Die getreue Frau

von Johann Wilhelm Wolf

~25 Min

Ein König hat­te eine Tochter, die war über­aus schön und klar und hat­te eine gar feine und zarte Haut; wenn sie roten Wein trank, kon­nte man sehen, wie er ihr durch den Hals herunter lief. Die Welt war so erfüllt mit dem Ruf von ihrer Schön­heit, dass selb­st des Sul­tans Sohn aus der Türkei kam und um ihre Hand anhielt. Sie wollte jedoch nichts von ihm wis­sen und sprach, sie wolle keinen Hei­den heirat­en, der sei ihr zu schlecht nur ihre Schuhe zu putzen.

Zu gle­ich­er Zeit lebte in einem andern Kön­i­gre­ich ein König, welch­er drei Söhne hat­te. Da er nicht wusste, welchem von ihnen er nach seinem Tode das Kön­i­gre­ich übergeben solle, so sprach er: Gehet auf Reisen und wer von euch mir das Schön­ste mit­bringt, der wird König.“ Sie zogen sofort aus, doch gereute es sie schon am drit­ten Tage und die bei­den Jüng­sten sprachen zum Ältesten: Lieber Brud­er, gehe du nach Hause zurück und tritt die Regierung an, wir wollen in die Welt hin­aus ziehen und sehen, wo unser Glück blüht.“ Sprach der Ältere: Ich kann euch nicht ziehen lassen, wenn ihr mir nicht ver­sprechet, treu zusam­men zu hal­ten in Freud und Leid und euch nicht von einan­der zu tren­nen, auch sobald ihr euer Glück gefun­den habet, zurück zu kom­men, damit ich mich mit euch darüber freue.“ Darauf gaben sie sich die Hände und schieden von einander.

Nach langem Reisen kamen sie in das Kön­i­gre­ich, wo die schöne Prinzessin wohnte. Da gefiel es ihnen so gut, dass sie beschlossen, dort zu bleiben, der eine wollte den See­d­i­enst ler­nen, der andere unter die Lan­darmee treten. Da sie so schöne Leute waren, nahm der König sie als­bald an und sie waren so gewandt und geschickt, dass sie in kurz­er Zeit der eine Major und der jüng­ste Oberst wur­den. Sie hat­ten so viel Geld von Hause mitgenom­men, dass sie nicht zu knau­sern braucht­en und ein her­rlich­es Leben führen kon­nten. Da war kein Man­gel an Diener­schaft und Pfer­den und Wagen; jeden Tag fuhren sie um Mit­tag aus und jeden Tag der Woche in einem andern Wagen mit sechs andern Pfer­den und andern Bedi­en­ten. Sie kamen dabei stets an dem Schlosse des Königs vorüber, und da wurde die schöne Prinzessin aufmerk­sam auf sie und kam jedes Mal an das Fen­ster. Das bemerk­ten die zwei Prinzen bald, aber sie merk­ten nicht, wie die Liebe nach und nach in dem Herzen der Prinzessin Platz nahm und sie endlich nicht mehr ruhen ließ bei Tag und Nacht. Der Jüng­ste der bei­den Prinzen, welch­er auch der schön­ste war, gefiel ihr näm­lich so gut, dass sie meinte, nicht ohne ihn leben zu kön­nen; sie mochte es aber Nie­mand sagen, denn sie war gar stolz und da sie Alles so in sich ver­ber­gen musste fiel sie zulet­zt in eine schwere Krankheit. Alle Ärzte im Lande mussten her­bei, doch ihre Arzneien halfen nichts und es wurde von Tag zu Tage schlim­mer mit ihr. Da ließ sich endlich ein ural­ter Mann am Hofe melden, der hat­te sein ganzes Leben hin­durch die Welt bereist und kan­nte alle Kräuter; er hat­te einen Trank aus­ge­fun­den, der jede Krankheit auf der Stelle heilte, wenn sie auch noch so gefährlich war. Der König führte ihn zu der Prinzessin und kaum hat­te der Alte sie gese­hen, so sprach er: Ich kann ihr helfen, aber ich muss mit ihr allein sein.“ Als der König fort­ge­gan­gen war, gab ihr der Alte einen stärk­enden Trank, dann sagte er: Ihr habt kein kör­per­lich­es Lei­den, son­dern eine Herzen­skrankheit und ich kann euch nur helfen, wenn ihr mir aufrichtig beken­nt, was euch drückt.“ Anfangs wollte die Prinzessin nicht mit der Sprache her­aus, aber der Alte wusste ihr Ver­trauen so zu gewin­nen, dass sie ihm endlich Alles bekan­nte, doch bat sie ihn, er solle sich nur nichts davon merken lassen.

