Die Karawane

von Wilhelm Hauff

~28 Min

Es zog ein­mal eine große Karawane durch die Wüste. Auf der unge­heuren Ebene, wo man nichts als Sand und Him­mel sieht, hörte man schon in weit­er Ferne die Glock­en der Kamele und die sil­ber­nen Röllchen der Pferde, eine dichte Staub­wolke, die ihr vorherg­ing, verkün­dete ihre Nähe, und wenn ein Luftzug die Wolke teilte, blende­ten funkel­nde Waf­fen und helleuch­t­ende Gewän­der das Auge. So stellte sich die Karawane einem Manne dar, welch­er von der Seite her auf sie zuritt. Er ritt ein schönes ara­bis­ches Pferd, mit ein­er Tigerdecke behängt, an dem hochroten Riemen­werk hin­gen sil­berne Glöckchen, und auf dem Kopf des Pfer­des wehte ein schön­er Rei­her­busch. Der Reit­er sah stat­tlich aus, und sein Anzug entsprach der Pracht seines Ross­es; ein weißer Tur­ban, reich mit Gold bestickt, bedeck­te das Haupt; der Rock und die weit­en Bein­klei­der waren von bren­nen­dem Rot, ein gekrümmtes Schw­ert mit reichem Griff an sein­er Seite. Er hat­te den Tur­ban tief ins Gesicht gedrückt; dies und die schwarzen Augen, die unter buschi­gen Brauen her­vor­blitzten, der lange Bart, der unter der gebo­ge­nen Nase her­ab­hing, gaben ihm ein wildes, kühnes Aussehen.

Als der Reit­er unge­fähr auf fün­fzig Schritt dem Vor­trab der Karawane nahe war, spornte er sein Pferd an und war in weni­gen Augen­blick­en an der Spitze des Zuges ange­langt. Es war ein so ungewöhn­lich­es Ereig­nis, einen einzel­nen Reit­er durch die Wüste ziehen zu sehen, daß die Wächter des Zuges, einen Über­fall befürch­t­end, ihm ihre Lanzen entgegenstreckten.

»Was wollt ihr«, rief der Reit­er, als er sich so kriegerisch emp­fan­gen sah, »glaubt ihr, ein einzel­ner Mann werde eure Karawane angreifen?«

Beschämt schwan­gen die Wächter ihre Lanzen wieder auf, ihr Anführer aber ritt an den Frem­den her­an und fragte nach seinem Begehr.

»Wer ist der Herr der Karawane?« fragte der Reiter.

»Sie gehört nicht einem Her­rn«, antwortete der Gefragte, »son­dern es sind mehrere Kau­fleute, die von Mek­ka in ihre Heimat ziehen und die wir durch die Wüste geleit­en, weil oft aller­lei Gesin­del die Reisenden beunruhigt.«

»So führt mich zu den Kau­fleuten«, begehrte der Fremde.

»Das kann jet­zt nicht geschehen«, antwortete der Führer, »weil wir ohne Aufen­thalt weit­erziehen müssen und die Kau­fleute wenig­stens eine Vier­tel­stunde weit­er hin­ten sind; wollt Ihr aber mit mir weit­er­re­it­en, bis wir lagern, um Mit­tagsruhe zu hal­ten, so werde ich Eurem Wun­sch willfahren.«

Der Fremde sagte hier­auf nichts; er zog eine lange Pfeife, die er am Sat­tel fest­ge­bun­den hat­te, her­vor und fing an in großen Zügen zu rauchen, indem er neben dem Anführer des Vor­tra­bs weit­er­ritt. Dieser wußte nicht, was er aus dem Frem­den machen sollte; er wagte es nicht, ihn ger­adezu nach seinem Namen zu fra­gen, und so kün­stlich er auch ein Gespräch anzuknüpfen suchte, der Fremde hat­te auf das: »Ihr raucht da einen guten Tabak«, oder: »Euer Rapp‘ hat einen braven Schritt«, immer nur mit einem kurzen »Ja, ja!« geantwortet.

Endlich waren sie auf dem Platz angekom­men, wo man Mit­tagsruhe hal­ten wollte. Der Anführer hat­te seine Leute als Wachen aufgestellt; er selb­st hielt mit dem Frem­den, um die Karawane her­ankom­men zu lassen. Dreißig Kamele, schw­er beladen, zogen vorüber, von bewaffneten Führern geleit­et. Nach diesen kamen auf schö­nen Pfer­den die fünf Kau­fleute, denen die Karawane gehörte. Es waren meis­tens Män­ner von vorg­erück­tem Alter, ernst und geset­zt ausse­hend, nur ein­er schien viel jünger als die übri­gen, wie auch fro­her und leb­hafter. Eine große Anzahl Kamele und Packpferde schloß den Zug.

Man hat­te Zelte aufgeschla­gen und die Kamele und Pferde rings umhergestellt. In der Mitte war ein großes Zelt von blauem Sei­den­zeug. Dor­thin führte der Anführer der Wache den Frem­den. Als sie durch den Vorhang des Zeltes getreten waren, sahen sie die fünf Kau­fleute auf goldgewirk­ten Pol­stern sitzen; schwarze Sklaven reicht­en ihnen Speise und Getränke. »Wen bringt Ihr uns da?« rief der junge Kauf­mann dem Führer zu.

