Die Geschichte von Kalif Storch

von Wilhelm Hauff

~19 Min

Der Kalif Chasid zu Bag­dad saß ein­mal an einem schö­nen Nach­mit­tag behaglich auf seinem Sofa; er hat­te ein wenig geschlafen, denn es war ein heißer Tag, und sah nun nach seinem Schläfchen recht heit­er aus. Er rauchte aus ein­er lan­gen Pfeife von Rosen­holz, trank hier und da ein wenig Kaf­fee, den ihm ein Sklave ein­schenk­te, und strich sich alle­mal vergnügt den Bart, wenn es ihm geschmeckt hat­te. Kurz, man sah dem Kalifen an, daß es ihm recht wohl war. Um diese Stunde kon­nte man gar gut mit ihm reden, weil er da immer recht mild und leut­selig war, deswe­gen besuchte ihn auch sein Großwe­sir Man­sor alle Tage um diese Zeit. An diesem Nach­mit­tage nun kam er auch, sah aber sehr nach­den­klich aus, ganz gegen seine Gewohn­heit. Der Kalif tat die Pfeife ein wenig aus dem Mund und sprach: »Warum machst du ein so nach­den­klich­es Gesicht, Großwesir?«

Der Großwe­sir schlug seine Arme kreuzweis über die Brust, verneigte sich vor seinem Her­rn und antwortete: »Herr, ob ich ein nach­den­klich­es Gesicht mache, weiß ich nicht, aber da drun­ten am Schloß ste­ht ein Krämer, der hat so schöne Sachen, daß es mich ärg­ert, nicht viel über­flüs­siges Geld zu haben.«

Der Kalif, der seinem Großwe­sir schon lange gerne eine Freude gemacht hätte, schick­te seinen schwarzen Sklaven hin­unter, um den Krämer her­aufzu­holen. Bald kam der Sklave mit dem Krämer zurück. Dieser war ein klein­er, dick­er Mann, schwarzbraun im Gesicht und in zer­lumptem Anzug. Er trug einen Kas­ten, in welchem er aller­hand Waren hat­te, Perlen und Ringe, reichbeschla­gene Pis­tolen, Bech­er und Kämme. Der Kalif und sein Wesir musterten alles durch, und der Kalif kaufte endlich für sich und Man­sor schöne Pis­tolen, für die Frau des Wesirs aber einen Kamm. Als der Krämer seinen Kas­ten schon wieder zumachen wollte, sah der Kalif eine kleine Schublade und fragte, ob da auch noch Waren seien. Der Krämer zog die Schublade her­aus und zeigte darin eine Dose mit schwär­zlichem Pul­ver und ein Papi­er mit son­der­bar­er Schrift, die wed­er der Kalif noch Man­sor lesen kon­nte. »Ich bekam ein­mal diese zwei Stücke von einem Kauf­manne, der sie in Mek­ka auf der Straße fand«, sagte der Krämer, »Ich weiß nicht, was sie enthal­ten; euch ste­hen sie um gerin­gen Preis zu Dienst, ich kann doch nichts damit anfangen.«

Der Kalif, der in sein­er Bib­lio­thek gerne alte Manuskripte hat­te, wenn er sie auch nicht lesen kon­nte, kaufte Schrift und Dose und entließ den Krämer. Der Kalif aber dachte, er möchte gerne wis­sen, was die Schrift enthalte, und, fragte den Wesir, ob er keinen kenne, der es entz­if­fern könnte.

»Gnädig­ster Herr und Gebi­eter«, antwortete dieser, »an der großen Moschee wohnt ein Mann, er heißt Selim, der Gelehrte, der ver­ste­ht alle Sprachen, laß ihn kom­men, vielle­icht ken­nt er diese geheimnisvollen Züge.«

Der Gelehrte Selim war bald her­beige­holt. »Selim«, sprach zu ihm der Kalif, »Selim, man sagt, du seiest sehr gelehrt; guck ein­mal ein wenig in diese Schrift, ob du sie lesen kannst; kannst du sie lesen, so bekommst du ein neues Fes­tk­leid von mir, kannst du es nicht, so bekommst du zwölf Back­en­stre­iche und fün­fundzwanzig auf die Fuß­sohlen, weil man dich dann umson­st Selim, den Gelehrten, nennt.«