Da ging der Alte zum König und sprach: Ich habe die Krankheit wohl über­wun­den, aber es bleibt noch eine Schwäche zurück. Wenn die Prinzessin jet­zt viel Leute sieht und die recht­en Leute, die ihr schön zu erzählen und sie zu unter­hal­ten wis­sen, dann ist die Schwäche auch bald gehoben, denn dann denkt sie nicht darüber nach.“ Wen will sie denn sehen?“ fragte der König. Von all meinen Hofher­ren will sie nichts wis­sen.“ Wen, das weiß ich nicht“, sprach der Alte, aber es sind zwei vornehme Her­ren in der Stadt, ein­er ist Major und der andre Oberst; die kön­ntet ihr ein­laden.“ Der König freute sich des guten Rates und sandte sogle­ich einen Bedi­en­ten zu den bei­den Prinzen, um sie zum Mit­tagessen einzu­laden. Als der Bedi­ente seinen Auf­trag aus­richtete, gaben die Prinzen ihm keine Antwort; sie sagten zu dem Wirt, er solle ihnen das Essen wie jeden Tag bere­it hal­ten. Sie aßen wie immer zu Mit­tag, dann fuhren sie nach Gewohn­heit aus und an dem Schlosse des Königs vor­bei. Als der König das sah, fuhr er den Bedi­en­ten an, er habe wohl die Ein­ladung nicht gehörig aus­gerichtet, doch der sagte, das sei geschehen, die Her­ren hät­ten ihm aber keine Antwort gegeben. Da set­zte sich der König des andern Mor­gens in seinen Wagen und fuhr sel­ber zu den Prinzen, lud sie zu sich zu Tis­che und fragte auch, warum sie am vorigen Tage nicht gekom­men seien. Man kann auf ander­er Leute Reden nicht gehen“, sprachen sie. Wenn wir so etwas auszuricht­en haben, tun wir es selb­st.“ Das freute den König, denn er dachte, da sie so stolz seien, müssten sie wohl von vornehmer Herkun­ft sein und er fragte sie, wer sie denn eigentlich seien? Als er nun ihre Abstam­mung ver­nahm, da war er gar außer sich vor Freude und sprach, sie dürften nicht mehr in dem Wirtshaus wohnen, son­dern müssten in seinen Palast ziehen. Dies geschah noch am sel­ben Tage und Nie­mand war glück­lich­er darüber, als die schöne Prinzessin. Als der Jüng­ste sie nun so jeden Tag in ihrer ganzen Hold­seel­igkeit sah, da erwachte auch in seinem Herzen die Liebe zu ihr und da war es nicht weit mehr bis zur Ver­lobung und die Ver­mäh­lung ließ auch nicht lang warten; also wur­den die Bei­den das glück­lich­ste Paar auf Gottes Erdboden.

