Die Goldkinder

von Brüder Grimm

~9 Min

Es war ein armer Mann und eine arme Frau, die hat­ten nichts als eine kleine Hütte und nährten sich vom Fis­chfang, und es ging bei ihnen von Hand zu Mund. Es geschah aber, als der Mann eines Tages beim Wass­er sass und sein Netz auswarf, dass er einen Fisch her­aus­zog, der ganz gold­en war. Und als er den Fisch voll Ver­wun­derung betra­chtete, hub dieser an zu reden und sprach hör, Fis­ch­er, wirf­st du mich wieder hinab ins Wass­er, so mach ich deine kleine Hütte zu einem prächti­gen Schloss.‘ Da antwortete der Fis­ch­er was hil­ft mir ein Schloss, wenn ich nichts zu essen habe?‘ Sprach der Gold­fisch weit­er auch dafür soll gesorgt sein, es wird ein Schrank im Schloss sein, wenn du den auf­schliess­est, so ste­hen Schüs­seln darin mit den schön­sten Speisen, soviel du dir wün­schest.‘ Wenn das ist,‘ sprach der Mann, so kann ich dir wohl den Gefall­en tun.‘ Ja,‘ sagte der Fisch, es ist aber die Bedin­gung dabei, dass du keinem Men­schen auf der Welt, wer es auch immer sein mag, ent­deckst, woher dein Glück gekom­men ist; sprichst du ein einziges Wort, so ist alles vorbei.‘

Nun warf der Mann den wun­der­baren Fisch wieder ins Wass­er und ging heim. Wo aber son­st seine Hütte ges­tanden hat­te, da stand jet­zt ein gross­es Schloss. Da machte er ein paar Augen, trat hinein und sah seine Frau, mit schö­nen Klei­dern geputzt, in ein­er prächti­gen Stube sitzen. Sie war ganz vergnügt und sprach Mann, wie ist das auf ein­mal gekom­men? das gefällt mir wohl.‘ Ja,‘ sagte der Mann, es gefällt mir auch, aber es hungert mich auch gewaltig, gibt mir erst was zu essen.‘ Sprach die Frau ich habe nichts und weiss in dem neuen Haus nichts zu find­en.‘ Das hat keine Not,‘ sagte der Mann, dort sehe ich einen grossen Schrank, den schliess ein­mal auf.‘ Wie sie den Schrank auf­schloss, stand da Kuchen, Fleisch, Obst, Wein, und lachte einen ordentlich an. Da rief die Frau voll Freude Herz, was begehrst du nun?‘ und sie set­zten sich nieder, assen und tranken zusam­men. Wie sie satt waren, fragte die Frau aber, Mann, wo kommt all dieser Reich­tum her?‘ Ach,‘ antwortete er, frage mich nicht darum, ich darf dirs nicht sagen, wenn ichs jemand ent­decke, so ist unser Glück wieder dahin.‘ Gut,‘ sprach sie wenn ichs nicht wis­sen soll, so begehr ichs auch nicht zu wis­sen.‘ Das war aber ihr Ernst nicht, es liess ihr keine Ruhe Tag und Nacht, und sie quälte und stachelte den Mann so lang, bis er in der Ungeduld her­aus­sagte, es käme alles von einem wun­der­baren gold­e­nen Fisch, den er gefan­gen und dafür wieder in Frei­heit gelassen hätte. Und wies her­aus war, da ver­schwand als­bald das schöne Schloss mit dem Schrank, und sie sassen wieder in der alten Fischerhütte.

Der Mann musste von vor­nen anfan­gen, seinem Gewerbe nachge­hen und fis­chen. Das Glück wollte es aber, dass er den gold­e­nen Fisch noch ein­mal her­aus­zog. Hör,‘ sprach der Fisch, wenn du mich wieder ins Wass­er wirf­st, so will ich dir noch ein­mal das Schloss mit dem Schrank voll Gesot­ten­em und Gebraten­em zurück­geben; nur halt dich fest und ver­rat beileibe nicht, von wem dus hast, son­st gehts wieder ver­loren.‘ Ich will mich schon hüten,‘ antwortete der Fis­ch­er und warf den Fisch in sein Wass­er hinab. Daheim war nun alles wieder in voriger Her­rlichkeit, und die Frau war in ein­er Freude über das Glück; aber die Neugierde liess ihr doch keine Ruhe, dass sie nach ein paar Tagen wieder zu fra­gen anhub, wie es zuge­gan­gen wäre, und wie er es ange­fan­gen habe. Der Mann schwieg eine Zeit­lang still dazu, endlich aber machte sie ihn so ärg­er­lich, dass er her­aus­platzte und das Geheim­nis ver­ri­et. In dem Augen­blick ver­schwand das Schloss, und sie sassen wieder in der alten Hütte. Nun hast dus‘ sagte der Mann, jet­zt kön­nen wir wieder am Hunger­tuch nagen.‘ Ach,‘ sprach die Frau ich will den Reich­tum lieber nicht, wenn ich nicht weiss, von wem er kommt; son­st habe ich doch keine Ruhe.‘

