Die Kornähre

von Brüder Grimm

~3 Min

Vorzeit­en, als Gott noch selb­st auf Erden wan­delte, da war die Frucht­barkeit des Bodens viel gröss­er als sie jet­zt ist: damals tru­gen die Ähren nicht fün­fzig- oder sechzigfältig, son­dern vier- bis fünfhun­dert­fältig. Da wuch­sen die Körn­er am Halm von unten bis oben hin­auf: so lang er war, so lang war auch die Ähre. Aber wie die Men­schen sind, im Über­fluss acht­en sie des Segens nicht mehr, der von Gott kommt, wer­den gle­ichgültig und leichtsin­nig. Eines Tages ging eine Frau an einem Korn­feld vor­bei, und ihr kleines Kind, das neben ihr sprang, fiel in eine Pfütze und beschmutzte sein Klei­d­chen. Da riss die Mut­ter eine Hand­voll der schö­nen Ähren ab und reinigte ihm damit das Kleid. Als der Herr, der eben vorüberkam, das sah, zürnte er und sprach for­t­an soll der Korn­halm keine Ähre mehr tra­gen: die Men­schen sind der himm­lis­chen Gabe nicht länger wert.‘ Die Umste­hen­den, die das hörten, erschrak­en, fie­len auf die Knie und fle­ht­en, dass er noch etwas möchte an dem Halm ste­hen lassen: wenn sie selb­st es auch nicht ver­di­en­ten, doch der unschuldigen Hüh­n­er wegen, die son­st ver­hungern müssten. Der Herr, der ihr Elend voraus­sah, erbarmte sich und gewährte die Bitte. Also blieb noch oben die Ähre übrig, wie sie jet­zt wächst.