Die kluge Else

von Brüder Grimm

~7 Min

Es war ein Mann, der hat­te eine Tochter, die hiess die kluge Else. Als sie nun erwach­sen war, sprach der Vater: Wir wollen sie heirat­en lassen.“ – Ja,“ sagte die Mut­ter, wenn nur ein­er käme, der sie haben wollte!“ Endlich kam von wei­ther ein­er, der hiess Hans und hielt um sie an; er machte aber die Bedin­gung, dass die kluge Else auch recht gescheit wäre. O,“ sprach der Vater, die hat Zwirn im Kopf,“ und die Mut­ter sagte: Ach, die sieht den Wind auf der Gasse laufen und hört die Fliegen hus­ten.“ – Ja,“ sprach der Hans, wenn sie nicht recht gescheit ist, so nehme ich sie nicht.“ 

Als sie nun zu Tisch sassen und gegessen hat­ten, sprach die Mut­ter: Else, geh in den Keller und hol Bier!“ Da nahm die kluge Else den Krug von der Wand, ging in den Keller und klappte unter­wegs brav mit dem Deck­el, damit ihr die Zeit ja nicht lang würde. Als sie unten war, holte sie ein Stühlchen und stellte es vors Fass, damit sie sich nicht zu bück­en brauchte und ihrem Rück­en etwa nicht wehe täte und unver­hofften Schaden nähme. Dann stellte sie die Kanne vor sich und drehte den Hahn auf, und während der Zeit, dass das Bier hinein­lief, wollte sie doch ihre Augen nicht müs­sig lassen, sah oben an die Wand hin­auf und erblick­te nach vielem Hin- und Her­schauen eine Kreuzhacke ger­ade über sich, welche die Mau­r­er da aus Verse­hen hat­ten steck­en lassen. Da fing die kluge Else an zu weinen und sprach: Wenn ich den Hans kriege, und wir kriegen ein Kind, und das ist gross, und wir schick­en das Kind in den Keller, dass es hier soll Bier zapfen, so fällt ihm die Kreuzhacke auf den Kopf und schlägt’s tot.“ Da sass sie und weinte und schrie aus Leibeskräften über das bevorste­hende Unglück. 

Die oben warteten auf den Trank, aber die kluge Else kam immer nicht. Da sprach die Frau zur Magd: Geh doch hin­unter in den Keller und sieh, wo die Else bleibt!“ Die Magd ging und fand sie vor dem Fasse sitzend und laut schreiend. Else, was weinst du?“ fragte die Magd. Ach,“ antwortete sie, soll ich nicht weinen? Wenn ich den Hans kriege, und wir kriegen ein Kind, und das ist gross, und soll hier Trinken zapfen, so fällt ihm vielle­icht die Kreuzhacke auf den Kopf und schlägt es tot.“ Da sprach die Magd: Was haben wir für eine kluge Else!“ set­zte sich zu ihr und fing auch an, über das Unglück zu weinen. Über eine Weile, als die Magd nicht wiederkam, und die droben durstig nach dem Trank waren, sprach der Mann zum Knecht: Geh doch hin­unter in den Keller und sieh, wo die Else und die Magd bleibt!“ Der Knecht ging hinab, da sass die kluge Else und die Magd, und wein­ten bei­de zusam­men. Da fragte er: Was weint ihr denn?“ -„Ach,“ sprach die Else, soll ich nicht weinen? Wenn ich den Hans kriege, und wir kriegen ein Kind, und das ist gross, und soll hier Trinken zapfen, so fällt ihm die Kreuzhacke auf den Kopf und schlägt’s tot.“ Da sprach der Knecht: Was haben wir für eine kluge Else!“ set­zte sich zu ihr und fing auch an laut zu heulen.

Oben warteten sie auf den Knecht, als er aber immer nicht kam, sprach der Mann zur Frau: Geh doch hin­unter in den Keller und sieh, wo die Else bleibt!“ Die Frau ging hinab und fand alle drei in Wehk­la­gen und fragte nach der Ursache; da erzählte ihr die Else auch, dass ihr zukün­ftiges Kind wohl würde von der Kreuzhacke tot­geschla­gen wer­den, wenn es erst gross wäre und Bier zapfen sollte und die Kreuzhacke fiele herab. Da sprach die Mut­ter gle­ich­falls: Ach, was haben wir für eine kluge Else!“ set­zte sich hin und weinte mit. 

