Die Geschichte von der abgehauenen Hand

von Wilhelm Hauff

~45 Min

Ich bin in Kon­stan­tinopel geboren; mein Vater war ein Drago­man (Dol­metsch­er) bei der Pforte (dem türkischen Hof) und trieb neben­bei einen ziem­lich ein­träglichen Han­del mit wohlriechen­den Essen­zen und sei­de­nen Stof­fen. Er gab mir eine gute Erziehung, indem er mich teils selb­st unter­richtete, teils von einem unser­er Priester mir Unter­richt geben ließ. Er bes­timmte mich anfangs, seinen Laden ein­mal zu übernehmen, als ich aber größere Fähigkeit­en zeigte, als er erwartet hat­te, bes­timmte er mich auf das Anrat­en sein­er Fre­unde zum Arzt; weil ein Arzt, wenn er etwas mehr gel­ernt hat als die gewöhn­lichen Mark­tschreier, in Kon­stan­tinopel sein Glück machen kann. Es kamen viele Franken in unser Haus, und ein­er davon überre­dete meinen Vater, mich in sein Vater­land, nach der Stadt Paris, reisen zu lassen, wo man solche Sachen unent­geltlich und am besten ler­nen könne. Er selb­st aber wolle mich, wenn er zurück­reise, umson­st mit­nehmen. Mein Vater, der in sein­er Jugend auch gereist war, schlug ein, und der Franke sagte mir, ich könne mich in drei Monat­en bere­i­thal­ten. Ich war außer mir vor Freude, fremde Län­der zu sehen.

Der Franke hat­te endlich seine Geschäfte abgemacht und sich zur Reise bere­it­et; am Vor­abend der Reise führte mich mein Vater in sein Schlafkäm­mer­lein. Dort sah ich schöne Klei­der und Waf­fen auf dem Tis­che liegen. Was meine Blicke aber noch mehr anzog, war ein großer Haufe Goldes, denn ich hat­te noch nie so viel beieinan­der gese­hen. Mein Vater umarmte mich und sagte: »Siehe, mein Sohn, ich habe dir Klei­der zu der Reise besorgt. Jene Waf­fen sind dein, es sind die näm­lichen, die mir dein Groß­vater umhing, als ich in die Fremde aus­zog. Ich weiß, du kannst sie fuhren; gebrauche sie aber nie, als wenn du ange­grif­f­en wirst; dann aber schlage auch tüchtig drauf. Mein Ver­mö­gen ist nicht groß; siehe, ich habe es in drei Teile geteilt, ein­er davon ist dein; ein­er davon ist mein Unter­halt und Notpfen­nig, der dritte aber sei mir ein heiliges, unan­tast­bares Gut, er diene dir in der Stunde der Not!« So sprach mein alter Vater, und Trä­nen hin­gen ihm im Auge, vielle­icht aus Ahnung, denn ich habe ihn nie wiedergesehen.

Die Reise ging gut von­stat­ten; wir waren bald im Lande der Franken ange­langt, und sechs Tagreisen nach­her kamen wir in die große Stadt Paris. Hier mietete mir mein fränkisch­er Fre­und ein Zim­mer und riet mir, mein Geld, das in allem zweitausend Taler betrug, vor­sichtig anzuwen­den. Ich lebte drei Jahre in dieser Stadt und lernte, was ein tüchtiger Arzt wis­sen muß; ich müßte aber lügen, wenn ich sagte, daß ich gerne dort gewe­sen sei; denn die Sit­ten dieses Volkes gefie­len mir nicht; auch hat­te ich nur wenige gute Fre­unde dort, diese aber waren edle, junge Männer.

Die Sehn­sucht nach der Heimat wurde endlich mächtig in mir; in der ganzen Zeit hat­te ich nichts von meinem Vater gehört, und ich ergriff daher eine gün­stige Gele­gen­heit, nach Hause zu kommen.

Es ging näm­lich eine Gesandtschaft aus Franken­land nach der Hohen Pforte. Ich verd­ingte mich als Wun­darzt in das Gefolge des Gesandten und kam glück­lich wieder nach Stam­bul. Das Haus meines Vaters aber fand ich ver­schlossen, und die Nach­barn staunten, als sie mich sahen, und sagten mir, mein Vater sei vor zwei Monat­en gestor­ben. Jen­er Priester, der mich in mein­er Jugend unter­richtet hat­te, brachte nur den Schlüs­sel; allein und ver­lassen zog ich in das verödete Haus ein. Ich fand noch alles, wie es mein Vater ver­lassen hat­te; nur das Gold, das er mir zu hin­ter­lassen ver­sprach, fehlte. Ich fragte den Priester darüber, und dieser verneigte sich und sprach: »Euer Vater ist als ein heiliger Mann gestor­ben; denn er hat sein Gold der Kirche ver­ma­cht.« Dies war und blieb mir unbe­grei­flich; doch was wollte ich machen; ich hat­te keine Zeu­gen gegen den Priester und mußte froh sein, daß er nicht auch das Haus und die Waren meines Vaters als Ver­mächt­nis ange­se­hen hatte.

Dies war das erste Unglück, das mich traf. Von jet­zt an aber kam es Schlag auf Schlag. Mein Ruf als Arzt wollte sich gar nicht aus­bre­it­en, weil ich mich schämte, den Mark­tschreier zu machen, und über­all fehlte mir die Empfehlung meines Vaters, der mich bei den Reich­sten und Vornehm­sten einge­führt hätte, die jet­zt nicht mehr an den armen Zaleukos dacht­en. Auch die Waren meines Vaters fan­den keinen Abgang; denn die Kun­den hat­ten sich nach seinem Tode ver­laufen, und neue bekommt man nur langsam. Als ich einst trost­los über meine Lage nach­dachte, fiel mir ein, daß ich oft in Franken Män­ner meines Volkes gese­hen hat­te, die das Land durch­zo­gen und ihre Waren auf den Märk­ten der Städte auslegten; ich erin­nerte mich, daß man ihnen gerne abkaufte, weil sie aus der Fremde kamen, und daß man bei solchem Han­del das Hun­dert­fache erwer­ben könne. Sogle­ich war auch mein Entschluß gefaßt. Ich verkaufte mein väter­lich­es Haus, gab einen Teil des gelösten Geldes einem bewährten Fre­unde zum Auf­be­wahren, von dem übri­gen aber kaufte ich, was man in Franken sel­ten hat, wie Schals, sei­dene Zeuge, Sal­ben und Öle, mietete einen Platz auf einem Schiff und trat so meine zweite Reise nach Franken an.

