Die Goldmaria und die Pechmaria

von Ludwig Bechstein

~6 Min

Es war ein­mal eine Witwe, die hat­te zwei Töchter. Eine richtige Tochter und eine Stieftochter, doch bei­de hießen Maria. Die richtige Tochter war als Kind von ihrer Mut­ter sehr ver­hätschelt wor­den. Auch war sie vom Wesen her nicht gut und fromm. Als sie nun her­an­wuchs, zeigte sich schon bald, dass sie eigensin­nig und hin­ter­hältig, aber auch sehr her­risch und gefüh­l­los sein kon­nte. Es kam ihr immer nur in den Sinn, sich mit schö­nen Klei­dern her­auszuputzen, in den Spiegel zu sehen und vergnügliche Orte zu besuchen.

Die Stieftochter war dage­gen stets beschei­den und brav, aber sie musste gar viele Kränkun­gen von Mut­ter und Schwest­er erdulden. Trotz­dem blieb sie fre­undlich und tat die Küchenar­beit unver­drossen. Nur manch­mal weinte sie heim­lich in ihrem Käm­mer­lein, wenn sie durch Mut­ter und Schwest­er beson­ders hat­te lei­den müssen. Es brauchte aber nicht lange, so war sie wieder fröh­lich, und sprach zu sich selb­st: Sei guten Mutes, der liebe Gott wird dir schon helfen.” Dann tat sie fleißig ihre Arbeit, und machte alles nett und sauber.

Ihrer Stief­mut­ter meinte aber, dass sie nicht genug arbeite. Und eines Tages sagte sie sog­ar: Maria, ich kann dich nicht länger zu Hause behal­ten. Du arbeitest zu wenig und isst zu viel. Und deine leib­liche Mut­ter hat dir kein Ver­mö­gen hin­ter­lassen, auch dein Vater nicht. Daher ist im Hause alles mein, und ich kann und mag dich nicht länger ernähren. Du musst jet­zt gehen und dir einen Dienst bei ein­er Herrschaft suchen.” Dann machte die Stief­mut­ter noch aus Asche und Milch einen Kuchen, füllte ein Krü­glein mit Wass­er, gab bei­des der armen Maria und schick­te sie weg.

Maria war sehr betrübt über diese Ungerechtigkeit. Trotz­dem schritt sie mutig durch Felder und Wiesen und dachte: Es wird dich schon jemand als Magd nehmen, und vielle­icht sind ja fremde Men­schen gütiger als die eigene Stief­mut­ter.” Als sie nun den Hunger fühlte, set­zte sie sich ins Gras nieder, zog ihren Aschekuchen her­vor und aß etwas davon. Dann trank sie aus ihrem Krü­glein, und viele Vöglein flat­terten her­bei. Sie pick­ten an ihrem Kuchen, und Maria goss etwas Wass­er in ihre Hand, auf dass die muntere Vogelschar trinken konnte.

Da ver­wan­delte sich plöt­zlich ihr Aschekuchen in eine süße Torte und ihr Wass­er in köstlichen Wein. Gestärkt und froh zog die arme Maria weit­er und kam, als es dunkel wurde, an ein selt­sames Haus. Das Haus hat­te vorne zwei Tore, eines pech­schwarz, das andere glänzend wie pures Gold.

Beschei­den ging Maria durch das unansehn­liche Tor in den Hof, und klopfte an die Haustüre. Ein Mann von schreck­lich wil­dem Ausse­hen tat die Türe auf und fragte barsch nach ihrem Begehren. Sie sprach zit­ternd: Ich wollte nur fra­gen, ob Ihr nicht so gütig sein kön­ntet, mich über Nacht zu beherber­gen?” Der Mann brummte: Komm here­in!” Sie fol­gte ihm und zuck­te noch mehr zusam­men, als sie drin­nen im Zim­mer nur Hunde und Katzen sah, die ein abscheulich­es Geheul veranstalteten.

Der wilde Thürsche­mann, der die arme Maria herein­ge­lassen hat­te, brummte nun: Bei wem willst du schlafen, bei mir oder bei Hun­den und Katzen?” Maria sprach: Bei Hun­den und Katzen.” Den­noch musste sie neben dem wilden Thürsche­mann schlafen. Er gab ihr ein so schönes weich­es Bett, dass Maria ganz her­rlich und ruhig schlief.

