Die Gänsehirtin am Brunnen

von Brüder Grimm

~20 Min

Es war ein­mal ein steinaltes Müt­terchen, das lebte mit sein­er Herde Gänse in ein­er Einöde zwis­chen Bergen und hat­te da ein kleines Haus. Die Einöde war von einem grossen Wald umgeben, und jeden Mor­gen nahm die Alte ihre Krücke und wack­elte in den Wald. Da war aber das Müt­terchen ganz geschäftig, mehr als man ihm bei seinen hohen Jahren zuge­traut hätte, sam­melte Gras für seine Gänse, brach sich das wilde Obst ab, soweit es mit den Hän­den reichen kon­nte, und trug alles auf seinem Rück­en heim. Man hätte meinen sollen, die schwere Last müsste sie zu Boden drück­en, aber sie brachte sie immer glück­lich nach Haus. Wenn ihr jemand begeg­nete, so grüsste sie ganz fre­undlich: Guten Tag, lieber Lands­mann, heute ist schönes Wet­ter. Ja, Ihr wun­dert Euch, dass ich das Gras schleppe; aber jed­er muss seine Last auf den Rück­en nehmen.“ Doch die Leute begeg­neten ihr nicht gerne und nah­men lieber einen Umweg, und wenn ein Vater mit seinem Knaben an ihr vorüberg­ing, so sprach er leise zu ihm: Nimm dich in acht vor der Alten, die hat’s faust­dick hin­ter den Ohren: es ist eine Hexe.“

Eines Mor­gens ging ein hüb­sch­er junger Mann durch den Wald. Die Sonne schien hell, die Vögel san­gen, und ein küh­les Lüftchen strich durch das Laub, und er war voll Freude und Lust. Noch war ihm kein Men­sch begeg­net, als er plöt­zlich die alte Hexe erblick­te, die am Boden auf den Knien sass und Gras mit ein­er Sichel abschnitt. Eine ganze Last hat­te sie schon in ihr Trag­tuch geschoben und daneben standen zwei Körbe, die mit wilden Bir­nen und Äpfeln ange­füllt waren. Aber, Müt­terchen,“ sprach er, wie kannst du das alles fortschaf­fen?“ – Ich muss sie tra­gen, lieber Herr,“ antwortete sie, reich­er Leute Kinder brauchen es nicht. Aber beim Bauer heisst’s:

