zu tun hat­te, still­hielt und horchte, wenn er des Nachts aus­ge­fahren war, um das Fis­chnetz aufzuziehen, und dann die Nachti­gall hörte. ​„Ach Gott, wie ist das schön!“ sagte er; aber dann musste er auf seine Sachen Acht geben und ver­gaß den Vogel. Doch wenn dieser in der näch­sten Nacht wieder sang und der Fis­ch­er dor­thin kam, sagte er das­selbe: ​„Ach Gott, wie ist das doch schön!“

Aus allen Län­dern der Welt kamen Reisende nach der Stadt des Kaisers und bewun­derten diese, das Schloss und den Garten. Doch wenn sie die Nachti­gall zu hören beka­men, sagten sie alle: ​„Das ist doch das Beste!“

Und die Reisenden erzählten davon, wenn sie nach Hause kamen; und die Gelehrten schrieben viele Büch­er über die Stadt, das Schloss und den Garten. Aber auch die Nachti­gall ver­gaßen sie nicht; die wurde recht her­vorge­hoben, und die, welche dicht­en kon­nten, schrieben die her­rlich­sten Gedichte über die Nachti­gall im Walde bei dem tiefen See.

Die Büch­er durch­liefen die Welt, und einige kamen dann auch ein­mal zum Kaiser. Er saß in seinem gold­e­nen Stuh­le und las und las; jeden Augen­blick nick­te er mit dem Kopfe, denn es freute ihn, die prächti­gen Beschrei­bun­gen der Stadt, des Schloss­es und des Gartens zu vernehmen. ​„Aber die Nachti­gall ist doch das Allerbeste!“ stand da geschrieben.

„Was ist das?“ sagte der Kaiser. ​„Die Nachti­gall kenne ich ja gar nicht! Ist ein solch­er Vogel hier in meinem Kaiser­re­iche und sog­ar in meinem Garten? Das habe ich nie gehört! So etwas soll man erst aus Büch­ern erfahren?“

Und dann rief er seinen Kava­lier: Der war so vornehm, dass, wenn jemand, der geringer als er war, mit ihm zu sprechen oder ihn um etwas zu fra­gen wagte, er weit­er nichts erwiderte als: ​„P!“ und das hat nichts zu bedeuten.

„Hier soll ja ein höchst merk­würdi­ger Vogel sein, welch­er Nachti­gall genan­nt wird!“ sagte der Kaiser. ​„Man sagt, dies sei das Allerbeste in meinem großen Reiche. Weshalb hat man mir nie etwas davon gesagt?“

„Ich habe ihn früher nie nen­nen hören!“ sagte der Kava­lier. ​„Er ist nie bei Hofe vorgestellt worden!“

„Ich will, dass er heute abend herkom­men und vor mir sin­gen soll!“ sagte der Kaiser. ​„Die ganze Welt weiß, was ich habe, und ich weiß es nicht!“

„Ich habe ihn früher nie nen­nen hören!“ sagte der Kava­lier. ​„Ich werde ihn suchen, ich werde ihn finden!“

Aber wo wir Jer zu find­en? Der Kava­lier lief alIe Trep­pen auf und nieder, durch Säle und Gänge, aber kein­er von allen denen, auf die er traf, hat­te von der Nachti­gall sprechen hören. Und der Kava­lier lief wieder zum Kaiser und sagte, dass es sich­er eine Fabel von denen sein müsste, die da Büch­er schrieben. ​„Der kaiser­liche Majestät kön­nen gar nicht glauben, was alles geschrieben wird! Das sind Erdich­tun­gen und etwas, was man die schwarze Kun­st nennt.“

„Aber das Buch, in dem ich dieses gele­sen habe“, sagte der Kaiser, ​„ist mir von dem großmächti­gen Kaiser von Japan gesandt, und es kann also keine Unwahrheit sein. Ich will die Nachti­gall hören! Sie muss heute abend hier sein! Sie hat meine höch­ste Gnade! Und kommt sie nicht, so soll der ganze Hof auf den Leib getram­pelt wer­den, wenn er Abend­brot gegessen hat!“

„Tsing-pe!“ sagte der Kava­lier und lief wieder alle Trep­pen auf und nieder, durch alle Säle und Gänge; und der halbe Hof lief mit, denn sie woll­ten nicht gern auf den Leib getram­pelt wer­den. Da gab es ein Fra­gen nach der merk­wür­den Nachti­gall, welche die ganze Welt kan­nte, nur nie­mand bei Hofe.

