Die klugen Leute

von Brüder Grimm

~7 Min

Eines Tages holte ein Bauer seinen hage­büch­nen Stock aus der Ecke und sprach zu sein­er Frau Trine, ich gehe jet­zt über Land und komme erst in drei Tagen wieder zurück. Wenn der Viehhändler in der Zeit bei uns ein­spricht und will unsere drei Kühe kaufen, so kannst du sie loss­chla­gen, aber nicht anders als für zwei­hun­dert Taler, geringer nicht, hörst du?‘ Geh nur in Gottes Namen,‘ antwortete die Frau, ich will das schon machen.‘ Ja, du!‘ sprach der Mann, du bist als ein kleines Kind ein­mal auf den Kopf gefall­en, das hängt dir bis auf diese Stunde nach. Aber das sage ich dir, machst du dummes Zeug, so stre­iche ich dir den Rück­en blau an, und das ohne Farbe, bloss mit dem Stock, den ich da in der Hand habe, und der Anstrich soll ein ganzes Jahr hal­ten, darauf kannst du dich ver­lassen.‘ Damit ging der Mann seine Wege.

Am andern Mor­gen kam der Viehhändler, und die Frau brauchte mit ihm nicht viel Worte zu machen. Als er die Kühe bese­hen hat­te und den Preis ver­nahm, sagte er das gebe ich gerne, so viel sind sie unter Brüdern wert. Ich will die Tiere gle­ich mit­nehmen.‘ Er machte sie von der Kette los und trieb sie aus dem Stall. Als er eben zum Hoftor hin­aus wollte, fasste ihn die Frau am Ärmel und sprach Ihr müsst mir erst die zwei­hun­dert Taler geben, son­st kann ich Euch nicht gehen lassen.‘ Richtig,‘ antwortete der Mann, ich habe nur vergessen, meine Geld­katze umzuschnallen. Aber macht Euch keine Sorge, Ihr sollt Sicher­heit haben, bis ich zahle. Zwei Kühe nehme ich mit, und die dritte lasse ich Euch zurück, so habt Ihr ein gutes Pfand.‘ Der Frau leuchtete das ein, sie liess den Mann mit seinen Kühen abziehen und dachte wie wird sich der Hans freuen, wenn er sieht, dass ich es so klug gemacht habe.‘ Der Bauer kam den drit­ten Tag, wie er gesagt hat­te, nach Haus und fragte gle­ich, ob die Kühe verkauft wären. Freilich, lieber Hans,‘ antwortete die Frau, und wie du gesagt hast, für zwei­hun­dert Taler. So viel sind sie kaum wert, aber der Mann nahm sie ohne Widerrede.‘ Wo ist das Geld?‘ fragte der Bauer. Das Geld, das habe ich nicht,‘ antwortete die Frau, er hat­te ger­ade seine Geld­katze vergessen, wirds aber bald brin­gen; er hat mir ein gutes Pfand zurück­ge­lassen.‘ Was für ein Pfand?‘ fragte der Mann. Eine von den drei Kühen, die kriegt er nicht eher, als bis er die andern bezahlt hat. Ich habe es klug gemacht, ich habe die kle­in­ste zurück­be­hal­ten, die frisst am wenig­sten.‘ Der Mann ward zornig, hob seinen Stock in die Höhe und wollte ihr damit den ver­heis­se­nen Anstrich geben. Plöt­zlich liess er ihn sinken und sagte du bist die dumm­ste Gans, die auf Gottes Erd­bo­den herumwack­elt, aber du dauerst mich. Ich will auf die Land­strasse gehen und drei Tage lang warten, ob ich jemand finde, der noch ein­fältiger ist, als du bist. Glückt mirs, so sollst du frei sein, find ich ihn aber nicht, so sollst du deinen wohlver­di­en­ten Lohn ohne Abzug erhalten.‘