Ehe noch der Führer antworten kon­nte, sprach der Fremde: »Ich heiße Selim Baruch und bin aus Bag­dad; ich wurde auf ein­er Reise nach Mek­ka von ein­er Räu­ber­horde gefan­gen und habe mich vor drei Tagen heim­lich aus der Gefan­gen­schaft befre­it. Der große Prophet ließ mich die Glock­en eur­er Karawane in weit­er Ferne hören, und so kam ich bei euch an. Erlaubet mir, daß ich in eur­er Gesellschaft reise! Ihr werdet euren Schutz keinem Unwürdi­gen schenken, und so ihr nach Bag­dad kom­met, werde ich eure Güte reich­lich belohnen denn ich bin der Neffe des Großwesirs.«

Der älteste der Kau­fleute nahm das Wort: »Selim Baruch«, sprach er, »sei willkom­men in unserem Schat­ten. Es macht uns Freude, dir beizuste­hen; vor allem aber set­ze dich und iß und trinke mit uns.«

Selim Baruch set­zte sich zu den Kau­fleuten und aß und trank mit ihnen. Nach dem Essen räumten die Sklaven die Geschirre hin­weg und bracht­en lange Pfeifen und türkischen Sor­bet. Die Kau­fleute saßen lange schweigend, indem sie die bläulichen Rauch­wolken vor sich hin­bliesen und zusa­hen, wie sie sich ringel­ten und ver­zo­gen und endlich in die Luft ver­schwebten. Der junge Kauf­mann brach endlich das Stillschweigen: »So sitzen wir seit drei Tagen«, sprach er, »zu Pferd und am Tisch, ohne uns durch etwas die Zeit zu vertreiben. Ich ver­spüre gewaltig Langeweile, denn ich bin gewohnt, nach Tisch Tänz­er zu sehen oder Gesang und Musik zu hören. Wißt ihr gar nichts, meine Fre­unde, das uns die Zeit vertreibt?«

Die vier älteren Kau­fleute raucht­en fort und schienen ern­sthaft nachzusin­nen, der Fremde aber sprach: »Wenn es mir erlaubt ist, will ich euch einen Vorschlag machen. Ich meine, auf jedem Lager­platz kön­nte ein­er von uns den anderen etwas erzählen. Dies kön­nte uns schon die Zeit vertreiben.«

»Selim Baruch, du hast wahr gesprochen«, sagte Achmet, der älteste der Kau­fleute, »laßt uns den Vorschlag annehmen.«

»Es freut mich, wenn euch der Vorschlag behagt«, sprach Selim, »damit ihr aber sehet, daß ich nichts Unbil­liges ver­lange, so will ich den Anfang machen.«

Vergnügt rück­ten die fünf Kau­fleute näher zusam­men und ließen den Frem­den in ihrer Mitte sitzen. Die Sklaven schenk­ten die Bech­er wieder voll, stopften die Pfeifen ihrer Her­ren frisch und bracht­en glühende Kohlen zum Anzün­den. Selim aber erfrischte seine Stimme mit einem tüchti­gen Zuge Sor­bet, strich den lan­gen Bart über dem Mund weg und sprach: »So hört denn die Geschichte vom Kalif Storch.« Als Selim Baruch seine Geschichte been­det hat­te, bezeugten sich die Kau­fleute sehr zufrieden damit. »Wahrhaftig, der Nach­mit­tag ist uns ver­gan­gen, ohne daß wir merk­ten wie!« sagte ein­er der­sel­ben, indem er die Decke des Zeltes zurückschlug. »Der Abend­wind wehet kühl, und wir kön­nten noch eine gute Strecke Weges zurück­le­gen.« Seine Gefährten waren damit ein­ver­standen, die Zelte wur­den abge­brochen, und die Karawane machte sich in der näm­lichen Ord­nung, in welch­er sie herange­zo­gen war, auf den Weg.

Sie rit­ten beina­he die ganze Nacht hin­durch, denn es war schwül am Tage, die Nacht aber war erquick­lich und stern­hell. Sie kamen endlich an einem beque­men Lager­platz an, schlu­gen die Zelte auf und legten sich zur Ruhe. Für den Frem­den aber sorgten die Kau­fleute, wie wenn er ihr wertester Gast­fre­und wäre. Der eine gab ihm Pol­ster, der andere Deck­en, ein drit­ter gab ihm Sklaven, kurz, er wurde so gut bedi­ent, als ob er zu Hause wäre. Die heißeren Stun­den des Tages waren schon her­aufgekom­men, als sie sich wieder erhoben, und sie beschlossen ein­mütig, hier den Abend abzuwarten. Nach­dem sie miteinan­der gespeist hat­ten, rück­ten sie wieder näher zusam­men, und der junge Kauf­mann wandte sich an den ältesten und sprach: »Selim Baruch hat uns gestern einen vergnügten Nach­mit­tag bere­it­et, wie wäre es, Achmet, wenn Ihr uns auch etwas erzähltet, sei es nun aus Eurem lan­gen Leben, das wohl viele Aben­teuer aufzuweisen hat, oder sei es auch ein hüb­sches Märchen.« Achmet schwieg auf diese Anrede eine Zeit­lang, wie wenn er bei sich im Zweifel wäre, ob er dies oder jenes sagen sollte oder nicht; endlich fing er an zu sprechen:

»Liebe Fre­unde! Ihr habt euch auf dieser unser­er Reise als treue Gesellen erprobt, und auch Selim ver­di­ent mein Ver­trauen; daher will ich euch etwas aus meinem Leben mit­teilen, das ich son­st ungern und nicht jedem erzähle:die Geschichte von dem Gespensterschiff.«

Die Reise der Karawane war den anderen Tag ohne Hin­der­nis fürder gegan­gen, und als man im Lager­platz sich erholt hat­te, begann Selim, der Fremde, zu Muley, dem jüng­sten der Kau­fleute, also zu sprechen:

»Ihr seid zwar der Jüng­ste von uns, doch seid Ihr immer fröh­lich und wißt für uns gewiß irgen­deinen guten Schwank. Tis­chet ihn auf, daß er uns erquicke nach der Hitze des Tages!«

»Wohl möchte ich euch etwas erzählen«, antwortete Muley, »das euch Spaß machen kön­nte, doch der Jugend ziemt Beschei­den­heit in allen Din­gen; darum müssen meine älteren Reisege­fährten den Vor­rang haben. Zaleukos ist immer so ernst und ver­schlossen, sollte er uns nicht erzählen, was sein Leben so ernst machte? Vielle­icht, daß wir seinen Kum­mer, wenn er solchen hat, lin­dern kön­nen; denn gerne dienen wir dem Brud­er, wenn er auch anderen Glaubens ist.«

Der Aufgerufene war ein griechis­ch­er Kauf­mann, ein Mann in mit­tleren Jahren, schön und kräftig, aber sehr ernst. Ob er gle­ich ein Ungläu­biger (nicht Musel­mann) war, so liebten ihn doch seine Reisege­fährten, denn er hat­te durch sein ganzes Wesen Achtung und Zutrauen einge­flößt. Er hat­te übri­gens nur eine Hand, und einige sein­er Gefährten ver­muteten, daß vielle­icht dieser Ver­lust ihn so ernst stimme.

Zaleukos antwortete auf die zutrauliche Frage Muleys: »Ich bin sehr geehrt durch euer Zutrauen; Kum­mer habe ich keinen, wenig­stens keinen, von welchem ihr auch mit dem besten Willen mir helfen kön­ntet. Doch weil Muley mir meinen Ernst vorzuw­er­fen scheint, so will ich euch einiges erzählen, was mich recht­fer­ti­gen soll, wenn ich ern­ster bin als andere Leute. Ihr sehet, daß ich meine linke Hand ver­loren habe. Sie fehlt mir nicht von Geburt an, son­dern ich habe sie in den schreck­lich­sten Tagen meines Lebens einge­büßt. Ob ich die Schuld davon trage, ob ich unrecht habe, seit jenen Tagen ern­ster, als es meine Lage mit sich bringt, zu sein, möget ihr beurteilen, wenn ihr ver­nom­men habt die Geschichte von der abge­haue­nen Hand.«
Zaleukos, der griechis­che Kauf­mann, hat­te seine Geschichte geendigt. Mit großer Teil­nahme hat­ten ihm die übri­gen zuge­hört, beson­ders der Fremde schien sehr davon ergrif­f­en zu sein; er hat­te einige­mal tief geseufzt, und Muley schien es sog­ar, als habe er ein­mal Trä­nen in den Augen gehabt. Sie besprachen sich noch lange Zeit über diese Geschichte.

»Und haßt Ihr den Unbekan­nten nicht, der Euch so schnöd‘ um ein so edles Glied Eures Kör­pers, der selb­st Euer Leben in Gefahr brachte?« fragte der Fremde.

»Wohl gab es in früher­er Zeit Stun­den«, antwortete der Grieche, »in denen mein Herz ihn vor Gott angeklagt, daß er diesen Kum­mer über mich gebracht und mein Leben vergiftet habe; aber ich fand Trost in dem Glauben mein­er Väter, und dieser befiehlt mir, meine Feinde zu lieben; auch ist er wohl noch unglück­lich­er als ich.«

»Ihr seid ein edler Mann!« rief der Fremde und drück­te gerührt dem Griechen die Hand.

Der Anführer der Wache unter­brach sie aber in ihrem Gespräch. Er trat mit besorgter Miene in das Zelt und berichtete, daß man sich nicht der Ruhe über­lassen dürfe; denn hier sei die Stelle, wo gewöhn­lich die Karawa­nen ange­grif­f­en wür­den, auch glaubten seine Wachen, in der Ent­fer­nung mehrere Reit­er zu sehen.

Die Kau­fleute waren sehr bestürzt über diese Nachricht; Selim, der Fremde, aber wun­derte sich über ihre Bestürzung und meinte, daß sie so gut geschätzt wären, daß sie einen Trupp räu­berisch­er Araber nicht zu fürcht­en brauchten.