Ein paar Jahre hat­ten sie also beisam­men gelebt, da sprach der Ältere: Lieber Brud­er, ich habe den See­d­i­enst nicht umson­st gel­ernt und kann es auf dem Lande nicht länger aushal­ten. Zudem finde ich hier mein Glück nicht, darum muss ich es ander­swo suchen und will näch­stens mit einem Schiffe gegen die Seeräu­ber ziehen.“ Tue das nicht“, sprach der Jüng­ste, du weißt doch wohl, dass wir unserm Brud­er ver­sprochen haben, nicht von einan­der zu weichen in Freud und Leid, lass uns darum Wort hal­ten und treu zusam­men bleiben. Wenn du dein Glück find­en sollst, dann kannst du es hier so gut find­en, wie in einem andern Welt­teil.“ Der Ältere bestand aber darauf, er wolle fort, da sprach der Jün­gere: Wenn du gehest, dann kann ich nicht bleiben, denn ich halte mein Ver­sprechen, wie hart es mir auch ankommt.“ Und er ging zu sein­er Frau und sprach: Bin­nen acht Tagen ver­reise ich mit meinem Brud­er, um ein wenig die Welt zu sehen; in Jahres­frist sind wir aber wieder zurück.“ Ach wie da die arme Prinzessin weinte und jam­merte; es brach ihm fast das Herz, doch er ließ sich in seinem Entschluss nicht irre machen, denn sein Wort war ihm allzu heilig. Als nun die Schiffe zur Abfahrt gerüstet da lagen, zog der Prinz sein Schw­ert und gab es sein­er lieben Frau, indem er sprach: Behalte dies Schw­ert als ein Zeichen von mir; so lange es blank bleibt, geht es mir gut, und so lange du keinen Rost oder Fleck­en darauf siehst, bin ich dir getreu und das bleibe ich bis in den Tod.“ Da gab ihm die Prinzessin ihr schneeweißes Gewand und sprach: Dafür schenke ich dir diesen Man­tel als ein Zeichen von mir; so lange er weiß bleibt, so lange bleibt meine Treue unver­let­zt.“ Da küssten und umarmten sie sich unter vie­len Trä­nen und die bei­den Brüder gin­gen zu Schiffe. Die Prinzessin aber schaute ihnen noch lange nach, bis die weißen Segel fern auf dem Meer verschwanden.

Als sie etwa acht Wochen auf dem Meere waren, da kamen eines Mor­gens drei Schiffe mit Seeräu­bern gefahren, welche für den Sul­tan Beute macht­en. Die umzin­gel­ten das Schiff, worauf die bei­den Brüder sich befan­den und macht­en sie und alle Andere, welche mit ihnen fuhren, zu Gefan­genen. Am fol­gen­den Tage wur­den sie vor den Sul­tan geführt. Als der ihre reichen und prächti­gen Klei­der sah, freute er sich über den Fang und fragte sie, woher sie kämen und wer sie seien. Da erzählten sie ihm ihre Geschichte und bat­en, er möge sie doch wieder frei geben, sie woll­ten ihm schw­eres Geld senden, so viel, als er ver­lange. Jet­zt war aber seine Freude erst recht groß, als er hörte, dass ein­er von ihnen der Gemahl der Prinzessin sei, welche ihn so schimpflich abgewiesen hat­te, und er sprach: Ich gäbe euch nicht um alles Gold auf der ganzen Welt, denn ich will mich an euch dafür rächen, dass die Prinzessin meinen Thron ver­schmäht hat; jet­zt wird sie aber wohl zahm wer­den. Ihr seid Hunde und sollt bei den andern Hun­den sitzen und mit ihnen fressen und schlafen.“ Da ging ein trau­riges Leben für die Brüder an und hun­dert­mal beklagte der Ältere, dass er seinem Brud­er nicht gefol­gt und ihn auch ins Unglück gestürzt hätte. Jeden Tag mussten sie die schimpflich­sten Arbeit­en ver­richt­en; dazu beka­men sie kein anderes Essen, als die Brock­en, welche vom Tis­che fie­len, denn sobald die Glocke zum Mit­tagessen läutete, mussten sie mit den Hun­den in das Speisez­im­mer laufen und sich unter den Tisch set­zen. Die besten Brock­en schnappten die Hunde ihnen dazu noch weg, so dass sie manch­mal bit­tern Hunger lit­ten. Oft mussten sie sich auch vor den Sul­tan leg­en, der als­dann seine Füße auf sie set­zte und sie trat und schimpfte, wenn sie sich nur rührten. Das Schlimm­ste war ihr Lager im Hun­destall, der sehr unrein war und nie gefegt wer­den durfte. Darum musste der ältere Brud­er jeden Mor­gen seine Klei­der sämtlich waschen, der Jün­gere hat­te dies jedoch nicht nötig, denn an dem Gewande sein­er Frau, welch­es er beständig trug, blieb kein Stäubchen hän­gen und es war immer schloßen­weiß, wie der frischge­fal­l­ene Schnee; das war sein einziger und größter Trost in diesen schw­eren Tagen.

Die Prinzessin hat­te unter­dessen fleißig nach dem Schw­erte geschaut und war von Herzen froh, dass es stets so hell und blank blieb. Eines Mor­gens aber, als sie es erfreut darüber in der Hand hielt und betra­chtete, lief ein trüber Hauch darüber und wie sie auch putzte und wis­chte, er wollte nicht weichen. Da ergriff ein schw­er­er Kum­mer ihr Herz, denn sie erkan­nte nun, dass ihrem lieben Gemahl ein Unglück begeg­net sein müsse, und sie beschloss ihm nachzureisen, um ihn zu ret­ten, koste es, was es wolle.

