Die goldene Gans

von Brüder Grimm

~8 Min

Es war ein Mann, der hat­te drei Söhne, davon hiess der jüng­ste der Dumm­ling und wurde ver­achtet und verspot­tet und bei jed­er Gele­gen­heit zurück­ge­set­zt. Es geschah, dass der älteste in den Wald gehen wollte, Holz hauen, und eh‘ er ging, gab ihm noch seine Mut­ter einen schö­nen feinen Eierkuchen und eine Flasche Wein mit, damit er nicht Hunger und Durst litte. Als er in den Wald kam, begeg­nete ihm ein altes, graues Männlein, das bot ihm einen guten Tag und sprach: Gib mir doch ein Stück Kuchen aus dein­er Tasche und lass mich einen Schluck von deinem Wein trinken! Ich bin so hun­grig und durstig.“ Der kluge Sohn aber antwortete: Geb ich dir meinen Kuchen und meinen Wein, so hab ich sel­ber nichts, pack dich dein­er Wege!“ liess das Männlein ste­hen und ging fort. Als er nun anf­ing, einen Baum zu behauen, dauerte es nicht lange, so hieb er fehl, und die Axt fuhr ihm in den Arm, dass er musste heimge­hen und sich verbinden lassen. Das war aber von dem grauen Män­nchen gekommen. 

Darauf ging der zweite Sohn in den Wald, und die Mut­ter gab ihm, wie dem ältesten, einen Eierkuchen und eine Flasche Wein. Dem begeg­nete gle­ich­falls das alte, graue Män­nchen und hielt um ein Stückchen Kuchen und einen Trunk Wein an. Aber der zweite Sohn sprach auch ganz ver­ständig: Was ich dir gebe, das geht mir sel­ber ab, pack dich dein­er Wege!“ liess das Männlein ste­hen und ging fort. Die Strafe blieb nicht aus, als er ein paar Hiebe am Baum getan, hieb er sich ins Bein, dass er musste nach Haus getra­gen werden. 

Da sagte der Dumm­ling: Vater, lass mich ein­mal hin­aus­ge­hen und Holz hauen!“ Antwortete der Vater: Deine Brüder haben sich Schaden dabei getan, lass dich davon, du ver­stehst nichts davon.“ Der Dumm­ling aber bat so lange, bis er endlich sagte: Geh nur hin, durch Schaden wirst du klug wer­den.“ Die Mut­ter gab ihm einen Kuchen, der war mit Wass­er in der Asche geback­en, und dazu eine Flasche saures Bier. Als er in den Wald kam, begeg­nete ihm gle­ich­falls das alte, graue Män­nchen, grüsste ihn und sprach: Gib mir ein Stück von deinem Kuchen und einen Trunk aus dein­er Flasche, ich bin so hun­grig und durstig.“ Antwortet der Dumm­ling: “ Ich habe nur Aschenkuchen und saures Bier, wenn dir das recht ist, so wollen wir uns set­zen und essen.“ Da set­zten sie sich, und als der Dumm­ling seinen Aschenkuchen her­ausholte, so war’s ein fein­er Eierkuchen, und das saure Bier war ein guter Wein. Nun assen und tranken sie, und danach sprach das Männlein: Weil du ein gutes Herz hast und von dem deini­gen gerne mit­teilst, so will ich dir Glück bescheren. Dort ste­ht ein alter Baum, den hau ab, so wirst du in den Wurzeln etwas find­en.“ Darauf nahm das Männlein Abschied. 

Der Dumm­ling ging hin und hieb den Baum um, und wie er fiel, sass in den Wurzeln eine Gans, die hat­te Fed­ern von reinem Gold. Er hob sie her­aus, nahm sie mit sich und ging in ein Wirtshaus, da wollte er über­nacht­en. Der Wirt hat­te aber drei Töchter, die sahen die Gans, waren neugierig, was das für ein wun­der­lich­er Vogel wäre, und hät­ten gar gern eine von seinen gold­e­nen Fed­ern gehabt. Die älteste dachte: Es wird sich schon eine Gele­gen­heit find­en, wo ich mir eine Fed­er ausziehen kann. Und als der Dumm­ling ein­mal hin­aus gegan­gen war, fasste sie die Gans beim Flügel aber Fin­ger und Hand blieben ihr daran fest hän­gen. Bald her­nach kam die zweite und hat­te keinen andern Gedanken, als sich eine gold­ene Fed­er zu holen, kaum aber hat­te sie ihre Schwest­er angerührt, so blieb sie fest hän­gen. Endlich kam auch die dritte in der gle­ichen Absicht. Da schrien die andern: Bleib weg, um Him­mels Willen bleib weg!“ Aber sie begriff nicht, warum sie weg­bleiben sollte, dachte: Sind die dabei so kann ich auch dabei­sein und sprang hinzu, und wie sie ihre Schwest­er angerührt hat­te, so blieb sie an ihr hän­gen. So mussten sie die Nacht bei der Ganz zubringen. 

