Die Nachbarfamilien

von Hans Christian Andersen

~19 Min

Man kon­nte wirk­lich glauben, dass im Dorfte­iche irgen­det­was am Werke sei. Alle Enten rud­erten plöt­zlich ans Land, ob sie nun geruh­sam auf dem Wass­er lagen oder auf dem Kopfe standen, denn das kon­nten sie. Man kon­nte in dem feucht­en Boden die Spuren ihrer Füße sehen, und ein gutes Stück weit hören, was sie schrieen. Eben war das Wass­er noch blank wie ein Spiegel gewe­sen, sodass man jeden Baum, jeden Busch, das alte Bauern­haus mit den Löch­ern im Giebel und dem Schwal­bennest darin sehen kon­nte. Beson­ders schön war aber der große Rosen­busch mit all seinen Blüten, der über die Mauer bis fast ins Wass­er hin­ab­hing. Das Ganze erschien wie ein Gemälde auf dem Wass­er, aber alles auf dem Kopfe.

Doch als jet­zt das Wass­er in Unruhe geri­et, lief alles ineinan­der, und das ganze Bild ver­schwand. Zwei Enten­fed­ern, die den Enten beim Fliegen aus­ge­fall­en waren, schaukel­ten auf und nieder. Mit einem Male fin­gen sie an, fortzutreiben, als ob der Wind übers Wass­er bliese. Dann lagen die Fed­ern wieder stille. Das Wass­er wurde wieder spiegel­glatt, und man kon­nte deut­lich darin den Giebel mit dem Schwal­bennest und den Rosen­strauch sehen. Jede Rose spiegelte sich. Sie waren so prächtig und schön, doch sie wussten nichts davon, denn nie­mand hat­te es ihnen gesagt. Die Sonne schien in ihre feinen Blät­ter hinein, die ganz voller Duft waren. Das war für die Rosen ger­ade so schön wie für uns, wenn wir in glück­liche Gedanken ver­sunken sind.

Wie her­rlich ist das Leben!”, sagte jede Rose. Das Einzige, was ich noch wün­schen möchte, wäre, dass ich die Sonne küssen dürfte, weil sie so warm und klar ist. Ja, und die Rosen dort unten im Wass­er möchte ich auch küssen. Sie gle­ichen uns so sehr. Ich möchte die süßen, kleinen Vögel dort unten im Neste küssen. Hoch oben, über uns, sind auch noch welche, und sie streck­en die Köpfe her­aus und piepen ganz leise. Auch haben sie noch gar keine Fed­ern, wie ihr Vater und ihre Mut­ter. Oh ja, es sind gute Nach­barn, die wir über uns und unter uns haben. Wie her­rlich ist doch das Leben.”

Die kleinen Vögel oben und unten — unten war ja nur ein Spiegel­bild im Wass­er — waren Spatzen. Sie hat­ten sich in das leere Schwal­bennest vom vorigen Jahre geset­zt. Dort lagen sie nun und fühlten sich zu Hause.

Sind das Entenkinder, die dort schwim­men?”, fragten die Spatzen­jun­gen, als sie die Enten­fed­ern auf dem Wass­er dahin­treiben sahen.

Ihr sollt vernün­ftige Fra­gen stellen”, sagte die Mut­ter. Seht ihr nicht, dass es Fed­ern sind, lebendi­ges Klei­derzeug, wie ich es habe und wie ihr es auch bekom­men werdet? Wenn wir sie nur oben im Neste hät­ten, denn das wärmt. Ich würde aber gerne wis­sen, was die Enten so erschreckt hat. Es muss etwas aus dem Wass­er gewe­sen sein, denn ich war es bes­timmt nicht, obwohl ich freilich etwas laut Piep’ zu euch gesagt habe. Die dick­köp­fi­gen Rosen müssten es eigentlich wis­sen, aber sie wis­sen nie etwas. Sie sehen nur sich selb­st an und riechen stark. Ich habe mit diesen Nach­barn nicht viel zu schaffen.”