»Ja, Herr!« ent­geg­nete ihm der Anführer der Wache. »Wenn es nur solch­es Gesin­del wäre, kön­nte man sich ohne Sorge zur Ruhe leg­en; aber seit einiger Zeit zeigt sich der furcht­bare Orbasan wieder, und da gilt es, auf sein­er Hut zu sein.«

Der Fremde fragte, wer denn dieser Orbasan sei, und Achmet, der alte Kauf­mann, antwortete ihm: »Es gehen aller­lei Sagen unter dem Volke über diesen wun­der­baren Mann. Die einen hal­ten ihn für ein über­men­schlich­es Wesen, weil er oft mit fünf bis sechs Män­nern zumal einen Kampf beste­ht, andere hal­ten ihn für einen tapfer­en Franken, den das Unglück in diese Gegend ver­schla­gen habe; von allem aber ist nur so viel gewiß, daß er ein ver­ruchter Mörder und Dieb ist.«

»Das kön­nt Ihr aber doch nicht behaupten«, ent­geg­nete ihm Lezah, ein­er der Kau­fleute. »Wenn er auch ein Räu­ber ist, so ist er doch ein edler Mann, und als solch­er hat er sich an meinem Brud­er bewiesen, wie ich Euch erzählen kön­nte. Er hat seinen ganzen Stamm zu geord­neten Men­schen gemacht, und so lange er die Wüste durch­streift, darf kein ander­er Stamm es wagen, sich sehen zu lassen. Auch raubt er nicht wie andere, son­dern er erhebt nur ein Schutzgeld von den Karawa­nen, und wer ihm dieses willig bezahlt, der ziehet unge­fährdet weit­er; denn Orbasan ist der Herr der Wüste.«

Also sprachen unter sich die Reisenden im Zelte; die Wachen aber, die um den Lager­platz aus­gestellt waren, began­nen unruhig zu wer­den. Ein ziem­lich bedeu­ten­der Haufe bewaffneter Reit­er zeigte sich in der Ent­fer­nung ein­er hal­ben Stunde; sie schienen ger­ade auf das Lager zuzure­it­en. Ein­er der Män­ner von der Wache ging daher in das Zelt, um zu verkün­den, daß sie wahrschein­lich ange­grif­f­en wür­den. Die Kau­fleute beri­eten sich untere­inan­der, was zu tun sei, ob man ihnen ent­ge­genge­hen oder den Angriff abwarten solle. Achmet und die zwei älteren Kau­fleute woll­ten das let­ztere, der feurige Muley aber und Zaleukos ver­langten das erstere und riefen den Frem­den zu ihrem Bei­s­tand auf. Dieser zog ruhig ein kleines, blaues Tuch mit roten Ster­nen aus seinem Gür­tel her­vor, band es an eine Lanze und befahl einem der Sklaven, es auf das Zelt zu steck­en; er set­ze sein Leben zum Pfand, sagte er, die Reit­er wer­den, wenn sie dieses Zeichen sehen, ruhig vorüberziehen. Muley glaubte nicht an den Erfolg, der Sklave aber steck­te die Lanze auf das Zelt . Inzwis­chen hat­ten alle, die im Lager waren, zu den Waf­fen gegrif­f­en und sahen in ges­pan­nter Erwartung den Reit­ern ent­ge­gen. Doch diese schienen das Zeichen auf dem Zelte erblickt zu haben, sie wichen plöt­zlich von ihrer Rich­tung auf das Lager ab und zogen in einem großen Bogen auf der Seite hin.

Ver­wun­dert standen einige Augen­blicke die Reisenden und sahen bald auf die Reit­er, bald auf den Frem­den. Dieser stand ganz gle­ichgültig, wie wenn nichts vorge­fall­en wäre, vor dem Zelte und blick­te über die Ebene hin. Endlich brach Muley das Stillschweigen. »Wer bist du, mächtiger Fremdling«, rief er aus, »der du die wilden Hor­den der Wüste durch einen Wink bezähmst?«

»Ihr schlagt meine Kun­st höher an, als sie ist«, antwortete Selim Baruch. »Ich habe mich mit diesem Zeichen verse­hen, als ich der Gefan­gen­schaft ent­floh; was es zu bedeuten hat, weiß ich selb­st nicht; nur so viel weiß ich, daß, wer mit diesem Zeichen reiset, unter mächtigem Schutze steht.«

Die Kau­fleute dank­ten dem Frem­den und nan­nten ihn ihren Erret­ter. Wirk­lich war auch die Anzahl der Reit­er so groß gewe­sen, daß wohl die Karawane nicht lange hätte Wider­stand leis­ten können.

Mit leichterem Herzen begab man sich jet­zt zur Ruhe, und als die Sonne zu sinken begann und der Abend­wind über die Sandebene hin­strich, brachen sie auf und zogen weiter.

Am näch­sten Tage lagerten sie unge­fähr nur noch eine Tagreise von dem Aus­gang der Wüste ent­fer­nt. Als sich die Reisenden wieder in dem großen Zelt ver­sam­melt hat­ten, nahm Lezah, der Kauf­mann, das Wort:

»Ich habe euch gestern gesagt, daß der gefürchtete Orbasan ein edler Mann sei, erlaubt mir, daß ich es euch heute durch die Erzäh­lung der Schick­sale meines Brud­ers beweise. Mein Vater war Kadi in Akara. Er hat­te drei Kinder. Ich war der Älteste, ein Brud­er und eine Schwest­er waren bei weit­em jünger als ich. Als ich zwanzig Jahre alt war, rief mich ein Brud­er meines Vaters zu sich. Er set­zte mich zum Erben sein­er Güter ein, mit der Bedin­gung, daß ich bis zu seinem Tode bei ihm bleibe. Aber er erre­ichte ein hohes Alter, so daß ich erst vor zwei Jahren in meine Heimat zurück­kehrte und nichts davon wußte, welch schreck­lich­es Schick­sal indes mein Haus betrof­fen und wie gütig Allah es gewen­det hat­te.« Die Erret­tung Fatmes Die Karawane hat­te das Ende der Wüste erre­icht, und fröh­lich begrüßten die Reisenden die grü­nen Mat­ten und die dicht­be­laubten Bäume, deren lieblichen Anblick sie viele Tage ent­behrt hat­ten. In einem schö­nen Tale lag eine Karawanserei, die sie sich zum Nacht­lager wählten, und obgle­ich sie wenig Bequem­lichkeit und Erfrischung dar­bot, so war doch die ganze Gesellschaft heit­er­er und zutraulich­er als je; denn der Gedanke, den Gefahren und Beschw­er­lichkeit­en, die eine Reise durch die Wüste mit sich bringt, entron­nen zu sein, hat­te alle Herzen geöffnet und die Gemüter zu Scherz und Kurzweil ges­timmt. Muley, der junge lustige Kauf­mann, tanzte einen komis­chen Tanz und sang Lieder dazu, die selb­st dem ern­sten Griechen Zaleukos ein Lächeln ent­lock­ten. Aber nicht genug, daß er seine Gefährten durch Tanz und Spiel erheit­ert hat­te, er gab ihnen auch noch die Geschichte zum besten, die er ihnen ver­sprochen hat­te, und hub, als er von seinen Luft­sprün­gen sich erholt hat­te, also zu erzählen an: Die Geschichte von dem kleinen Muck.

»So erzählte mir mein Vater; ich bezeugte ihm meine Reue über mein rohes Betra­gen gegen den guten kleinen Mann, und mein Vater schenk­te mir die andere Hälfte der Strafe, die er mir zugedacht hat­te. Ich erzählte meinen Kam­er­aden die wun­der­baren Schick­sale des Kleinen, und wir gewan­nen ihn so lieb, daß ihn kein­er mehr schimpfte. Im Gegen­teil, wir ehrten ihn, solange er lebte, und haben uns vor ihm immer so tief wie vor Kadi und Mufti gebückt.«

Die Reisenden beschlossen, einen Rast­tag in dieser Karawanserei zu machen, um sich und die Tiere zur weit­eren Reise zu stärken . Die gestrige Fröh­lichkeit ging auch auf diesen Tag über, und sie ergötzten sich in aller­lei Spie­len. Nach dem Essen aber riefen sie dem fün­ften Kauf­mann, Ali Sizah, zu, auch seine Schuldigkeit gle­ich den übri­gen zu tun und eine Geschichte zu erzählen. Er antwortete, sein Leben sei zu arm an auf­fal­l­en­den Begeben­heit­en, als daß er ihnen etwas davon mit­teilen möchte, daher wolle er ihnen etwas anderes erzählen, näm­lich: Das Märchen vom falschen Prinzen.

Mit Son­nenauf­gang brach die Karawane auf und gelangte bald nach Bir­ket el Had oder dem Pil­grims­brun­nen, von wo es nur noch drei Stun­den Weges nach Kairo waren – Man hat­te um diese Zeit die Karawane erwartet, und bald hat­ten die Kau­fleute die Freude, ihre Fre­unde aus Kairo ihnen ent­ge­genkom­men zu sehen. Sie zogen in die Stadt durch das Tor Bebel Falch; denn es wird für eine glück­liche Vorbe­deu­tung gehal­ten, wenn man von Mek­ka kommt, durch dieses Tor einzuziehen, weil der Prophet hin­durchge­zo­gen ist.

Auf dem Markt ver­ab­schiede­ten sich die vier türkischen Kau­fleute von dem Frem­den und dem griechis­chen Kauf­mann Zaleukos und gin­gen mit ihren Fre­un­den nach Haus. Zaleukos aber zeigte dem Frem­den eine gute Karawanserei und lud ihn ein, mit ihm das Mit­tags­mahl zu nehmen. Der Fremde sagte zu und ver­sprach, wenn er nur vorher sich umgek­lei­det habe, zu erscheinen.

Der Grieche hat­te alle Anstal­ten getrof­fen, den Frem­den, welchen er auf der Reise liebge­won­nen hat­te, gut zu bewirten, und als die Speisen und Getränke in gehöriger Ord­nung aufgestellt waren, set­zte er sich, seinen Gast zu erwarten.

Langsam und schw­eren Schrittes hörte er ihn den Gang, der zu seinem Gemach führte, her­aufkom­men. Er erhob sich, um ihm fre­undlich ent­ge­gen­zuse­hen und ihn an der Schwelle zu bewil­lkomm­nen; aber voll Entset­zen fuhr er zurück, als er die Türe öffnete; denn jen­er schreck­liche Rot­man­tel trat ihm ent­ge­gen; er warf noch einen Blick auf ihn, es war keine Täuschung; dieselbe hohe, gebi­etende Gestalt, die Larve, aus welch­er ihn die dun­klen Augen anblitzten, der rote Man­tel mit der gold­e­nen Stick­erei waren ihm nur allzu­wohl bekan­nt aus den schreck­lich­sten Stun­den seines Lebens.