Als sie sich eben zur Abfahrt rüstete, kamen Boten in das Schloss, welche ihr melde­ten, dass der Sul­tan aus der Türkei angekom­men sei, der wolle zu ihr, da er viel mit ihr zu sprechen habe und wolle gegen Abend kom­men. Sie ließ ihm wieder sagen, er könne kom­men, jedoch nicht zu ein­er andern Zeit, als zwei Stun­den vor Mit­tag und sechs Stun­den nach Mit­tag. Es dauerte nicht lange, da war er schon im Schlosse, trat mit heimtück­isch­er Freude in ihr Zim­mer und sprach: Vor Zeit­en habet ihr meine Hand ver­schmäht, um euch mit einem armen Königssohn zu ver­sprechen und den zum Gemahl zu nehmen. Der sitzt jet­zt als Hund unter meinem Tis­che bei den andern Hun­den und frisst die Brock­en, welche herunter fall­en. Ich habe euch aber immer noch lieb und frage euch, ob ihr jet­zt meine Frau wer­den wollt und die mächtig­ste Fürstin auf der Welt. Beden­ket, dass ihr ein solch­es Glück euer Leben lang nicht wieder find­et, denn ihr bekommt die größten Schätze, die je Augen sahen und es ist kein Wun­sch, der euch nicht sofort erfüllt würde.“ Die Prinzessin meinte vor Schmerz zu verge­hen, als sie hörte, wie der Sul­tan von ihrem lieben Manne sprach, und welch ein schreck­lich­es Loos dem­sel­ben zu Teil gefall­en war. Sie fasste sich jedoch und sagte: Eure Gemahlin kann ich nie wer­den und wäret ihr selb­st Kaiser der ganzen Welt“, und sie ging schnell in ihr Käm­mer­lein und ließ ihn ste­hen. Dort weinte sie sich recht aus, dann aber warf sie sich auf ihre Kniee nieder und betete zu Gott, er möge ihr Kraft und Mut in ihren Lei­den geben und ihr Vorhaben seg­nen, damit sie ihren lieben Gemahl aus sein­er schmäh­lichen Gefan­gen­schaft befreie. Gott erhörte ihr Gebet und stärk­te sie so wun­der­bar, dass sie sich stark fühlte, Alles zu wagen und zu unternehmen.

Vor der Stadt lag eine Kapelle und ein Häuschen, da kehrten die Pil­ger ein, welche nach Jerusalem gin­gen. Dahin schick­te sie ihre treueste Diener­in und ließ einem der Pil­ger seine Klei­der abkaufen. Diese zog sie an, nahm ihre Harfe, welche sie meis­ter­lich spielte, und ging Abends an den Strand, wo des Sul­tans Schiffe lagen. Da set­zte sie sich hin, schlug ihre Harfe und sang:

Was fehlet dir, mein Herz,
Dass du in mir so schlägest?
Wie kommt es, dass du dich
So heftig in mir regest?
Du störst bei fin­str­er Nacht
Mir alle meine Ruh,
Am Tag, bei fin­str­er Nacht.“

Der Sul­tan, welch­er grade auf seinem Schiffe stand, horchte auf und ließ den Harfn­er zu sich rufen, sprach: Wie kommst du zu diesen Liedern?“ Das sind so meine Träume“, antwortete der Harfn­er und sang weiter:

Es schla­gen über mich
Die Unglück­swellen her,
Ich schweb in Tode­sangst
Auf einem wilden Meer,
Die stört bei fin­str­er Nacht
Mir alle meine Ruh,
Am Tag, bei fin­str­er Nacht.“

