Die Kornähren

von Ludwig Bechstein

~5 Min

Es war ein­mal eine Zeit, aber das ist schon unden­klich lange her, da tru­gen alle Komhalme, und auch die von anderem Getrei­de, volle goldgelbe Ähren herab bis auf den Boden; da gab es keine Armut und keine Hunger­snot, niemals, und das war die gold­ene Zeit. Da kon­nten sich alle Men­schen mit Wonne sät­ti­gen, und auch die Vögel, die gerne Körn­er fressen, Hüh­n­er und Tauben und andere Vögel, fan­den Fut­ter vollauf.

Aber da waren unter den Men­schen welche, die waren undankbar und gottvergessen und achteten die schöne werte Gottes­gabe, das liebe Getrei­de, für gar nichts. Da gab es Frauen, die nah­men, wenn ihre kleinen Kinder sich verun­reinigt hat­ten, die vollen Ähren­büschel und reinigten damit ihre Kinder und war­fen die Ähren auf den Mist; und die Mägde scheuerten mit den vollen Ähren, und die Buben und kleine Mäd­chen jagten sich durch das liebe Korn, spiel­ten Ver­steck­en darin, wälzten sich darauf herum und zer­trat­en es. Das jam­merte den lieben Gott, der das Getrei­de den Men­schen zur Nahrung gegeben hat­te und dem Vieh zum Fut­ter und nicht zum Verder­ben, und dachte bei sich, wir wollen es anders machen und die goldne Zeit soll ein Ende haben.

Und da schuf der liebe Gott, daß hin­fort jed­er Halm nur eine einzige Ähre trug, ein­mal für die Men­schen, damit sie das liebe Getrei­de bess­er scho­nen lern­ten, und ein­mal für die unschuldigen Tiere, damit sie doch noch ihr Fut­ter haben soll­ten, wenn auch die Men­schen nicht ein­mal die eine Ahre wert wären.

Von da an ist Hunger und Teuerung und Armut in die Welt gekom­men. Nur zuweilen und sel­ten läßt der liebe Gott da oder dort einen Wun­der­halm mit vie­len, vie­len Ähren emporschießen und zeigt so dem Men­schen, wie es einst beschaf­fen war um das Getrei­de und was Er kann. Und es geht eine alte Prophezei­hung unter dem Volke, daß ein­mal nach lan­gen Jahren, wenn das Engei­wort sich erfüllt haben wird: Ehre sei Gott in der Höhe, Friede auf Erden und unter allen Men­schen Wohlwollen, Seg­nung und Liebe, daß dann der Boden auch wieder von Gott erweckt wer­den solle, solche HaIrne zu tra­gen, die bis zur Wurzel voll Ähren sind. Unser kein­er aber wird das erleben.