Es schien, als ob das Glück, sobald ich die Schlöss­er der Dar­d­anellen im Rück­en hat­te, mir wieder gün­stig gewor­den wäre. Unsere Fahrt war kurz und glück­lich. Ich durch­zog die großen und kleinen Städte der Franken und fand über­all willige Käufer mein­er Waren. Mein Fre­und in Stam­bul sandte mir immer wieder frische Vor­räte, und ich wurde von Tag zu Tag wohlhaben­der. Als ich endlich so viel erspart hat­te, daß ich glaubte, ein größeres Unternehmen wagen zu kön­nen, zog ich mit meinen Waren nach Ital­ien. Etwas muß ich aber noch geste­hen, was mir auch nicht wenig Geld ein­brachte: ich nahm auch meine Arzneikun­st zu Hil­fe . Wenn ich in eine Stadt kam, ließ ich durch Zettel verkün­den, daß ein griechis­ch­er Arzt da sei, der schon viele geheilt habe; und wahrlich, mein Bal­sam und meine Arzneien haben mir manche Zechine eingebracht.

So war ich endlich nach der Stadt Flo­renz in Ital­ien gekom­men. Ich nahm mir vor, län­gere Zeit in dieser Stadt zu bleiben, teils weil sie mir so wohl gefiel, teils auch, weil ich mich von den Stra­pazen meines Umherziehens erholen wollte. Ich mietete mir ein Gewölbe in dem Stadtvier­tel St. Croce und nicht weit davon ein paar schöne Zim­mer, die auf einen Altan führten, in einem Wirtshaus. Sogle­ich ließ ich auch meine Zettel umher­tra­gen, die mich als Arzt und Kauf­mann ankündigten. Ich hat­te kaum mein Gewölbe eröffnet, so strömten auch die Käufer herzu, und ob ich gle­ich ein wenig hohe Preise hat­te, so verkaufte ich doch mehr als andere, weil ich gefäl­lig und fre­undlich gegen meine Kun­den war. Ich hat­te schon vier Tage vergnügt in Flo­renz ver­lebt, als ich eines Abends, da ich schon mein Gewölbe schließen und nur die Vor­räte in meinen Sal­ben­büch­sen nach mein­er Gewohn­heit noch ein­mal mustern wollte, in ein­er kleinen Büchse einen Zettel fand, den ich mich nicht erin­nerte, hineinge­tan zu haben. Ich öffnete den Zettel und fand darin eine Ein­ladung, diese Nacht Punkt zwölf Uhr auf der Brücke, die man Ponte vec­chio heißt, mich einzufind­en. Ich sann lange darüber nach, wer es wohl sein kön­nte, der mich dor­thin ein­lud, da ich aber keine Seele in Flo­renz kan­nte, dachte ich, man werde mich vielle­icht heim­lich zu irgen­deinem Kranken führen wollen, was schon öfter geschehen war. Ich beschloß also hinzuge­hen, doch hing ich zur Vor­sicht den Säbel um, den mir einst mein Vater geschenkt hatte.

Als es stark gegen Mit­ter­nacht ging, machte ich mich auf den Weg und kam bald auf die Ponte vec­chio. Ich fand die Brücke ver­lassen und öde und beschloß zu warten, bis er erscheinen würde, der mich rief. Es war eine kalte Nacht; der Mond schien hell, und ich schaute hinab in die Wellen des Arno, die wei­thin im Mondlicht schim­merten. Auf den Kirchen der Stadt schlug es jet­zt zwölf Uhr; ich richtete mich auf, und vor mir stand ein großer Mann, ganz in einen roten Man­tel gehüllt, dessen einen Zipfel er vor das Gesicht hielt.

Ich war von Anfang etwas erschrock­en, weil er so plöt­zlich hin­ter mir stand, faßte mich aber sogle­ich wieder und sprach: »Wenn Ihr mich habt hier­her bestellt, so sagt an, was ste­ht zu Eurem Befehl?«

Der Rot­man­tel wandte sich um und sagte langsam: »Folge!« Da ward mir’s doch etwas unheim­lich zumute, mit diesem Unbekan­nten allein zu gehen; ich blieb ste­hen und sprach: »Nicht also, lieber Herr, wol­let mir vor­erst sagen, wohin; auch kön­net Ihr mir Euer Gesicht ein wenig zeigen, daß ich sehe, ob Ihr Gutes mit mir vorhabt.«

Der Rote aber schien sich nicht darum zu küm­mern. »Wenn du nicht willst, Zaleukos, so bleibe!« antwortete er und ging weiter.

Da ent­bran­nte mein Zorn. »Meinet Ihr«, rief ich aus, »ein Mann wie ich lasse sich von jedem Nar­ren fop­pen, und ich werde in dieser kalten Nacht umson­st gewartet haben?« In drei Sprün­gen hat­te ich ihn erre­icht, pack­te ihn an seinem Man­tel und schrie noch lauter, indem ich die andere Hand an den Säbel legte; aber der Man­tel blieb mir in der Hand, und der Unbekan­nte war um die näch­ste Ecke ver­schwun­den. Mein Zorn legte sich nach und nach; ich hat­te doch den Man­tel, und dieser sollte mir schon den Schlüs­sel zu diesem wun­der­lichen Aben­teuer geben.

Ich hing ihn um und ging meinen Weg weit­er nach Hause. Als ich kaum noch hun­dert Schritte davon ent­fer­nt war, streifte jemand dicht an mir vorüber und flüsterte in fränkisch­er Sprache: »Nehmt Euch in acht, Graf, heute nacht ist nichts zu machen.« Ehe ich mich aber umse­hen kon­nte, war dieser Jemand schon vor­bei, und ich sah nur noch einen Schat­ten an den Häusern hin­schweben. Daß dieser Zuruf den Man­tel und nicht mich anging, sah ich ein; doch gab er mir kein Licht über die Sache. Am anderen Mor­gen über­legte ich, was zu tun sei. Ich war von Anfang geson­nen, den Man­tel aus­rufen zu lassen, als hätte ich ihn gefun­den; doch da kon­nte der Unbekan­nte ihn durch einen Drit­ten holen lassen, und ich hätte dann keinen Auf­schluß über die Sache gehabt. Ich besah, indem ich so nach­dachte, den Man­tel näher. Er war von schw­erem genue­sis­chem Samt, pur­purrot, mit astra­ch­a­nis­chem Pelz ver­brämt und reich mit Gold bestickt. Der prachtvolle Anblick des Man­tels brachte mich auf einen Gedanken, den ich auszuführen beschloß.