Dann fuhr er fort und sang in schö­nen Versen Alles, was dem Sul­tan mit der Prinzessin begeg­net war. Da fragte der Sul­tan aber­mals: Wie kommst du zu diesen Liedern?“ Das sind so meine Träume“, sprach der Harfn­er. Da rief der Sul­tan erstaunt: Du musst mit mir ziehen, magst du dafür fordern, was du willst.“ Hier kann ich nichts fordern“, sprach der Harfn­er. Ich will aber mit euch ziehen und ein Jahr bei euch bleiben. Wenn es mir dann bei euch gefällt, bleibe ich, gefällt es mir nicht, so gehe ich, doch müsst ihr mir zuvor schwören, dass ihr mir drei Wün­sche erfüllen und mich ziehen lassen wollt.“ Da sprach der Sul­tan: Ich gebe dir Alles, was dein Herz begehrt, das schwöre ich dir beim Feuer und meinem Bart“, und das ist der höch­ste Schwur, den die Türken tun. So blieb der Harfn­er auf dem Schiffe und fuhr am fol­gen­den Tage früh­mor­gens mit dem Sul­tan ab. Dieser gewann ihn immer lieber wegen sein­er wun­der­schö­nen Lieder, so dass der Harfn­er ihn endlich, wie man zu sagen pflegt, um einen Fin­ger wick­eln kon­nte und nichts begehrte, was nicht sogle­ich erfüllt wor­den wäre.

Als sie in dem Schlosse des Sul­tans anka­men, musste der Harfn­er gle­ich am fol­gen­den Tage bei der Tafel spie­len und alle Gäste waren darüber außer sich vor Entzück­en, nur nicht des Sul­tans Mut­ter, ein bös­es altes Hei­den­weib, welche stets nur Ränke und Bös­es sann und spann. Diese zank­te fortwährend, wozu das Geleier diene und sie könne den Singsang nicht ausste­hen, aber Nie­mand hörte auf sie und Alle wur­den von Stunde zu Stunde lustiger. Als die Tafel fast zu Ende war, öffneten sich die Türen und da kamen die Hunde und mit ihnen die bei­den Prinzen here­in, der Jün­gere in seinem schneeweißen Gewand und sein armer Brud­er. Das sind Alles meine Hunde“ sprach der Sul­tan und warf den Prinzen ein paar Brock­en zu; doch da sprangen die andern Hunde her­bei und schnappten sie ihnen weg. Der Harfn­er musste sich sehr Gewalt antun, als er dies jam­mer­volle Schaus­piel ansah, aber er ließ sich nichts merken und sprach nur: Mir scheint, ihr füt­tert eure Hunde schlecht, die bei­den großen Men­schen­hunde sehen gar mager aus.“ Dann warf er ihnen große Brock­en hin, welche die bei­den Prinzen gierig ver­schlangen, denn ein so reich­es Mahl hat­ten sie lange nicht bekom­men. Das ärg­erte die alte Sul­tanin noch mehr, als sie aber darüber poltern wollte, fing der Harfn­er an zu sin­gen und da ging sie voller Wut weg. Aber auch der Sul­tan ärg­erte sich darüber, darum stand er schnell von der Tafel auf, als das Lied zu Ende war. Zugle­ich kamen die Diener und schwan­gen ihre lan­gen Peitschen, da wurde das Zim­mer bald leer.

Am fol­gen­den Tage son­nte sich der Sul­tan in seinem Rosen­garten, wo die Sklaven arbeit­eten, und er ließ den Harfn­er kom­men, dass er vor ihm spiele. Da schlug er die Harfe gar schön und sang dazu:

Ich kam in kurz­er Zeit
In einen schö­nen Garten,
Da sah ich also schöne ste­hen
Viel Blu­men aller Arten;
Darunter sah ich eine Rose blühen,
Ich wollt, ich kön­nte sie für mich erziehen.

Das ist ein wun­der­lich­es Lied“ sprach der Sul­tan, aber sage mir nur welche Rose du meinst, ich will sie dir sogle­ich schenken.“ Ach das sind meine Gesänge so, ich habe keine von euren Rosen gemeint“, sprach der Harfn­er und fuhr fort:

Jet­zt muss ich ganz betrübt
Aus diesem Garten gehen;
Nie­mand kommt fra­gen mich,
Wie es mir wird ergehn.
Die Unglück­swellen fall­en
Zu schw­er über mich herein.“