Hört die süßen, kleinen Vögel da oben”, sagten die Rosen. Die Jun­gen wollen jet­zt auch anfan­gen zu sin­gen. Sie kön­nen noch nicht recht, aber es wird schon wer­den. Was muss das für ein Vergnü­gen sein! Es ist doch ganz hüb­sch, solche lustige Nach­barn zu haben.”

Da kamen zwei Pferde im Galopp daher, denn sie soll­ten getränkt wer­den. Ein Bauern­junge saß auf dem einen. Er hat­te alle seine Klei­der aus­ge­zo­gen bis auf seinen schwarzen Hut, der groß und bre­it war. Der Knabe pfiff, als sei er ein klein­er Vogel, und ritt in den Teich bis an die tief­ste Stelle. Als er an dem Rosen­strauch vor­beikam, riss er eine der Rosen ab und steck­te sie auf den Hut. So glaubte er recht geputzt zu sein und ritt wieder fort. Die anderen Rosen sahen ihrer Schwest­er nach und fragten einan­der: Wo reist sie hin?”, aber das wusste niemand.

Ich möchte wohl auch in die Welt hin­aus!”, sagte die eine zur anderen. Aber hier zu Hause in unserem eige­nen Grün ist es doch genau­so schön. Am Tage scheint die Sonne warm, und nachts strahlt der Him­mel noch schön­er! Da kön­nen wir durch die vie­len kleinen Löch­er sehen, die darin sind!”

Es waren die Sterne, die sie für Löch­er hiel­ten, denn die Rosen wussten es nicht besser.

Wir brin­gen Leben ins Haus”, sagte die Spatzen­mut­ter, und die Schwal­ben brin­gen Glück, sagen die Leute. Aber der Nach­bar dort, der große Rosen­busch an der Mauer, set­zt nur Feuchtigkeit an. Ich hoffe, er kommt bald fort, dann kann doch Korn dort wach­sen. Rosen sind nur zum Anse­hen und Riechen da, und man kann sie höch­stens noch an den Hut steck­en. Jedes Jahr, das weiß ich von mein­er Mut­ter, fall­en sie ab. Die Bauers­frau salzt sie ein, und sie bekom­men einen franzö­sis­chen Namen, den ich nicht aussprechen kann. Und dann wer­den sie aufs Feuer gelegt, wenn es gut riechen soll. Seht, das ist ihr Lebenslauf! Sie sind nur für Augen und Nase. Nun wisst ihr es.”

Als es Abend wurde und die Mück­en in der war­men Luft tanzten und die Wolken sich rot färbten, kam die Nachti­gall. Sie sang den Rosen vor, dass das Schöne in der Welt wie der Son­nen­schein sei, und dass es ewig lebe. Aber die Rosen glaubten, dass die Nachti­gall von sich selb­st singe, und das kon­nte man ja auch glauben. Es fiel ihnen gar nicht ein, dass der Gesang ihnen gel­ten sollte. Aber sie wur­den fröh­lich dabei und dacht­en daran, ob nicht all die kleinen Spatzen­jun­gen auch zu Nachti­gallen wer­den könnten.

Ich ver­stand sehr gut, was der Vogel sang”, sagten die Spatzen­jun­gen. Es war nur ein Wort dabei, das ich nicht ver­standen habe. Was ist das Schöne’?” Das ist gar nichts!”, sagte die Spatzen­mut­ter. Das ist nur so ein Aus­druck. — Da oben auf dem Her­ren­hofe haben sie zwei Vögel mit grünem Halse und ein­er Kro­ne auf dem Kopfe. Ihr Schwanz kann sich aus­bre­it­en, bis er wie ein großes Rad aussieht. Es hat so viele Far­ben, dass einem die Augen wehtun. Pfauen wer­den diese Vögel genan­nt, und ihr Anblick ist das Schöne”. Man sollte sie nur ein wenig rupfen, dann sähen sie auch nicht anders aus, wie wir anderen. Ich hätte auf sie los­ge­hackt, wenn sie nur nicht so groß wären!” Ich will sie hack­en!”, sagte das kle­in­ste Spatzen­junge. Es hat­te noch nicht ein­mal Federn.