Selim verneigte sich und sprach: »Dein Wille geschehe, o Herr!« Lange betra­chtete er die Schrift, plöt­zlich aber rief er aus: »Das ist Lateinisch, o Herr, oder ich laß mich hän­gen.« »Sag, was drin­ste­ht«, befahl der Kalif, »wenn es Lateinisch ist.«

Selim fing an zu über­set­zen: »Men­sch, der du dieses find­est, preise Allah für seine Gnade. Wer von dem Pul­ver in dieser Dose schnupft und dazu spricht: muta­bor, der kann sich in jedes Tier ver­wan­deln und ver­ste­ht auch die Sprache der Tiere.

Will er wieder in seine men­schliche Gestalt zurück­kehren, so neige er sich dreimal gen Osten und spreche jenes Wort; aber hüte dich, wenn du ver­wan­delt bist, daß du nicht lach­est, son­st ver­schwindet das Zauber­wort gän­zlich aus deinem Gedächt­nis, und du bleib­st ein Tier.«

Als Selim, der Gelehrte, also gele­sen hat­te, war der Kalif über die Maßen vergnügt. Er ließ den Gelehrten schwören, nie­man­dem etwas von dem Geheim­nis zu sagen, schenk­te ihm ein schönes Kleid und entließ ihn. Zu seinem Großwe­sir aber sagte er: »Das heiß’ ich gut einkaufen, Man­sor! Wie freue ich mich, bis ich ein Tier bin. Mor­gen früh kommst du zu mir; wir gehen dann miteinan­der aufs Feld, schnupfen etwas Weniges aus mein­er Dose und belauschen dann, was in der Luft und im Wass­er, im Wald und Feld gesprochen wird!«

Kaum hat­te am anderen Mor­gen der Kalif Chasid gefrüh­stückt und sich angek­lei­det, als schon der Großwe­sir erschien, ihn, wie er befohlen, auf dem Spazier­gang zu begleit­en. Der Kalif steck­te die Dose mit dem Zauber­pul­ver in den Gür­tel, und nach­dem er seinem Gefolge befohlen, zurück­zubleiben, machte er sich mit dem Großwe­sir ganz allein auf den Weg . Sie gin­gen zuerst durch die weit­en Gärten des Kalifen, späht­en aber vergebens nach etwas Lebendi­gem, um ihr Kun­st­stück zu pro­bieren. Der Wesir schlug endlich vor, weit­er hin­aus an einen Teich zu gehen, wo er schon oft viele Tiere, namentlich Störche, gese­hen habe, die durch ihr grav­itätis­ches Wesen und ihr Geklap­per immer seine Aufmerk­samkeit erregt hatten.

Der Kalif bil­ligte den Vorschlag seines Wesirs und ging mit ihm dem Teich zu. Als sie dort angekom­men waren, sahen sie einen Storch ern­sthaft auf und ab gehen, Frösche suchend und hier und da etwas vor sich hin­klap­pernd. Zugle­ich sahen sie auch weit oben in der Luft einen anderen Storch dieser Gegend zuschweben.

»Ich wette meinen Bart, gnädig­ster Herr«, sagte er Großwe­sir, »wenn nicht diese zwei Langfüßler ein schönes Gespräch miteinan­der führen wer­den. Wie wäre es, wenn wir Störche würden?«

»Wohl gesprochen!« antwortete der Kalif. »Aber vorher wollen wir noch ein­mal betra­cht­en, wie man wieder Men­sch wird. – Richtig! Dreimal gen Osten geneigt und muta­bor gesagt, so bin ich wieder Kalif und du Wesir. Aber nur um Him­mels willen nicht gelacht, son­st sind wir verloren!«

Während der Kalif also sprach, sah er den anderen Storch über ihrem Haupte schweben und langsam sich zur Erde lassen. Schnell zog er die Dose aus dem Gür­tel, nahm eine gute Prise, bot sie dem Großwe­sir dar, der gle­ich­falls schnupfte, und bei­de riefen: muta­bor!