Wider­stre­i­t­ende Gefüh­le wogten in Zaleukos Brust; er hat­te sich mit diesem Bild sein­er Erin­nerung längst aus­gesöh­nt und ihm vergeben, und doch riß sein Anblick alle seine Wun­den wieder auf; alle jene qualvollen Stun­den der Tode­sangst, jen­er Gram, der die Blüte seines Lebens vergiftete, zogen im Flug eines Augen­blicks an sein­er Seele vorüber.

»Was willst du, Schreck­lich­er?« rief der Grieche aus, als die Erschei­n­ung noch immer regungs­los auf der Schwelle stand. »Weiche schnell von hin­nen, daß ich dir nicht fluche!«

»Zaleukos!« sprach eine bekan­nte Stimme unter der Larve her­vor. »Zaleukos! So empfängst du deinen Gast­fre­und?« Der Sprechende nahm die Larve ab, schlug den Man­tel zurück; es war Selim Baruch, der Fremde.

Aber Zaleukos schien noch nicht beruhigt, ihm graute vor dem Frem­den; denn nur zu deut­lich hat­te er in ihm den Unbekan­nten von der Ponte vec­chio erkan­nt; aber die alte Gewohn­heit der Gast­fre­und­schaft siegte; er wink­te schweigend dem Frem­den, sich zu ihm ans Mahl zu setzen.

»Ich errate deine Gedanken«, nahm dieser das Wort, als sie sich geset­zt hat­ten. »Deine Augen sehen fra­gend auf mich – ich hätte schweigen und mich deinen Blick­en nie mehr zeigen kön­nen, aber ich bin dir Rechen­schaft schuldig, und darum wagte ich es auch, auf die Gefahr hin, daß du mir flucht­est, vor dir in mein­er alten Gestalt zu erscheinen. Du sagtest einst zu mir: Der Glaube mein­er Väter befiehlt mir, ihn zu lieben, auch ist er wohl unglück­lich­er als ich; glaube dieses, mein Fre­und, und höre meine Rechtfertigung!

Ich muß weit aus­holen, um mich dir ganz ver­ständlich zu machen. Ich bin in Alessan­dria von christlichen Eltern geboren. Mein Vater, der jün­gere Sohn eines alten, berühmten franzö­sis­chen Haus­es, war Kon­sul seines Lan­des in Alessan­dria. Ich wurde von meinem zehn­ten Jahre an in Frankre­ich bei einem Brud­er mein­er Mut­ter erzo­gen und ver­ließ erst einige Jahre nach dem Aus­bruch der Rev­o­lu­tion mein Vater­land, um mit meinem Oheim, der in dem Lande sein­er Ahnen nicht mehr sich­er war, über dem Meer bei meinen Eltern eine Zuflucht zu suchen. Voll Hoff­nung, die Ruhe und den Frieden, den uns das empörte Volk der Fran­zosen entris­sen, im elter­lichen Hause wiederzufind­en, lan­de­ten wir. Aber ach! Ich fand nicht alles in meines Vaters Hause, wie es sein sollte; die äußeren Stürme der bewegten Zeit waren zwar noch nicht bis hier­her gelangt, desto uner­warteter hat­te das Unglück mein Haus im inner­sten Herzen heimge­sucht. Mein Brud­er, ein junger, hoff­nungsvoller Mann, erster Sekretär meines Vaters, hat­te sich erst seit kurzem mit einem jun­gen Mäd­chen, der Tochter eines flo­ren­tinis­chen Edel­manns, der in unser­er Nach­barschaft wohnte, ver­heiratet; zwei Tage vor unser­er Ankun­ft war diese auf ein­mal ver­schwun­den, ohne daß wed­er unsere Fam­i­lie noch ihr Vater die ger­ing­ste Spur von ihr auffind­en kon­nten. Man glaubte endlich, sie habe sich auf einem Spazier­gang zu weit gewagt und sei in Räu­ber­hände gefall­en. Beina­he tröstlich­er wäre dieser Gedanke für meinen armen Brud­er gewe­sen als die Wahrheit, die uns nur bald kund wurde. Die Treulose hat­te sich mit einem jun­gen Neapoli­tan­er, den sie im Hause ihres Vaters ken­nen­gel­ernt hat­te, eingeschifft. Mein Brud­er, aufs äußer­ste empört über diesen Schritt, bot alles auf, die Schuldige zur Strafe zu ziehen; doch vergebens; seine Ver­suche, die in Neapel und Flo­renz Auf­se­hen erregt hat­ten, dien­ten nur dazu, sein und unser aller Unglück zu vol­len­den. Der flo­ren­tinis­che Edel­mann reiste in sein Vater­land zurück, zwar mit dem Vorgeben, meinem Brud­er Recht zu ver­schaf­fen, der Tat nach aber, um uns zu verder­ben. Er schlug in Flo­renz alle jene Unter­suchun­gen, welche mein Brud­er angeknüpft hat­te, nieder und wußte seinen Ein­fluß, den er auf alle Art sich ver­schafft hat­te, so gut zu benützen, daß mein Vater und mein Brud­er ihrer Regierung verdächtig gemacht und durch die schändlich­sten Mit­tel gefan­gen, nach Frankre­ich geführt und dort vom Beil des Henkers getötet wur­den. Meine arme Mut­ter ver­fiel in Wahnsinn, und erst nach zehn lan­gen Monat­en erlöste sie der Tod von ihrem schreck­lichen Zus­tand, der aber in den let­zten Tagen zu vollem, klarem Bewußt­sein gewor­den war. So stand ich jet­zt ganz allein in der Welt, aber nur ein Gedanke beschäftigte meine Seele, nur ein Gedanke ließ mich meine Trauer vergessen, es war jene mächtige Flamme, die meine Mut­ter in ihrer let­zten Stunde in mir ange­facht hatte.