Endlich trafen sie ein kleines, armes Mäd­chen in der Küche. Die sagte: ​„0 Gott, die Nachti­gall, die kenne ich gut; wie kann die sin­gen! Jeden Abend habe ich Erlaub­nis, mein­er armen, kranken Mut­ter Überbleib­sel vom Tis­che mit nach Hause zu brin­gen; sie wohnt unten am Strande, und wenn ich zurück­ge­he, müde bin und im Walde aus­ruhe, dann höre ich die Nachti­gall sin­gen! Es kommt mir dabei das Wass­er in die Augen, und es ist, als ob meine Mut­ter mich küßte!“

„Kleine Köchin“, sagte der Kava­lier, ​„ich werde dir eine feste Anstel­lung in der Küche und die Erlaub­nis, den Kaiser speisen zu sehen, ver­schaf­fen, wenn du uns zur Nachti­gall führen kannst, denn sie ist heute abend angesagt!“

Und so zogen sie alle hin­aus in den Wald, wo die Nachti­gall zu sin­gen pflegte; der halbe Hof war mit. Als sie im besten Zuge waren, fing eine Kuh zu ​‚brüllen an. ​„Oh!“ sagten die Hofjunker, ​„nun haben wir sie! Das ist doch eine merk­würdi­ge Kraft in einem so kleinen Tiere! Die habe ich sich­er schon früher gehört! „

„Nein, das sind Kühe, welche brüllen!“ sagte die kleine Köchin. ​„Wir sind noch weit von dem Orte entfernt!“

Nun quak­ten die Frösche im Sumpfe.

„Her­rlich!“ sagte der chi­ne­sis­che Hof­predi­ger. ​„Nun höre ich sie; es klingt ger­ade wie kleine Kirchenglocken.“

„Nein, das sind Frösche!“ sagte die kleine Köchin. ​„Aber nun, denke ich, wer­den wir sie bald hören!“

Da begann die Nachti­gall zu singen.

„Das ist sie!“ sagte das kleine Mäd­chen. ​„Hört! hört! Und da sitzt sie!“ Und sie zeigte nach einem kleinen, grauen Vogel oben in den Zweigen.

„Ist es möglich!“ sagte der Kava­lier. ​„So hätte ich sie mir nim­mer gedacht! Wie sie sim­pel aussieht! Sie hat sich­er ihre Farbe darüber ver­loren, dass sie so viele vornehme Men­schen um sich erblickt!“

„Kleine Nachti­gall!“ rief die kleine Köchin ganz laut; ​„unser gnädig­ster Kaiser wün­scht, dass Sie vor ihm sin­gen möchten!“

„Mit dem größten Vergnü­gen!“ sagte die Nachti­gall und sang dann, dass es eine Lust war.

„Es klingt ger­ade wie Glas­glock­en!“ sagte der Kava­lier. ​„Und seht die kleine Kehle, wie sie arbeit­et! Es ist merk­würdig, dass wir sie früher nie gehört haben! Sie wird großes Auf­se­hen bei Hofe machen!“

„Soll ich noch ein­mal vor dem Kaiser sin­gen?“ fragte die Nachti­gall, welche glaubte, der Kaiser sei auch da.

„Meine vortr­e­f­fliche, kleine Nachti­gall!“ sagte der Kava­lier, ​„ich habe die große Freude, Sie zu einem Hoffeste heute abend einzu­laden, wo Sie Der hohe kaiser­liche Gnaden mit Ihrem char­man­ten Gesang beza­ubern werden!“

„Der nimmt sich am besten im Grü­nen aus!“ sagte die Nachti­gall; aber sie kam doch gern mit, als sie hörte, dass es der Kaiser wünschte.

Auf dem Schlosse war alles ordentlich geschmückt. Die Wände und der Fuß­bo­den, welche von Porzel­lan waren, glänzten im Strahle viel­er Tausend Gold­lam­p­en; die prächtig­sten Blu­men, welche recht klin­geln kon­nten, waren in den Gän­gen aufgestellt. Das war ein Laufen und ein Zug­wind, und alle Glock­en klin­gel­ten so, dass man sein eigenes Wort nicht hören konnte.

