Die kluge Bauerntochter

von Brüder Grimm

~7 Min

Es war ein­mal ein armer Bauer, der hat­te kein Land, nur ein kleines Häuschen und eine alleinige Tochter, da sprach die Tochter wir soll­ten den Her­rn König um ein Stückchen Rot­t­land bit­ten.‘ Da der König ihre Armut hörte, schenk­te er ihnen auch ein Eckchen Rasen, den hack­te sie und ihr Vater um, und woll­ten ein wenig Korn und der Art Frucht darauf säen. Als sie den Ack­er beinah herum hat­ten, so fan­den sie in der Erde einen Mörsel von purem Gold. Hör,‘ sagte der Vater zu dem Mäd­chen, weil unser Herr König ist so gnädig gewe­sen und hat uns diesen Ack­er geschenkt, so müssen wir ihm den Mörsel dafür geben.‘ Die Tochter aber wollte es nicht bewil­li­gen und sagte Vater, wenn wir den Mörsel haben den Stöss­er nicht‘ dann müssen wir auch den Stöss­er her­beis­chaf­fen, darum schweigt lieber still.‘ Er wollt ihr aber nicht gehorchen, nahm den Mörsel, trug ihn zum Her­rn König und sagte, den hätte er gefun­den in der Hei­de, ob er ihn als eine Verehrung annehmen wollte. Der König nahm den Mörsel und fragte, ob er nichts mehr gefun­den hätte. Nein,‘ antwortete der Bauer. Da sagte der König, er solle nun auch den Stöss­er her­beis­chaf­fen. Der Bauer sprach, den hät­ten sie nicht gefun­den; aber das half ihm so viel, als hätt ers in den Wind gesagt, er ward ins Gefäng­nis geset­zt, und sollte so lange da sitzen, bis er den Stöss­er her­beigeschafft hätte. Die Bedi­en­ten mussten ihm täglich Wass­er und Brot brin­gen, was man so in dem Gefäng­nis kriegt, da hörten sie, wie der Mann als fort schrie ach, hätt ich mein­er Tochter gehört! ach, ach, hätt ich mein­er Tochter gehört!, Da gin­gen die Bedi­en­ten zum König und sprachen das, wie der Gefan­gene als fort schrie ach, hätt ich doch mein­er Tochter gehört!‘ und wollte nicht essen und nicht trinken. Da befahl er den Bedi­en­ten, sie soll­ten den Gefan­genen vor ihn br ingen, und da fragte ihn der Herr König, warum er also fort schrie ach, hätt ich mein­er Tochter gehört!‘ Was hat Eure Tochter denn gesagt?‘ Ja, sie hat gesprochen, ich sollte den Mörsel nicht brin­gen, son­st müsst ich auch den Stöss­er schaf­fen.‘ Habt Ihr so eine kluge Tochter, so lasst sie ein­mal herkom­men.‘ Also musste sie vor den König kom­men, der fragte sie, ob sie denn so klug wäre, und sagte, er wollte ihr ein Rät­sel aufgeben, wenn sie das tre­f­fen kön­nte, dann wollte er sie heirat­en. Da sprach sie gle­ich ja, sie wollts errat­en. Da sagte der König komm zu mir, nicht gek­lei­det, nicht nack­end, nicht gerit­ten, nicht gefahren, nicht in dem Weg, nicht auss­er dem Weg, und wenn du das kannst, will ich dich heirat­en.‘ Da ging sie hin, und zog sich aus splin­ter­nack­end, da war sie nicht gek­lei­det, und nahm ein gross­es Fis­chgarn, und set­zte sich hinein und wick­elte es ganz um sich herum, da war sie nicht nack­end: und borgte einen Esel fürs Geld und band dem Esel das Fis­chgarn an den Schwanz, darin er sie fortschlep­pen musste und war das nicht gerit­ten und nicht gefahren: der Esel musste sie aber in der Fahrgleise schlep­pen, so dass sie nur mit der grossen Zehe auf die Erde kam, und war das nicht in dem Weg und nicht auss­er dem Wege. Und wie sie so daherkam, sagte der König, sie hätte das Rät­sel getrof­fen, und es wäre alles erfüllt. Da liess er ihren Vater los aus dem Gefäng­nis, und nahm sie bei sich als seine Gemahlin und befahl ihr das ganze königliche Gut an.