Schau dich nicht um,
Dein Buck­el ist krumm.“

Wollt Ihr mir helfen?“ sprach sie, als er bei ihr ste­hen­blieb, Ihr habt noch einen ger­aden Rück­en und junge Beine, es wird Euch ein leicht­es sein. Auch ist mein Haus nicht so weit von hier; hin­ter dem Berge dort ste­ht es auf ein­er Hei­de. Wie bald seid Ihr da hin­aufge­sprun­gen.“ Der junge Mann emp­fand Mitleid mit der Alten. Zwar ist mein Vater kein Bauer,“ antwortete er, son­dern ein reich­er Graf, aber damit Ihr seht, dass die Bauern nicht allein tra­gen kön­nen, so will ich Euer Bün­del aufnehmen.“ – Wollt Ihr’s ver­suchen,“ sprach sie, so soll mir’s lieb sein. Eine Stunde weit werdet Ihr freilich gehen müssen, aber was macht Euch das aus! Dort die Äpfel und Bir­nen müsst Ihr auch tra­gen.“ Es kam dem jun­gen Grafen doch ein wenig beden­klich vor, als er von ein­er Stunde Wegs hörte, aber die Alte liess ihn nicht wieder los, pack­te ihm das Trag­tuch auf den Rück­en und hing ihm die bei­den Körbe an den Arm. Seht Ihr, es geht ganz leicht,“ sagte sie. Nein, es geht nicht leicht,“ antwortete der Graf und machte ein schmer­zlich­es Gesicht, das Bün­del drückt ja so schw­er, als wären lauter Wack­er­steine darin, und die Äpfel und Bir­nen haben ein Gewicht, als wären sie von Blei; ich kann kaum atmen.“ Er hat­te Lust, alles wieder abzule­gen, aber die Alte liess es nicht zu. Seht ein­mal,“ sprach sie spöt­tisch, der junge Herr will nicht tra­gen, was ich alte Frau schon so oft fort­geschleppt habe. Mit schö­nen Worten sind sie bei der Hand, aber wenn’s Ernst wird, so wollen sie sich aus dem Staub machen. Was ste­ht Ihr da,“ fuhr sie fort, und zaud­ert, hebt die Beine auf! Es nimmt Euch nie­mand das Bün­del wieder ab.“ Solange er auf eben­er Erde ging, war’s noch auszuhal­ten, aber als sie an den Berg kamen und steigen mussten, und die Steine hin­ter seinen Füssen hinabroll­ten, als wären sie lebendig, da ging’s über seine Kräfte. Die Schweis­stropfen standen ihm auf der Stirne und liefen ihm bald heiss, bald kalt über den Rück­en hinab. Müt­terchen,“ sagte er, ich kann nicht weit­er, ich will ein wenig ruhen.“ – Nichts da,“ antwortete die Alte, wenn wir ange­langt sind, so kön­nt Ihr aus­ruhen, aber jet­zt müsst Ihr vor­wärts. Wer weiss, wozu Euch das gut ist!“ – Alte, du wirst unver­schämt,“ sagte der Graf und wollte das Trag­tuch abw­er­fen, aber er bemühte sich verge­blich; es hing so fest an seinem Rück­en, als wenn es angewach­sen wäre. Er drehte und wen­dete sich, aber er kon­nte es nicht wieder loswer­den. Die Alte lachte dazu und sprang ganz vergnügt auf ihrer Krücke herum. Erzürnt Euch nicht, lieber Herr,“ sprach sie, Ihr werdet ja rot im Gesicht wie ein Zin­shahn. Tragt Euer Bün­del mit Geduld, wenn wir zu Hause ange­langt sind, so will ich Euch schon ein gutes Trinkgeld geben.“ Was wollte er machen? Er musste sich in sein Schick­sal fügen und geduldig hin­ter der Alten her­schle­ichen. Sie schien immer flink­er zu wer­den und ihm seine Last immer schw­er­er. Auf ein­mal tat sie einen Satz, sprang auf das Trag­tuch und set­zte sich oben darauf; wie zaun­dürre sie war, so hat­te sie doch mehr Gewicht als die dick­ste Bauerndirne. Dem Jüngling zit­terten die Knie, aber wenn er nicht fort­ging, so schlug ihn die Alte mit ein­er Gerte und mit Bren­nes­seln auf die Beine. Unter beständi­gem Ächzen stieg er den Berg hin­auf und langte endlich bei dem Haus der Alten an, als er eben nieder­sinken wollte. Als die Gänse die Alte erblick­ten, streck­ten sie die Flügel in die Höhe und die Hälse voraus, liefen ihr ent­ge­gen und schrien ihr wulle, wulle.“ Hin­ter der Herde mit ein­er Rute in der Hand ging eine bejahrte Trulle, stark und gross, aber hässlich wie die Nacht. Frau Mut­ter“ sprach sie zur Alten, ist Euch etwas begeg­net, Ihr seid so lange aus­ge­blieben.“ – Bewahre, mein Töchterchen,“ erwiderte sie, mir ist nichts Bös­es begeg­net, im Gegen­teil, der liebe Herr, der hat mir meine Last getra­gen; denk dir, als ich müde war, hat er mich selb­st noch auf den Rück­en genom­men. Der Weg ist uns auch gar nicht lang gewor­den, wir sind lustig gewe­sen und haben immer Spass miteinan­der gemacht.“ Endlich rutschte die Alte herab, nahm dem jun­gen Mann das Bün­del vom Rück­en und die Körbe vom Arm, sah ihn ganz fre­undlich an und sprach: Nun set­zt Euch auf die Bank vor die Türe und ruht Euch aus. Ihr habt Euern Lohn redlich ver­di­ent, der soll auch nicht aus­bleiben.“ Dann sprach sie zu der Gänse­hirtin: Geh du ins Haus hinein, mein Töchterchen, es schickt sich nicht, dass du mit einem jun­gen Her­rn allein bist, man muss nicht öl ins Feuer giessen; er kön­nte sich in dich ver­lieben.“ Der Graf wusste nicht, ob er weinen oder lachen sollte. Solch ein Schätzchen, dachte er, und wenn es dreis­sig Jahre jünger wäre, kön­nte doch mein Herz nicht rühren. Indessen hätschelte und stre­ichelte die Alte ihre Gänse wie Kinder und ging dann mit ihrer Tochter in das Haus. Der Jüngling streck­te sich auf die Bank unter dem wilden Apfel­baum. Die Luft war lau und mild; ring­sumher bre­it­ete sich eine grüne Wiese aus, die mit Him­melss­chlüs­seln, wil­dem Thymi­an und tausend andern Blu­men über­sät war. Mit­ten­durch rauschte ein klar­er Bach, auf dem die Sonne glitzerte, und die weis­sen Gänse gin­gen auf und ab spazieren oder pud­del­ten sich im Wass­er. Es ist recht lieblich hier,“ sagte er, aber ich bin müde, dass ich die Augen nicht auf­be­hal­ten mag: ich will ein wenig schlafen. Wenn nur kein Wind­stoss kommt und bläst mir meine Beine vom Leibe weg, denn sie sind mürbe wie Zunder.“