Da schrumpften ihre Beine ein und wur­den dünn und rot, die schö­nen gel­ben Pantof­feln des Kalifen und seines Begleit­ers wur­den unförm­liche Storch­füße, die Arme wur­den zu Flügeln, der Hals fuhr aus den Achseln und ward eine Elle lang, der Bart war ver­schwun­den, und den Kör­p­er bedeck­ten weiche Federn.

»Ihr habt einen hüb­schen Schn­abel, Herr Großwe­sir«, sprach nach langem Erstaunen der Kalif. »Beim Bart des Propheten, so etwas habe ich in meinem Leben nicht gese­hen.« »Danke untertänigst«, erwiderte der Großwe­sir, indem er sich bück­te, »aber wenn ich es wagen darf, möchte ich behaupten, Eure Hoheit sehen als Storch beina­he noch hüb­sch­er aus denn als Kalif. Aber kommt, wenn es Euch gefäl­lig ist, daß wir unsere Kam­er­aden dort belauschen und erfahren, ob wir wirk­lich Storchisch können.«

Indem war der andere Storch auf der Erde angekom­men; er putzte sich mit dem Schn­abel seine Füße, legte seine Fed­ern zurecht und ging auf den ersten Storch zu. Die bei­den neuen Störche aber beeil­ten sich, in ihre Nähe zu kom­men, und ver­nah­men zu ihrem Erstaunen fol­gen­des Gespräch:

»Guten Mor­gen, Frau Lang­bein, so früh schon auf der Wiese?«

»Schö­nen Dank, liebe Klap­per­schn­abel! Ich habe mir nur ein kleines Früh­stück geholt. Ist Euch vielle­icht ein Viertelchen Eidechs gefäl­lig oder ein Froschschenkelein?«

»Danke gehor­samst; habe heute gar keinen Appetit. Ich komme auch wegen etwas ganz anderem auf die Wiese. Ich soll heute vor den Gästen meines Vaters tanzen, und da will ich mich im stillen ein wenig üben.«

Zugle­ich schritt die junge Störchin in wun­der­lichen Bewe­gun­gen durch das Feld. Der Kalif und Man­sor sahen ihr ver­wun­dert nach; als sie aber in malerisch­er Stel­lung auf einem Fuß stand und mit den Flügeln anmutig dazu wedelte, da kon­nten sich die bei­den nicht mehr hal­ten; ein unaufhalt­sames Gelächter brach aus ihren Schnä­beln her­vor, von dem sie sich erst nach langer Zeit erholten. Der Kalif faßte sich zuerst wieder: »Das war ein­mal ein Spaß«, rief er, »der nicht mit Gold zu bezahlen ist; schade, daß die Tiere durch unser Gelächter sich haben ver­scheuchen lassen, son­st hät­ten sie gewiß auch noch gesungen!«

Aber jet­zt fiel es dem Großwe­sir ein, daß das Lachen während der Ver­wand­lung ver­boten war. Er teilte seine Angst deswe­gen dem Kalifen mit. »Potz Mek­ka und Med­i­na! Das wäre ein schlechter Spaß, wenn ich ein Storch bleiben müßte! Besinne dich doch auf das dumme Wort, ich bring’ es nicht heraus.«

»Dreimal gen Osten müssen wir uns bück­en und dazu sprechen: mu – mu – mu –«

Sie stell­ten sich gegen Osten und bück­ten sich in einem fort, daß ihre Schnä­bel beina­he die Erde berührten; aber, o Jam­mer! Das Zauber­wort war ihnen ent­fall­en, und so oft sich auch der Kalif bück­te, so sehn­lich auch sein Wesir mu – mu dazu rief, jede Erin­nerung daran war ver­schwun­den, und der arme Chasid und sein Wesir waren und blieben Störche.

Trau­rig wan­del­ten die Verza­uberten durch die Felder, sie wußten gar nicht, was sie in ihrem Elend anfan­gen soll­ten. Aus ihrer Storchen­haut kon­nten sie nicht her­aus, in die Stadt zurück kon­nten sie auch nicht, um sich zu erken­nen zu geben; denn wer hätte einem Storch geglaubt, daß er der Kalif sei, und wenn man es auch geglaubt hätte, wür­den die Ein­wohn­er von Bag­dad einen Storch zum Kalif gewollt haben?