Welche Unglück­swellen meinst du denn?“ fragte der Sul­tan und der Harfn­er antwortete: Ach das sind meine Lieder so.“ Da sprach der Sul­tan und wies dabei auf die bei­den Prinzen bin, welche im Schweiß ihres Angesicht­es graben mussten: Kennst du die Hunde dort? die sind aus deinem Lande, gehe und sprich mit ihnen.“ Ich kenne sie nicht“ erwiderte der Harfn­er, aber ich bin auch nicht aus dem Lande, wo du mich gefun­den hast, ich bin viel weit­er her, will aber doch mit ihnen sprechen, ob sie meine Mut­ter­sprache ver­ste­hen.“ Da ging er zu ihnen und machte aller­lei Wis­chi waschi durcheinan­der daher, als ob er eine ganz fremde Sprache rede, doch die Prinzen sprachen: Wir ver­ste­hen dich nicht“ und das war ihnen nicht zu ver­denken, denn das hätte kein Hei­denkind ver­standen. Der Harfn­er kam zum Sul­tan zurück und sprach: Sie ver­ste­hen meine Sprache nicht, aber aus welchem Lande sind sie denn?“ Diese Hunde sind zwei Prinzen, welche ich gefan­gen halte, weil die Frau des einen meine Liebe ver­schmäht hat.“ Da geschieht ihnen recht“ sprach der Harfn­er, wenn sie aber mein wären, ließe ich sie feine Arbeit­en machen, welch­es die andern Sklaven nicht kön­nen. Sie müssten mir schöne Körbe flecht­en, Käfige schnitzen und solche Dinge, wom­it ich mein Haus und meinen Garten verzierte.“ Das sagte er aber, weil er wusste, dass die Prinzen solch­es in ihrer Jugend gel­ernt hat­ten und damit sie nicht mehr so harte Arbeit tun müssten. Das ist ein guter Gedanke“, sprach der Sul­tan, aber sie kön­nen es schw­er­lich.“ Es kommt auf eine Probe an“, erwiderte der Harfn­er. Da wur­den ihnen Wei­den und Mess­er und Holz gegeben und sie flocht­en und schnitzten so schön, dass der Sul­tan außer sich vor Freude war.

Mit­tags musste der Harfn­er wieder bei Tis­che spie­len und man set­zte ihm ein reich­es, kost­bares Mahl vor, doch aß er nur sehr wenig davon. Als die Hunde aber here­in gelassen wur­den, da lock­te er die zwei Prinzen zu sich und warf ihnen große Bis­sen zu. Das ärg­erte die alte Sul­tanin und sie het­zte an dem Sul­tan und sprach: Sieh doch, wie das gute Essen ver­schwen­det wird. Es ist eine Schande, dass die Hunde es bekom­men. Mach dem doch ein Ende.“ Anfangs sprach der Sul­tan wohl, man solle den Harfn­er gewähren lassen, aber sie hörte nicht auf zu het­zen bis er ärg­er­lich rief: Ich will nicht haben, dass du den Hun­den dein Mahl gib­st.“ Verzei­ht, Herr Sul­tan“, sprach der Harfn­er, die Hunde kön­nen nichts fordern, darum muss man ihnen geben. Wenn ihr aber nicht haben wollt, dass ich den armen Hun­den eine gute Mahlzeit gebe, dann las­set mich in mein Vater­land zurück gehen.“ Da schwieg der Sul­tan und ließ ihn gewähren.

Als aber jeden Mit­tag dieselbe Geschichte war, wurde der Sul­tan dessen endlich müde, denn die Alte sprach stets: Lass ihn nur laufen, er verdirbt dir die Hunde durch Lecker­bis­sen und wer weiß, was er noch im Schilde führt. Den Chris­ten ist nicht zu trauen.“ Er sprach eines Tages: Ich kann dem nicht länger zuse­hen, gehe sobald es dir geliebt.“ Dann will ich gle­ich mor­gen gehen“, sprach der Harfn­er und freute sich und lobte Gott in seinem Herzen. Vorher aber müs­set ihr mir euer Ver­sprechen lösen und mir meine drei Wün­sche gewähren.“ Tue das nur nicht“, raunte die Alte dem Sul­tan ins Ohr, aber der sprach: Ich muss es tun, denn ich habe es geschworen beim Feuer und meinem Bart. Sage mir, was du dir für drei Dinge wün­schest und ich will sie dir gewähren.“ Da tat der Harfn­er, als ob er sich besänne und sprach als­dann: Fürs erste wün­sche ich mir den weißen Hund, (das war näm­lich der Prinz, welch­er das weiße Gewand trug) fürs zweite den andern Hund, welch­er immer bei ihm ist und fürs dritte ein Schiff mit Geld und Mannschaft, um in mein Vater­land zu fahren.“

