Die Gänsemagd

von Brüder Grimm

~10 Min

Es lebte ein­mal eine alte Köni­gin, der war ihr Gemahl schon lange Jahre gestor­ben, und sie hat­te eine schöne Tochter. Wie die erwuchs, wurde sie weit über Feld an einen Königssohn ver­sprochen. Als nun die Zeit kam, wo sie ver­mählt wer­den sollte und nun das Kind in das fremde Reich abreisen musste, pack­te ihr die Alte gar viel köstlich­es Gerät und Geschmei­de ein, Gold und Sil­ber, Bech­er und Klein­ode, kurz alles, was nur zu einem königlichen Brautschatz gehörte, denn sie hat­te ihr Kind von Herzen lieb. Auch gab sie ihr eine Kam­mer­jungfer bei, welche mitre­it­en und die Braut in die Hände des Bräutigams über­liefern sollte. Und jede bekam ein Pferd zur Reise, aber das Pferd der Königstochter hiess Fal­a­da und kon­nte sprechen. Wie nun die Abschiedsstunde da war, begab sich die alte Mut­ter in ihre Schlafkam­mer, nahm ein Messer­lein und schnitt damit in ihre Fin­ger, dass sie bluteten; darauf hielt sie ein weiss­es Läp­pchen unter und liess drei Tropfen Blut hine­in­fall­en, gab sie der Tochter und sprach: Liebes Kind, ver­wahre sie wohl, sie wer­den dir unter­wegs not tun.“

Also nah­men bei­de voneinan­der betrübten Abschied. Das Läp­pchen steck­te die Königstochter in ihren Busen vor sich, set­zte sich aufs Pferd und zog nun fort zu ihrem Bräutigam. Da sie eine Stunde gerit­ten waren, emp­fand sie heis­sen Durst und sprach zu ihrer Kam­mer­jungfer: Steig‘ ab und schöpfe mir mit meinem Bech­er, den du für mich mitgenom­men hast, Wass­er aus dem Bache, ich möchte gern ein­mal trinken.“ – Wenn Ihr Durst habt,“ sprach die Kam­mer­jungfer, so steigt sel­ber ab, legt Euch ans Wass­er und trinkt, ich mag Eure Magd nicht sein.“ Da stieg die Königstochter vor grossem Durst herunter, neigte sich über das Wass­er im Bach und trank und durfte nicht aus dem gold­e­nen Bech­er trinken. Da sprach sie: Ach Gott!“ Da antworteten die drei Blut­stropfen: Wenn das deine Mut­ter wüsste, das Herz im Leib tät ihr zer­sprin­gen.“ Aber die Königs­braut war demütig, sagte nichts und stieg wieder zu Pferde. So rit­ten sie etliche Meilen weit­er fort, aber der Tag war warm, die Sonne stach, und sie durstete bald von neuem. Da sie nun an einen Wasser­fluss kamen, rief sie noch ein­mal ihrer Kam­mer­jungfer: Steig‘ ab und gib mir aus meinem Gold­bech­er zu trinken,“ denn sie hat­te alle bösen Worte längst vergessen. Die Kam­mer­jungfer sprach aber noch hochmütiger: Wollt Ihr trinken, so trinkt allein, ich mag nicht Eure Magd sein.“ Da stieg die Königstochter hernieder vor grossem Durst, legte sich über das fliessende Wass­er, weinte und sprach: Ach Gott!“ und die Blut­stropfen antworteten wiederum: Wenn das deine Mut­ter wüsste, das Herz im Leibe tät ihr zer­sprin­gen.“ Und wie sie so trank und sich recht über­lehnte, fiel ihr das Läp­pchen, worin die drei Tropfen waren, aus dem Busen und floss mit dem Wass­er fort, ohne dass sie es in ihrer grossen Angst merk­te. Die Kam­mer­jungfer hat­te aber zuge­se­hen und freute sich, dass sie Gewalt über die Braut bekäme; denn damit, dass diese die Blut­stropfen ver­loren hat­te, war sie schwach und macht­los gewor­den. Als sie nun wieder auf ihr Pferd steigen wollte, das da hiess Fal­a­da, sagte die Kam­mer­frau: Auf Fal­a­da gehöre ich, und auf meinen Gaul gehörst du;“ und das musste sie sich gefall­en lassen. Dann befahl ihr die Kam­mer­frau mit harten Worten, die königlichen Klei­der auszuziehen und ihre schlecht­en anzule­gen, und endlich musste sie sich unter freiem Him­mel ver­schwören, dass sie am königlichen Hof keinem Men­schen etwas davon sprechen wollte; und wenn sie diesen Eid nicht abgelegt hätte, wäre sie auf der Stelle umge­bracht wor­den. Aber Fal­a­da sah das alles an und nahm’s wohl in acht.