So schlichen sie mehrere Tage umher und ernährten sich küm­mer­lich von Feld­frücht­en, die sie aber wegen ihrer lan­gen Schnä­bel nicht gut ver­speisen kon­nten. Auf Eidech­sen und Frösche hat­ten sie übri­gens keinen Appetit, denn sie befürchteten, mit solchen Lecker­bis­sen sich den Magen zu verder­ben. Ihr einziges Vergnü­gen in dieser trau­ri­gen Lage war, daß sie fliegen kon­nten, und so flo­gen sie oft auf die Däch­er von Bag­dad, um zu sehen, was darin vorging.

In den ersten Tagen bemerk­ten sie große Unruhe und Trauer in den Straßen; aber unge­fähr am vierten Tag nach ihrer Verza­uberung saßen sie auf dem Palast des Kalifen, da sahen sie unten in der Straße einen prächti­gen Aufzug; Trom­meln und Pfeifen ertön­ten, ein Mann in einem goldbe­stick­ten Schar­lach­man­tel saß auf einem geschmück­ten Pferd, umgeben von glänzen­den Dienern, halb Bag­dad sprang ihm nach, und alle schrien: »Heil Mizra, dem Herrsch­er von Bagdad!«

Da sahen die bei­den Störche auf dem Dache des Palastes einan­der an, und der Kalif Chasid sprach: »Ahnst du jet­zt, warum ich verza­ubert bin, Großwe­sir? Dieser Mizra ist der Sohn meines Tod­fein­des, des mächti­gen Zauber­ers Kaschnur, der mir in ein­er bösen Stunde Rache schwur. Aber noch gebe ich die Hoff­nung nicht auf – Komm mit mir, du treuer Gefährte meines Elends, wir wollen zum Grabe des Propheten wan­dern, vielle­icht, daß an heiliger Stätte der Zauber gelöst wird.«

Sie erhoben sich vom Dach des Palastes und flo­gen der Gegend von Med­i­na zu.

Mit dem Fliegen wollte es aber nicht gar gut gehen; denn die bei­den Störche hat­ten noch wenig Übung. »O Herr«, ächzte nach ein paar Stun­den der Großwe­sir, »ich halte es mit Eur­er Erlaub­nis nicht mehr lange aus; Ihr fliegt gar zu schnell! Auch ist es schon Abend, und wir täten wohl, ein Unterkom­men für die Nacht zu suchen.«

Chasid gab der Bitte seines Dieners Gehör; und da er unten im Tale eine Ruine erblick­te, die ein Obdach zu gewähren schien, so flo­gen sie dahin. Der Ort, wo sie sich für diese Nacht niederge­lassen hat­ten, schien ehe­mals ein Schloß gewe­sen zu sein. Schöne Säulen ragten unter den Trüm­mern her­vor, mehrere Gemäch­er, die noch ziem­lich erhal­ten waren, zeugten von der ehe­ma­li­gen Pracht des Haus­es. Chasid und sein Begleit­er gin­gen durch die Gänge umher, um sich ein trock­enes Plätzchen zu suchen; plöt­zlich blieb der Storch Man­sor ste­hen. »Herr und Gebi­eter«, flüsterte er leise, »wenn es nur nicht töricht für einen Großwe­sir, noch mehr aber für einen Storch wäre, sich vor Gespen­stern zu fürcht­en! Mir ist ganz unheim­lich zumute; denn hier neben hat es ganz vernehm­lich geseufzt und gestöh­nt.« Der Kalif blieb nun auch ste­hen und hörte ganz deut­lich ein leis­es Weinen, das eher einem Men­schen als einem Tiere anzuge­hören schien. Voll Erwartung wollte er der Gegend zuge­hen, woher die Klagetöne kamen; der Wesir aber pack­te ihn mit dem Schn­abel am Flügel und bat ihn fle­hentlich, sich nicht in neue, unbekan­nte Gefahren zu stürzen. Doch vergebens! Der Kalif, dem auch unter dem Storchen­flügel ein tapferes Herz schlug, riß sich mit Ver­lust einiger Fed­ern los und eilte in einen fin­steren Gang. Bald war er an ein­er Tür ange­langt, die nur angelehnt schien und woraus er deut­liche Seufz­er mit ein wenig Geheul ver­nahm. Er stieß mit dem Schn­abel die Türe auf, blieb aber über­rascht auf der Schwelle ste­hen. In dem ver­fal­l­enen Gemach, das nur durch ein kleines Git­ter­fen­ster spär­lich erleuchtet war, sah er eine große Nach­teule am Boden sitzen. Dicke Trä­nen roll­ten ihr aus den großen, run­den Augen, und mit heis­er­er Stimme stieß sie ihre Kla­gen zu dem krum­men Schn­abel her­aus. Als sie aber den Kalifen und seinen Wesir, der indes auch her­beigeschlichen war, erblick­te, erhob sie ein lautes Freudengeschrei. Zier­lich wis­chte sie mit dem braunge­fleck­ten Flügel die Trä­nen aus dem Auge, und zu dem größten Erstaunen der bei­den rief sie in gutem men­schlichem Ara­bisch: »Willkom­men, ihr Störche! Ihr seid mir ein gutes Zeichen mein­er Erret­tung; denn durch Störche werde mir ein großes Glück kom­men, ist mir einst prophezeit worden!«