Er ging hin­aus auf die grosse Strasse, set­zte sich auf einen Stein und wartete auf die Dinge, die kom­men soll­ten. Da sah er einen Leit­er­wa­gen her­an­fahren, und eine Frau stand mit­ten darauf, statt auf dem Gebund Stroh zu sitzen, das dabei lag, oder neben den Ochsen zu gehen und sie zu leit­en. Der Mann dachte das ist wohl eine, wie du sie suchst,‘ sprang auf und lief vor dem Wagen hin und her, wie ein­er, der nicht recht gescheit ist. Was wollt Ihr, Gevat­ter,‘ sagte die Frau zu ihm, ich kenne Euch nicht, von wo kommt Ihr her?‘ Ich bin von dem Him­mel gefall­en,‘ antwortete der Mann, und weiss nicht, wie ich wieder hinkom­men soll; kön­nt Ihr mich nicht hin­auf­fahren?, Nein,‘ sagte die Frau, ich weiss den Weg nicht. Aber wenn Ihr aus dem Him­mel kommt, so kön­nt Ihr mir wohl sagen, wie es meinem Mann geht, der schon seit drei Jahren dort ist: Ihr habt ihn gewiss gese­hen?‘ Ich habe ihn wohl gese­hen, aber es kann nicht allen Men­schen gut gehen. Er hütet die Schafe, und das liebe Vieh macht ihm viel zu schaf­fen, das springt auf die Berge und verir­rt sich in der Wild­nis, und da muss er hin­ter­her­laufen und es wieder zusam­men­treiben. Abgeris­sen ist er auch, und die Klei­der wer­den ihm bald vom Leib fall­en. Schnei­der gibt es dort nicht, der heilige Petrus lässt keinen hinein, wie Ihr aus dem Märchen wisst.‘ Wer hätte sich das gedacht!‘ rief die Frau, wisst Ihr was? ich will seinen Son­ntagsrock holen, der noch daheim im Schrank hängt, den kann er dort mit Ehren tra­gen. Ihr seid so gut und nehmt ihn mit.‘ Das geht nicht wohl,‘ antwortete der Bauer, Klei­der darf man nicht in den Him­mel brin­gen, die wer­den einem vor dem Tor abgenom­men.‘ Hört mich an,‘ sprach die Frau, ich habe gestern meinen schö­nen Weizen verkauft und ein hüb­sches Geld dafür bekom­men, das will ich ihm schick­en. Wenn Ihr den Beu­tel in die Tasche steckt, so wirds kein Men­sch gewahr.‘ Kanns nicht anders sein,‘ erwiderte der Bauer, so will ich Euch wohl den Gefall­en tun.‘ Bleibt nur da sitzen,‘ sagte sie, ich will heim fahren und den Beu­tel holen; ich bin bald wieder hier. Ich set­ze mich nicht auf das Bund Stroh, son­dern ste­he auf dem Wagen, so hats das Vieh leichter.‘ Sie trieb ihre Ochsen an, und der Bauer dachte die hat Anlage zur Nar­rheit, bringt sie das Geld wirk­lich, so kann meine Frau von Glück sagen, denn sie kriegt keine SchIäge.‘ Es dauerte nicht lange, so kam sie gelaufen, brachte das Geld und steck­te es ihm selb­st in die Tasche. Eh sie weg­ging, dank­te sie ihm noch tausend­mal für seine Gefälligkeit.

Als die Frau wieder heim kam, so fand sie ihren Sohn, der aus dem Feld zurück­gekehrt war. Sie erzählte ihm, was sie für uner­wartete Dinge erfahren hätte, und set­zte dann hinzu ich freue mich recht, dass ich Gele­gen­heit gefun­den habe, meinem armen Mann etwas zu schick­en, wer hätte sich vorgestellt, dass er im Him­mel an etwas Man­gel lei­den würde?‘ Der Sohn war in der grössten Ver­wun­derung, Mut­ter,‘ sagte er, so ein­er aus dem Him­mel kommt nicht alle Tage, ich will gle­ich hin­aus und sehen, dass ich den Mann noch finde: der muss mir erzählen, wies dort aussieht und wies mit der Arbeit geht.‘ Er sat­telte das Pferd und ritt in aller Hast fort. Er fand den Bauer, der unter einem Wei­den­baum sass und das Geld, das im Beu­tel war, zählen wollte. Habt Ihr nicht den Mann gese­hen,‘ rief ihm der Junge zu, der aus dem Him­mel gekom­men ist?‘ Ja,‘ antwortete der Bauer, der hat sich wieder auf den Rück­weg gemacht und ist den Berg dort hin­aufge­gan­gen, von wo ers etwas näher hat. Ihr kön­nt ihn noch ein­holen, wenn Ihr scharf reit­et‘ Ach,‘ sagte der Junge, ich habe mich den ganzen Tag abgeäschert, und der Ritt hier­her hat mich vol­lends müde gemacht: Ihr ken­nt den Mann, seid so gut und set­zt Euch auf mein Pferd und überre­det ihn, dass er hier­her kommt.‘ Aha,‘ meinte der Bauer, das ist auch ein­er, der keinen Docht in sein­er Lampe hat. Warum sollte ich Euch den Gefall­en nicht tun?‘ sprach er, stieg auf und ritt im stärk­sten Trab fort. Der Junge blieb sitzen, bis die Nacht ein­brach, aber der Bauer kam nicht zurück. Gewiss,‘ dachte er, hat der Mann aus dem Him­mel grosse Eile gehabt und nicht umkehren wollen, und der Bauer hat ihm das Pferd mit­gegeben, um es meinem Vater zu brin­gen.‘ Er ging heim und erzählte sein­er Mut­ter, was geschehen war: das Pferd habe er dem Vater geschickt, damit er nicht immer herumzu­laufen brauche. Du hast wohl getan,‘ antwortete sie, du hast noch junge Beine und kanns t zu Fuss gehen.‘

Als der Bauer nach Haus gekom­men war, stellte er das Pferd in den Stall neben die verpfän­dete Kuh, ging dann zu sein­er Frau und sagte Trine, das war dein Glück, ich habe zwei gefun­den, die noch ein­fältigere Nar­ren sind als du: dies­mal kommst du ohne SchIäge davon, ich will sie für eine andere Gele­gen­heit auf­s­paren.‘ Dann zün­dete er seine Pfeife an, set­zte sich in den Gross­vater­stuhl und sprach das war ein gutes Geschäft, für zwei magere Kühe ein glattes Pferd und dazu einen grossen Beu­tel voll Geld. Wenn die Dummheit immer soviel ein­brächte, so wollte ich sie gerne in Ehren hal­ten. So dachte der Bauer, aber dir sind gewiss die Ein­fälti­gen lieber.