Im Bauern­hof wohn­ten zwei junge Leute, die hat­ten einan­der sehr lieb. Sie waren fleißig und flink, und es war über­all hüb­sch bei ihnen. Am Son­ntag­mor­gen ging die junge Frau hin­aus, nahm eine ganze Hand voll der schön­sten Rosen, set­zte sie in ein Wasser­glas und stellte sie mit­ten auf die Kommode.

Nun kann ich sehen, dass Son­ntag ist!”, sagte der Mann, küsste seine süße, kleine Frau, und sie set­zten sich nieder. Dann lasen sie einen Psalm aus der Bibel und hiel­ten einan­der bei den Hän­den. Die Sonne schien durchs Fen­ster auf die frischen Rosen und die jun­gen Leute.

Es ist wirk­lich lang­weilig, immer wieder das­selbe sehen zu müssen!”, sagte die Spatzen­mut­ter, die aus dem Nest ger­adewegs in die Stube sah. Also flog sie davon. Das­selbe tat sie am näch­sten Son­ntag, denn jeden Son­ntag kamen frische Rosen ins Glas, und immer blühte die Rosen­hecke gle­ich schön. Die Spatzen­jun­gen, die nun Fed­ern bekom­men hat­ten, woll­ten gerne mit­fliegen, aber die Mut­ter sagte: Ihr bleibt hier.” Und so blieben sie im Nest. Die Mut­ter flog davon und fand sich plöt­zlich in ein­er Vogelschlinge aus Pfer­de­haaren wieder, die ein paar Knaben an einem Zweig fest­ge­bun­den hat­ten. Die Pfer­de­haare zogen sich fest um ihr Bein, als ob sie es zer­schnei­den woll­ten. Das war ein Schmerz und ein Schreck! Die Knaben sprangen flink hinzu und grif­f­en den Vogel grausam hart. Es ist nur ein Spatz”, sagten sie, aber sie ließen ihn nicht wieder fliegen. Die bei­den Jun­gen nah­men ihn mit nach Hause, und jedes Mal, wenn der schrie, gaben sie ihm eins auf den Schnabel.

Im Bauern­hof stand ein alter Mann, der kon­nte Seife für Bart und Hände machen, Seife in Kugeln und Stück­en. Er war lustiger, alter Wan­der­s­mann. Als er den Spatz sah, mit dem die Knaben daherka­men, fragte er sie: Wollen wir ihn schön machen?” Die Spatzen­mut­ter überkam ein Grausen, als er das sagte. Der Alte nahm aus seinem Kas­ten, worin die her­rlich­sten Far­ben lagen, eine ganze Menge glitzern­des Schaum­gold. Die Jun­gen mussten hinein­laufen und ein Ei her­beis­chaf­fen. Von diesem Ei nahm er nur das Weiße und bestrich damit den ganzen Vogel. Dann klebte er das Schaum­gold darauf, und nun war die Spatzen­mut­ter ver­gold­et. Aber sie dachte nicht an ihren Staat und zit­terte an allen Gliedern. Der Seifen­mann aber nahm ein rotes Läp­pchen, das er vom Fut­ter sein­er alten Jacke riss, schnitt das Läp­pchen zu einem geza­ck­ten Hah­nenkamm und klebte ihn dem Vogel auf den Kopf.

Nun sollt ihr sehen, wie der Gold­vo­gel fliegt!”, sagte er und ließ den Spatz los, der mit entset­zlich­ster Angst in dem hellen Son­nen­schein davon­flog. Nein, wie er glitzerte! Alle Spatzen, selb­st eine große Krähe erschrak­en bei diesem Anblick. Aber sie flo­gen doch hin­ter­her, denn sie woll­ten wis­sen, was das für ein vornehmer Vogel sei.