Mit­ten in dem großen Saal, wo der Kaiser saß, war ein gold­en­er Steck­en hingestellt, und auf dein sollte die Nachti­gall sitzen. Der ganze Hof war da, und die kleine Köchin hat­te die Erlaub­nis erhal­ten, hin­ter der Tür zu ste­hen, da sie nun den Titel ein­er wirk­lichen Hofköchin bekom­men hat­te. Alle waren in ihrem größten Putz, und alle sahen nach dem kleinen, grauen Vogel, dem der Kaiser zunickte.

Und die Nachti­gall sang so her­rlich, dass dem Kaiser die Trä­nen in die Augen trat­en. Die Trä­nen liefen ihm über die Wan­gen hernieder, und da sang die Nachti­gall noch schön­er: Das ging recht zu Herzen. Und der Kaiser war so froh, und er sagte, dass die Nachti­gall seinen gold­e­nen Pantof­fel haben solle, um ihn um den HaIs zu tra­gen. Aber die Nachti­gall dank­te: Sie habe schon Beloh­nung genug erhalten.

„Ich habe Trä­nen in des Kaisers Augen gese­hen, das ist mir der reich­ste Schatz! Eines Kaisers Trä­nen haben eine beson­dere Kraft! Gott weiß es, ich bin genug belohnt!“ Und darauf sang sie wieder mit ihrer süßen her­rlichen Stimme.

„Das ist die liebenswürdig­ste Schme­ichelei, die ich kenne!“ sagten die Damen ring­sumher, und dann nah­men sie Wass­er in den Mund, um zu kluck­sen, wenn jemand mit ihnen spräche. Sie glaubten, dann auch Nachti­gallen zu sein. Ja, die Lakaien und Kam­mer­mäd­chen ließen melden, dass auch sie zufrieden seien; und das will viel sagen, denn die sind am schw­er­sten zu befriedi­gen. Kurz, die Nachti­gall brachte wirk­lich Glück.

Sie sollte nun bei Hofe bleiben, ihren eige­nen Käfig samt der Frei­heit haben, zweimal des Tages und ein­mal des Nachts her­auszus­pazieren. Sie bekam dann zwölf Diener mit, welche ihr alle ein Sei­den­band um das Bein geschlun­gen hat­ten, an dem sie sie recht fes­thiel­ten. Es war dur­chaus kein Vergnü­gen bei einem solchen Ausflug.

Die ganze Stadt sprach von dem merk­würdi­gen Vogel, und begeg­neten sich zwei, so sagte der eine nichts anderes als ​„Nacht“ – und der andere sagte: ​„gall“. Und dann seufzten sie und ver­standen einan­der. Ja, elf Hök­erkinder wur­den nach ihr benan­nt; aber nicht eines von ihnen hat­te einen Ton in der Kehle.

Eines Tages erhielt der Kaiser ein großes Paket, auf dem geschrieben stand: ​„L Nachtigall. „

„Da haben wir nun ein neues Buch über unsern berühmten Vogel!“ sagte der Kaiser. Aber es war kein Buch, son­dern ein kleines Kunst­werk, welch­es in der Schachtel lag: eine kün­stliche Nachti­gall, die der leben­den gle­ichen sollte, alle über­all mit Dia­man­ten, Rubi­nen und Saphiren beset­zt war. Sobald man Kun­stvo­gel auf­zog, kon­nte er eines der Stücke, die der wirk­liche sang, singe und dann bewegte sich der Schweif auf und nieder und glänzte von Sil­ber und Gold. Um den Hals ging ein kleines Band, und darauf stand geschrieben: ​„1) Kaisers von Japan Nachti­gall ist arm gegen die des Kaisers von China.“

„Das ist her­rlich!“ sagten sie alle; und der, welch­er den kün­stlichen Vogel gebracht hat­te, erhielt sog­ar den Titel: Kaiser­lich­er Obernachtigallbringer.

„Nun müssen sie zusam­men sin­gen: was wird das für ein Duett werden!“

Und so mussten sie zusam­men sin­gen; aber es wollte nicht recht gehen, denn die wirk­liche Nachti­gall sang auf ihre Weise, und der Kun­stvo­gel ging auf Walzei ​„Der hat keine Schuld“, sagte der Spielmeis­ter; ​„der ist beson­ders tak­t­fest un ganz nach mein­er Schule!“ Nun sollte der Kun­stvo­gel allein sin­gen. Er schenkt ebenso­viel Glück wie der wirk­liche, und dann war er ja soviel niedlich anzuse­hen: Er glänzte wie Arm­bän­der und Busennadeln.