In den let­zten Stun­den war, wie ich dir sagte, ihr Bewußt­sein zurück­gekehrt; sie ließ mich rufen und sprach mit Ruhe von unserem Schick­sal und ihrem Ende. Dann aber ließ sie alle aus dem Zim­mer gehen, richtete sich mit feier­lich­er Miene von ihrem ärm­lichen Lager auf und sagte, ich könne mir ihren Segen erwer­ben, wenn ich ihr schwöre, etwas auszuführen, das sie mir auf­tra­gen würde – Ergrif­f­en von den Worten der ster­ben­den Mut­ter, gelobte ich mit einem Eide zu tun, wie sie mir sagen werde. Sie brach nun in Ver­wün­schun­gen gegen den Flo­ren­tin­er und seine Tochter aus und legte mir mit den fürchter­lich­sten Dro­hun­gen ihres Fluches auf, mein unglück­lich­es Haus an ihm zu rächen. Sie starb in meinen Armen. Jen­er Gedanke der Rache hat­te schon lange in mein­er Seele geschlum­mert; jet­zt erwachte er mit aller Macht. Ich sam­melte den Rest meines väter­lichen Ver­mö­gens und schwor mir, alles an meine Rache zu set­zen oder selb­st mit unterzugehen.

Bald war ich in Flo­renz, wo ich mich so geheim als möglich aufhielt; mein Plan war um vieles erschw­ert wor­den durch die Lage, in welch­er sich meine Feinde befan­den. Der alte Flo­ren­tin­er war Gou­verneur gewor­den und hat­te so alle Mit­tel in der Hand, sobald er das ger­ing­ste ahnte, mich zu verder­ben. Ein Zufall kam mir zu Hil­fe. Eines Abends sah ich einen Men­schen in bekan­nter Livree durch die Straßen gehen; sein unsicher­er Gang, sein fin­ster­er Blick und das hal­blaut her­aus­gestoßene »San­to sacra­men­to«, »Maledet­to diavo­lo« ließen mich den alten Pietro, einen Diener des Flo­ren­tin­ers, den ich schon in Alessan­dria gekan­nt hat­te, erken­nen. Ich war nicht in Zweifel, daß er über seinen Her­rn in Zorn ger­at­en sei, und beschloß, seine Stim­mung zu benützen. Er schien sehr über­rascht, mich hier zu sehen, klagte mir sein Lei­den, daß er seinem Her­rn, seit er Gou­verneur gewor­den, nichts mehr recht machen könne, und mein Gold, unter­stützt von seinem Zorn, brachte ihn bald auf meine Seite. Das Schwierig­ste war jet­zt beseit­igt; ich hat­te einen Mann in meinem Sol­de, der mir zu jed­er Stunde die Türe meines Fein­des öffnete, und nun reifte mein Rache­p­lan immer schneller her­an. Das Leben des alten Flo­ren­tin­ers schien mir ein zu geringes Gewicht, dem Unter­gang meines Haus­es gegenüber, zu haben. Sein Lieb­stes mußte er gemordet sehen, und dies war Bian­ka, seine Tochter. Hat­te ja sie so schändlich an meinem Brud­er gefrev­elt, war ja doch sie die Ursache unseres Unglücks. Gar erwün­scht kam sog­ar meinem rachedürsti­gen Herzen die Nachricht, daß in dieser Zeit Bian­ka zum zweit­en­mal sich ver­mählen wollte, es war beschlossen, sie mußte ster­ben. Aber mir selb­st graute vor der Tat, und auch Pietro traute sich zu wenig Kraft zu; darum späht­en wir umher nach einem Mann, der das Geschäft voll­brin­gen könne. Unter den Flo­ren­tin­ern wagte ich keinen zu din­gen, denn gegen den Gou­verneur würde kein­er etwas Solch­es unter­nom­men haben. Da fiel Pietro der Plan ein, den ich nach­her aus­ge­führt habe; zugle­ich schlug er dich als Frem­den und Arzt als den Tauglich­sten vor. Den Ver­lauf der Sache weißt du. Nur an dein­er großen Vor­sicht und Ehrlichkeit schien mein Unternehmen zu scheit­ern. Daher der Zufall mit dem Mantel.

Pietro öffnete uns das Pförtchen an dem Palast des Gou­verneurs; er hätte uns auch eben­so heim­lich wieder hin­aus­geleit­et, wenn wir nicht, durch den schreck­lichen Anblick, der sich uns durch die Türspalte dar­bot, erschreckt, ent­flo­hen wären. Von Schreck­en und Reue gejagt, war ich über zwei­hun­dert Schritte fort­ger­an­nt, bis ich auf den Stufen ein­er Kirche nieder­sank. Dort erst sam­melte ich mich wieder, und mein erster Gedanke warst du und dein schreck­lich­es Schick­sal, wenn man dich in dem Hause fände. Ich schlich an den Palast, aber wed­er von Pietro noch von dir kon­nte ich eine Spur ent­deck­en; das Pförtchen aber war offen, so kon­nte ich wenig­stens hof­fen, daß du die Gele­gen­heit zur Flucht benützt haben könntest.

