Die himmlische Hochzeit

von Brüder Grimm

~3 Min

Es hörte ein­mal ein armer Bauern­junge in der Kirche, wie der Pfar­rer sprach wer da will ins Him­mel­re­ich kom­men, muss immer ger­adaus gehen.‘ Da machte er sich auf, und ging immerzu, immer ger­ade, ohne abzuwe­ichen, über Berg und Tal. Endlich führte ihn sein Weg in eine grosse Stadt, und mit­ten in die Kirche, wo eben Gottes­di­enst gehal­ten wurde. Wie er nun all die Her­rlichkeit sah, meinte er, nun wäre er im Him­mel ange­langt, set­zte sich hin und war von Herzen froh. Als der Gottes­di­enst vor­bei war und der Küster ihn hin­aus­ge­hen hiess, antwortete er nein, ich gehe nicht wieder hin­aus, ich bin froh, dass ich endlich im Him­mel bin,‘ Da ging der Küster zum Pfar­rer und sagte ihm, es wäre ein Kind in der Kirche, das wollte nicht wieder her­aus, weil es glaubte, es wäre im Him­mel­re­ich. Der Pfar­rer sprach wenn es das glaubt, so wollen wir es darin lassen.‘ Darauf ging er hin und fragte, ob es auch Lust hätte zu arbeit­en. Ja,‘ antwortete der Kleine, ans Arbeit­en wäre er gewöh­nt, aber aus dem Him­mel gin­ge er nicht wieder her­aus. Nun blieb er in der Kirche, und als er sah, wie die Leute zu dem Mut­ter­gottes­bild mit dem Jesuskind, das aus Holz geschnit­ten war, kamen, kni­eten und beteten, dachte er das ist der liebe Gott,‘ und sprach hör ein­mal, lieber Gott, was bist du mager! gewiss lassen dich die Leute hungern: ich will dir aber jeden Tag mein halbes Essen brin­gen,‘ Von nun an brachte er dem Bilde jeden Tag die Hälfte von seinem Essen, und das Bild fing auch an, die Speise zu geniessen. Wie ein paar Wochen herum waren, merk­ten die Leute, dass das Bild zunahm, dick und stark ward, und wun­derten sich sehr. Der Pfar­rer kon­nt es auch nicht begreifen, blieb in der Kirche und ging dem Kleinen nach, da sah er, wie der Knabe sein Brot mit der Mut­ter Gottes teilte und diese es auch annahm.

Nach einiger Zeit wurde der Knabe krank und kam acht Tage lang nicht aus dem Bett; wie er aber wieder auf­ste­hen kon­nte, war sein erstes, dass er seine Speise der Mut­ter Gottes brachte. Der Pfar­rer ging ihm nach und hörte, wie er sprach lieber Gott, nimms nicht übel, dass ich dir so lange nichts gebracht habe: ich war aber krank und kon­nte nicht auf­ste­hen,‘ Da antwortete ihm das Bild und sprach ich habe deinen guten Willen gese­hen, das ist mir genug; näch­sten Son­ntag sollst du mit mir auf die Hochzeit kom­men,‘ Der Knabe freute sich darüber und sagte es dem Pfar­rer, der bat ihn hinzuge­hen und das Bild zu fra­gen, ob er auch dürfte mitkom­men. Nein,‘ antwortete das Bild, du allein,‘ Der Pfar­rer wollte ihn erst vor­bere­it­en und ihm das Abendmahl geben, das war der Knabe zufrieden; und näch­sten Son­ntag, wie das Abendmahl an ihn kam, fiel er um und war tot und war zur ewigen Hochzeit.