Ich trug ihn in mein Gewölbe und legte ihn zum Verkauf aus, set­zte aber auf ihn einen so hohen Preis, daß ich gewiß war, keinen Käufer zu find­en. Mein Zweck dabei war, jeden, der nach dem Pelz fra­gen würde, scharf ins Auge zu fassen; denn die Gestalt des Unbekan­nten, die sich mir nach Ver­lust des Man­tels, wenn auch nur flüchtig, doch bes­timmt zeigte, wollte ich aus Tausenden erken­nen. Es fan­den sich viele Kau­flustige zu dem Man­tel, dessen außeror­dentliche Schön­heit alle Augen auf sich zog; aber kein­er glich ent­fer­nt dem Unbekan­nten, kein­er wollte den hohen Preis von zwei­hun­dert Zechi­nen dafür bezahlen. Auf­fal­l­end war mir dabei, daß, wenn ich einen oder den anderen fragte, ob denn son­st kein solch­er Man­tel in Flo­renz sei, alle mit »Nein!« antworteten und ver­sicherten, eine so kost­bare und geschmack­volle Arbeit nie gese­hen zu haben.

Es wollte schon Abend wer­den, da kam endlich ein junger Mann, der schon oft bei mir gewe­sen war und auch heute viel auf den Man­tel geboten hat­te, warf einen Beu­tel mit Zechi­nen auf den Tisch und rief: »Bei Gott! Zaleukos, ich muß deinen Man­tel haben, und sollte ich zum Bet­tler darüber wer­den.« Zugle­ich begann er, seine Gold­stücke aufzuzählen. Ich kam in große Not; ich hat­te den Man­tel nur aus­ge­hängt, um vielle­icht die Blicke meines Unbekan­nten darauf zu ziehen, und jet­zt kam ein junger Tor, um den unge­heuren Preis zu zahlen. Doch was blieb mir übrig; ich gab nach, denn es tat mir auf der anderen Seite der Gedanke wohl, für mein nächtlich­es Aben­teuer so schön entschädigt zu wer­den. Der Jüngling hing sich den Man­tel um und ging; er kehrte aber auf der Schwelle wieder um, indem er ein Papi­er, das am Man­tel befes­tigt war, los­machte, mir zuwarf und sagte: »Hier, Zaleukos, hängt etwas, das wohl nicht zu dem Man­tel gehört.«

Gle­ichgültig nahm ich den Zettel; aber siehe da, dort stand geschrieben: »Bringe heute nacht um die bewußte Stunde den Man­tel auf die Ponte vec­chio, vier­hun­dert Zechi­nen warten deiner.«

Ich stand wie niederge­donnert. So hat­te ich also mein Glück selb­st ver­scherzt und meinen Zweck gän­zlich ver­fehlt! Doch ich besann mich nicht lange, raffte die zwei­hun­dert Zechi­nen zusam­men, sprang dem, der den Man­tel gekauft hat­te, nach und sprach: »Nehmt Eure Zechi­nen wieder, guter Fre­und, und laßt mir den Man­tel, ich kann ihn unmöglich hergeben.« Dieser hielt die Sache von Anfang für Spaß, als er aber merk­te, daß es Ernst war, geri­et er in Zorn über meine Forderung, schalt mich einen Nar­ren, und so kam es endlich zu Schlä­gen. Doch ich war so glück­lich, im Handge­menge ihm den Man­tel zu entreißen, und wollte schon mit ihm davoneilen, als der junge Mann die Polizei zu Hil­fe rief und mich mit sich vor Gericht zog. Der Richter war sehr erstaunt über die Anklage und sprach meinem Geg­n­er den Man­tel zu. Ich aber bot dem Jünglinge zwanzig, fün­fzig, achtzig, ja hun­dert Zechi­nen über seine zwei­hun­dert, wenn er mir den Man­tel ließe. Was meine Bit­ten nicht ver­mocht­en, bewirk­te mein Gold. Er nahm meine guten Zechi­nen, ich aber zog mit dem Man­tel tri­um­phierend ab und mußte mir gefall­en lassen, daß man mich in ganz Flo­renz für einen Wahnsin­ni­gen hielt. Doch die Mei­n­ung der Leute war mir gle­ichgültig; ich wußte es ja bess­er als sie, daß ich an dem Han­del noch gewann.

Mit Ungeduld erwartete ich die Nacht. Um dieselbe Zeit wie gestern ging ich, den Man­tel unter dem Arm, auf die Ponte vec­chio. Mit dem let­zten Glock­en­schlag kam die Gestalt aus der Nacht her­aus auf mich zu. Es war unverkennbar der Mann von gestern. »Hast du den Man­tel?« wurde ich gefragt.

»Ja, Herr«, antwortete ich, »aber er kostete mich bar hun­dert Zechinen.«

»Ich weiß es«, ent­geg­nete jen­er. »Schau auf, hier sind vier­hun­dert.« Er trat mit mir an das bre­ite Gelän­der der Brücke und zählte die Gold­stücke hin. Vier­hun­dert waren es; prächtig blitzten sie im Mond­schein, ihr Glanz erfreute mein Herz, ach! Es ahnete nicht, daß es seine let­zte Freude sein werde. Ich steck­te mein Geld in die Tasche und wollte mir nun auch den güti­gen Unbekan­nten recht betra­cht­en; aber er hat­te eine Larve vor dem Gesicht, aus der mich dun­kle Augen furcht­bar anblitzten.