Der Mann oben wartete noch ein Weilchen, als aber seine Frau nicht wiederkam und sein Durst immer stärk­er ward, sprach er: Ich muss nun sel­ber in den Keller gehn und sehen, wo die Else bleibt.“ Als er aber in den Keller kam und alle da beieinan­der sassen und wein­ten und er die Ursache hörte, dass das Kind der Else schuldig wäre, das sie vielle­icht ein­mal zur Welt brächte und von der Kreuzhacke kön­nte tot­geschla­gen wer­den, wenn es ger­ade zur Zeit, wo sie her­ab­fiele, darunter sässe, Bier zu zapfen, da rief er: Was für eine kluge Else!“ set­zte sich und weinte auch mit. 

Der Bräutigam blieb lange oben allein, da nie­mand wiederkom­men wollte, dachte er: Sie wer­den unten auf dich warten, du musst auch hinge­hen und sehen, was sie vorhaben.“ Als er hin­abkam, sassen da fünfe und schrien und jam­merten ganz erbärm­lich, ein­er immer bess­er als der andere. Was für ein Unglück ist denn geschehen?“ fragte er. Ach, lieber Hans,“ sprach die Else, wenn wir einan­der heirat­en und haben ein Kind, und es ist gross, und wir schicken’s vielle­icht hier­her, Trinken zu zapfen, da kann ihm ja die Kreuzhacke, die da oben ist steck­en geblieben, wenn sie her­ab­fall­en sollte, den Kopf zer­schla­gen, dass es liegen bleibt; sollen wir da nicht weinen?“ – Nun,“ sprach Hans, mehr Ver­stand ist für meinen Haushalt nicht nötig; weil du so eine kluge Else bist, so will ich dich haben,“ pack­te sie bei der Hand und nahm sie mit hin­auf und hielt Hochzeit mit ihr.

Als sie den Hans eine Weile hat­te, sprach er: Frau, ich will aus­ge­hen, arbeit­en und uns Geld ver­di­enen, geh du ins Feld, und schneid das Korn, dass wir Brot haben.“ – Ja, mein lieber Hans, das will ich tun.“ Nach­dem der Hans fort war, kochte sie sich einen guten Brei und nahm ihn mit ins Feld. Als sie vor den Ack­er kam, sprach sie zu sich selb­st: Was tu ich? Schneid ich ehr, oder ess ich ehr? Hei, ich will erst essen.“ Nun ass sie ihren Topf mit Brei aus, und als sie dick satt war, sprach sie wieder: Was tu ich? Schneid ich ehr, oder schlaf ich ehr? Hei, ich will erst schlafen.“ Da legte sie sich ins Korn und schlief ein. Der Hans war längst zu Haus, aber die Else wollte nicht kom­men, da sprach er: Was hab ich für eine kluge Else, die ist so fleis­sig, dass sie nicht ein­mal nach Haus kommt und isst.“ Als sie aber noch immer aus­blieb und es Abend ward, ging der Hans hin­aus und wollte sehen, was sie geschnit­ten hätte. Aber es war nichts geschnit­ten, son­dern sie lag im Korn und schlief. 

Da eilte Hans geschwind heim und holte ein Vogel­garn mit kleinen Schellen und hängte es um sie herum; und sie schlief noch immer fort. Dann lief er heim, schloss die Haustüre zu und set­zte sich auf seinen Stuhl und arbeit­ete. Endlich, als es schon ganz dunkel war, erwachte die kluge Else, und als sie auf­s­tand, rap­pelte es um sie herum, und die Schellen klin­gel­ten bei jedem Schritte, den sie tat. Da erschrak sie, ward irre, ob sie auch wirk­lich die kluge Else wäre und sprach: Bin ich’s oder bin ich’s nicht?“ Sie wusste aber nicht, was sie darauf antworten sollte und stand eine Zeit­lang zweifel­haft. Endlich dachte sie: Ich will nach Hause gehen und fra­gen, ob ich’s bin, oder ob ich’s nicht bin, die werden’s ja wis­sen. Sie lief vor ihre Haustüre, aber die war ver­schlossen. Da klopfte sie an das Fen­ster und rief: Hans, ist die Else drin­nen?“ – Ja,“ antwortete der Hans, sie ist drin­nen.“ Da erschrak sie und sprach: Ach Gott, dann bin ich’s nicht,“ und ging vor eine andere Tür; als aber die Leute das Klin­geln der Schellen hörten, woll­ten sie nicht auf­machen, und sie kon­nte nir­gends unterkom­men. Da lief sie fort zum Dorf hin­aus, und nie­mand hat sie wieder gesehen.