Als sich der Kalif von seinem Erstaunen erholt hat­te, bück­te er sich mit seinem lan­gen Hals, brachte seine dün­nen Füße in eine zier­liche Stel­lung und sprach: »Nach­teule! Deinen Worten nach darf ich glauben, eine Lei­dens­ge­fährtin in dir zu sehen. Aber ach! Deine Hoff­nung, daß durch uns deine Ret­tung kom­men werde, ist verge­blich. Du wirst unsere Hil­flosigkeit selb­st erken­nen, wenn du unsere Geschichte hörst.« Die Nach­teule bat ihn zu erzählen, was der Kalif sogle­ich tat.

Als der Kalif der Eule seine Geschichte vor­ge­tra­gen hat­te, dank­te sie ihm und sagte: »Vern­imm auch meine Geschichte und höre, wie ich nicht weniger unglück­lich bin als du. Mein Vater ist der König von Indi­en, ich, seine einzige unglück­liche Tochter, heiße Lusa. Jen­er Zauber­er Kaschnur, der euch verza­uberte, hat auch mich ins Unglück gestürzt. Er kam eines Tages zu meinem Vater und begehrte mich zur Frau für seinen Sohn Mizra. Mein Vater aber, der ein hitziger Mann ist, ließ ihn die Treppe hin­un­ter­w­er­fen. Der Elende wußte sich unter ein­er anderen Gestalt wieder in meine Nähe zu schle­ichen, und als ich einst in meinem Garten Erfrischun­gen zu mir nehmen wollte, brachte er mir, als Sklave verklei­det, einen Trank bei, der mich in diese abscheuliche Gestalt ver­wan­delte. Vor Schreck­en ohn­mächtig, brachte er mich hier­her und rief mir mit schreck­lich­er Stimme in die Ohren:

Da sollst du bleiben, häßlich, selb­st von den Tieren ver­achtet, bis an dein Ende, oder bis ein­er aus freiem Willen dich, selb­st in dieser schreck­lichen Gestalt, zur Gat­tin begehrt. So räche ich mich an dir und deinem stolzen Vater.’

Seit­dem sind viele Monate ver­flossen. Ein­sam und trau­rig lebe ich als Ein­sied­lerin in diesem Gemäuer, ver­ab­scheut von der Welt, selb­st den Tieren ein Greuel; die schöne Natur ist vor mir ver­schlossen; denn ich bin blind am Tage, und nur, wenn der Mond sein ble­ich­es Licht über dies Gemäuer aus­gießt, fällt der ver­hül­lende Schleier von meinem Auge.«

Die Eule hat­te geen­det und wis­chte sich mit dem Flügel wieder die Augen aus, denn die Erzäh­lung ihrer Lei­den hat­te ihr Trä­nen entlockt.