»Ich danke Euch, Herr, für Eure Güte«, sprach ich zu ihm, »was ver­langt Ihr jet­zt von mir? Das sage ich Euch aber vorher, daß es nichts Unrecht­es sein darf.«

»Unnötige Sorge«, antwortete er, indem er den Man­tel um die Schul­tern legte, »ich bedarf Eur­er Hil­fe als Arzt; doch nicht für einen Leben­den, son­dern für einen Toten.«

»Wie kann das sein?« rief ich voll Verwunderung.

»Ich kam mit mein­er Schwest­er aus fer­nen Lan­den«, erzählte er und wink­te mir zugle­ich, ihm zu fol­gen. »Ich wohnte hier mit ihr bei einem Fre­und meines Haus­es. Meine Schwest­er starb gestern schnell an ein­er Krankheit, und die Ver­wandten wollen sie mor­gen begraben. Nach ein­er alten Sitte unser­er Fam­i­lie aber sollen alle in der Gruft der Väter ruhen; viele, die in frem­den Lan­den star­ben, ruhen den­noch dort ein­bal­samiert. Meinen Ver­wandten gönne ich nun ihren Kör­p­er; meinem Vater aber muß ich wenig­stens den Kopf sein­er Tochter brin­gen, damit er sie noch ein­mal sehe.« Diese Sitte, die Köpfe geliebter Anver­wandten abzuschnei­den, kam mir zwar etwas schreck­lich vor; doch wagte ich nichts dage­gen einzuwen­den aus Furcht, den Unbekan­nten zu belei­di­gen. Ich sagte ihm daher, daß ich mit dem Ein­bal­samieren der Toten wohl umge­hen könne, und bat ihn, mich zu der Ver­stor­be­nen zu führen. Doch kon­nte ich mich nicht enthal­ten zu fra­gen, warum denn dies alles so geheimnisvoll und in der Nacht geschehen müsse. Er antwortete mir, daß seine Anver­wandten, die seine Absicht für grausam hiel­ten, bei Tage ihn abhal­ten wür­den; sei aber nur erst ein­mal der Kopf abgenom­men, so kön­nten sie wenig mehr darüber sagen. Er hätte mir zwar den Kopf brin­gen kön­nen; aber ein natür­lich­es Gefühl halte ihn ab, ihn selb­st abzunehmen.

Wir waren indes bis an ein großes, prachtvolles Haus gekom­men. Mein Begleit­er zeigte es mir als das Ziel unseres nächtlichen Spazier­ganges. Wir gin­gen an dem Haupt­tor des Haus­es vor­bei, trat­en in eine kleine Pforte, die der Unbekan­nte sorgfältig hin­ter sich zumachte, und stiegen nun im Fin­stern eine enge Wen­del­treppe hinan. Sie führte in einen spär­lich erleuchteten Gang, aus welchem wir in ein Zim­mer gelangten, das eine Lampe, die an der Decke befes­tigt war, erleuchtete.

In diesem Gemach stand ein Bett, in welchem der Leich­nam lag. Der Unbekan­nte wandte sein Gesicht ab und schien Trä­nen ver­ber­gen zu wollen. Er deutete nach dem Bett, befahl mir, mein Geschäft gut und schnell zu ver­richt­en, und ging wieder zur Türe hinaus.

Ich pack­te meine Mess­er, die ich als Arzt immer bei mir führte, aus und näherte mich dem Bett. Nur der Kopf war von der Leiche sicht­bar; aber dieser war so schön, daß mich unwillkür­lich das innig­ste Mitlei­den ergriff. In lan­gen Flecht­en hing das dun­kle Haar herab, das Gesicht war ble­ich, die Augen geschlossen. Ich machte zuerst einen Ein­schnitt in die Haut, nach der Weise der Ärzte, wenn sie ein Glied abschnei­den. Sodann nahm ich mein schärf­stes Mess­er und schnitt mit einem Zug die Kehle durch. Aber welch­er Schreck­en! Die Tote schlug die Augen auf, schloß sie aber gle­ich wieder, und in einem tiefen Seufz­er schien sie jet­zt erst ihr Leben auszuhauchen. Zugle­ich schoß mir ein Strahl heißen Blutes aus der Wunde ent­ge­gen. Ich überzeugte mich, daß ich erst die Arme getötet hat­te; denn daß sie tot sei, war kein Zweifel, da es von dieser Wunde keine Ret­tung gab. Ich stand einige Minuten in banger Bek­lom­men­heit über das, was geschehen war. Hat­te der Rot­man­tel mich bet­ro­gen, oder war die Schwest­er vielle­icht nur schein­tot gewe­sen? Das let­ztere schien mir wahrschein­lich­er. Aber ich durfte dem Brud­er der Ver­stor­be­nen nicht sagen, daß vielle­icht ein weniger rasch­er Schnitt sie erweckt hätte, ohne sie zu töten, darum wollte ich den Kopf vol­lends ablösen; aber noch ein­mal stöh­nte die Ster­bende, streckt sich in schmerzhafter Bewe­gung aus und starb. Da über­man­nte mich der Schreck­en, und ich stürzte schaud­ernd aus dem Gemach. Aber draußen im Gang war es fin­ster; denn die Lampe war ver­löscht. Keine Spur von meinem Begleit­er war zu ent­deck­en, und ich mußte aufs unge­fähr mich im Fin­stern an der Wand fort­be­we­gen, um an die Wen­del­treppe zu gelan­gen. Ich fand sie endlich und kam halb fal­l­end, halb glei­t­end hinab. Auch unten war kein Men­sch. Die Türe fand ich nur angelehnt, und ich atmete freier, als ich auf der Straße war; denn in dem Hause war mir ganz unheim­lich gewor­den. Von Schreck­en ges­pornt, ran­nte ich in meine Woh­nung und begrub mich in die Pol­ster meines Lagers, um das Schreck­liche zu vergessen, das ich getan hat­te. Aber der Schlaf floh mich, und erst der Mor­gen ermah­nte mich wieder, mich zu fassen. Es war mir wahrschein­lich, daß der Mann, der mich zu dieser ver­rucht­en Tat, wie sie mir jet­zt erschien, ver­führt hat­te, mich nicht angeben würde. Ich entschloß mich, gle­ich in mein Gewölbe an mein Geschäft zu gehen und wom­öglich eine sor­glose Miene anzunehmen. Aber ach! Ein neuer Umstand, den ich jet­zt erst bemerk­te, ver­mehrte noch meinen Kum­mer. Meine Mütze und mein Gür­tel wie auch meine Mess­er fehlten mir, und ich war ungewiß, ob ich sie in dem Zim­mer der Getöteten gelassen oder erst auf mein­er Flucht ver­loren hat­te. Lei­der schien das erste wahrschein­lich­er, und man kon­nte mich also als Mörder entdecken.