Als er ein Weilchen geschlafen hat­te, kam die Alte und schüt­telte ihn wach. Steh auf,“ sagte sie, hier kannst du nicht bleiben. Freilich habe ich dir’s sauer genug gemacht, aber das Leben hat’s doch nicht gekostet. Jet­zt will ich dir deinen Lohn geben. Geld und Gut brauchst du nicht, da hast du etwas anderes.“ Damit steck­te sie ihm ein Büch­slein in die Hand, das aus einem einzi­gen Smaragd geschnit­ten war. Bewahr’s wohl,“ set­zte sie hinzu, es wird dir Glück brin­gen.“ Der Graf sprang auf, und da er fühlte, dass er ganz frisch und wieder bei Kräften war, so dank­te er der Alten für ihr Geschenk und machte sich auf den Weg, ohne nach dem schö­nen Töchterchen auch nur ein­mal umzublick­en. Als er schon eine Strecke weg war, hörte er noch aus der Ferne das lustige Geschrei der Gänse.

Der Graf musste drei Tage in der Wild­nis heru­mir­ren, ehe er sich her­aus­find­en kon­nte. Da kam er in eine grosse Stadt, und weil ihn nie­mand kan­nte, ward er in das königliche Schloss geführt, wo der König auf dem Thron sassen. Der Graf liess sich auf ein Knie nieder, zog das smarag­dene Gefäss aus der Tasche und legte es der Köni­gin zu Füssen. Sie hiess ihn auf­ste­hen, und er musste ihr das Büch­slein hin­aufre­ichen. Kaum aber hat­te sie es geöffnet und hineinge­blickt, so fiel sie wie tot zur Erde. Der Graf ward von den Dienern des Königs fest­ge­hal­ten und sollte in das Gefäng­nis geführt wer­den; da schlug die Köni­gin die Augen auf und rief, sie soll­ten ihn freilassen, und jed­er­mann sollte hin­aus­ge­hen, sie wollte ins­ge­heim mit ihm reden.

