Die himmlische Musik

von Richard von Volkmann-Leander

~5 Min

Als noch das gold­ene Zeital­ter war, wo die Engel mit den Bauernkindern auf den Sand­haufen spiel­ten, standen die Tore des Him­mels weit offen, und der gold­ene Him­mels­glanz fiel aus ihnen wie ein Regen auf die Erde herab. Die Men­schen sahen von der Erde in den offe­nen Him­mel hinein; sie sahen oben die Seli­gen zwis­chen den Ster­nen spazierenge­hen, und die Men­schen grüßten hin­auf, und die Seli­gen grüßten herunter. Das Schön­ste aber war die wun­der­volle Musik, die damals aus dem Him­mel sich hören ließ. Der liebe Gott hat­te dazu die Noten sel­ber aufgeschrieben, und tausend Engel führten sie mit Geigen, Pauken und Trompe­ten auf. Wenn sie zu ertö­nen begann, wurde es ganz still auf der Erde. Der Wind hörte auf zu rauschen, und die Wass­er im Meer und in den Flüssen standen still. Die Men­schen aber nick­ten sich zu und drück­ten sich heim­lich die Hände. Es wurde ihnen beim Lauschen so wun­der­bar zumut, wie man das jet­zt einem armen Men­schen­herzen gar nicht beschreiben kann. – 

So war es damals ; aber es dauerte nicht lange. Denn eines Tages ließ der liebe Gott zur Strafe die Him­mel­store zumachen und sagte zu den Engeln: Hört auf mit eur­er Musik; denn ich bin trau­rig!“ Da wur­den die Engel auch betrübt und set­zten sich jed­er mit seinem Noten­blatt auf eine Wolke und zer­schnitzel­ten die Noten­blät­ter mit ihren kleinen gold­e­nen Scheren in lauter einzelne Stückchen; die ließen sie auf die Erde hin­un­ter­fliegen. Hier nahm sie der Wind, wehte sie wie Schneeflock­en über Berg und Tal und zer­streute sie in alle Welt. Und die Men­schenkinder hascht­en sich jed­er ein Schnitzel, der eine ein großes und der andere ein kleines, und hoben sie sich sorgfältig auf und hiel­ten die Schnitzel sehr wert; denn es war ja etwas von der himm­lis­chen Musik, die so wun­der­voll gek­lun­gen hat­te. Aber mit der Zeit began­nen sie sich zu stre­it­en und zu entzweien, weil jed­er glaubte, er hätte das Beste erwis­cht; und zulet­zt behauptete jed­er, das, was er hätte, wäre die eigentliche himm­lis­che Musik, und das, was die anderen besäßen, wäre eit­el Trug und Schein. Wer recht klug sein wollte – und deren waren viele –, machte noch hin­ten und vorn einen großen Schnörkel daran und bildete sich etwas ganz Beson­deres darauf ein. Der eine pfiff a und der andere sang b; der eine spielte in Moll und der andere in Dur; kein­er kon­nte den andern ver­ste­hen. Kurz, es war ein Lärm wie in ein­er Juden­schule. – So ste­ht es noch heute. – 

Wenn aber der Jüng­ste Tag kom­men wird, wo die Sterne auf die Erde fall­en und die Sonne ins Meer und die Men­schen sich an der Him­mel­sp­forte drän­gen wie die Kinder zu Wei­h­nacht­en, wenn aufgemacht wird – da wird der liebe Gott durch die Engel alle die Papier­schnitzel von seinem himm­lis­chen Noten­buche wieder ein­sam­meln lassen, die großen eben­sowohl wie die kleinen, und selb­st die ganz kleinen, auf denen nur eine einzige Note ste­ht. Die Engel wer­den die Stückchen wieder zusam­menset­zen, und dann wer­den die Tore auf­sprin­gen, und die himm­lis­che Musik wird aufs neue erschallen, eben­so schön wie früher. Da wer­den die Men­schenkinder ver­wun­dert und beschämt daste­hen und lauschen und ein­er zum andern sagen: Das hat­test du! Das hat­te ich! Nun aber klingt es erst wun­der­bar her­rlich und ganz anders, nun alles wieder beisam­men und am richti­gen Orte ist!“ – Ja, ja! So wird’s. Ihr kön­nt euch darauf verlassen.