Die kluge Meise und der Fuchs

von Josef Haltrich

~5 Min

Der Fuchs hat­te lange nichts gefressen und kam heißhun­grig an einen Baum, wo eine Meise ihr Nest hat­te. Gib deine Jun­gen gle­ich her!“ rief er der alten Meise zu, son­st schlage ich mit meinem Schwanz den Baum um und fresse dich!“ Die Meise erschrak sehr und kon­nte lange kein Wort sprechen; endlich, als sie sich erholt hat­te, sagte sie: Aber, lieber Fuchs, lasse mir meine Jun­gen, sie sind ja so winzig klein, daß du an ihnen deinen Hunger doch nicht stillen kannst; willst du mir fol­gen, so ver­schaffe ich dir reich­liche Speise!“ – Laß sehen!“ sprach der Fuchs. Die Meise flog nun an die Land­straße, der Fuchs fol­gte von weit­em nach. Da saßen zwei Frauen, die hat­ten neben sich Körbe mit Back­w­erk. Die Meise flog in die Nähe und hüpfte hin und her, als ob sie nicht recht fliegen könne. Die Frauen beka­men Lust, das kleine Vöglein zu fan­gen, um ihren Kindern damit eine Freude zu machen; sie standen auf und eil­ten dem­sel­ben nach, um es zu erhaschen; doch das hüpfte immer weit­er fort. Der Fuchs schlich indes zu den Kör­ben her­an, fraß alles, was drin­nen war, und wurde satt. Als das die Meise gese­hen hat­te, hob sie sich hoch in die Luft und flog zu ihrem Nest; die bei­den Frauen macht­en lange Gesichter, und als sie ihre Körbe umge­wor­fen und leer fan­den, da erst ärg­erten sie sich über ihre Torheit.

Der Fuchs aber kam zum Baum und rief der Meise zu: Hoho! du bist noch nicht frei, schaffe mir nun auch zu trinken!“ – So folge mir!“ sprach die Meise und flog wieder an die Land­straße; da fuhr eben ein Mann und hat­te auf dem Wagen ein Faß voll Wein. Die Meise set­zte sich seitwärts auf das Faß und fing an zu pick­en. Der Mann schlug nach ihr mit der Geißel; allein sie huschte glück­lich weg und war gle­ich wieder da. Nun ward er zornig, nahm seine Axt und wollte sie totschla­gen; aber die Meise entkam, und er schlug das Faß ein, und der Wein strömte zu Boden. Als er weit­er gefahren, kam der Fuchs her­an und soff sich voll. Bist du jet­zt zufrieden?“ fragte die Meise. Hoho! noch nicht!“ rief der Fuchs, jet­zt will ich auch ein­mal lachen!“ – So folge mir!“ sprach die Meise zum Fuchs, und sie flog zu ein­er säch­sis­chen Tenne; der Fuchs schlich her­an und kroch auf den Hah­nen­balken; da droschen zwei ungarische Dresch­er, ein junger und ein alter mit einem Kahlkopf. Die Meise set­zte sich nun dem Alten auf die Glatze; vergebens griff und schlug er nach ihr; sie huschte flink fort, und wie er anf­ing zu dreschen, saß sie ihm wieder auf der Glatze. Da ward er ärg­er­lich und rief seinem jun­gen Kam­er­aden zu:
Üset, Pista!“ (ungarisch: Schlage, Stefan!)

Der schlug mit dem Dreschflegel nach der Meise; allein die entkam glück­lich, und er traf den Alten auf die Glatze, daß der gle­ich zu Boden fiel. Da lachte der Fuchs oben auf dem Hah­nen­balken so gewaltig, daß er sich nicht mehr hal­ten kon­nte; er plump­ste hinab in die Tenne, und der Pista, nicht faul, klopfte ihm mit dem Dreschflegel den Pelz aus, daß ihm das Lachen verg­ing. Nur mit genauer Not kam er davon; die Meise aber flog vergnügt zu ihrem Nest.