Als aber der Tag anbrach, ließ mich die Angst vor der Ent­deck­ung und ein unab­weis­bares Gefühl von Reue nicht mehr in den Mauern von Flo­renz. Ich eilte nach Rom. Aber denke dir meine Bestürzung, als man dort nach eini­gen Tagen über­all diese Geschichte erzählte mit dem Beisatz, man habe den Mörder, einen griechis­chen Arzt, gefan­gen. Ich kehrte in banger Besorg­nis nach Flo­renz zurück; denn schien mir meine Rache schon vorher zu stark, so ver­fluchte ich sie jet­zt, denn sie war mir durch dein Leben allzu teuer erkauft. Ich kam an dem­sel­ben Tage an, der dich der Hand beraubte. Ich schweige von dem, was ich fühlte, als ich dich das Schafott besteigen und so helden­mütig lei­den sah. Aber damals, als dein Blut in Strö­men auf­spritzte, war der Entschluß fest in mir, dir deine übri­gen Leben­stage zu ver­süßen. Was weit­er geschehen ist, weißt du, nur das bleibt mir noch zu sagen übrig, warum ich diese Reise mit dir machte.

Als eine schwere Last drück­te mich der Gedanke, daß du mir noch immer nicht vergeben habest; darum entschloß ich mich, viele Tage mit dir zu leben und dir endlich Rechen­schaft abzule­gen von dem, was ich mit dir getan.«

Schweigend hat­te der Grieche seinen Gast ange­hört; mit san­ftem Blick bot er ihm, als er geen­det hat­te, seine Rechte. »Ich wußte wohl, daß du unglück­lich­er sein müßtest als ich, denn jene grausame Tat wird wie eine dun­kle Wolke ewig deine Tage verfin­stern; ich vergebe dir von Herzen. Aber erlaube mir noch eine Frage: Wie kommst du unter dieser Gestalt in die Wüste? Was fin­gst du an, nach­dem du in Kon­stan­tinopel mir das Haus gekauft hattest?«

»Ich ging nach Alessan­dria zurück«, antwortete der Gefragte . »Haß gegen alle Men­schen tobte in mein­er Brust, bren­nen­der Haß beson­ders gegen jene Natio­nen, die man die gebilde­ten nen­nt. Glaube mir, unter meinen Moslemiten war mir wohler! Kaum war ich einige Monate in Alessan­dria, als jene Lan­dung mein­er Land­sleute erfolgte.

Ich sah in ihnen nur die Henker meines Vaters und meines Brud­ers; darum sam­melte ich einige gle­ich­gesin­nte junge Leute mein­er Bekan­ntschaft und schloß mich jenen tapfer­en Mameluck­en an, die so oft der Schreck­en des franzö­sis­chen Heeres wur­den. Als der Feldzug beendigt war, kon­nte ich mich nicht entschließen, zu den Kün­sten des Friedens zurück­zukehren. Ich lebte mit ein­er kleinen Anzahl gle­ich­denk­ender Fre­unde ein unstetes und flüchtiges, dem Kampf und der Jagd gewei­ht­es Leben; ich lebe zufrieden unter diesen Leuten, die mich wie ihren Fürsten ehren; denn wenn meine Asi­at­en auch nicht so gebildet sind wie Eure Europäer, so sind sie doch weit ent­fer­nt von Neid und Ver­leum­dung, von Selb­st­sucht und Ehrgeiz.«

Zaleukos dank­te dem Frem­den für seine Mit­teilung, aber er ver­barg ihm nicht, daß er es für seinen Stand, für seine Bil­dung angemessen­er fände, wenn er in christlichen, in europäis­chen Län­dern leben und wirken würde. Er faßte seine Hand und bat ihn, mit ihm zu ziehen, bei ihm zu leben und zu sterben.

Gerührt sah ihn der Gast­fre­und an. »Daraus erkenne ich«, sagte er, »daß du mir ganz vergeben hast, daß du mich lieb­st. Nimm meinen innig­sten Dank dafür!« Er sprang auf und stand in sein­er ganzen Größe vor dem Griechen, dem vor dem kriegerischen Anstand, den dunkel blitzen­den Augen, der tiefen Stimme seines Gastes beina­he graute. »Dein Vorschlag ist schön«, sprach jen­er weit­er, »er möchte für jeden andern lock­end sein – ich kann ihn nicht benützen. Schon ste­ht mein Roß gesat­telt, erwarten mich meine Diener; lebe wohl, Zaleukos!« Die Fre­unde, die das Schick­sal so wun­der­bar zusam­menge­führt, umarmten sich zum Abschied. »Und wie nenne ich dich? Wie heißt mein Gast­fre­und, der auf ewig in meinem Gedächt­nis leben wird?« fragte der Grieche.

Der Fremde sah ihn lange an, drück­te ihm noch ein­mal die Hand und sprach: »Man nen­nt mich den Her­rn der Wüste; ich bin der Räu­ber Orbasan.«