Ich öffnete zur gewöhn­lichen Zeit mein Gewölbe. Mein Nach­bar trat zu mir her, wie er alle Mor­gen zu tun pflegte, denn er war ein gesprächiger Mann. »Ei, was sagt Ihr zu der schreck­lichen Geschichte«, hub er an, »die heute nacht vorge­fall­en ist?« Ich tat, als ob ich nichts wüßte. »Wie, soll­tet Ihr nicht wis­sen, von was die ganze Stadt erfüllt ist? Nicht wis­sen, daß die schön­ste Blume von Flo­renz, Bian­ka, die Tochter des Gou­verneurs, in dieser Nacht ermordet wurde? Ach! Ich sah sie gestern noch so heit­er durch die Straßen fahren mit ihrem Bräutigam, denn heute hät­ten sie Hochzeit gehabt.«

Jedes Wort des Nach­barn war mir ein Stich ins Herz. Und wie oft kehrte meine Marter wieder; denn jed­er mein­er Kun­den erzählte mir die Geschichte, immer ein­er schreck­lich­er als der andere, und doch kon­nte kein­er so Schreck­lich­es sagen, als ich selb­st gese­hen hat­te. Um Mit­tag unge­fähr trat ein Mann vom Gericht in mein Gewölbe und bat mich, die Leute zu ent­fer­nen. »Sig­nore Zaleukos«, sprach er, indem er die Sachen, die ich ver­mißte, her­vor­zog, »gehören diese Sachen Euch zu?« Ich besann mich, ob ich sie nicht gän­zlich ableug­nen sollte; aber als ich durch die hal­bgeöffnete Tür meinen Wirt und mehrere Bekan­nte, die wohl gegen mich zeu­gen kon­nten, erblick­te, beschloß ich, die Sache nicht noch durch eine Lüge zu ver­schlim­mern, und bekan­nte mich zu den vorgezeigten Din­gen. Der Gerichts­mann bat mich, ihm zu fol­gen, und führte mich in ein großes Gebäude, das ich bald für das Gefäng­nis erkan­nte. Dort wies er mir bis auf weit­eres ein Gemach an.

Meine Lage war schreck­lich, als ich so in der Ein­samkeit darüber nach­dachte. Der Gedanke, gemordet zu haben, wenn auch ohne Willen, kehrte immer wieder. Auch kon­nte ich mir nicht ver­hehlen, daß der Glanz des Goldes meine Sinne befan­gen gehal­ten hat­te; son­st hätte ich nicht so blin­d­lings in die Falle gehen kön­nen. Zwei Stun­den nach mein­er Ver­haf­tung wurde ich aus meinem Gemach geführt. Mehrere Trep­pen ging es hinab, dann kam man in einen großen Saal. Um einen lan­gen, schwarzbe­hängten Tisch saßen dort zwölf Män­ner, meis­tens Greise. An den Seit­en des Saales zogen sich Bänke herab, ange­füllt mit den Vornehm­sten von Flo­renz; auf den Gale­rien, die in der Höhe ange­bracht waren, standen dicht gedrängt die Zuschauer. Als ich bis vor den schwarzen Tisch getreten war, erhob sich ein Mann mit fin­ster­er, trau­riger Miene; es war der Gou­verneur. Er sprach zu den Ver­sam­melten, daß er als Vater in dieser Sache nicht richt­en könne und daß er seine Stelle für dies­mal an den ältesten der Sen­a­toren abtrete. Der älteste der Sen­a­toren war ein Greis von wenig­stens neun­zig Jahren. Er stand gebückt, und seine Schläfen waren mit dün­nem, weißem Haar umhängt; aber feurig bran­nten noch seine Augen, und seine Stimme war stark und sich­er. Er hub an, mich zu fra­gen, ob ich den Mord geste­he. Ich bat ihn um Gehör und erzählte uner­schrock­en und mit vernehm­lichen Stimme, was ich getan hat­te und was ich wußte. Ich bemerk­te, daß der Gou­verneur während mein­er Erzäh­lung bald blaß, bald rot wurde, und als ich geschlossen, fuhr er wütend auf: »Wie, Elen­der!« rief er mir zu, »so willst du ein Ver­brechen, das du aus Habgi­er began­gen, noch einem anderen aufbürden?«

Der Sen­a­tor ver­wies ihm seine Unter­brechung, da er sich frei­willig seines Recht­es begeben habe; auch sei es gar nicht so erwiesen, daß ich aus Habgi­er gefrev­elt; denn nach sein­er eige­nen Aus­sage sei ja der Getöteten nichts gestohlen wor­den. Ja, er ging noch weit­er; er erk­lärte dem Gou­verneur, daß er über das frühere Leben sein­er Tochter Rechen­schaft geben müsse; denn nur so könne man schließen, ob ich die Wahrheit gesagt habe oder nicht. Zugle­ich hob er für heute das Gericht auf, um sich, wie er sagte, aus den Papieren der Ver­stor­be­nen, die ihm der Gou­verneur übergeben werde, Rat zu holen. Ich wurde wieder in mein Gefäng­nis zurück­ge­führt, wo ich einen schau­ri­gen Tag ver­lebte, immer mit dem heißen Wun­sch beschäftigt, daß man doch irgen­deine Verbindung zwis­chen der Toten und dem Rot­man­tel ent­deck­en möchte. Voll Hoff­nung trat ich den anderen Tag in den Gerichtssaal. Es lagen mehrere Briefe auf dem Tisch. Der alte Sen­a­tor fragte mich, ob sie meine Hand­schrift seien. Ich sah sie an und fand, daß sie von der­sel­ben Hand sein müßten wie jene bei­den Zettel, die ich erhal­ten. Ich äußerte dies den Sen­a­toren; aber man schien nicht darauf zu acht­en und antwortete, daß ich bei­des geschrieben haben könne und müsse; denn der Namen­szug unter den Briefen sei unverkennbar ein Z, der Anfangs­buch­stabe meines Namens. Die Briefe aber enthiel­ten Dro­hun­gen an die Ver­stor­bene und War­nun­gen vor der Hochzeit, die sie zu vol­lziehen im Begriff war.