Die Kam­mer­frau stieg nun auf Fal­a­da und die wahre Braut auf das schlechte Ross, und so zogen sie weit­er, bis sie endlich in dem königlichen Schloss ein­trafen. Da war grosse Freude über ihre Ankun­ft, und der Königssohn sprang ihnen ent­ge­gen, hob die Kam­mer­frau vom Pferde und meinte, sie wäre seine Gemahlin. Sie ward die Treppe hin­aufge­führt, die wahre Königstochter aber musste unten ste­hen­bleiben. Da schaute der alte König am Fen­ster und sah sie im Hof hal­ten und sah, wie sie fein war, zart und gar schön; ging als­bald hin ins königliche Gemach und fragte die Braut nach der, die sie bei sich hätte und da unten im Hof stände und wer sie wäre?

Die hab ich mir unter­wegs mitgenom­men zur Gesellschaft; gebt der Magd was zu arbeit­en, dass sie nicht müs­sig ste­ht.“ Aber der alte König hat­te keine Arbeit für sie und wusste nichts, als dass er sagte: Da hab ich so einen kleinen Jun­gen, der hütet die Gänse, dem mag sie helfen.“ Der Junge hiess Kürd­chen (Kon­räd­chen), dem musste die wahre Braut helfen Gänse hüten.

Bald aber sprach die falsche Braut zu dem jun­gen König: Lieb­ster Gemahl, ich bitte Euch, tut mir einen Gefall­en!“ Er antwortete: Das will ich gerne tun.“ – Nun, so lasst den Schin­der rufen und da dem Pferde, worauf ich hergerit­ten bin, den Hals abhauen, weil es mich unter­wegs geärg­ert hat.“ Eigentlich aber fürchtete sie, dass das Pferd sprechen möchte, wie sie mit der Königstochter umge­gan­gen war. Nun war das so weit ger­at­en, dass es geschehen und der treue Fal­a­da ster­ben sollte, da kam es auch der recht­en Königstochter zu Ohr, und sie ver­sprach dem Schin­der heim­lich ein Stück Geld, das sie ihm bezahlen wollte, wenn er ihr einen kleinen Dienst erwiese. In der Stadt war ein gross­es fin­steres Tor, wo sie abends und mor­gens mit den Gänsen durch musste, unter das fin­stere Tor möchte er dem Fal­a­da seinen Kopf hin­nageln, dass sie ihn doch noch mehr als ein­mal sehen kön­nte. Also ver­sprach das der Schin­der­sknecht zu tun, hieb den Kopf ab und nagelte ihn unter das fin­stere Tor fest.

Des Mor­gens früh, da sie und Kürd­chen unterm Tor hin­aus­trieben, sprach sie im Vorbeigehen: 

O du Fal­a­da, da du hangest,“

da antwortete der Kopf: 

O du Jungfer Köni­gin, da du gangest,
wenn das deine Mut­ter wüsste,
ihr Herz tät ihr zerspringen.“

Da zog sie still weit­er zur Stadt hin­aus, und sie trieben die Gänse aufs Feld. Und wenn sie auf der Wiese angekom­men war, sass sie nieder und machte ihre Haare auf, die waren eit­el Gold, und Kürd­chen sah sie und freute sich, wie sie glänzten, und wollte ihr ein paar aus­raufen. Da sprach sie: 

Weh, weh, Windchen,
nimm Kürd­chen sein Hütchen,
und lass’n sich mit jagen,
bis ich mich geflocht­en und geschnatzt
und wieder aufgesatzt.“

Und da kam ein so stark­er Wind, dass er dem Kürd­chen sein Hütchen weg wehte über alle Land, und es musste ihm nach­laufen. Bis er wiederkam, war sie mit dem Käm­men und Auf­set­zen fer­tig, und er kon­nte keine Haare kriegen. Da ward Kürd­chen bös und sprach nicht mit ihr; und so hüteten sie die Gänse, bis dass es Abend ward, dann gin­gen sie nach Haus.

Den andern Mor­gen, wie sie unter dem fin­stern Tor hin­aus­trieben, sprach die Jungfrau: 

O du Fal­a­da, da du hangest,“

Fal­a­da antwortete: 

O du Jungfer Köni­gin, da du gangest,
wenn das deine Mut­ter wüsste,
ihr Herz tät ihr zerspringen.“

Und in dem Feld set­zte sie sich wieder auf die Wiese und fing an, ihr Haar auszukäm­men, und Kürd­chen lief und wollte danach greifen, da sprach sie schnell: 

Weh, weh, Windchen,
nimm Kürd­chen sein Hütchen,
und lass’n sich mit jagen,
bis ich mich geflocht­en und geschnatzt
und wieder aufgesatzt.“

Da wehte der Wind und wehte ihm das Hütchen vom Kopf weit weg, dass Kürd­chen nach­laufen musste, und als es wiederkam, hat­te sie längst ihr Haar zurecht, und es kon­nte keins davon erwis­chen, und so hüteten sie die Gänse, bis es Abend ward.