Nun waren etliche Jahre herum, als der Herr König ein­mal auf die Parade zog, da trug es sich zu, dass Bauern mit ihren Wagen vor dem Schloss hiel­ten, die hat­ten Holz verkauft; etliche hat­ten Ochsen vorges­pan­nt, und etliche Pferde. Da war ein Bauer, der hat­te drei Pferde, davon kriegte eins ein junges Füllchen, das lief weg und legte sich mit­ten zwis­chen zwei Ochsen, die vor dem Wagen waren. Als nun die Bauern zusam­menka­men, fin­gen sie an sich zu zanken, zu schmeis­sen und zu lär­men, und der Ochsen­bauer wollte das Füllchen behal­ten und sagte, die Ochsen hät­tens gehabt: und der andere sagte nein, seine Pferde hät­tens gehabt, und es wäre sein. Der Zank kam vor den König, und er tat den Ausspruch, wo das Füllen gele­gen hätte, da sollt es bleiben; und also bekams der Ochsen­bauer, dems doch nicht gehörte. Da ging der andere weg, weinte und lamen­tierte über sein Füllchen. Nun hat­te er gehört, wie dass die Frau Köni­gin so gnädig wäre, weil sie auch von armen Bauer­sleuten gekom­men wäre: ging er zu ihr und bat sie, ob sie ihm nicht helfen kön­nte, dass er sein Füllchen wieder­bekäme. Sagte sie ja, wenn Ihr mir ver­sprecht, dass Ihr mich nicht ver­rat­en wollt, so will ichs Euch sagen. Mor­gen früh, wenn der König auf der Wacht­pa­rade ist, so stellt Euch hin mit­ten in die Strasse, wo er vor­beikom­men muss, nehmt ein gross­es Fis­chgarn und tut, als fis­chtet Ihr, und fis­cht also fort und schüt­tet das Garn aus, als wenn Ihrs voll hät­tet,‘ und sagte ihm auch, was er antworten sollte, wenn er vom König gefragt würde. Also stand der Bauer am andern Tag da und fis­chte auf einem trock­e­nen Platz. Wie der König vor­beikam und das sah, schick­te er seinen Laufer hin, der sollte fra­gen, was der när­rische Mann vorhätte. Da gab er zur Antwort ich fis­che.‘ Fragte der Laufer, wie er fis­chen kön­nte, es wäre ja kein Wass­er da. Sagte der Bauer so gu t als zwei Ochsen kön­nen ein Füllen kriegen, so gut kann ich auch auf dem trock­e­nen Platz fis­chen.‘ Der Laufer ging hin und brachte dem König die Antwort, da liess er den Bauer vor sich kom­men und sagte ihm, das hätte er nicht von sich, von wem er das hätte: und sollts gle­ich beken­nen. Der Bauer aber wollts nicht tun und sagte immer: Gott bewahr! er hätt es von sich. Sie legten ihn aber auf ein Gebund Stroh und schlu­gen und drangsalten ihn so lange, bis ers bekan­nte, dass ers von der Frau Köni­gin hätte. Als der König nach Haus kam, sagte er zu sein­er Frau warum bist du so falsch mit mir, ich will dich nicht mehr zur Gemahlin: deine Zeit ist um, geh wieder hin, woher du gekom­men bist, in dein Bauern­häuschen.‘ Doch erlaubte er ihr eins, sie sollte sich das Lieb­ste und Beste mit­nehmen, was sie wüsste, und das sollte ihr Abschied sein. Sie sagte ja, lieber Mann,‘ wenn dus so befiehlst, will ich es auch tun,‘ und fiel über ihn her und küsste ihn und sprach, sie wollte Abschied von ihm nehmen. Dann liess sie einen starken Schlaftrunk kom­men, Abschied mit ihm zu trinken: der König tat einen grossen Zug, sie aber trank nur ein wenig. Da geri­et er bald in einen tiefen Schlaf, und als sie das sah, rief sie einen Bedi­en­ten und nahm ein schönes weiss­es Lin­nen­tuch und schlug ihn da hinein, und die Bedi­en­ten mussten ihn in einen Wagen vor die Türe tra­gen, und fuhr sie ihn heim in ihr Häuschen. Da legte sie ihn in ihr Bettchen, und er schlief Tag und Nacht in einem fort, und als er aufwachte, sah er sich um und sagte ach Gott, wo bin ich denn?‘ rief seinen Bedi­en­ten, aber es war kein­er da. Endlich kam seine Frau vors Bett und sagte lieber Herr König, Ihr habt mir befohlen, ich sollte das Lieb­ste und Beste aus dem Schloss mit­nehmen, nun hab ich nichts Besseres und Lieberes als dich, da hab ich dich mitgenom­men.‘ Dem König stiegen die Trä­nen in die Augen, und er sagte liebe Frau, d u sollst mein sein und ich dein,‘ und nahm sie wieder mit ins königliche Schloss und liess sich aufs neue mit ihr ver­mählen; und wer­den sie ja wohl noch auf den heuti­gen Tag leben.