Die Mär von den fünf Fingern

von Josef Haltrich

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Der Pic­ki (Zeigefin­ger), der Lic­ki (Mit­telfin­ger), der Tschic­ki (Goldfin­ger) und der kleine Mic­ki (kleine Fin­ger) gin­gen ein­mal ins Feld und ließen ihren Brud­er Toc­ki (den Dau­men) zu Hause. Dieser sagte ihnen umson­st, sie soll­ten ohne ihn nicht aus­ge­hen, sie wür­den in Gefahr kom­men; sie gin­gen aber doch. Der Pic­ki sprach: Ich will den Weg weisen“ ; der Lic­ki, als der größte: Ich will vorste­hen und befehlen“; der Tschi­ki: Ich will die Schätze nach­tra­gen“; der kleine Mic­ki: Ich will mit klugem Rat helfen!“ So gin­gen sie: der Pic­ki voran, dann kam der Lic­ki, dann fol­gte mit Ringlein beladen der Tschic­ki, und den Schluß machte der kleine Mic­ki; sie gelangten nach gar nicht langer Zeit an ein Wass­er, aber da war die Brücke weg­geris­sen. Nun standen sie eine gute Weile und warteten, das Wass­er solle abfließen, allein das floß immer fort und sah nicht dar­nach aus, als wolle es aufhören.

Da sprach der kleine Mic­ki zum Lic­ki: Du Großhans mit den lan­gen Beinen, gehe du am Ufer auf und ab und sieh, ob du nicht den Weg und Steg über den Fluß find­est; indes wollen wir andern einen Kahn bauen!“ Da gin­gen die drei Kleinen und sucht­en Holz zu einem Kahn; glück­licher­weise fan­den sie eine große welsche Nuß. Wenn wir die nur auf­machen kön­nten!“ sprach der kleine Mic­ki, so hät­ten wir den Kahn gle­ich fer­tig!“ Da mußten der Pic­ki und Tschic­ki die Nuß an bei­den Flügeln anpack­en, und siehe, wie sie ein­mal alle ihre ganze Kraft anstrengten und ris­sen, ging die Nuß auseinan­der; sie nah­men gle­ich eine Schale, höhlten sie gut aus und tru­gen sie zum Fluß; indem kam auch der Lic­ki und sprach: Kein Weg und Steg ist zu find­en!“ – Es ist jet­zt auch nicht mehr nötig!“ sprach der kleine Mic­ki. Sie set­zten sich alle in die Nußschale; der Kleine lenk­te, die andern rud­erten, und so kamen sie glück­lich ans andere Ufer. Sie stiegen aus und wan­derten weit­er fort und kamen nur ein­mal an einen großen Garten; sie trat­en gle­ich hinein und sahen da ein großes Schaff voll Honig; der Pic­ki langte ins Schaff und kostete, und weil es so süß schmeck­te, so langte er immer wieder hinein und leck­te fort. Die andern wur­den endlich sehr unwillig und woll­ten weit­erge­hen; allein der Pic­ki wollte nicht kom­men und den Weg weisen; der Lic­ki befahl umson­st; der Tschic­ki fürchtete sich vor Räu­bern, und der kleine Mic­ki sprach; Der Pic­ki tut seine Schuldigkeit schlecht, es wird uns übel erge­hen!“ Da kam, ehe sie sich’s ver­sa­hen, der große garstige Bär, der brummte erschreck­lich: Ha, ihr Dieb­s­gesichter, jet­zt habe ich euch! Wartet, ich will euch Honig geben! Gle­ich fresse ich euch alle!“

Da waren die Kleinen so erschrock­en, daß sie nicht eins“ sagen kon­nten; endlich kam ihnen die Sprache wieder; sie fie­len vor dem Bären nieder und bat­en um Gnade; sie hät­ten ja nicht gewußt, daß dieser Honig­garten ihm gehöre! Aber das war alles umson­st; der Bär wollte schon dran, eins nach dem andern zu ver­schluck­en. Indem kam dem kleinen Mic­ki ein kluger Ein­fall: Lieber Bär!“ sprach er, wir sind fünf Brüder; unser ältester Brud­er, Toc­ki, ist zu Hause, wenn wir denn ein­mal ster­ben sollen, so wartet, daß ich ihn auch hier­her rufe, daß wir alle miteinan­der ster­ben!“ Das gefiel dem lüster­nen Bären, und er hat­te nichts daw­ider, daß er einen guten Bis­sen mehr bekom­men sollte. Also lief der kleine Stube­d­inzi nach Hause und rief den Toc­ki zu Hil­fe. Dieser war anfangs sehr zornig und sprach: Warum seid ihr aus­ge­gan­gen, habe ich euch’s nicht gesagt? Jet­zt kön­nt ihr zap­peln!“ Aber der Kleine bat so sehr, daß er sich endlich erbarmte, eine große Keule nahm und mit­ging. Als er mit dem Kleinen im Honig­garten ankam, fie­len alle über den Bären her, und der dicke Toc­ki schlug ihn mit sein­er Keule tot. Dann gin­gen alle nach Hause und waren froh.

Von da an zogen die vier andern Fin­ger nie ohne den starken Toc­ki aus, und es ist ihnen auch weit­er kein Unglück zugestoßen. Der Lic­ki aber blieb immer in der Mitte, und deshalb heißt man ihn auch Mit­telfin­ger; der dicke Toc­ki und der kleine Mic­ki gehen als Wächter an bei­den Enden; jen­er, weil er durch seine Kraft, dieser, weil er durch seine Pfif­figkeit die andern beschützt. Der Kleine wird noch immer zu Rate gezo­gen, wenn man etwas Gescheites anstellen will, und deshalb spricht man noch heute, wenn jemand einen klu­gen Ein­fall hat: Das hat ihm sein klein­er Fin­ger gesagt!“