Als die Köni­gin allein war, fing sie bit­ter­lich an zu weinen und sprach: Was hil­ft mir Glanz und Ehre, die mich umgeben, jeden Mor­gen erwache ich mit Sor­gen und Kum­mer. Ich habe drei Töchter gehabt, davon war die jüng­ste so schön, dass sie alle Welt für ein Wun­der hielt. Sie war so weiss wie Schnee, so rot wie Äpfel­blüte und ihr Haar so glänzend wie Son­nen­strahlen. Wenn sie weinte, so fie­len nicht Trä­nen aus ihren Augen, son­dern lauter Perlen und Edel­steine. Als sie fün­fzehn Jahre alt war, da liess der König alle drei Schwest­ern vor seinen Thron kom­men. Da hät­tet Ihr sehen sollen, was die Leute für Augen macht­en, als die jüng­ste ein­trat: es war, als wenn die Sonne aufging. Der König sprach: Meine Töchter, ich weiss nicht, wann mein let­zter Tag kommt, ich will heute bes­tim­men, was eine jede nach meinem Tode erhal­ten soll. Ihr alle habt mich lieb, aber welche mich von euch am lieb­sten hat, die soll das Beste haben.‘ Jede sagte, sie hätte ihn am lieb­sten. Kön­nt ihr mir’s nicht aus­drück­en^ erwiderte der König, wie lieb ihr mich habt? Daran werde ich’s sehen, wie ihr’s meint.‘ Die älteste sprach: Ich habe den Vater so lieb wie den süss­es­ten Zuck­er.‘ Die zweite: Ich habe den Vater so lieb wie mein schön­stes Kleid.‘ Die jüng­ste aber schwieg. Da fragte der Vater: Und du, mein lieb­stes Kind, wie lieb hast du mich?‘ – Ich weiss es nichts antwortete sie, und kann meine Liebe mit nichts ver­gle­ichen.‘ Aber der Vater bestand darauf, sie müsste etwas nen­nen. Da sagte sie endlich: Die beste Speise schmeckt mir nicht ohne Salz, darum habe ich den Vater so lieb wie Salz.‘ Als der König das hörte, geri­et er in Zorn und sprach: Wenn du mich so lieb­st als Salz, so soll deine Liebe auch mit Salz belohnt wer­den.‘ Da teilte er das Reich zwis­chen den bei­den ältesten, der jüng­sten aber liess er einen Sack mit Salz auf den Rück­en binden, und zwei Knechte mussten sie hin­aus in den wilden Wald führen. Wir haben alle für sie gefle­ht und gebeten,“ sagte die Köni­gin, aber der Zorn des Königs war nicht zu erwe­ichen. Wie hat sie geweint, als sie uns ver­lassen musste! Der ganze Weg ist mit Perlen besät wor­den, die ihr aus den Augen geflossen sind. Den König hat bald her­nach seine grosse Härte gereut und er hat das arme Kind in dem ganzen Wald suchen lassen, aber nie­mand kon­nte sie find­en. Wenn ich denke, dass sie die wilden Tiere gefressen haben, so weiss ich mich vor Trau­rigkeit nicht zu fassen; manch­mal tröste ich mich mit der Hoff­nung, sie sei noch am Leben und habe sich in ein­er Höh­le ver­steckt oder bei mitlei­di­gen Men­schen Schutz gefun­den. Aber stellt Euch vor, als ich Euer Smaragdbüch­slein auf­machte, so lag eine Per­le darin, ger­ade der Art, wie sie mein­er Tochter aus den Augen geflossen sind, und da kön­nt Ihr Euch vorstellen, wie mir der Anblick das Herz bewegt hat. Ihr sollt mir sagen, wie Ihr zu der Per­le gekom­men seid.“ Der Graf erzählte ihr, dass er sie von der Alten im Walde erhal­ten hätte, die ihm nicht geheuer vorgekom­men wäre und eine Hexe sein müsste; von ihrem Kinde aber hätte er nichts gehört und gese­hen. Der König fassten den Entschluss, die Alte aufzusuchen; sie dacht­en, wo die Per­le gewe­sen wäre, da müssten sie auch Nachricht von ihrer Tochter finden.

