Die hoffärtige Braut

von Ludwig Bechstein

~7 Min

Ein Pfar­rer hat­te eine schöne Tochter, die war über die Maßen eit­el und hof­fär­tig, also daß sie jeden jun­gen Burschen, der sich in ihr hüb­sches Lärvchen ver­gaffte, über die Achsel ansah, denn sie trug das Näschen so hoch, daß sie sich ein­bildete, irgen­dein reich­er Graf oder gar ein Prinz müsse kom­men und sie heim­fahren. Der Pfar­rer war darüber sehr betrübt, weil er sie gern an einen braven Mann, am lieb­sten an einen Amts­brud­er, ver­heiratet hätte. Wollte man aber glauben, die schöne Pfar­rerstochter habe gar nicht nach den Män­nern sich umge­se­hen, so würde man sehr irren; jeden schö­nen jun­gen Mann, wenn er nur vornehm gek­lei­det war, musterte sie mit ver­stohle­nen Blick­en, ob sie nicht aus irgen­dein­er Falte den verkappten Prinzen her­aus­finde. Das kränk­te den Vater noch mehr, und er hat­te gar nicht Augen genug, sie zu hüten. Einst mußte er eine notwendi­ge Reise unternehmen und die Tochter unter der Obhut der alten Magd zurück­lassen. Er schärfte ihr aufs streng­ste ein, fein sittsam zu Hause zu bleiben, ja nicht ein­mal zum Fen­ster hin­auszuse­hen; aber es ist eine bekan­nte Sache, daß man manchen Frauen nur ver­bi­eten darf, was sie tun sollen, so tun sie es gewiß. Der Vater hat­te kaum den Rück­en gewen­det, als die gehor­same Tochter schon zum Fen­ster hin­aus­sah, und siehe da, der Zufall wollte es, daß ein junger schön­er Herr auf einem stolz sich räu­menden Rosse die Straße daher sprengte; sie kon­nte sich nicht satt an ihm sehen, und auch er hat­te sie bemerkt, denn er wandte mehrmals den Kopf nach ihr um. Es war ihr auf ein­mal so son­der­lich zu Sinn, als sei es ihr ange­tan; sie hat­te keine Ruhe und Rast und hätte vor Freude laut aufjubeln mögen, als ein zier­lich gefal­tetes Briefchen an sie kam, worin sie gebeten wurde, sich zu der und der Stunde an einem bes­timmten Orte einzufind­en. Die Glocke hat­te noch nicht geschla­gen, als sie, aufs beste geschmeckt, sich auf den Weg machte; die alte Magd wurde durch eine Notlüge begütigt, und so stand die Pfar­rerstochter bald vor dem jun­gen schö­nen Manne, den sie ins Herz geschlossen. Dieser war denn auch nicht blöde, ges­tand ihr, daß er sie liebe, Küsse und Schwüre wur­den aus­ge­tauscht, und der Fremde, der sich für einen Baron aus­gab, ver­sprach ihr, in den näch­sten Tagen wiederzukom­men und sie auf sein Schloß, das er ihr nan­nte, heimzuführen.

Die Pfar­rerstochter schwamm von nun an in Lust und Wonne; Baronin zu wer­den erre­ichte zwar nicht das Ziel ihrer Wün­sche, aber der Baron war so schön und fein, wie wohl manch­er Fürst nicht. Aber Tag um Tag verg­ing, und er kam nicht, sie abzu­holen, auch der Vater war noch nicht von sein­er Reise zurück­gekehrt. Darüber wurde die schöne junge Braut ungeduldig und entschloß sich kurz, den Baron selb­st heimzusuchen. Sie schmeck­te sich deshalb mit ihren besten Gewän­dern und all ihrem Geschmei­de, steck­te ein großes Stück Schinken zu sich und machte sich zur Nachtzeit auf den Weg . Vor der Tür lag aber ein großer Ket­ten­hund, der fing an zu knur­ren, als sie sich behut­sam davon­schle­ichen wollte und murrte:

»Bleib­st du da, so bist du klug! Gehst du fort, so siehst du Trug!«

Aber sie hörte nicht darauf und schnitt ein Stück von ihrem Schinken ab, warf es dem Wächter hin, und während dieser danach schnappte und daran kaute, eilte sie davon. Sie mußte lange lange gehn, bis sie das Schloß ihres Geliebten vor sich auf­steigen sah; mit klopfen­d­em Herzen stieg sie den Berg hinan und trat unge­hin­dert in das Tor, das offen­stand und nur von einem großen mächti­gen Hund bewacht wurde, der sie mit feuri­gen Augen ansah und murrte:

»Kehrst du um, so ist es gut, Bleib­st du da, so siehst du Blut!«

Aber sie warf auch ihm ein Stück Schinken vor, und er ließ sie ein­treten. Alles im Schloß war aber so wun­der­bar ruhig, daß ihr fast graute. Sie stieg die Wen­del­treppe hinan, trat in das erste beste Gemach, wo ver­schiedene männliche Klei­dungsstücke unor­dentlich umher­la­gen, von diesem in ein zweites, das mit aller­lei Waf­fen ange­füllt war, darauf in ein drittes, das noch die Spuren eines wüsten Zechge­lages an sich trug, und endlich in ein viertes, in dem an bei­den Seit­en große Fäss­er standen. Sie wollte eben in das fol­gende treten, als sie Stim­men hörte; rasch ver­barg sie sich hin­ter einem Faß und sah bald den Baron und mehrere wild ausse­hende Gesellen here­in­treten, die ein junges, schön geschmück­tes Frauen­z­im­mer mit sich schleppten. Das Frauen­z­im­mer wim­merte leise und rang fle­hend die Hände, als der Baron mit rauher Stimme zu ihr sagte: »Bere­ite dich zum Tode!« Sie beschwor ihn bei sein­er Liebe, sie zu scho­nen; er möge all ihren Schmuck nehmen, und sie wolle ihm schwören, nichts zu ver­rat­en, nur möge er sie zu ihrem armen Vater heimkehren lassen. Der Baron sagte kalt: »Du mußt ster­ben! Und du wirst bald Gesellschaft bekom­men, die Tochter eines Pfar­rers, auch so ein hof­fär­tiges Ding als du, wird dir fol­gen!« Da ger­ann der Ver­steck­ten freilich das Blut zu Eis, aber sie hat­te noch so viel Besin­nung, sich mit keinem Atemzug zu ver­rat­en. Und bald hörte sie das Röcheln der Ster­ben­den, deren Blut über die Die­len floß bis in ihr Ver­steck, und sie mußte sehn, wie die wilden Gesellen ihren Schmuck abnah­men und ihr die Ringe von den Fin­gern ziehen woll­ten; die Fin­ger waren aber geschwollen, deshalb grif­f­en die Mörder nach einem Beile und hack­ten sie ab. O Entset­zen, ein­er davon sprang auf den Schoß der Pfar­rerstochter! Sie hätte laut aufgeschrien, wenn der Schreck ihr nicht die Zunge gelähmt hätte. Die Räu­ber sucht­en nach den Fin­gern und ver­mißten den einen. Wehe, wenn sie sorgfältig danach sucht­en, und das schienen sie wirk­lich tun zu wollen, und ein­er näherte sich schon dem Fasse, hin­ter dem die Pfar­rerstochter ver­bor­gen war. Diese betete in ihrer Angst gar inbrün­stig zum Him­mel und das Gelübde, alle Hof­fart abzule­gen, wenn sie nur dies­mal aus der Mörder­höh­le befre­it würde. Da sprach der Baron: »Genug für heute; mor­gen ist auch ein Tag; ich bin schläfrig und müde.« Die Gesellen ließen ab vom Suchen und begaben sich in das anstoßende Gemach, durch welch­es die Pfar­rerstochter gekom­men war.

Bald hörte sie ein tiefes Schnar­chen und dachte nun daran, das Schloß wieder heim­lich zu ver­lassen. Sie schlich auf den Zehen aus ihrem Ver­steck, aber, o wehe! die Schläfer lagen knapp an der Schwelle und so dicht aneinan­der, daß sie nicht über sie hin­wegschre­it­en kon­nte, ohne sie zu berühren. Sie faßte sich jedoch ein Herz, indem sie dachte: bleib­st du hier, so bist du gewiß ver­loren, wagst du jet­zt zu ent­fliehen, so gelingt dir’s vielle­icht! Mit Gott und keck schritt sie über die Schläfer hin­weg. Da regten sich diese, stießen sich an, und ein­er sprach zum andern: »Was stößest du mich denn?«

»Der Satan vergelte dir’s, du hast mich gestoßen!« antwortete der andere, und sie geri­eten darüber fast in Stre­it, schliefen aber wieder ein, während das Mäd­chen sich niederge­duckt hat­te. Als sie fest schliefen, eilte das Mäd­chen durch die andern Gemäch­er, die Wen­del­treppe hinab, warf dem Hunde den Rest ihres Schinkens vor und flog davon, so schnell sie kon­nte. Zum Tod erschöpft kam sie an ihres Vaters Hause an. Er war zurück­gekehrt, und sie fand ihn in großer Sorge um sie. Sie ges­tand ihm alles mit Trä­nen, zeigte ihm den Fin­ger, den sie mitgenom­men, und er dank­te Gott für ihre Ret­tung und nahm sich vor, den Bösewicht zu entlarven.

Einige Tage vergin­gen, als der schöne junge Baron wieder durch das Dorf ritt und die Pfar­rerstochter zu sich berief. Der Pfar­rer gab ihr Anweisung, was sie tun solle, und schön geschmückt ging sie nach dem Platz des Stelldicheins. Er sagte, er sei gekom­men, sie mit auf sein Schloß zu nehmen; sie aber tat ängstlich und sagte, sie habe einen bösen Traum gehabt. Als er in sie drang, ihm den Traum zu erzählen, da schilderte sie alles, was ihr wirk­lich begeg­net war, daß der Baron sie betrof­fen ansah, jedoch sie mit den Worten zu beruhi­gen suchte: »Träume sind Schäume, liebes Kind!« »Aber der Traum war gar zu natür­lich«, antwortete sie, »so natür­lich, daß ich selb­st den Fin­ger noch habe, der mir auf den Schoß flog.« Dabei zog sie den Fin­ger aus der Tasche. Als den der Baron sah, zog er einen Dolch und wollte sie nieder­stoßen; er hat­te jedoch nicht Zeit dazu, denn er sah sich von Häsch­ern umringt und fest­ge­hal­ten. Man durch­suchte das Schloß, fing die ganze Bande des Räu­bers und fand eine Menge ger­aubter Kost­barkeit­en. Die Fäss­er aber waren alle voll Men­schen­fleisch. Dem Baron und seinen Gesellen wurde ihr Recht ange­tan, die Pfar­rerstochter war ganz von ihrer Hof­fart geheilt und ist später die brave Haus­frau eines Landgeistlichen geworden.