Der Kalif war bei der Erzäh­lung der Prinzessin in tiefes Nach­denken ver­sunken. »Wenn mich nicht alles täuscht«, sprach er, »so find­et zwis­chen unserem Unglück ein geheimer Zusam­men­hang statt; aber wo finde ich den Schlüs­sel zu diesem Rätsel?«

Die Eule antwortete ihm: »O Herr! Auch mir ahnet dies; denn es ist mir einst in mein­er früh­esten Jugend von ein­er weisen Frau prophezeit wor­den, daß ein Storch mir ein großes Glück brin­gen werde, und ich wüßte vielle­icht, wie wir uns ret­ten kön­nten.« Der Kalif war sehr erstaunt und fragte, auf welchem Wege sie meine. »Der Zauber­er, der uns bei­de unglück­lich gemacht hat«, sagte sie, »kommt alle Monate ein­mal in diese Ruinen. Nicht weit von diesem Gemach ist ein Saal. Dort pflegt er dann mit vie­len Genossen zu schmausen. Schon oft habe ich sie dort belauscht. Sie erzählen dann einan­der ihre schändlichen Werke; vielle­icht, daß er dann das Zauber­wort, das ihr vergessen habt, ausspricht.«

»O, teuer­ste Prinzessin«, rief der Kalif, »sag an, wann kommt er, und wo ist der Saal?«

Die Eule schwieg einen Augen­blick und sprach dann: »Nehmet es nicht ungütig, aber nur unter ein­er Bedin­gung kann ich Euern Wun­sch erfüllen.«

»Sprich aus! Sprich aus!« schrie Chasid. »Befiehl, es ist mir jede recht.«

»Näm­lich, ich möchte auch gern zugle­ich frei sein; dies kann aber nur geschehen, wenn ein­er von euch mir seine Hand reicht.«

Die Störche schienen über den Antrag etwas betrof­fen zu sein, und der Kalif wink­te seinem Diener, ein wenig mit ihm hinauszugehen.

»Großwe­sir«, sprach vor der Türe der Kalif, »das ist ein dum­mer Han­del; aber Ihr kön­ntet sie schon nehmen.«

»So«, antwortete dieser, »daß mir meine Frau, wenn ich nach Hause komme, die Augen auskratzt? Auch bin ich ein alter Mann, und Ihr seid noch jung und unver­heiratet und kön­net eher ein­er jun­gen, schö­nen Prinzessin die Hand geben.«

»Das ist es eben«, seufzte der Kalif, indem er trau­rig die Flügel hän­gen ließ, »wer sagt dir denn, daß sie jung und schön ist? Das heißt eine Katze im Sack kaufen!«

Sie rede­ten einan­der gegen­seit­ig noch lange zu; endlich aber, als der Kalif sah, daß sein Wesir lieber Storch bleiben als die Eule heirat­en wollte, entschloß er sich, die Bedin­gung lieber selb­st zu erfüllen. Die Eule war hocher­freut. Sie ges­tand ihnen, daß sie zu kein­er besseren Zeit hät­ten kom­men kön­nen, weil wahrschein­lich in dieser Nacht die Zauber­er sich ver­sam­meln würden.

Sie ver­ließ mit den Störchen das Gemach, um sie in jenen Saal zu führen; sie gin­gen lange in einem fin­steren Gang hin; endlich strahlte ihnen aus ein­er hal­b­ver­fal­l­enen Mauer ein heller Schein ent­ge­gen. Als sie dort ange­langt waren, riet ihnen die Eule, sich ganz ruhig zu ver­hal­ten. Sie kon­nten von der Lücke, an welch­er sie standen, einen großen Saal überse­hen. Er war ring­sum mit Säulen geschmückt und prachtvoll verziert. Viele far­bige Lam­p­en erset­zten das Licht des Tages. In der Mitte des Saales stand ein run­der Tisch, mit vie­len und aus­ge­sucht­en Speisen beset­zt. Rings um den Tisch zog sich ein Sofa, auf welchem acht Män­ner saßen. In einem dieser Män­ner erkan­nten die Störche jenen Krämer wieder, der ihnen das Zauber­pul­ver verkauft hat­te. Sein Neben­sitzer forderte ihn auf, ihnen seine neuesten Tat­en zu erzählen. Er erzählte unter anderen auch die Geschichte des Kalifen und seines Wesirs.