Die Alte sass draussen in der Einöde bei ihrem Spin­nrad und spann. Es war schon dunkel gewor­den, und ein Span, der unten am Herd bran­nte, gab ein sparsames Licht. Auf ein­mal ward’s draussen laut, die Gänse kamen heim von der Wei­de und liessen ihr heis­eres Gekreisch hören. Bald her­nach trat auch die Tochter here­in. Aber die Alte dank­te ihr kaum und schüt­telte nur ein wenig mit dem Kopf. Die Tochter set­zte sich zu ihr nieder, nahm ihr Spin­nrad und drehte den Faden so flink wie ein junges Mäd­chen. So sassen bei­de zwei Stun­den und sprachen kein Wort miteinan­der. Endlich raschelte etwas am Fen­ster und zwei feurige Augen glotzten here­in. Es war eine alte Nach­teule, die dreimal uhu“ schrie. Die Alte schaute nur ein wenig in die Höhe, dann sprach sie: Jet­zt ist’s Zeit, Töchterchen, dass du hin­aus­gehst, tu deine Arbeit.“

Sie stand auf und ging hin­aus. Wo ist sie denn hinge­gan­gen? Über die Wiesen immer weit­er bis in das Tal. Endlich kam sie zu einem Brun­nen, bei dem drei alte Eich­bäume standen. Der Mond war indessen rund und gross über dem Berg aufgestiegen, und es war so hell, dass man eine Steck­nadel hätte find­en kön­nen. Sie zog eine Haut ab, die auf ihrem Gesicht lag, bück­te sich dann zu dem Brun­nen und fing an, sich zu waschen. Als sie fer­tig war, tauchte sie auch die Häuf in das Wass­er und legte sie dann auf die Wiese, damit sie wieder im Mond­schein ble­ichen und trock­nen sollte. Aber wie war das Mäd­chen ver­wan­delt! So was habt ihr nie gese­hen! Als der graue Zopf abfiel, da quollen die gold­e­nen Haare wie Son­nen­strahlen her­vor und bre­it­eten sich, als wär’s ein Man­tel, über ihre ganze Gestalt. Nur die Augen blitzten her­aus so glänzend wie die Sterne am Him­mel, und die Wan­gen schim­merten in san­fter Röte wie die Äpfelblüte.

Aber das schöne Mäd­chen war trau­rig. Es set­zte sich nieder und weinte bit­ter­lich. Eine Träne nach der andern drang aus seinen Augen und rollte zwis­chen den lan­gen Haaren auf den Boden. So sass es da und wäre lange sitzen geblieben, wenn es nicht in den Ästen des nahe ste­hen­den Baumes geknit­tert und ger­auscht hätte. Sie sprang auf wie ein Reh, das den Schuss des Jägers vern­immt. Der Mond ward ger­ade von ein­er schwarzen Wolke bedeckt, und im Augen­blick war das Mäd­chen wieder in die alte Haut geschlüpft und ver­schwand wie ein Licht, das der Wind ausbläst.