Am anderen Mor­gen nahm der Dumm­ling die Gans in den Arm ging fort und küm­merte sich nicht um die drei Mäd­chen, die daran hin­gen. Sie mussten immer hin­ter im drein­laufen, links und rechts, wie’s ihm in die Beine kam. Mit­ten auf dem Felde begeg­nete ihnen der Pfar­rer, und als er den Aufzug sah, sprach er: Schämt euch, ihr garsti­gen Mäd­chen, was lauft ihr dem jun­gen Bursch durchs Feld nach, schickt sich das?“ Damit fasste er die jüng­ste an der Hand und wollte sie zurückziehen, wie er sie aber anrührte, blieb er gle­ich­falls hän­gen und musste sel­ber hin­ter­drein­laufen. Nicht lange, so kam der Küster daher und sah den Her­rn Pfar­rer, der drei Mäd­chen auf dem Fuss fol­gte. Da ver­wun­derte er sich und rief: Ei, Herr Pfar­rer, wohin­aus so geschwind? vergesst nicht, dass wir heute noch eine Kind­taufe haben.“ Lief auf ihn zu und fasste ihn am Ärmel, blieb aber auch fest hän­gen. Wie die fünf so hin­tere­inan­der her­tra­bten, kamen zwei Bauern mit ihren Hack­en vom Felde. Da rief der Pfar­rer sie an und bat, sie möcht­en ihn und den Küster los­machen. Kaum aber hat­ten sie den Küster angerührt, so blieben sie hän­gen, und waren ihrer nun siebene, die dem Dumm­ling mit der Gans nachliefen. 

Er kam darauf in eine Stadt; da herrschte ein König, der hat­te eine Tochter, die war so ern­sthaft, dass sie nie­mand zum Lachen brin­gen kon­nte. Darum hat­te er ein Gesetz gegeben, wer sie kön­nte zum Lachen brin­gen, der sollte sie heirat­en. Der Dumm­ling, als er das hörte, ging mit sein­er Gans und ihrem Anhang vor die Königstochter, und als diese die sieben Men­schen immer hin­tere­inan­der her­laufen sah, fing sie über­laut an zu lachen und wollte gar nicht wieder aufhören. 

Da ver­langte sie der Dumm­ling zur Braut, aber dem König gefiel der Schwiegersohn nicht, er machte aller­lei Ein­wen­dun­gen und sagte, er müsste ihm erst einen Mann brin­gen, der einen Keller voll Wein aus­trinken könne. Der Dumm­ling dachte an das graue Män­nchen, das kön­nte ihm wohl helfen, ging hin­aus in den Wald, und auf der Stelle, wo er den Baum abge­hauen hat­te, sah er einen Mann sitzen, der machte ein ganz betrübtes Gesicht. Der Dumm­ling fragte, was er sich so sehr zu Herzen nähme. Da antwortete er: Ich habe so grossen Durst und kann ihn nicht löschen, das kalte Wass­er ver­trage ich nicht, ein Fass Wein habe ich zwar aus­geleert, aber was ist ein Tropfen auf einen heis­sen Stein?“ – Da kann ich dir helfen,“ sagte der Dumm­ling, komm nur mit mir, du sollst satt haben!“ Er führte ihn darauf in des Königs Keller, und der Mann machte sich über die grossen Fäss­er, trank und trank, dass ihm die Hüften weh tat­en, und ehe ein Tag herum war, hat­te er den ganzen Keller ausgetrunken. 

Der Dumm­ling ver­langte aber­mals seine Braut, der König aber ärg­erte sich, dass ein schlechter Bursch, den jed­er­mann einen Dumm­ling nan­nte, seine Tochter davon­tra­gen sollte, und machte neue Bedin­gun­gen: Er müsste erst einen Mann schaf­fen, der einen Berg voll Brot aufessen kön­nte. Der Dumm­ling besann sich nicht lange, son­dern ging gle­ich hin­aus in den Wald. Da sass auf dem­sel­ben Platz ein Mann, der schnürte sich den Leib mit einem Riemen zusam­men, machte ein gräm­lich­es Gesicht und sagte: Ich habe einen ganzen Back­ofen voll Raspel­brot gegessen, aber was hil­ft das, wenn man so grossen Hunger hat wie ich. Mein Magen bleibt leer, und ich muss ihn zuschnüren, wenn ich nicht Hungers ster­ben soll.“ Der Dumm­ling war froh darüber und sprach: Mach dich auf und geh mit mir, du sollst dich satt essen!“ Er führte ihn an den Hof des Königs, der hat­te alles Mehl aus dem ganzen Reich zusam­men­fahren und einen unge­heuren Berg davon bauen lassen; der Mann aber aus dem Walde stellte sich davor, fing an zu essen, und in einem Tag war der ganze Berg ver­schwun­den. Der Dumm­ling forderte zum drit­ten­mal seine Braut. Der König aber suchte noch ein­mal Aus­flucht und ver­langte ein Schiff, das zu Land und zu Wass­er fahren kön­nt. Sowie du aber damit ange­segelt kommst,“ sagte er, sollst du gle­ich meine Tochter zur Gemahlin haben.“ Der Dumm­ling ging ger­aden Weges in den Wald, da sass das alte, graue Män­nchen, dem er seinen Kuchen gegeben hat­te, und sagte: Ich habe für dich getrunk­en und gegessen, ich will dir auch das Schiff geben; das alles tu ich, weil du barmherzig gegen mich gewe­sen bist“ Da gab er ihm das Schiff, das zu Land und zu Wass­er fuhr, und als der König das sah, kon­nte er ihm seine Tochter nicht länger vorenthalten. 

Die Hochzeit ward gefeiert; nach des Königs Tod erbte der Dumm­ling das Reich und lebte lange Zeit vergnügt mit sein­er Gemahlin.