Woher? woher?”, schrie die Krähe. Halte ein. Halte ein” riefen die Spatzen. Aber der vornehme Vogel wollte nicht. Erfüllt von Angst und Entset­zen flog die Spatzen­mut­ter heim zu ihrem Nest. Sie war nahe daran, umzusinken, und noch immer eil­ten die Vögel her­bei, kleine und große. Einige flo­gen dicht her­an, um auf sie loszuhack­en. Da hast du! Da hast du!”, schrieen sie alle zusammen.

Seht nur, seht nur!” schrieen die Jun­gen, als die Mut­ter endlich das Nest erre­icht hat­te. Das muss ein junger Pfau sein. Da sind alle die Far­ben, die den Augen weh tun, wie und die Mut­ter sagte. Das ist das Schöne’!” Und dann hack­ten sie mit ihren kleinen Schnä­beln, sodass es ihr nicht möglich war, ins Nest zu schlüpfen. Die Spatzen­mut­ter war ganz matt vor Angst. Sie kon­nte nicht ein­mal mehr Piep” sagen, noch viel weniger Ich bin eure Mut­ter”. Die anderen Vögel hack­ten nun auch auf sie los, dass die Fed­ern flo­gen, bis sie blutig in den Rosen­strauch niedersank.

Das arme Tier!”, sagten die Rosen. Komm, wir wollen dich ver­ber­gen! Bette dein kleines Köpfchen auf uns!” Die Spatzen­mut­ter bre­it­ete noch ein­mal die Flügel aus und fal­tete sie wieder fest an ihren Leib. Dann war sie gestor­ben, aus­gerech­net bei der Nach­bar­fam­i­lie, den frischen, schö­nen Rosen.

Piep”, sagten die Spatzen­jun­gen im Neste, wo mag nur unsere Mut­ter bleiben. Das ist ja gar nicht zu begreifen! Sollte es etwa eine List von ihr sein, dass wir nun selb­st für uns sor­gen müssen! Das Haus hat sie uns als Erbteil über­lassen, aber wer von uns soll es alleine besitzen, wenn wir Fam­i­lie bekom­men?” Darauf sagte der Kle­in­ste zu den anderen: Ja, ich kann euch nicht hier behal­ten, wenn ich mir eine Frau und Kinder anschaffe!” Ich bekomme wohl eher eine Frau und Kinder als du!”, rief der Zweite. Aber ich bin der älteste!”, erwiderte ein Drit­ter. Der Stre­it wurde immer heftiger. Sie schlu­gen mit den Flügeln, hack­ten mit dem Schnä­beln, und bums wurde ein­er nach dem anderen aus dem Neste gewor­fen. Da lagen sie nun mit Wut im Herzen. Sie wen­de­ten den Köpfe voneinan­der ab und blinzel­ten dabei mit den Augen. Das war so ihre Art zu trotzen.

Immer­hin kon­nten sie schon ein wenig fliegen und übten nun etwas mehr. Zulet­zt wur­den sie darüber einig, dass sie Piep” sagen und dreimal mit dem linken Fuße schar­ren woll­ten, wenn sie einan­der in der Welt begeg­neten. Daran woll­ten sie sich erkennen.

Das Junge, das im Neste zurück­blieb, machte sich so bre­it wie es nur kon­nte. Es war ja nun Hau­seigen­tümer. Aber die Freude dauerte nicht lange. In der Nacht leuchtete ein rot­er Feuer­schein aus den Fen­stern. Die Flam­men schlu­gen unter dem Dache her­aus, und das dürre Stroh loderte empor. So ver­bran­nte das ganze Haus und der junge Spatz gle­ich mit. Zum Glück waren die jun­gen Leute aber mit dem Schreck davongekommen.