Abends aber, nach­dem sie heimgekom­men waren, ging Kürd­chen vor den alten König und sagte: Mit dem Mäd­chen will ich nicht länger Gänse hüten!“ – Warum denn?“ fragte der alte König. Ei, das ärg­ert mich den ganzen Tag.“ Da befahl ihm der alte König zu erzählen, wie’s ihm denn mit ihr gin­ge. Da sagte Kürd­chen: Mor­gens, wenn wir unter dem fin­stern Tor mit der Herde durchkom­men, so ist da ein Gaulskopf an der Wand, zu dem redet sie: 

Fal­a­da, da du hangest,‘

da antwortet der Kopf: 

O du Königsjungfer, da du gangest,
wenn das deine Mut­ter wüsste,
ihr Herz tät‘ ihr zerspringen!’“

Und so erzählte Kürd­chen weit­er, was auf der Gänsewiese geschähe und wie es da dem Hut im Winde nach­laufen müsste.

Der alte König befahl ihm, den näch­sten Tag wieder hin­auszutreiben, und er selb­st, wie es Mor­gen war, set­zte sich hin­ter das fin­stere Tor und hörte da, wie sie mit dem Haupt des Fal­a­da sprach. Und dann ging er ihr auch nach in das Feld und barg sich in einem Busch auf der Wiese. Da sah er nun bald mit seinen eige­nen Augen, wie die Gänsemagd die Herde getrieben brachte und wie nach ein­er Weile sie sich set­zte und ihre Haare los­flocht, die strahlten von Glanz. Gle­ich sprach sie wieder: 

Weh, weh, Windchen,
fass Kürd­chen sein Hütchen,
und lass’n sich mit jagen,
bis ich mich geflocht­en und geschnatzt
und wieder aufgesatzt.“

Da kam ein Wind­stoss und fuhr mit Kürd­chens Hut weg, dass es weit zu laufen hat­te, und die Magd kämmte und flocht ihre Lock­en still fort, welch­es der alte König alles beobachtete. Darauf ging er unbe­merkt zurück, und als abends die Gänsemagd heimkam, rief er sie bei­seite und fragte, warum sie dem allem so täte. Das darf ich Euch nicht sagen und darf auch keinem Men­schen mein Leid kla­gen, denn so hab‘ ich mich unter freiem Him­mel ver­schworen, weil ich son­st um mein Leben gekom­men wäre.“ Er drang in sie und liess ihr keinen Frieden, aber er kon­nte nichts aus ihr her­aus­brin­gen. Da sprach er: Wenn du mir nichts sagen willst, so klag‘ dem Eisenofen da dein Leid,“ und ging fort. Da kroch sie in den Eisenofen, fing an zu jam­mern und zu weinen, schüt­tete ihr Herz aus und sprach: Da sitze ich nun von aller Welt ver­lassen und bin doch eine Königstochter, und eine falsche Kam­mer­jungfer hat mich mit Gewalt dahin gebracht, dass ich meine königlichen Klei­der habe able­gen müssen, und hat meinen Platz bei meinem Bräutigam ein­genom­men, und ich muss als Gänsemagd gemeine Dien­ste tun. Wenn das meine Mut­ter wüsste, das Herz im Leib tät‘ ihr zer­sprin­gen.“ Der alte König stand aber aussen an der Ofen­röhre, lauerte ihr zu und hörte, was sie sprach. Da kam er wieder here­in und liess sie aus dem Ofen gehen. Da wur­den ihr königliche Klei­der ange­tan, und es schien ein Wun­der, wie sie so schön war. Der alte König rief seinen Sohn und offen­barte ihm, dass er die falsche Braut hätte: die wäre bloss ein Kam­mer­mäd­chen, die wahre aber stände hier als gewe­sene Gänsemagd. Der junge König war herzens­froh, als er ihre Schön­heit und Tugend erblick­te, und ein gross­es Mahl wurde angestellt, zu dem alle Leute und guten Fre­unde gebeten wur­den. Obe­nan sass der Bräutigam, die Königstochter zur einen Seite und die Kam­mer­jungfer zur andern, aber die Kam­mer­jungfer war verblendet und erkan­nte jene nicht mehr in dem glänzen­den Schmuck. Als sie nun gegessen und getrunk­en hat­ten und guten Muts waren, gab der alte König der Kam­mer­frau ein Rät­sel auf, was eine solche wert wäre, die den Her­rn so und so bet­ro­gen hätte, erzählte damit den ganzen Ver­lauf und fragte: Welchen Urteils ist diese würdig?“ Da sprach die falsche Braut: Die ist nichts Besseres wert, als dass sie split­ter­nackt aus­ge­zo­gen und in ein Fass gesteckt wird, das inwendig mit spitzen Nägeln beschla­gen ist; und zwei weisse Pferde müssen vorges­pan­nt wer­den, die sie Gasse auf Gasse ab zu Tode schleifen.“ – Das bist du,“ sprach der alte König, und hast dein eigen Urteil gefun­den, und danach soll dir wider­fahren.“ Und als das Urteil vol­l­zo­gen war, ver­mählte sich der junge König mit sein­er recht­en Gemahlin, und bei­de beherrscht­en ihr Reich in Frieden und Seligkeit.