Der Mann ging wieder fis­chen, und über eine Zeit, so wars nicht anders, er holte den Gold­fisch zum drit­ten­mal her­aus. Hör,‘ sprach der Fisch, ich sehe wohl, ich soll immer wieder in deine Hände fall­en, nimm mich mit nach Haus und zer­schneid mich in sechs Stücke, zwei davon gib dein­er Frau zu essen, zwei deinem Pferd, und zwei leg in die Erde, so wirst du Segen davon haben.‘ Der Mann nahm den Fisch mit nach Haus und tat, wie er ihm gesagt hat­te. Es geschah aber, dass aus den zwei Stück­en, die in die Erde gelegt waren, zwei gold­ene Lilien aufwuch­sen, und dass das Pferd zwei gold­ene Füllen bekam, und des Fis­ch­ers Frau zwei Kinder gebar, die ganz gold­en waren.

Die Kinder wuch­sen her­an, wur­den gross und schön, und die Lilien und Pferde wuch­sen mit ihnen. Da sprachen sie Vater, wir wollen uns auf unsere gold­e­nen Rosse set­zen und in die Welt ausziehen.‘ Er aber antwortete betrübt wie will ichs aushal­ten, wenn ihr fortzieht und ich nicht weiss, wies euch geht?‘ Da sagten sie die zwei gold­e­nen Lilien bleiben hier, daran kön­nt ihr sehen, wies uns geht: sind sie frisch, so sind wir gesund; sind sie welk, so sind wir krank; fall­en sie um, so sind wir tot.‘ Sie rit­ten fort und kamen in ein Wirtshaus, darin waren viele Leute, und als sie die zwei Gold­kinder erblick­ten, fin­gen sie an zu lachen und zu spot­ten. Wie der eine das Gespött hörte, so schämte er sich, wollte nicht in die Welt, kehrte um und kam wieder heim zu seinem Vater. Der andere aber ritt fort und gelangte zu einem grossen Wald. Und als er hinein­re­it­en wollte, sprachen die Leute es geht nicht, dass Ihr durchre­it­et, der Wald ist voll Räu­ber, die wer­den übel mit Euch umge­hen, und gar, wenn sie sehen, dass Ihr gold­en seid und Euer Pferd auch, so wer­den sie Euch totschla­gen.‘ Er aber liess sich nicht schreck­en und sprach ich muss und soll hin­durch.‘ Da nahm er Bären­felle und über­zog sich und sein Pferd damit, dass nichts mehr vom Gold zu sehen war, und ritt get­rost in den Wald hinein. Als er ein wenig fort­gerit­ten war, so hörte er es in den Gebüschen rauschen und ver­nahm Stim­men, die miteinan­der sprachen. Von der einen Seite riefs da ist ein­er,‘ von der andern aber lass ihn laufen, das ist ein Bären­häuter, und arm und kahl wie eine Kirchen­maus, was sollen wir mit ihm anfan­gen!‘ So ritt das Gold­kind glück­lich durch den Wald, und geschah ihm kein Leid.