Der Gou­verneur schien son­der­bare Auf­schlüsse in Hin­sicht auf meine Per­son gegeben zu haben; denn man behan­delte mich an diesem Tage miß­trauis­ch­er und strenger. Ich berief mich zu mein­er Recht­fer­ti­gung auf meine Papiere, die sich in meinem Zim­mer find­en müßten; aber man sagte mir, man habe nachge­sucht und nichts gefun­den. So schwand mir am Schlusse dieses Gerichts alle Hoff­nung, und als ich am drit­ten Tag wieder in den Saal geführt wurde, las man mir das Urteil vor, daß ich, eines vorsät­zlichen Mordes über­wiesen, zum Tode verurteilt sei. Dahin also war es mit mir gekom­men. Ver­lassen von allem, was mir auf Erden noch teuer war, fern von mein­er Heimat, sollte ich unschuldig in der Blüte mein­er Jahre vom Beile sterben.

Ich saß am Abend dieses schreck­lichen Tages, der über mein Schick­sal entsch­ieden hat­te, in meinem ein­samen Kerk­er; meine Hoff­nun­gen waren dahin, meine Gedanken ern­sthaft auf den Tod gerichtet. Da tat sich die Türe meines Gefäng­niss­es auf, und ein Mann trat here­in, der mich lange schweigend betra­chtete. »So finde ich dich wieder, Zaleukos?« sagte er; ich hat­te ihn bei dem mat­ten Schein mein­er Lampe nicht erkan­nt, aber der Klang sein­er Stimme erweck­te alte Erin­nerun­gen in mir, es war Valet­ty, ein­er jen­er weni­gen Fre­unde, die ich in der Stadt Paris während mein­er Stu­di­en kan­nte. Er sagte, daß er zufäl­lig nach Flo­renz gekom­men sei, wo sein Vater als ange­se­hen­er Mann wohne, er habe von mein­er Geschichte gehört und sei gekom­men, um mich noch ein­mal zu sehen und von mir selb­st zu erfahren, wie ich mich so schw­er habe ver­schulden kön­nen. Ich erzählte ihm die ganze Geschichte. Er schien darüber sehr ver­wun­dert und beschwor mich, ihm, meinem einzi­gen Fre­unde, alles zu sagen, um nicht mit ein­er Lüge von hin­nen zu gehen. Ich schwor ihm mit dem teuer­sten Eid, daß ich wahr gesprochen und daß keine andere Schuld mich drücke, als daß ich, von dem Glanze des Goldes geblendet, das Unwahrschein­liche der Erzäh­lung des Unbekan­nten nicht erkan­nt habe. »So hast du Bian­ka nicht gekan­nt?« fragte jen­er. Ich beteuerte ihm, sie nie gese­hen zu haben. Valet­ty erzählte mir nun, daß ein tiefes Geheim­nis auf der Tat liege, daß der Gou­verneur meine Verurteilung sehr hastig betrieben habe, und es sei nun ein Gerücht unter die Leute gekom­men, daß ich Bian­ka schon längst gekan­nt und aus Rache über ihre Heirat mit einem anderen sie ermordet habe. Ich bemerk­te ihm, daß dies alles ganz auf den Rot­man­tel passé, daß ich aber seine Teil­nahme an der Tat mit nichts beweisen könne. Valet­ty umarmte mich weinend und ver­sprach mir, alles zu tun, um wenig­stens mein Leben zu ret­ten. Ich hat­te wenig Hoff­nung; doch wußte ich, daß Valet­ty ein weis­er und der Geset­ze kundi­ger Mann sei und daß er alles tun werde, mich zu ret­ten. Zwei lange Tage war ich in Ungewißheit: Endlich erschien auch Valet­ty. »Ich bringe Trost, wenn auch einen schmer­zlichen. Du wirst leben und frei sein; aber mit Ver­lust ein­er Hand.« Gerührt dank­te ich meinem Fre­unde für mein Leben. Er sagte mir, daß der Gou­verneur uner­bit­tlich gewe­sen sei, die Sache noch ein­mal unter­suchen zu lassen; daß er aber endlich, um nicht ungerecht zu erscheinen, bewil­ligt habe, wenn man in den Büch­ern der flo­ren­tinis­chen Geschichte einen ähn­lichen Fall finde, so solle meine Strafe sich nach der Strafe, die dort aus­ge­sprochen sei, richt­en. Er und sein Vater haben nun Tag und Nacht in den alten Büch­ern gele­sen und endlich einen ganz dem meini­gen ähn­lichen Fall gefun­den. Dort laute die Strafe: Es soll ihm die linke Hand abge­hauen, seine Güter einge­zo­gen, er selb­st auf ewig ver­ban­nt wer­den. So laute jet­zt auch meine Strafe, und ich solle mich jet­zt bere­it­en zu der schmerzhaften Stunde, die mein­er warte. Ich will euch nicht diese schreck­liche Stunde vor das Auge führen, wo ich auf offen­em Markt meine Hand auf den Block legte, wo mein eigenes Blut in weit­em Bogen mich überströmte!

Valet­ty nahm mich in sein Haus auf, bis ich gene­sen war, dann ver­sah er mich edelmütig mit Reisegeld; denn alles, was ich mir so müh­sam erwor­ben, war eine Beute des Gerichts gewor­den. Ich reiste von Flo­renz nach Sizilien und von da mit dem ersten Schiff, das ich fand, nach Kon­stan­tinopel. Meine Hoff­nung war auf die Summe gerichtet, die ich meinem Fre­unde übergeben hat­te, auch bat ich ihn, bei ihm wohnen zu dür­fen; aber wie erstaunte ich, als dieser mich fragte, warum ich denn nicht mein Haus beziehe! Er sagte mir, daß ein fremder Mann unter meinem Namen ein Haus in dem Quarti­er der Griechen gekauft habe; der­selbe habe auch den Nach­barn gesagt, daß ich bald selb­st kom­men werde. Ich ging sogle­ich mit meinem Fre­unde dahin und wurde von allen meinen Bekan­nten freudig emp­fan­gen. Ein alter Kauf­mann gab mir einen Brief, den der Mann, der für mich gekauft hat­te, hierge­lassen habe.