Zit­ternd wie Espen­laub lief sie zu dem Haus zurück. Die Alte stand vor der Türe, und das Mäd­chen wollte ihr erzählen, was ihm begeg­net war, aber die Alte lachte fre­undlich und sagte: Ich weiss schon alles.“ Sie führte es in die Stube und zün­dete einen neuen Span an. Aber sie set­zte sich nicht wieder zu dem Spin­nrad, son­dern sie holte einen Besen und fing an zu kehren und zu scheuern. Es muss alles rein und sauber sein,“ sagte sie zu dem Mäd­chen. Aber Mut­ter,“ sprach das Mäd­chen, warum fangt Ihr in so später Stunde die Arbeit an? Was habt Ihr vor?“ – Weisst du denn, welche Stunde es ist?“ fragte die Alte. Noch nicht Mit­ter­nacht,“ antwortete das Mäd­chen, aber schon elf Uhr vor­bei?“ – Denkst du nicht daran,“ fuhr die Alte fort, dass du heute vor drei Jahren zu mir gekom­men bist? Deine Zeit ist aus, wir kön­nen nicht länger beisam­men bleiben.“ Das Mäd­chen erschrak und sagte: Ach, liebe Mut­ter, wollt Ihr mich ver­stossen? Wo soll ich hin? Ich habe keine Fre­unde und keine Heimat, wohin ich mich wen­den kann. Ich habe alles getan, was Ihr ver­langt habt, und Ihr seid immer zufrieden mit mir gewe­sen: schickt mich nicht fort!“ Die Alte wollte dem Mäd­chen nicht sagen, was ihm bevor­stand. Meines Bleibens ist nicht länger hier,“ sprach sie zu ihm, wenn ich aber ausziehe, muss Haus und Stube sauber sein: darum halt mich nicht auf in mein­er Arbeit! Deinetwe­gen sei ohne Sor­gen, du sollst ein Dach find­en, unter dem du wohnen kannst, und mit dem Lohn, den ich dir geben will, wirst du auch zufrieden sein.“ – Aber sagt mir nur, was ist vor?“ fragte das Mäd­chen weit­er. Ich sage dir nochmals, störe mich nicht in mein­er Arbeit! Rede kein Wort weit­er, geh in deine Kam­mer, nimm die Haut vom Gesicht und zieh das sei­dene Kleid an, das du trugst, als du zu mir kamst, und dann harre in dein­er Kam­mer, bis ich dich rufe.“

Aber ich muss wieder von dem König erzählen, die mit dem Grafen aus­ge­zo­gen waren und die Alte in der Einöde auf­suchen woll­ten. Der Graf war nachts in dem Walde von ihnen abgekom­men und musste allein weit­erge­hen. Am andern Tag kam es ihm vor, als befände er sich auf dem recht­en Weg. Er ging immer­fort, bis die Dunkel­heit ein­brach, da stieg er auf einen Baum und wollte da über­nacht­en, denn er war besorgt, er möchte sich verir­ren. Als der Mond die Gegend erhellte, so erblick­te er eine Gestalt, die den Berg her­ab­wan­delte. Sie hat­te keine Rute in der Hand, aber er kon­nte doch sehen, dass es die Gänse­hirtin war, die er früher bei dem Haus der Alten gese­hen hat­te. Oho!“ rief er, da kommt sie, und habe ich erst die eine Hexe, so soll mir die andere auch nicht ent­ge­hen.“ Wie erstaunte er aber, als sie zu dem Brun­nen trat, die Haut ablegte und sich wusch, als die gold­e­nen Haare über sie her­ab­fie­len, und sie so schön war, wie er noch nie­mand auf der Welt gese­hen hat­te. Kaum dass er zu atmen wagte, aber er streck­te den Hals zwis­chen dem Laub so weit vor, als er nur kon­nte, und schaute sie mit unver­wandten Blick­en an. Ob er sich zu weit über­bog, oder was son­st schuld war, plöt­zlich krachte der Ast, und in dem­sel­ben Augen­blick schlüpfte das Mäd­chen in die Haut, sprang wie ein Reh davon, und da der Mond sich zugle­ich bedeck­te, so war sie seinen Blick­en entzogen.