Dreiund­dreißig­mal sang er ein und das­selbe Stück und war noch nicht müde Die Leute hät­ten ihn gern wieder von vorn gehört, aber der Kaiser meinte dass nun auch die lebendi­ge Nachti­gall etwas sin­gen solle. Aber wo war die? Nie­mand hat­te bemerkt, dass sie aus dem offe­nen Fen­ster zu ihren grüne Wäldern fort­ge­flo­gen war.

„Aber was ist denn das?“ sagte der Kaiser. Und alle Hofleute schal­ten und mein­ten, dass die Nachti­gall ein höchst undankbares Tier sei. ​„Den beste Vogel haben wir doch!“ sagten sie; und so musste denn der Kun­stvo­gel wieder sin­gen, und das war das vierund­dreißig­stemal, dass sie das­selbe Stück zu hören beka­men. Aber sie kon­nten es noch nicht ganz auswendig, denn es war schw­er. Und der Spielmeis­ter lobte den Vogel so außeror­dentlich; ja, er ver­sichert, dass er bess­er als eine wirk­liche Nachti­gall sei, nicht nur was die Klei­der und die vie­len her­rlichen Dia­man­ten beträfe, son­dern auch innerlich.

„Denn sehen Sie, meine Herrschaften, der Kaiser vor allen! bei der wirk­lichen Nachti­gall kann man nie berech­nen, was da kom­men wird; aber bei dem Kun­stvo­gel ist alles bes­timmt! Man kann es erk­lären, man kann ihn auf­machen und

das men­schliche Denken zeigen, wie die Walzen liegen, wie sie gehen und wie das eine aus dem andern folgt!“

„Das sind ganz unsere Gedanken!“ sagten sie alle, und der Spielmeis­ter erhielt die Erlaub­nis, am näch­sten Son­ntag den Vogel dem Volke vorzuzeigen. Es sollte ihn auch sin­gen hören, befahl der Kaiser. Und es hörte ihn, und es wurde so vergnügt, als ob es sich am Tee berauscht hätte; und da sagten alle: ​„Oh!“ und hiel­ten den Zeigefin­ger in die Höhe und nick­ten dazu. Aber die armen Fis­ch­er, welche die wirk­liche Nachti­gall gehört hat­ten, sagten ​„Es klingt hüb­sch genug; die Melo­di­en gle­ichen sich auch, aber es fehlt etwas, ich weiß nicht, was!“

Die wirk­liche Nachti­gall ward aus dein Lande und Reiche verwiesen.

Der Kun­stvo­gel hat­te seinen Platz auf einem Sei­denkissen dicht bei des Kaisers Bett; all die Geschenke, welche er erhal­ten, Gold und Edel­steine, lagen rings um ihn her, und im Titel war er zu einem ​„Hochkaiser­lichen Nacht­tis­chsänger“ gestiegen, im Range bis Numero eins zur linken Seite. Denn der Kaiser rech­nete die Seite für die vornehm­ste, auf der das Herz saß, und das Herz sitzt auch bei einem Kaiser links. Und der Spielmeis­ter schrieb ein Werk von fün­fundzwanzig Bän­den über den Kun­stvo­gel; das war so gelehrt und so lang, voll von den aller­schw­er­sten chi­ne­sis­chen Wörtern, dass alle Leute sagten, sie hät­ten es gele­sen und ver­standen, denn son­st wären sie ja dumm gewe­sen und wären auf den Leib getram­pelt worden.

So ging es ein ganzes Jahr. Der Kaiser, der Hof und all die andern Chi­ne­sen kon­nten jeden kleinen Kluck in des Kun­stvo­gels Gesang auswendig. Aber ger­ade deshalb gefiel er ihnen jet­zt am allerbesten; sie kon­nten selb­st mitsin­gen, und das tat­en sie. Die Straßen­buben san­gen: ​„Ziz­izi! Kluck­kluck­kluck!“ und der Kaiser sang es eben­falls. Ja, das war gewiss prächtig!