Als die Sonne am näch­sten Mor­gen aufge­gan­gen war, und alles erfrischt wie nach einem san­ften Nachtschlaf das­tand, war von dem Bauern­hause kaum noch etwas übrig. Es waren nur noch schwarze, verkohlte Balken da, die sich müh­sam an den Schorn­stein lehn­ten. Der Boden rauchte noch stark, aber der Rosen­strauch stand noch immer frisch und blühend da und spiegelte jeden Zweig und jede Blüte in dem stillen Wasser.

Nein, wie hüb­sch sehen die Rosen doch vor dem abge­bran­nten Hause aus!”, rief ein Mann, der vorüberkam. Das ist ein gar lieblich­es kleines Bild. Das muss ich haben!” Und der Mann zog ein kleines Buch mit weißen Blät­tern aus der Tasche und nahm seinen Bleis­tift zur Hand, denn er war ein Maler. Dann zeich­nete er den rauchen­den Schutt, die verkohlten Balken an dem ein­sam ragen­den Schorn­stein, der sich mehr und mehr neigte, und ganz im Vorder­grunde den großen, blühen­den Rosen­strauch. Der war freilich wun­der­schön, und er trug ja auch die Schuld daran, dass das Ganze geze­ich­net wurde.

Später am Tage kamen zwei von den Spatzen vor­bei, die hier geboren waren. Wo ist das Haus?”, fragten sie, Wo ist das Nest? — Piep, alles ist ver­bran­nt, und unser stark­er Brud­er ist mitver­bran­nt. Das hat er davon, dass er das Nest behielt. Die Rosen sind gut davongekom­men! Sie ste­hen noch immer mit roten Wan­gen da. Trauern tun sie also nicht über das Unglück der Nach­barn! Ich spreche nicht mit ihnen!” Dann flo­gen sie davon.

Spät im Herb­st gab es einen her­rlichen Son­nen­tag. Man hätte fast glauben mögen, es sei mit­ten im Som­mer. Im Hofe vor der großen Treppe beim Guts­be­sitzer war es trock­en und sauber. Dort spazierten die Tauben, die schwarzen, die weißen und die bun­ten, und glänzten im Son­nen­schein. Die alte Tauben­mut­ter plus­terte sich auf und sagte zu den Jun­gen: Ste­ht in Grup­pen! Ste­ht in Grup­pen!”, denn es sollte was hermachen.

Was ist denn nur das kleine Graue, das zwis­chen uns herum­läuft?”, fragte eine alte Taube, deren Augen rot und grün leuchteten. Das kleine Graue, das kleine Graue!”, rief eine andere Taube. Das sind Spatzen, die guten Tierchen! Wir Tauben haben immer den Ruf gehabt, die frömm­sten unter den Vögeln zu sein, darum soll­ten wir den Spatzen großzügig erlauben, mitzupick­en! — Sie schar­ren doch so niedlich mit dem Füßchen.”

Ja, sie schar­rten dreimal mit dem linken Bein, aber sie sagten auch Piep”. Da erkan­nten sie sich! Es waren die drei Spatzen aus dem abge­bran­nten Haus. Hier ist gutes Fut­ter für alle!”, riefen sie. Und die Tauben gin­gen umeinan­der herum, brüsteten sich und gaben nur etwas auf die eigene Meinung.

Siehst du die fette Kropf­taube”, sagte die eine zur anderen Taube, siehst du, wie sie die Erb­sen herun­ter­schluckt? Sie bekommt immer die besten Kurr, kurr. Siehst du, was sie für einen kahlen Kopf schon bekommt? Sieh nur das alte, boshafte Tier! Knurr, knurr!” Und dann schillerten alle Augen ganz rot vor Bosheit. Ste­ht in Grup­pen! Ste­ht in Grup­pen. Das kleine Graue, das kleine Graue! Knurr, knurr!”, ging es in einem fort, und so geht es wohl noch in tausend Jahren.

