Die Kristallkugel

von Brüder Grimm

~5 Min

Es war ein­mal eine Zauberin, die hat­te drei Söhne, die sich brüder­lich liebten: aber die Alte traute ihnen nicht und dachte, sie woll­ten ihr ihre Macht rauben. Da ver­wan­delte sie den ältesten in einen Adler, der musste auf einem Felsen­ge­birge hausen, und man sah ihn manch­mal am Him­mel in grossen Kreisen auf- und nieder­schweben. Den zweit­en ver­wan­delte sie in einen Wal­fisch, der lebte im tiefen Meer, und man sah nur, wie er zuweilen einen mächti­gen Wasser­strahl in die Höhe warf. Bei­de hat­ten nur zwei Stun­den jeden Tag ihre men­schliche Gestalt. Der dritte Sohn, da er fürchtete, sie möchte ihn auch in ein reis­sendes Tier ver­wan­deln, in einen Bären oder einen Wolf, so ging er heim­lich fort. Er hat­te aber gehört, dass auf dem Schloss der gold­e­nen Sonne eine ver­wün­schte Königstochter sässe, die auf Erlö­sung har­rte: es müsste aber jed­er sein Leben daran wagen, schon dreiundzwanzig Jünglinge wären eines jäm­mer­lichen Todes gestor­ben und nur noch ein­er übrig, dann dürfte kein­er mehr kom­men. Und da sein Herz ohne Furcht war, so fasste er den Entschluss, das Schloss von der gold­e­nen Sonne aufzusuchen. Er war schon lange Zeit herumge­zo­gen und hat­te es nicht find­en kön­nen, da geri­et er in einen grossen Wald und wusste nicht, wo der Aus­gang war. Auf ein­mal erblick­te er in der Ferne zwei Riesen, die wink­ten ihm mit der Hand, und als er zu ihnen kam, sprachen sie wir stre­it­en um einen Hut, wem er zuge­hören soll, und da wir bei­de gle­ich stark sind, so kann kein­er den andern über­wälti­gen: die kleinen Men­schen sind klüger als wir, daher wollen wir dir die Entschei­dung über­lassen.‘ Wie kön­nt ihr euch um einen alten Hut stre­it­en?, sagte der Jüngling. Du weisst nicht, was er für Eigen­schaften hat, es ist ein Wün­schhut, wer den auf­set­zt, der kann sich hin­wün­schen, wohin er will, und im Augen­blick ist er dort.‘ Gebt mir d en Hut,‘ sagte der Jüngling, ich will ein Stück Wegs gehen, und wenn ich euch dann rufe, so lauft um die Wette, und wer am ersten bei mir ist, dem soll er gehören.‘ Er set­zte den Hut auf und ging fort, dachte aber an die Königstochter, ver­gass die Riesen und ging immer weiter.

Ein­mal seufzte er aus Herzens­grund und rief ach, wäre ich doch auf dem Schloss der gold­e­nen Sonne!‘ Und kaum waren die Worte über seine Lip­pen, so stand er auf einem hohen Berg vor dem Tor des Schlosses.

Er trat hinein und ging durch alle Zim­mer, bis er in dem let­zten die Königstochter fand. Aber wie erschrak er, als er sie anblick­te: sie hat­te ein aschgraues Gesicht voll Run­zeln, trübe Augen und rote Haare. Seid Ihr die Königstochter, deren Schön­heit alle Welt rühmt?‘ rief er aus. Ach,‘ erwiderte sie, das ist meine Gestalt nicht, die Augen der Men­schen kön­nen mich nur in dieser Hässlichkeit erblick­en, aber damit du weisst, wie ich ausse­he, so schau in den Spiegel, der lässt sich nicht irre machen, der zeigt dir mein Bild, wie es in Wahrheit ist.‘ Sie gab ihm den Spiegel in die Hand, und er sah darin das Abbild der schön­sten Jungfrau, die auf der Welt war, und sah, wie ihr vor Trau­rigkeit die Trä­nen über die Wan­gen roll­ten. Da sprach er wie kannst du erlöst wer­den? ich scheue keine Gefahr.‘ Sie sprach wer die kristallne Kugel erlangt und hält sie dem Zauber­er vor, der bricht damit seine Macht, und ich kehre in meine wahre Gestalt zurück. Ach,‘ set­zte sie hinzu, schon so manch­er ist darum in seinen Tod gegan­gen, und du junges Blut, du jam­merst mich, wenn du dich in die grossen Gefährlichkeit­en beg­ib­st.‘ Mich kann nichts abhal­ten,‘ sprach er, aber sage mir, was ich tun muss.‘ Du sollst alles wis­sen,‘ sprach die Königstochter, wenn du den Berg, auf dem das Schloss ste­ht, hin­abgehst, so wird unten an ein­er Quelle ein wilder Aue­rochs ste­hen, mit dem musst du kämpfen. Und wenn es dir glückt, ihn zu töten, so wird sich aus ihm ein feuriger Vogel erheben, der trägt in seinem Leib ein glühen­des Ei, und in dem Ei steckt als Dot­ter die Kristal­lkugel. Er lässt aber das Ei nicht fall­en, bis er dazu gedrängt wird, fällt es aber auf die Erde, so zün­det es und ver­bren­nt alles in sein­er Nähe, und das Ei selb­st zer­schmilzt und mit ihm die kristallne Kugel, und all deine Mühe ist verge­blich gewesen.‘

Der Jüngling stieg hinab zu der Quelle, wo der Aue­rochse schnaubte und ihn anbrüllte. Nach langem Kampf stiess er ihm sein Schw­ert in den Leib, und er sank nieder. Augen­blick­lich erhob sich aus ihm der Feuer­vo­gel und wollte fort­fliegen, aber der Adler, der Brud­er des Jünglings, der zwis­chen den Wolken daher­zog‘ stürzte auf ihn herab, jagte ihn nach dem Meer hin und stiess ihn mit seinem Schn­abel an, so dass er in der Bedräng­nis das Ei fall­en liess. Es fiel aber nicht in das Meer, son­dern auf eine Fis­cher­hütte, die am Ufer stand, und die fing gle­ich an zu rauchen und wollte in Flam­men aufge­hen. Da erhoben sich im Meer haushohe Wellen, strömten über die Hütte und bezwan­gen das Feuer. Der andere Brud­er, der Wal­fisch, war herangeschwom­men und hat­te das Wass­er in die Höhe getrieben. Als der Brand gelöscht war, suchte der Jüngling nach dem Ei und fand es glück­licher­weise: es war noch nicht geschmolzen, aber die Schale war von der pIöt­zlichen Abküh­lung durch das kalte Wass­er zer­bröck­elt, und er kon­nte die Kristal­lkugel unversehrt herausnehmen.

Als der Jüngling zu dem Zauber­er ging und sie ihm vorhielt, so sagte dieser meine Macht ist zer­stört, und du bist von nun an der König vom Schloss der gold­e­nen Sonne. Auch deinen Brüdern kannst du die men­schliche Gestalt damit zurück­geben.‘ Da eilte der Jüngling zu der Königstochter, und als er in ihr Zim­mer trat, so stand sie da in vollem Glanz ihrer Schön­heit, und bei­de wech­sel­ten voll Freude ihre Ringe miteinander.