»Was für ein Wort hast du ihnen denn aufgegeben?« fragte ihn ein ander­er Zauber­er. »Ein recht schw­eres lateinis­ches, es heißt muta­bor

Als die Störche an der Mauer­lücke dieses hörten, kamen sie vor Freuden beina­he außer sich. Sie liefen auf ihren lan­gen Füßen so schnell dem Tore der Ruine zu, daß die Eule kaum fol­gen kon­nte. Dort sprach der Kalif gerührt zu der Eule: »Ret­terin meines Lebens und des Lebens meines Fre­un­des, nimm zum ewigen Dank für das, was du an uns getan, mich zum Gemahl an!« Dann aber wandte er sich nach Osten. Dreimal bück­ten die Störche ihre lan­gen Hälse der Sonne ent­ge­gen, die soeben hin­ter dem Gebirge her­auf­stieg: » Muta­bor!« riefen sie, im Nu waren sie ver­wan­delt, und in der hohen Freude des neugeschenk­ten Lebens lagen Herr und Diener lachend und weinend einan­der in den Armen.

Wer beschreibt aber ihr Erstaunen, als sie sich umsa­hen? Eine schöne Dame, her­rlich geschmückt, stand vor ihnen. Lächel­nd gab sie dem Kalifen die Hand. »Erken­nt Ihr Eure Nach­teule nicht mehr?« sagte sie. Sie war es; der Kalif war von ihrer Schön­heit und Anmut entzückt.

Die drei zogen nun miteinan­der auf Bag­dad zu. Der Kalif fand in seinen Klei­dern nicht nur die Dose mit Zauber­pul­ver, son­dern auch seinen Geld­beu­tel. Er kaufte daher im näch­sten Dorfe, was zu ihrer Reise nötig war, und so kamen sie bald an die Tore von Bag­dad. Dort aber erregte die Ankun­ft des Kalifen großes Erstaunen. Man hat­te ihn für tot aus­gegeben, und das Volk war daher hocher­freut, seinen geliebten Herrsch­er wiederzuhaben.

Um so mehr aber ent­bran­nte ihr Haß gegen den Betrüger Mizra. Sie zogen in den Palast und nah­men den alten Zauber­er und seinen Sohn gefan­gen. Den Alten schick­te der Kalif in das­selbe Gemach der Ruine, das die Prinzessin als Eule bewohnt hat­te, und ließ ihn dort aufhän­gen. Dem Sohn aber, welch­er nichts von den Kün­sten des Vaters ver­stand, ließ der Kalif die Wahl, ob er ster­ben oder schnupfen wolle. Als er das let­ztere wählte, bot ihm der Großwe­sir die Dose. Eine tüchtige Prise, und das Zauber­wort des Kalifen ver­wan­delte ihn in einen Storch. Der Kalif ließ ihn in einen eis­er­nen Käfig sper­ren und in seinem Garten aufstellen.

Lange und vergnügt lebte Kalif Chasid mit sein­er Frau, der Prinzessin; seine vergnügtesten Stun­den waren immer die, wenn ihn der Großwe­sir nach­mit­tags besuchte; da sprachen sie dann oft von ihrem Storch­aben­teuer, und wenn der Kalif recht heit­er war, ließ er sich herab, den Großwe­sir nachzuah­men, wie er als Storch aus­sah. Er stieg dann ern­sthaft, mit steifen Füßen im Zim­mer auf und ab, klap­perte, wedelte mit den Armen wie mit Flügeln und zeigte, wie jen­er sich verge­blich nach Osten geneigt und Mu – Mu – dazu gerufen habe. Für die Frau Kalifin und ihre Kinder war diese Vorstel­lung alle­mal eine große Freude; wenn aber der Kalif gar zu lange klap­perte und nick­te und Mu – Mu – schrie, dann dro­hte ihm lächel­nd der Wesir: Er wolle das, was vor der Türe der Prinzessin Nach­teule ver­han­delt wor­den sei, der Frau Kalifin mitteilen.