Ich las: »Zaleukos! Zwei Hände ste­hen bere­it, rast­los zu schaf­fen, daß Du nicht füh­lest den Ver­lust der einen. Das Haus, das Du siehest, und alles, was darin ist, ist Dein, und alle Jahre wird man Dir so viel reichen, daß Du zu den Reichen Deines Volkes gehören wirst. Mögest Du dem vergeben, der unglück­lich­er ist als Du.« Ich kon­nte ahnen, wer es geschrieben, und der Kauf­mann sagte mir auf meine Frage: Es sei ein Mann gewe­sen, den er für einen Franken gehal­ten, er habe einen roten Man­tel ange­habt. Ich wußte genug, um mir zu geste­hen, daß der Unbekan­nte doch nicht ganz von aller edlen Gesin­nung ent­blößt sein müsse. In meinem neuen Haus fand ich alles aufs beste ein­gerichtet, auch ein Gewölbe mit Waren, schön­er als ich sie je gehabt. Zehn Jahre sind seit­dem ver­strichen; mehr aus alter Gewohn­heit, als weil ich es nötig habe, set­ze ich meine Han­del­sreisen fort; doch habe ich jenes Land, wo ich so unglück­lich wurde, nie mehr gese­hen. Jedes Jahr erhielt ich seit­dem tausend Gold­stücke; aber, wenn es mir auch Freude macht, jenen Unglück­lichen edel zu wis­sen, so kann er mir doch den Kum­mer mein­er Seele nicht abkaufen, denn ewig lebt in mir das grauen­volle Bild der ermorde­ten Bianka.

Zaleukos, der griechis­che Kauf­mann, hat­te seine Geschichte geendigt. Mit großer Teil­nahme hat­ten ihm die übri­gen zuge­hört, beson­ders der Fremde schien sehr davon ergrif­f­en zu sein; er hat­te einige­mal tief geseufzt, und Muley schien es sog­ar, als habe er ein­mal Trä­nen in den Augen gehabt. Sie besprachen sich noch lange Zeit über diese Geschichte.

»Und haßt Ihr den Unbekan­nten nicht, der Euch so schnöd‘ um ein so edles Glied Eures Kör­pers, der selb­st Euer Leben in Gefahr brachte?« fragte der Fremde.

»Wohl gab es in früher­er Zeit Stun­den«, antwortete der Grieche, »in denen mein Herz ihn vor Gott angeklagt, daß er diesen Kum­mer über mich gebracht und mein Leben vergiftet habe; aber ich fand Trost in dem Glauben mein­er Väter, und dieser befiehlt mir, meine Feinde zu lieben; auch ist er wohl noch unglück­lich­er als ich.«

»Ihr seid ein edler Mann!« rief der Fremde und drück­te gerührt dem Griechen die Hand.

Der Anführer der Wache unter­brach sie aber in ihrem Gespräch. Er trat mit besorgter Miene in das Zelt und berichtete, daß man sich nicht der Ruhe über­lassen dürfe; denn hier sei die Stelle, wo gewöhn­lich die Karawa­nen ange­grif­f­en wür­den, auch glaubten seine Wachen, in der Ent­fer­nung mehrere Reit­er zu sehen.

Die Kau­fleute waren sehr bestürzt über diese Nachricht; Selim, der Fremde, aber wun­derte sich über ihre Bestürzung und meinte, daß sie so gut geschätzt wären, daß sie einen Trupp räu­berisch­er Araber nicht zu fürcht­en brauchten.

»Ja, Herr!« ent­geg­nete ihm der Anführer der Wache. »Wenn es nur solch­es Gesin­del wäre, kön­nte man sich ohne Sorge zur Ruhe leg­en; aber seit einiger Zeit zeigt sich der furcht­bare Orbasan wieder, und da gilt es, auf sein­er Hut zu sein.«

Der Fremde fragte, wer denn dieser Orbasan sei, und Achmet, der alte Kauf­mann, antwortete ihm: »Es gehen aller­lei Sagen unter dem Volke über diesen wun­der­baren Mann. Die einen hal­ten ihn für ein über­men­schlich­es Wesen, weil er oft mit fünf bis sechs Män­nern zumal einen Kampf beste­ht, andere hal­ten ihn für einen tapfer­en Franken, den das Unglück in diese Gegend ver­schla­gen habe; von allem aber ist nur so viel gewiß, daß er ein ver­ruchter Mörder und Dieb ist.«

»Das kön­nt Ihr aber doch nicht behaupten«, ent­geg­nete ihm Lezah, ein­er der Kau­fleute. »Wenn er auch ein Räu­ber ist, so ist er doch ein edler Mann, und als solch­er hat er sich an meinem Brud­er bewiesen, wie ich Euch erzählen kön­nte. Er hat seinen ganzen Stamm zu geord­neten Men­schen gemacht, und so lange er die Wüste durch­streift, darf kein ander­er Stamm es wagen, sich sehen zu lassen. Auch raubt er nicht wie andere, son­dern er erhebt nur ein Schutzgeld von den Karawa­nen, und wer ihm dieses willig bezahlt, der ziehet unge­fährdet weit­er; denn Orbasan ist der Herr der Wüste.«

Also sprachen unter sich die Reisenden im Zelte; die Wachen aber, die um den Lager­platz aus­gestellt waren, began­nen unruhig zu wer­den. Ein ziem­lich bedeu­ten­der Haufe bewaffneter Reit­er zeigte sich in der Ent­fer­nung ein­er hal­ben Stunde; sie schienen ger­ade auf das Lager zuzure­it­en. Ein­er der Män­ner von der Wache ging daher in das Zelt, um zu verkün­den, daß sie wahrschein­lich ange­grif­f­en wür­den. Die Kau­fleute beri­eten sich untere­inan­der, was zu tun sei, ob man ihnen ent­ge­genge­hen oder den Angriff abwarten solle. Achmet und die zwei älteren Kau­fleute woll­ten das let­ztere, der feurige Muley aber und Zaleukos ver­langten das erstere und riefen den Frem­den zu ihrem Bei­s­tand auf. Dieser zog ruhig ein kleines, blaues Tuch mit roten Ster­nen aus seinem Gür­tel her­vor, band es an eine Lanze und befahl einem der Sklaven, es auf das Zelt zu steck­en; er set­ze sein Leben zum Pfand, sagte er, die Reit­er wer­den, wenn sie dieses Zeichen sehen, ruhig vorüberziehen. Muley glaubte nicht an den Erfolg, der Sklave aber steck­te die Lanze auf das Zelt . Inzwis­chen hat­ten alle, die im Lager waren, zu den Waf­fen gegrif­f­en und sahen in ges­pan­nter Erwartung den Reit­ern ent­ge­gen. Doch diese schienen das Zeichen auf dem Zelte erblickt zu haben, sie wichen plöt­zlich von ihrer Rich­tung auf das Lager ab und zogen in einem großen Bogen auf der Seite hin.