Die Spatzen fraßen gut und hörten gut, ja, sie stell­ten sich sog­ar mit in die Grup­pen. Aber das sah nur wenig beein­druck­end aus. Satt waren sie nun, deshalb gin­gen sie von den Tauben fort und sprachen sich untere­inan­der aus. Dann hüpften sie unter dem Garten­za­un hin­durch. Dort stand die Tür zum Garten­z­im­mer offen und ein­er hüpfte auf die Türschwelle. Er war über­sät­tigt und deshalb beson­ders mutig: Piep”, sagte er, das wage ich!” Piep”, sagte der andere, das wage ich auch und noch etwas mehr!” Und so hüpfte er in die Stube. Es waren keine Leute darin, das sah der Dritte wohl, und deshalb flog er noch weit­er in das Zim­mer hinein und sagte: Ganz oder gar nicht. Aber was ist das für ein merk­würdi­ges Men­schennest. Nein, was ist das nur?”

Ger­ade vor den Spatzen blüht­en ja die Rosen. Sie spiegel­ten sich dort im Wass­er, und die verkohlten Balken lehn­ten sich gegen den Schorn­stein! — Nein, was war das nur? Wie kam dies in die Stube des Gut­sher­rn? Die drei Spatzen woll­ten über die Rosen und den Schorn­stein fliegen, aber sie flo­gen gegen eine flache Wand. Das Ganze war ein Gemälde, ein großes, prächtiges Werk, das der Maler nach sein­er kleinen Zeich­nung ange­fer­tigt hat­te. Piep”, sagten die Spatzen, das ist nicht wirk­lich, das sieht nur so aus. Piep! Das ist das Schöne! Kannst du das begreifen, ich kann es nicht!” Und dann flo­gen sie fort, denn es kamen Men­schen in das Zimmer.

Nun vergin­gen Jahr und Tag. Die Tauben hat­ten viele Male gekur­rt, um nicht zu sagen geknur­rt, die boshaften Tiere! Die Spatzen hat­ten im Win­ter gefroren und im Som­mer lustig darauf los gelebt. Sie waren alle­samt ver­lobt oder ver­heiratet oder wie man es son­st nen­nen will. Junge hat­ten sie auch, und ein jed­er hat­te natür­lich die schön­sten und klüg­sten. Ein­er flog hier­hin, ein­er flog dor­thin, und wenn sie sich trafen, so erkan­nten sie sich an ihrem Piep” und dem dreima­li­gen Schar­ren mit dem linken Fuße.

Die älteste von den Spatzen war nun schon eine alte Jungfer. Sie hat­te kein Nest und auch keine Jun­gen. Sie wollte aber gern ein­mal eine große Stadt sehen, und so flog sie nach Kopen­hagen. Dort war ein großes Haus mit vie­len Far­ben. Es stand dicht beim Schloss an dem Kanal, wo die Schiffe mit Äpfeln und Töpfen an den Ufern lagen. Die Fen­ster waren unten bre­it­er als oben, und guck­ten die Spatzen hinein, so war jedes Zim­mer mit allen möglichen Far­ben und Schnörkeln geschmückt, und mit­ten darin standen weiße Men­schen. Die waren aus Mar­mor; einige auch aus Gips, aber für Spatzenau­gen war das gle­ich. Oben auf dem Hause stand ein met­al­len­er Wagen mit met­al­lenen Pfer­den davor, und die Sieges­göt­tin, eben­falls aus Met­all, lenk­te sie. Das war Thor­wald­sens Museum.

Wie das glänzt, wie das glänzt”, sagte das Spatzen­fräulein. Das wird wohl das Schöne sein, Piep. Dies hier ist doch viel bess­er als ein Pfau.” Sie erin­nerte sich noch an ihre Kind­heit, wo der Pfau das Schön­ste war, was die Mut­ter kan­nte. Dann flog das Spatzen­fräulein in den Hof hinab. Dort war es auch prächtig. Pal­men und Zweige waren auf die Wände gemalt, und mit­ten im Hofe stand ein großer blühen­der Rosen­strauch. Der bre­it­ete seine frischen Zweige mit den vie­len Rosen über ein Grab. Sie flog dor­thin, denn es gin­gen noch mehrere Spatzen dort auf und ab. Piep” und dazu ein dreima­liges Schar­ren mit dem linken Fuß — diesen Gruß hat­te sie immerzu jedem geboten, aber nie­mand hat­te ihn ver­standen. Der Gruß war ihr bere­its zur Gewohn­heit geworden.