Da machte der Sul­tan ein saures Gesicht, die Alte aber sprang und tanzte vor Wut und rief: Das geht nicht, die Hunde bekommst du nicht, du hast Hun­des genug an dir selb­st.“ Der Harfn­er aber sprach: Beden­ket euren Schwur, Herr Sul­tan, ich ver­lange nur, was mir zukommt.“ Der Sul­tan erwiderte. Du forder­st das Größte, was ich habe, aber da du mein Ver­sprechen hast, sollst du Alles bekom­men“ und er ließ den Prinzen die Ket­ten abnehmen und sie auf das Schiff des Harfn­ers führen. Der Harfn­er fiel ihm zu Füßen und dank­te ihm für das Geschenk, doch der Sul­tan wollte nichts von Dank wis­sen und ging zornig weg.

Wer da glück­lich­er war, die Prinzessin, d. i. der Harfn­er, oder die bei­den Prinzen, das ist schw­er zu sagen. Gern hät­ten sie ihr für ihre Ret­tung gedankt, aber sie ging auf dem Schiffe nicht aus ihrer Kam­mer, ließ auch Nie­man­den zu sich here­in, außer einem Mäd­chen, welch­es ihr das Essen brachte. Sie lag Tag und Nacht auf den Knieen und dank­te Gott für alle Gnaden, welche er ihr erwiesen hat­te, bat ihn, ihr fern­er auch beizustehn und sie nicht zu ver­lassen in Leid und Freude. Das Schiff flog schnell über das Meer dahin und lan­dete bald in einem Hafen ihres Kön­i­gre­ich­es. Da ging sie aus ihrer Kam­mer her­vor und ließ die bei­den Prinzen zu sich kom­men. Sie woll­ten sich vor ihr auf die Kniee wer­fen, aber sie sprach: Ihr brauchet mir nicht zu danken, dan­ket Gott dem Her­rn. Ich schenke euch eure Frei­heit und Alles was im Schiffe ist, aber bevor ihr ans Land tretet, sol­let ihr hier niederknieen und Gott die Ehre geben.“ Da kni­eten die Prinzen und beteten inbrün­stig, sie aber schlich sich unter­dessen in ihren Harfn­erklei­dern leise fort und ging auf heim­lichen Wegen der Haupt­stadt zu.

Unter­wegs traf sie einen Pil­ger, der ging des­sel­ben Wegs. Sie fragte ihn, was man sich Alles in der Stadt erzäh­le und wie es der Prinzessin erge­he. Der Pil­ger antwortete: Man weiß nichts von ihr, sie ist wegge­gan­gen, seit­dem der Sul­tan da war, und kein Men­sch kann sagen wohin. Die Min­is­ter haben ihrem Vater aber gesagt, sie gehe auf schlecht­en Wegen und ihm so lange zugere­det, bis er an allen Straße­neck­en hat bekan­nt machen lassen, wer sie über­lief­ere, der erhalte eine große Beloh­nung. Man will näm­lich Gericht über sie hal­ten und dann kön­nte es leicht ein schlecht­es Ende mit ihr nehmen.“ Die Prinzessin sprach: Du kannst dir diese Beloh­nung ver­di­enen, wenn du Alles tust, was ich dir sage, und du bekommst noch viel mehr dazu.“ Wie sollte das möglich sein?“ fragte der Pil­ger. Ich bin die Prinzessin“ sprach sie und verabre­dete sich mit ihm, was er zu tun habe. Dann ging sie mit ihm in das Haus vor der Stadt, wo die Pil­ger einzukehren pflegten und wech­selte dort die Klei­der; darauf band er sie und führte sie in das Gefängnis.