Aber eines Abends, als der Kun­stvo­gel am besten sang und der Kaiser im Bett lag und darauf hörte, sagte es inwendig im Vogel ​„Schwupp“. Da sprang etwas! ​„Schnur­rrr“, alle Räder liefen herum, und dann stand die Musik still.

Der Kaiser sprang gle­ich aus dem Bette und ließ seinen Leibärzt rufen; aber was kon­nte der helfen! Dann ließen sie den Uhrma­ch­er holen, und nach vielem Sprechen und Nach­se­hen bekam er den Vogel etwas in Ord­nung; aber er sagte, dass er sehr geschont wer­den müsse, denn die Zapfen seien abgenutzt, und es wäre unmöglich, neue so einzuset­zen, dass die Musik sich­er gin­ge. Das war nun eine große Trauer! Nur ein­mal im Jahr durfte man den Kun­stvo­gel sin­gen lassen, und das war fast schon zuviel. Aber dann hielt der Spielmeis­ter eine kleine Rede mit schw­eren Worten und sagte, dass es eben­so gut sei wie früher; und dann war es eben­so gut wie früher.

Nun waren fünf Jahre ver­gan­gen, und das ganze Land bekam eine wirk­lich große Trauer. Die Chi­ne­sen hiel­ten im Grunde alle zu ihrem Kaiser, und jet­zt war er krank und kon­nte nicht mehr leben, sagte man. Schon war ein neuer Kaiser gewählt, und das Volk stand draußen auf der Straße und fragte den Kava­lier, wie es ihrem alten Kaiser ginge.

„P!“ sagte er und schüt­telte den Kopf.

Kalt und ble­ich lag der Kaiser in seinem großen, prächti­gen Bette; der ganze Hof glaubte ihn tot, und ein jed­er von ihnen lief hin, den neuen Kaiser zu begrüßen. Die Kam­mer­di­ener liefen hin­aus, um darüber zu schwatzen, und die Kam­mer­mäd­chen hat­ten große Kaf­feege­sellschaft. Ring­sumher in allen Sälen und Gän­gen war Tuch gelegt, damit man nie­man­den gehen hören kön­nte, und deshalb war es da so still, so still! Aber der Kaiser war noch nicht tot; steif und ble­ich lag er in dem prächti­gen Bette mit den lan­gen Samt­gar­di­nen und den schw­eren Goldquas­ten; hoch oben stand ein Fen­ster auf, und der Mond schien here­in auf den Kaiser und den Kunstvogel.

Der arme Kaiser kon­nte kaum atmen; es war ger­ade, als ob etwas auf sein­er Brust säße; er schlug die Augen auf, und da sah er, dass es der Tod war, der auf sein­er Brust saß und sich seine gold­ene Kro­ne aufge­set­zt hat­te und in der einen Hand des Kaisers gold­e­nen Säbel, in der andern seine prächtige Fahne hielt. Und ring­sumher aus den Fal­ten der großen samte­nen Bettgar­di­nen sahen wun­der­liche Köpfe her­vor: einige ganz hässlich, andere so lieblich und mild. Das waren alle des Kaisers böse und gute Tat­en, welche ihn anblick­ten, jet­zt, da der Tod ihm auf dem Herzen saß.

„Entsinnst du dich dieses?“ flüsterte ein­er nach dem andern. ​„Erin­nerst du dich dessen?“ Und dann erzählten sie ihm so viel, dass ihm der Schweiß von der Stirne rann.

„Das habe ·ich nie gewusst!“ sagte der Kaiser. ​„Musik! Musik! Die große chi­ne­sis­che Trom­mel!“ rief er, ​„damit ich nicht alles zu hören brauche, was sie sagen!“

Und sie fuhren fort, und der Tod nick­te wie ein Chi­nese zu allem, was gesagt wurde.

„Musik! Musik!“ schrie der Kaiser. ​„Du klein­er, her­rlich­er Gold­vo­gel! Singe

doch, singe! Ich habe dir ja Gold und Kost­barkeit­en gegeben; ich habe dir selb­st meinen gold­e­nen Pantof­fel um den Hals gehängt; singe doch, singe!“

Aber der Vogel stand still; es war nie­mand da, ihn aufzuziehen, und son­st sang er nicht. Aber der Tod fuhr fort, den Kaiser mit seinen großen leeren Augen höhlen anzus­tar­ren, und es war so still, so schreck­lich still!

