Die kleine Meerjungfrau

von Johann Wilhelm Wolf

~5 Min

Die kleine Meer­jungfrau ist die jüng­ste und anmutig­ste der sechs Töchtern des Meerkönigs. Sie hat, wie alle Meer­men­schen, keine Füße, son­dern einen Fis­chschwanz. Sie besitzt als einzige die Mar­morstat­ue eines Jünglings, welche im Meer ver­sunken ist. Durch Erzäh­lun­gen von der Ober­fläche („Die Blu­men duften und die Fis­che (=Vögel) sin­gen wun­der­bar“) weckt ihre Groß­mut­ter weit­er die Sehn­sucht nach der Men­schen­welt. Mit fün­fzehn Jahren dür­fen die Töchter nachts hin­auf und am Strand liegen – die älteren Schwest­ern, welche früher dieses Alter erre­ichen, erzählen ihr Wun­derdinge von der lär­menden beleuchteten Stadt, den Vögeln, dem Son­nenun­ter­gang, Kindern und Eisbergen. 

Als sie endlich selb­st das Alter erre­icht, steigt sie empor und beobachtet die Matrosen auf einem Schiff – am besten gefällt ihr aber der Prinz mit den dun­klen Augen, der ger­ade seinen sechzehn­ten Geburt­stag feiert. Jedoch zieht ein Sturm auf, das Schiff sinkt, und die Meer­jungfrau erin­nert sich, daß Men­schen nur tot auf den Meeres­grund gelan­gen kön­nen, und bringt den Prinzen an den Strand. Sie beobachtet, wie ein Mäd­chen ihn find­et und ist trau­rig, daß sie sich anlächeln – der Prinz weiß schließlich nicht, wer ihn gerettet hat. Die Meer­jungfrau find­et her­aus, wo das Schloß ste­ht und besucht die Gegend immer wieder. Sie erfährt, daß die Meer­men­schen im Gegen­satz zu den nor­malen Men­schen keine Seele besitzen, die nach ihrem Tod in die Luft auf­steigt – die einzige Möglichkeit, eine solche zu erlan­gen, ist, von einem Men­schen geliebt zu wer­den. So beg­ibt sie sich zur Meer­hexe, die sie bish­er stets fürchtete, und läßt sich einen Trunk brauen, der ihr Beine wach­sen läßt statt ihrem Fischschwanz. 

Die Ver­wand­lung ist jedoch unumkehrbar – sie wird nie wieder zu ihrem Vater und ihren Schwest­ern zurück­kehren kön­nen. Falls der Prinz sich nicht in sie ver­liebt, bekommt sie keine unsterbliche Seele und wird zu Schaum auf dem Meere wer­den. Außer­dem muß sie ihre Stimme hergeben. Stumm trifft sie also den Prinzen und wird von ihm in sein Schloß geführt. Dort bleibt sie bei ihm, aber der Prinz liebt nur das unbekan­nte Mäd­chen, daß er am Strand sah und für seine Ret­terin hält. Später stellt sich her­aus, dieses Mäd­chen ist die Prinzessin des Nach­barkön­i­gre­ich­es, und der Prinz heiratet sie. Da der erste Son­nen­strahl nach sein­er Hochzeit­snacht der kleinen Meer­jungfrau den Tod brin­gen soll, geben ihre Schwest­ern ihr den Rat, den Prinz zu töten: Das würde sie wieder in ein Meer­we­sen ver­wan­deln und ret­ten. Sie bringt es aber nicht fer­tig, springt ins Wass­er und löst sich in Schaum auf. Dort stirbt sie jedoch nicht, son­dern ver­wan­delt sich in einen Luft­geist – die wiederum die Möglichkeit haben, durch Bemühen um gute Men­schen eine unsterbliche Seele zu erlangen.