Kaum war sie ver­schwun­den, so stieg der Graf von dem Baum herab und eilte ihr mit behen­den Schrit­ten nach. Er war noch nicht lange gegan­gen, so sah er in der Däm­merung zwei Gestal­ten über die Wiese wan­deln. Es war der König, die hat­ten aus der Ferne das Licht in dem Häuschen der Alten erblickt und waren drauf/​u gegan­gen. Der Graf erzählte ihnen, was er für Wun­derdinge bei dem Brun­nen gese­hen hätte, und sie zweifel­ten nicht, dass das ihre ver­lorene Tochter gewe­sen wäre. Voll Freude gin­gen sie weit­er und kamen bald bei dem Häuschen an; die Gänse sassen ring­sherum, hat­ten den Kopf in die Flügel gesteckt und schliefen, und keine regte sich. Sie schaut­en zum Fen­ster hinein, da sass die Alte ganz still und spann, nick­te mit dem Kopf und sah sich nicht um. Es war ganz sauber in der Stube, als wenn da die kleinen Nebelmännlein wohn­ten, die keinen Staub auf den Füssen tra­gen. Ihre Tochter aber sahen sie nicht. Sie schaut­en das alles eine Zeit­lang an, endlich fassten sie ein Herz und klopften leise ans Fen­ster. Die Alte schien sie erwartet zu haben, sie stand auf und rief ganz fre­undlich: Nur here­in, ich kenne euch schon!“ Als sie in die Stube einge­treten waren, sprach die Alte: Den weit­en Weg hät­tet Ihr Euch sparen kön­nen, wenn Ihr Euer Kind, das so gut und liebre­ich ist, nicht vor drei Jahren ungerechter­weise ver­stossen hät­tet. Ihr hat’s nichts geschadet, sie hat drei Jahre lang die Gänse hüten müssen; sie hat nichts Bös­es dabei gel­ernt, son­dern ihr reines Herz behal­ten. Ihr aber seid durch die Angst, in der Ihr gelebt habt, hin­länglich ges­traft.“ Dann ging sie an die Kam­mer und rief: Komm her­aus, mein Töchterchen!“ Da ging die Türe auf, und die Königstochter trat her­aus in ihrem sei­de­nen Gewand mit ihren gold­e­nen Haaren und ihren leuch­t­en­den Augen, und es war, als ob ein Engel vom Him­mel käme.

Sie ging auf ihren Vater und ihre Mut­ter zu, fiel ihnen um den Hals und küsste sie; es war nicht anders, sie mussten alle vor Freude weinen. Der junge Graf stand neben ihnen, und als sie ihn erblick­te, ward sie so rot im Gesicht wie eine Moos­rose; sie wusste selb­st nicht warum. Der König sprach: Liebes Kind, mein Kön­i­gre­ich habe ich ver­schenkt, was soll ich dir geben?“ -„Sie braucht nichts,“ sagte die Alte, ich schenke ihr die Trä­nen, die sie um Euch geweint hat, das sind lauter Perlen, schön­er als sie im Meer gefun­den wer­den, und sind mehr wert als Euer ganzes Kön­i­gre­ich. Und zum Lohn für ihre Dien­ste gebe ich ihr mein Häuschen.“ Als die Alte das gesagt hat­te, ver­schwand sie vor ihren Augen. Es knat­terte ein wenig in den Wän­den, und als sie sich umsa­hen, war das Häuschen in einen prächti­gen Palast ver­wan­delt, und eine königliche Tafel war gedeckt, und die Bedi­en­ten liefen hin und her.

Die Geschichte geht noch weit­er, aber mein­er Gross­mut­ter, die sie mir erzählt hat, war das Gedächt­nis schwach gewor­den: sie hat­te das übrige vergessen. Ich glaube immer, die schöne Königstochter ist mit dem Grafen ver­mählt wor­den und sie sind zusam­men in dem Schloss geblieben und haben da in aller Glück­seligkeit gelebt, so lange es Gott wollte. Ob die schneeweis­sen Gänse, die bei dem Häuschen gehütet wur­den, lauter Mäd­chen waren (es braucht’s nie­mand übel zu nehmen), welche die Alte zu sich genom­men hat­te, und ob sie jet­zt ihre men­schliche Gestalt wieder erhiel­ten und als Diener­in­nen bei der jun­gen Köni­gin blieben, das weiss ich nicht genau, aber ich ver­mute es doch. So viel ist gewiss, dass die Alte keine Hexe war, wie die Leute glaubten, son­dern eine weise Frau, die es gut meinte. Wahrschein­lich ist sie es auch gewe­sen, die der Königstochter schon bei der Geburt die Gabe ver­liehen hat, Perlen zu weinen statt Trä­nen. Heute kommt das nicht mehr vor, son­st kön­nten die Armen bald reich werden.