Die künstliche Orgel

von Richard von Volkmann-Leander

~5 Min

Vor lan­gen, lan­gen Jahren lebte ein­mal ein sehr geschick­ter junger Orgel­bauer, der hat­te schon viele Orgeln gebaut, und die let­zte war immer wieder bess­er als die vorherge­hende. Zulet­zt machte er eine Orgel, die war so kün­stlich, daß sie von selb­st zu spie­len anf­ing, wenn ein Braut­paar in die Kirche trat, an dem Gott sein Wohlge­fall­en hat­te. Als er auch diese Orgel vol­len­det hat­te, besah er sich die Mäd­chen des Lan­des, wählte sich die Frömm­ste und Schön­ste und ließ seine eigene Hochzeit zuricht­en. Wie er aber mit der Braut über die Kirch­schwelle trat und Fre­unde und Ver­wandte in langem Zuge fol­gten, war sein herz voller Stolzes und Ehrgeizes. Er dachte nicht an seine Braut und nicht an Gott, son­dern nur daran, was er für ein geschick­ter Meis­ter sei, dem nie­mand es gle­ich­tun könne, und wie alle Leute staunten und ihn bewun­dern wür­den, wenn die Orgel von selb­st zu spie­len begönne. 

So trat er mit sein­er schö­nen Braut in die Kirche ein – aber die Orgel blieb stumm. Das nahm sich der Orgel­baumeis­ter sehr zu Herzen, denn er meinte in seinem stolzen Sinne, daß die Schuld nur an der Braut liegen könne und daß sie ihm nicht treu sei. Er sprach den ganzen Tag über kein Wort mit ihr, schnürte dann nachts heim­lich sein Bün­del und ver­ließ sie. Nach­dem er viele hun­dert Meilen weit gewan­dert war, ließ er sich endlich in einem frem­den Land nieder, wo nie­mand ihn kan­nte und kein­er nach ihm fragte. Dort lebte er still und ein­sam zehn Jahre lang: da über­fiel ihn eine namen­lose Angst nach der Heimat und nach der ver­lasse­nen Braut. Er mußte immer wieder daran denken, wie sie so fromm und schön gewe­sen sei und wie er sie so bös­lich verlassen. 

Nach­dem er verge­blich alles getan, um seine Sehn­sucht niederzukämpfen, entschloß er sich, zurück­zukehren und sie um Verzei­hung zu bit­ten. Er wan­derte Tag und Nacht, daß ihm die Fuß­sohlen wund wur­den, und je mehr er sich der Heimat näherte, desto stärk­er wurde seine Sehn­sucht und desto größer wurde seine Angst, ob sie wohl wieder so gut und fre­undlich zu ihm sein werde wie in der Zeit, wo sie noch seine Braut war. Endlich sah er die Türme sein­er Vater­stadt von fern in der Sonne blitzen. Da fing er an zu laufen, was er laufen kon­nte, so daß die Leute hin­ter ihm her den Kopf schüt­tel­ten und sagten: Entwed­er ist‘s ein Narr, oder er hat gestohlen.“ Wie er aber in das Tor der Stadt ein­trat, begeg­nete ihm ein langer Leichen­zug. Hin­ter dem Sarge her gin­gen eine Menge Leute, welche wein­ten. Wen begrabt ihr hier, ihr guten Leute, daß ihr so weint?“ – Es ist die schöne Frau des Orgel­baumeis­ters, die ihr bös­er Mann ver­lassen hat. Sie hat uns allen so viel Gutes und Liebes getan, daß wir sie in der Kirche beiset­zen wollen.“ 

Als er dies hörte, ent­geg­nete er kein Wort, son­dern ging still gebeugten Hauptes neben dem Sarge her und half ihn tra­gen. Nie­mand erkan­nte ihn; weil sie ihn aber fortwährend schluchzen und weinen hörten, störte ihn kein­er, denn sie dacht­en: Das wird wohl auch ein­er von den vie­len armen Leuten sein, denen die Tote bei Lebzeit­en Gutes erwiesen hat. So kam der Zug zur Kirche, und wie die Träger die Kirch­schwelle über­schrit­ten, fing die Orgel von selb­st zu spie­len an, so her­rlich, wie noch nie­mand eine Orgel spie­len gehört. Sie set­zten den Sarg vor dem Altare nieder, und der Orgel­baumeis­ter lehnte sich still an eine Säule daneben und lauschte den Tönen, die immer gewaltiger anschwollen, so gewaltig, daß die Kirche in ihren Grundpfeil­ern bebte. Die Augen fie­len ihm zu, denn er war sehr müde von der weit­en Reise; aber sein Herz war freudig, denn er wußte, daß ihm Gott verziehen habe, und als der let­zte Ton der Orgel verk­lang, fiel er tot auf das stein­erne Pflaster nieder. Da hoben die Leute die Leiche auf, und wie sie inne wur­den, wer es sei, öffneten sie den Sarg und legten ihn zu sein­er Braut. Und wie sie den Sarg wieder schlossen, begann die Orgel noch ein­mal ganz leise zu tönen. Dann wurde sie still und hat seit­dem nie wieder von selb­st geklungen.