Da klang auf ein­mal vom Fen­ster her der her­rlich­ste Gesang: es war die kleine, lebendi­ge Nachti­gall, welche auf einem Zweige draußen saß. Sie hat­te von der Not ihres Kaisers gehört und war deshalb gekom­men, ihm Trost und Hoff­nung zu sin­gen. Und wie sie sang, wur­den die Gespen­ster immer ble­ich­er und ble­ich­er, das Blut kam immer rasch­er und rasch­er in des Kaisers schwachen Gliedern in Bewe­gung, und selb­st der Tod horchte und sagte: ​„Fahre fort, kleine Nachtigall!“

– ​„Ja, willst du mir den prächti­gen gold­e­nen Säbel geben? Willst du mir die reiche Fahne geben? Willst du mir des Kaisers Kro­ne geben?“

Und der Tod gab jedes Klein­od für einen Gesang; und die Nachti­gall fuhr noch fort zu sin­gen; und sie sang von dem stillen Gotte­sack­er, wo die weißen Rosen wach­sen, wo der Flieder duftet und wo das frische Gras von den Trä­nen der Über­leben­den befeuchtet wird. Da bekam der Tod Sehn­sucht nach seinem Garten und schwebte wie ein kalter, weißer Nebel aus‘ dem Fenster.

„Dank, Dank!“ sagte der Kaiser. ​„Du himm­lis­ch­er, klein­er Vogel! Ich kenne dich wohl! Dich habe ich aus meinem Lande und Reiche gejagt! Und doch hast du die bösen Gesichter von meinem Bette wegge­sun­gen, den Tod von meinem Herzen weggeschafft! Wie kann ich dir lohnen?“

„Du hast mich belohnt!“ sagte die Nachti­gall. ​„Ich habe deinen Augen Trä­nen ent­lockt, als ich das erstemal sang: Das vergesse ich nie! Das sind die Juwe­len, die ein Sänger­herz erfreuen! – Aber schlafe nun und werde frisch und stark! Ich werde dir vorsingen!“

Und sie sang – und der Kaiser fiel in einen süßen Schlum­mer. Ach, so mild und wohltuend war der Schlaf.

Die Sonne schien durch die Fen­ster zu ihm hinein, als er gestärkt und gesund erwachte. Kein­er von seinen Dienern war noch zurück­gekehrt, denn sie glaubten, er sei tot; aber die Nachti­gall saß noch und sang.

„Immer musst du bei mir bleiben!“ sagte der Kaiser. ​„Du sollst nur sin­gen, wenn du selb­st willst, und den Kun­stvo­gel schlage ich in tausend Stücke.“

„Tue das nicht!“ sagte die Nachti­gall. ​„Der hat ja das Gute getan, solange er kon­nte! Behalte ihn wie bish­er! Ich kann im Schlosse nicht mein Nest bauen

und wohnen; aber lass mich kom­men, wenn ich selb­st Lust habe: Da will ich des Abends auf dem Zweige dort beim Fen­ster sitzen und dir vorsin­gen, damit du froh wer­den kannst und gedanken­voll zugle­ich! Ich werde von den Glück­lichen sin­gen und von denen, die da lei­den! Ich werde vom Bösen und vom Guten sin­gen, was rings um dich her dir ver­bor­gen bleibt! Der kleine Singvo­gel fliegt weit umher zu dem armen Fis­ch­er, zu des Land­manns Dach, zu jedem, der weit von dir und deinem Hofe ent­fer­nt ist! Ich liebe dein Herz mehr als deine Kro­ne, und doch hat die Kro­ne einen Duft von etwas Heiligem an sich! – Ich komme, ich singe dir vor! – Aber eins musst du mir versprechen!“

„Alles!“ sagte der Kaiser und stand da in sein­er kaiser­lichen Tra­cht, die er selb­st angelegt hat­te, und drück­te den Säbel, welch­er schw­er von Gold war, an sein Herz.

„Um eines bitte ich dich! Erzäh­le nie­man­dem, dass du einen kleinen Vogel hast, der dir alles sagt: Dann wird es noch bess­er gehen!“

Und so flog die Nachti­gall fort.

Die Diener kamen here­in, um nach ihrem toten Kaiser zu sehen – – ja, da standen sie, und der Kaiser sagte: ​„Guten Morgen!“

❦