Eines Tages kam er in ein Dorf, darin sah er ein Mäd­chen, das war so schön, dass er nicht glaubte, es kön­nte ein schöneres auf der Welt sein. Und weil er eine so grosse Liebe zu ihm emp­fand, so ging er zu ihm und sagte ich habe dich von ganzem Herzen lieb, willst du meine Frau wer­den?‘ Er gefiel aber auch dem Mäd­chen so sehr, dass es ein­willigte und sprach ja, ich will deine Frau wer­den und dir treu sein mein lebe­lang.‘ Nun hiel­ten sie Hochzeit zusam­men, und als sie eben in der grössten Freude waren, kam der Vater der Braut heim, und als er sah, dass seine Tochter Hochzeit machte, ver­wun­derte er sich und sprach wo ist der Bräutigam?‘ Sie zeigten ihm das Gold­kind, das hat­te aber noch seine Bären­felle um. Da sprach der Vater zornig nim­mer­mehr soll ein Bären­häuter meine Tochter haben,‘ und wollte ihn ermor­den. Da bat ihn die Braut, was sie kon­nte, und sprach er ist ein­mal mein Mann, und ich habe ihn von Herzen lieb,‘ bis er sich endlich besän­fti­gen liess. Doch aber kams ihm nicht aus den Gedanken, so dass er am andern Mor­gen früh auf­s­tand und sein­er Tochter Mann sehen wollte, ob er ein gemein­er und ver­lumpter Bet­tler wäre. Wie er aber hin­blick­te, sah er einen her­rlichen, gold­e­nen Mann im Bette, und die abge­wor­fe­nen Bären­felle lagen auf der Erde. Da ging er zurück und dachte wie gut ists, dass ich meinen Zorn bändigte, ich hätte eine grosse Mis­se­tat begangen.‘

Dem Gold­kind aber träumte, er zöge hin­aus auf die Jagd nach einem prächti­gen Hirsch, und als er am Mor­gen erwachte, sprach er zu sein­er Braut ich will hin­aus auf die Jagd.‘ Ihr war angst, und sie bat ihn dazubleiben und sagte leicht kann dir ein gross­es Unglück begeg­nen,‘ aber er antwortete ich soll und muss fort.‘ Da stand er auf und zog hin­aus in den Wald, und gar nicht lange, so hielt auch ein stolz­er Hirsch vor ihm, ganz nach seinem Traume. Er legte an und wollte ihn schiessen, aber der Hirsch sprang fort. Da jagte er ihm nach, über Graben und durch Gebüsche, und ward nicht müde den ganzen Tag; am Abend aber ver­schwand der Hirsch vor seinen Augen. Und als das Gold­kind sich umsah, so stand er vor einem kleinen Haus, darin sass eine Hexe. Er klopfte an, und ein Müt­terchen kam her­aus und fragte was wollt Ihr so spät noch mit­ten in dem grossen Wald?‘ Er sprach habt Ihr keinen Hirsch gese­hen?, Ja,‘ antwortete sie, den Hirsch kenn ich wohl,‘ und ein Hündlein, das mit ihr aus dem Haus gekom­men war, bellte dabei den Mann heftig an. Willst du schweigen, du böse Kröte,‘ sprach er, son­st schiess ich dich tot.‘ Da rief die Hexe zornig was, mein Hünd­chen willst du töten!‘ und ver­wan­delte ihn als­bald, dass er dalag wie ein Stein, und seine Braut erwartete ihn umson­st und dachte es ist gewiss eingetrof­fen, was mir so angst machte und so schw­er auf dem Herzen lag.‘

Daheim aber stand der andere Brud­er bei den Goldlilien, als plöt­zlich eine davon umfiel. Ach Gott,‘ sprach er meinem Brud­er ist ein gross­es Unglück zugestossen, ich muss fort, ob ich ihn vielle­icht errette.‘ Da sagte der Vater bleib hier, wenn ich auch dich ver­liere, was soll ich anfan­gen?‘ Er aber antwortete ich soll und muss fort.‘ Da set­zte er sich auf sein gold­enes Pferd und ritt fort und kam in den grossen Wald, wo sein Brud­er lag und Stein war. Die alte Hexe kam aus ihrem Haus, rief ihn an und wollte ihn auch berück­en, aber er näherte sich nicht, son­dern sprach ich schiesse dich nieder, wenn du meinen Brud­er nicht wieder lebendig machst.‘ Sie rührte, so ungerne sies auch tat, den Stein mit dem Fin­ger an, und als­bald erhielt er sein men­schlich­es Leben zurück. Die bei­den Gold­kinder aber freuten sich, als sie sich wieder­sa­hen, küssten und herzten sich, und rit­ten zusam­men fort aus dem Wald, der eine zu sein­er Braut, der andere heim zu seinem Vater. Da sprach der Vater ich wusste wohl, dass du deinen Brud­er erlöst hat­test, denn die gold­ene Lilie ist auf ein­mal wieder aufge­s­tanden und hat fort­ge­blüht.‘ Nun lebten sie vergnügt, und es ging ihnen wohl bis an ihr Ende.