Heute jedoch waren da zwei alte Spatzen und ein Junger, die sagten auch Piep” und schar­rten mit dem linken Fuße. Ei sieh da, guten Tag, guten Tag.” Es waren die bei­den alten Geschwis­ter aus dem Spatzennest und ein Junger aus der Fam­i­lie. Welch ein Zufall, dass wir uns hier wieder­se­hen”, sagten sie. Es ist ein vornehmer Ort hier, aber viel zu fressen find­et sich nicht. Das ist das Schöne, Piep.”

Viele Leute kamen aus den Seit­engän­gen, wo die prächti­gen Mar­mor­fig­uren standen, und gin­gen zu dem Grabe hin, das den großen Meis­ter barg, der den her­rlichen Mar­mor­bildern Form gegeben hat­te. Alle, die kamen, standen mit leuch­t­en­dem Antlitz um Thor­wald­sens Grab. Manche sam­melten die abge­fal­l­enen Rosen­blät­ter vom Boden auf und bewahrten sie. Viele Leute kamen von wei­ther. Sie kamen aus Eng­land, Deutsch­land und Frankre­ich. Die schön­ste Dame von allen nahm aber eine von den Rosen und barg sie an ihrer Brust. Da glaubten die Spatzen, dass die Rosen hier das Reg­i­ment hät­ten und das ganze Haus um ihretwillen gebaut sei. Das erschien ihnen dann doch ein biss­chen übertrieben.

Wenn die Men­schen aber so viel Aufmerk­samkeit für die Rosen übrig hat­ten, woll­ten sie als Spatzen auch nicht zurück­ste­hen. Piep”, sagten sie und fegten den Boden mit ihren Schwänzen. Dann schiel­ten sie mit einem Auge zu den Rosen hin­auf, und es dauerte nicht lange, so waren sie davon überzeugt, dass es die alten Nach­barn waren. Und das waren sie auch. Der Maler, der den Rosen­strauch bei dem abge­bran­nten Hause geze­ich­net hat­te, bekam später die Erlaub­nis ihn auszu­graben. Er hat­te ihn dem Baumeis­ter des Muse­ums gegeben, denn nir­gends gab es her­rlichere Rosen. Der Baumeis­ter hat­te ihn dann auf Thor­wald­sens Grab geset­zt, wo er als Wahrze­ichen des Schö­nen blühte und seine duf­ten­den roten Blät­ter her­gab, um als Erin­nerung in ferne Län­der getra­gen zu werden.

Habt ihr eine Anstel­lung hier in der Stadt erhal­ten?”, fragten die Spatzen. Und die Rosen nick­ten. Sie erkan­nten die grauen Nach­barn und freuten sich, sie wiederzuse­hen. Wie schön ist es zu leben und zu blühen, alte Fre­unde bei sich zu sehen, und jeden Tag in fre­undliche Gesichter zu blick­en! Hier ist es, als sei jed­er Tag ein großer Fest­tag.” Piep”, sagten die Spatzen, ja, das sind die alten Nach­barn. Ihrer Herkun­ft vom Dorfte­iche ste­ht außer Frage! Piep, wie sie zu Ehren gekom­men sind! Manche kom­men ja auch im Schlafe dazu. Denn was an so einem roten Klumpen Schönes sein soll, weiß ich nicht! — Und da sitzt auch ein vertrock­netes Blatt, das sehe ich ganz genau!”

Dann zupften sie solange daran, bis das Blatt abfiel. So stand der Strauch nun frisch­er und grün­er da, und die Rosen dufteten im Son­nen­schein auf Thor­wald­sens Grab, um diesen unsterblichen Namen mit ihrer Schön­heit zu ehren.