Am Mor­gen brummte Thürsche­mann wieder: Mit wem willst du früh­stück­en, mit mir oder mit Hun­den und Katzen?” Sie sprach: Mit Hun­den und Katzen.” Da musste sie mit ihm trinken, Kaf­fee und süßen Rahm.

Als Maria dann fort­ge­hen wollte, brummte Thürsche­mann aber­mals: Zu welchem Tor willst du hin­aus, zum Gold­tor oder zum Pech­tor?” Sie sprach: Zum Pech­tor.” Da musste sie durchs gold­ene gehen. Und als sie ger­ade darunter war, saß Thürsche­mann oben darauf und schüt­telte es so derb, dass das Tor erzit­terte und Maria mit Gold bedeckte.

Nun ging Maria wieder heim. Und als sie schon nahe beim Eltern­haus war, kamen ihr die Hüh­n­er freudig ent­ge­gen, die sie son­st gefüt­tert hat­te, und der Hahn schrie: Kikiri­ki, da kommt die Gold­marie! Kikiri­ki!” Ihre Mut­ter kam aufgeregt die Treppe herunter und knick­ste so ehrfurchtsvoll vor der gold­e­nen Dame, als wenn es eine Prinzessin wäre. Aber Maria sprach: Liebe Mut­ter, kennst du mich denn nicht mehr? Ich bin ja die Maria.”

Jet­zt kam auch die Schwest­er ganz erstaunt und ver­wun­dert, so wie die Mut­ter. Bei­de waren voll des Nei­des, und Maria musste erzählen, wie wun­der­bar es ihr ergan­gen war. Nun nahm die Stief­mut­ter Maria fre­undlich­er auf, und hielt sie auch bess­er wie zuvor. Sie wurde von jed­er­mann geehrt und geliebt. Und schon bald war ein braver junger Mann gefun­den, der sie als Gat­tin heim­führte und glück­lich mit ihr lebte.

Der anderen Maria aber wuchs der Neid im Herzen. Sie beschloss, eben­so fortzuge­hen und mit Gold über­häuft wiederzukom­men. Da gab die Mut­ter ihr süßen Kuchen und Wein mit auf die Reise. Doch als Maria davon aß und die Vöglein geflo­gen kamen, jagte sie diese ärg­er­lich davon. Da ver­wan­delte sich ihr Kuchen unver­merkt in Asche, und ihr Wein in mattes Wasser.

Am Abend kam Maria eben­falls an Thürsche­manns Tore. Sie ging stolz zu dem gold­e­nen hinein, und klopfte an die Haustüre. Als Thürsche­mann auf­machte und brum­mig nach ihrem Begehren fragte, sagte sie schnip­pisch: Nun, ich will hier über­nacht­en.” Und er brummte: Komm herein!”

Dann fragte er sie: Bei wem willst du schlafen, bei mir oder bei Hun­den und Katzen?” Sie antwortete schnell: Bei euch, Herr Thürsche­mann!” Aber er führte sie in die Stube, wo Hunde und Katzen schliefen, und schloss sie hinein. Am Mor­gen war das Angesicht der stolzen Maria gar hässlich zerkratzt und zerbissen.

Thürsche­mann brummte wieder: Mit wem willst du Kaf­fee trinken, mit mir oder mit Hun­den und Katzen?” Ei, mit euch”, sagte sie. Da musste sie nun ger­ade wieder mit Katzen und Hun­den trinken.

Maria hat­te jet­zt genug von diesem Pos­sen­spiel und wollte fort. Thürsche­mann brummte aber­mals: Zu welchem Tor willst du hin­aus, zum Gold­tor oder zum Pech­tor?” Sie sagte: Zum Gold­tor, das ver­ste­ht sich doch von selb­st!” Aber dieses wurde sogle­ich ver­schlossen, und sie musste zum Pech­tor hin­aus. Thürsche­mann saß oben­drauf, rüt­telte und schüt­telte, dass das Tor beden­klich wack­elte. Da fiel so viel Pech herunter, dass die stolze Maria über und über damit bedeckt war.

Als sie nun voll Wut und gar hässlich nach Hause kam, krähte der Gock­el­hahn ihr ent­ge­gen: Kikiri­ki, da kommt die Pech­marie! Kikiri­ki!” Und ihre Mut­ter wandte sich voll Abscheu von ihr ab. Denn mit dieser hässlichen Tochter kon­nte und wollte sie sich nicht bei den feinen Leuten sehen lassen. Das war die größte Strafe für die Pech­maria, denn sie war auf das Gold aus, um ger­ade bei diesen Leuten Ein­druck zu schinden.