Die klare Sonne bringt’s an den Tag

von Brüder Grimm

~3 Min

Ein Schnei­derge­sell reiste in der Welt auf sein Handw­erk herum, und kon­nte er ein­mal keine Arbeit find­en, und war die Armut bei ihm so gross, dass er keinen Heller Zehrgeld hat­te. In der Zeit begeg­nete ihm auf dem Weg ein Jude, und da dachte er, der hätte viel Geld bei sich, und stiess Gott aus seinem Herzen, ging auf ihn los und sprach gib mir dein Geld, oder ich schlag dich tot.‘ Da sagte der Jude schenkt mir doch das Leben, Geld hab ich keins und nicht mehr als acht Heller.‘ Der Schnei­der aber sprach du hast doch Geld, und das soll auch her­aus,‘ brauchte Gewalt und schlug ihn so lange, bis er nah am Tod war. Und wie der Jude nun ster­ben wollte, sprach er das let­zte Wort die klare Sonne wird es an den Tag brin­gen!, und starb damit. Der Schnei­derge­sell griff ihm in die Tasche und suchte nach Geld, er fand aber nicht mehr als die acht Heller, wie der Jude gesagt hat­te. Da pack­te er ihn auf, trug ihn hin­ter einen Busch und zog weit­er auf sein Handw­erk. Wie er nun lange Zeit gereist war, kam er in eine Stadt bei einem Meis­ter in Arbeit, der hat­te eine schöne Tochter, in die ver­liebte er sich und heiratete sie und lebte in ein­er guten vergnügten Ehe.

Über lang, als sie schon zwei Kinder hat­ten, star­ben Schwiegervater und Schwiegermut­ter, und die jun­gen Leute hat­ten den Haushalt allein. Eines Mor­gens, wie der Mann auf dem Tisch vor dem Fen­ster sass, brachte ihm die Frau den Kaf­fee, und als er ihn in die Unter­schale aus­gegossen hat­te und eben trinken wollte, da schien die Sonne darauf, und der Wider­schein blink­te oben an der Wand so hin und her und machte Kringel daran. Da sah der Schnei­der hin­auf und sprach ja, die wills gern an den Tag brin­gen und kanns nicht!‘ Die Frau sprach ei, lieber Mann, was ist denn das? was meinst du damit?‘ Er antwortete das darf ich dir nicht sagen.‘ Sie aber sprach wenn du mich lieb hast, musst du mirs sagen,‘ und gab ihm die allerbesten Worte, es sollts kein Men­sch wieder erfahren, und liess ihm keine Ruhe. Da erzählte er, vor lan­gen Jahren, wie er auf der Wan­der­schaft ganz abgeris­sen und ohne Geld gewe­sen, habe er einen Juden erschla­gen, und der Jude habe in der let­zten Tode­sangst die Worte gesprochen die klare Sonne wirds an den Tag brin­gen!‘ Nun hätts die Sonne eben gern an den Tag brin­gen wollen, und hätt an der Wand geblinkt und Kringel gemacht, sie hätts aber nicht gekon­nt. Danach bat er sie noch beson­ders, sie dürfte es nie­mand sagen, son­st käm er um sein Leben, das ver­sprach sie auch. Als er sich aber zur Arbeit geset­zt hat­te, ging sie zu ihrer Gevat­terin und ver­traute ihr die Geschichte, sie dürfte sie aber keinem Men­schen wieder­sagen; ehe aber drei Tage vergin­gen, wusste es die ganze Stadt, und der Schnei­der kam vor das Gericht und ward gerichtet. Da brachte es doch die klare Sonne an den Tag.