Die hagere Liese

von  Brüder Grimm

~3 Min

Ganz anders als der faule Heinz und die dicke Trine, die sich von nichts aus ihrer Ruhe brin­gen liessen, dachte die hagere Liese. 

Sie äscherte sich ab von Mor­gen bis Abend und lud ihrem Mann, dem lan­gen Lenz, so viel Arbeit auf, dass er schw­er­er zu tra­gen hat­te als ein Esel an drei Säck­en. Es war aber alles umson­st, sie hat­ten nichts und kamen zu nichts. Eines Abends, als sie im Bette lag und vor Müdigkeit kaum ein Glied regen kon­nte, liessen sie die Gedanken doch nicht ein­schlafen. Sie stiess ihren Mann mit dem Ellen­bo­gen in die Seite und sprach ​‚hörst du, Lenz, was ich gedache habe? wenn ich einen Gulden fände, und ein­er mir geschenkt würde, so wollte ich einen dazu bor­gen, und du soll­test mir auch noch einen geben: sobald ich dann die vier Gulden beisam­men hätte, so wollte ich eine junge Kuh kaufen.‘ Dem Mann gefiel das recht gut, ​‚ich weiss zwar nicht,‘ sprach er, ​‚woher ich den Gulden nehmen soll, den du von mir willst geschenkt haben, aber wenn du den­noch das Geld zusam­men­bringst, und du kannst dafür eine Kuh kaufen, so tust du wohl, wenn du dein Vorhaben aus­führst.‘ ​‚Ich freue mich,‘ fügte er hinzu, ​‚wenn die Kuh ein Käl­bchen bringt, so werde ich doch manch­mal zu mein­er Erquick­ung einen Trank Milch erhal­ten.‘ ​‚Die Milch ist nicht für dich,‘ sagte die Frau, ​‚wir lassen das Kalb saugen, damit es gross und fett wird, und wir es gut verkaufen kön­nen.‘ ​‚Freilich,‘ antwortete der Mann, ​‚aber ein wenig Milch nehmen wir doch, das schadet nichts.‘ ​‚Wer hat dich gelehrt mit Kühen umge­hen?‘ sprach die Frau, ​‚es mag schaden oder nicht, ich will es nicht haben: und wenn du dich auf den Kopf stellst, du kriegst keinen Tropfen Milch. Du langer Lenz, weil du nicht zu ersät­ti­gen bist, meinst du, du woll­test verzehren, was ich mit Mühe erwerbe.‘ ​‚Frau,‘ sagte der Mann, ​’sei still, oder ich hänge dir eine Maultasche an.‘ ​‚Was,‘ rief sie, ​‚du willst mir dro­hen, du Nim­m­er­satt, du Strick, du fauler Heinz.‘ Sie wol lte ihm in die Haare fall­en, aber der lange Lenz richtete sich auf, pack­te mit der einen Hand die dür­ren Arme der hagern Liese zusam­men, mit der andern drück­te er ihr den Kopf auf das Kissen, liess sie schimpfen und hielt sie so lange, bis sie vor gross­er Müdigkeit eingeschlafen war. Ob sie am andern Mor­gen beim Erwachen fort­fuhr zu zanken, oder ob sie aus­ging, den Gulden zu suchen, den sie find­en wollte, das weiss ich nicht.

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