Am sel­ben Abend langten die bei­den Prinzen gle­ich­falls in der Haupt­stadt an und wur­den mit großen Freuden emp­fan­gen. Das erste was der Jüng­ste aber sprach, war: Wo ist meine liebe getreue Frau?“ Da trat­en die Min­is­ter zu ihm und antworteten: Wir möcht­en lieber von ihr schweigen, aber da wir reden müssen, so müssen wir auch die Wahrheit sagen. Sie ist als eine feile Dirne im Lande herumge­fahren und erst heute einge­fan­gen und ins Gefäng­nis gebracht wor­den.“ Das ist nicht wahr“, sprach der Prinz, denn ihr Gewand ist so weiß, wie mein Schw­ert blank ist, darum kann ich es nicht glauben.“ Da bracht­en sie aber Zeu­gen, welche aus­sagten, dass die Prinzessin zur Zeit wo der Sul­tan da gewe­sen, plöt­zlich ver­schwun­den sei und dass Nie­mand sie seit dem Tage gese­hen habe. Der Prinz sah sein Gewand an und es dünk­te ihm weißer als je zuvor, doch da sprachen die Min­is­ter: Das Gewand kann euch trü­gen, denn da sie so lange herum­stre­ichen kon­nte, ver­ste­ht sie sich gewiss auch auf Zauberkün­ste, darum darf man dem Gewande nicht trauen und dem Recht muss sein Lauf gelassen wer­den.“ Der Prinz meinte, das Herz müsse ihm vor Leid zer­sprin­gen, ab er das hörte, ach er hätte Alles so gern nicht geglaubt und er kon­nte doch am Ende nicht anders.

Am fol­gen­den Tage wurde Gericht gehal­ten und da sich die Prinzessin gar nicht vertei­digte und kein Wort sprach, so wurde sie zum Tode am Gal­gen verurteilt. Als der Tag her­ankam, wo das Urteil sollte voll­streckt wer­den und man die schöne Prinzessin in groben Klei­dern auf den Richt­platz führte, da war Trauer in der ganzen Stadt und wurde mehr geweint als gelacht. Auf dem Richt­platz war ein schwarz­er Thron aufgeschla­gen, worauf der Prinz saß, denn es war Sitte im Lande, dass Nie­mand hin­gerichtet wer­den durfte, als in Gegen­wart des Königs oder eines Prinzen. Als er seine Frau sah, da brach er in Trä­nen aus, denn er glaubte immer noch sie müsse unschuldig sein und hielt sich bei­de Hände vors Gesicht, damit das Volk nicht sähe, wie bit­ter­lich er weinte. Sie bat aber, man möge ihr nur eine Gnade schenken, bevor sie sterbe. Das wurde ihr zuge­sagt und sie sprach. Dann las­set mich einen Augen­blick mit dem from­men Pil­ger, der dort ste­ht, in dem Kapellchen allein beten und mich zum Tod vor­bere­it­en.“ Da schloss man ihr dies Kapellchen auf und sie trat mit dem Pil­ger hinein. Der hat­te aber ihre Harfe unter seinem Man­tel ver­bor­gen und auch die Klei­der, in welchen sie vor dem Sul­tan gespielt und die bei­den Prinzen erlöst hat­te. Diese zog sie in der Sakris­tei rasch an, färbte ihr Gesicht und nahm die Harfe in die Hand. Also trat sie her­aus und vor den Prinzen; der sah sie aber nicht, weil er so sehr weinte. Sie sang:

Kennst du den Harfn­er nicht,
Der dich ja hat erlöst?
Erlöset hat er dich
Aus Kerk­er und aus Ban­den
Und hat dich heimge­bracht
Wohl in dein Vaterland.
Ich falle nieder hier
Auf meine bei­den Knie,
Ach du mein lieb­ster Herr,
Verzei­he dieses mir,
Ich wollte dich ja nur
Für mich allein erziehn.“

Als der Prinz die Stimme hörte und die Har­fen­töne dazu, hob er erstaunt sein Haupt, da erkan­nte er den Harfn­er und sprang von seinem Thron, um ihn zu umar­men und willkom­men zu heißen. In dem­sel­ben Augen­blick aber warf der Harfn­er die falschen Klei­der ab, da stand die Prinzessin da in ihrer ganzen Schön­heit. Was das für Freude und Glück­seligkeit war, das kön­nten tausend Schreiber in hun­dert Jahren nicht auss­chreiben. Der Prinz erzählte vor allem Volke, dass er sein Leben einzig und allein sein­er lieben Frau ver­danke und da ging erst der Jubel recht los. Bei­de wur­den im Tri­umph durch die Straßen der Stadt geführt und die Fes­tlichkeit­en woll­ten gar kein Ende nehmen.