Ver­wun­dert standen einige Augen­blicke die Reisenden und sahen bald auf die Reit­er, bald auf den Frem­den. Dieser stand ganz gle­ichgültig, wie wenn nichts vorge­fall­en wäre, vor dem Zelte und blick­te über die Ebene hin. Endlich brach Muley das Stillschweigen. »Wer bist du, mächtiger Fremdling«, rief er aus, »der du die wilden Hor­den der Wüste durch einen Wink bezähmst?«

»Ihr schlagt meine Kun­st höher an, als sie ist«, antwortete Selim Baruch. »Ich habe mich mit diesem Zeichen verse­hen, als ich der Gefan­gen­schaft ent­floh; was es zu bedeuten hat, weiß ich selb­st nicht; nur so viel weiß ich, daß, wer mit diesem Zeichen reiset, unter mächtigem Schutze steht.«

Die Kau­fleute dank­ten dem Frem­den und nan­nten ihn ihren Erret­ter. Wirk­lich war auch die Anzahl der Reit­er so groß gewe­sen, daß wohl die Karawane nicht lange hätte Wider­stand leis­ten können.

Mit leichterem Herzen begab man sich jet­zt zur Ruhe, und als die Sonne zu sinken begann und der Abend­wind über die Sandebene hin­strich, brachen sie auf und zogen weiter.

Am näch­sten Tage lagerten sie unge­fähr nur noch eine Tagreise von dem Aus­gang der Wüste ent­fer­nt. Als sich die Reisenden wieder in dem großen Zelt ver­sam­melt hat­ten, nahm Lezah, der Kauf­mann, das Wort:

»Ich habe euch gestern gesagt, daß der gefürchtete Orbasan ein edler Mann sei, erlaubt mir, daß ich es euch heute durch die Erzäh­lung der Schick­sale meines Brud­ers beweise. Mein Vater war Kadi in Akara. Er hat­te drei Kinder. Ich war der Älteste, ein Brud­er und eine Schwest­er waren bei weit­em jünger als ich. Als ich zwanzig Jahre alt war, rief mich ein Brud­er meines Vaters zu sich. Er set­zte mich zum Erben sein­er Güter ein, mit der Bedin­gung, daß ich bis zu seinem Tode bei ihm bleibe. Aber er erre­ichte ein hohes Alter, so daß ich erst vor zwei Jahren in meine Heimat zurück­kehrte und nichts davon wußte, welch schreck­lich­es Schick­sal indes mein Haus betrof­fen und wie gütig Allah es gewen­det hat­te.« Mit Son­nenauf­gang brach die Karawane auf und gelangte bald nach Bir­ket el Had oder dem Pil­grims­brun­nen, von wo es nur noch drei Stun­den Weges nach Kairo waren – Man hat­te um diese Zeit die Karawane erwartet, und bald hat­ten die Kau­fleute die Freude, ihre Fre­unde aus Kairo ihnen ent­ge­genkom­men zu sehen. Sie zogen in die Stadt durch das Tor Bebel Falch; denn es wird für eine glück­liche Vorbe­deu­tung gehal­ten, wenn man von Mek­ka kommt, durch dieses Tor einzuziehen, weil der Prophet hin­durchge­zo­gen ist.

Auf dem Markt ver­ab­schiede­ten sich die vier türkischen Kau­fleute von dem Frem­den und dem griechis­chen Kauf­mann Zaleukos und gin­gen mit ihren Fre­un­den nach Haus. Zaleukos aber zeigte dem Frem­den eine gute Karawanserei und lud ihn ein, mit ihm das Mit­tags­mahl zu nehmen. Der Fremde sagte zu und ver­sprach, wenn er nur vorher sich umgek­lei­det habe, zu erscheinen.

Der Grieche hat­te alle Anstal­ten getrof­fen, den Frem­den, welchen er auf der Reise liebge­won­nen hat­te, gut zu bewirten, und als die Speisen und Getränke in gehöriger Ord­nung aufgestellt waren, set­zte er sich, seinen Gast zu erwarten.

Langsam und schw­eren Schrittes hörte er ihn den Gang, der zu seinem Gemach führte, her­aufkom­men. Er erhob sich, um ihm fre­undlich ent­ge­gen­zuse­hen und ihn an der Schwelle zu bewil­lkomm­nen; aber voll Entset­zen fuhr er zurück, als er die Türe öffnete; denn jen­er schreck­liche Rot­man­tel trat ihm ent­ge­gen; er warf noch einen Blick auf ihn, es war keine Täuschung; dieselbe hohe, gebi­etende Gestalt, die Larve, aus welch­er ihn die dun­klen Augen anblitzten, der rote Man­tel mit der gold­e­nen Stick­erei waren ihm nur allzu­wohl bekan­nt aus den schreck­lich­sten Stun­den seines Lebens.

Wider­stre­i­t­ende Gefüh­le wogten in Zaleukos Brust; er hat­te sich mit diesem Bild sein­er Erin­nerung längst aus­gesöh­nt und ihm vergeben, und doch riß sein Anblick alle seine Wun­den wieder auf; alle jene qualvollen Stun­den der Tode­sangst, jen­er Gram, der die Blüte seines Lebens vergiftete, zogen im Flug eines Augen­blicks an sein­er Seele vorüber.

»Was willst du, Schreck­lich­er?« rief der Grieche aus, als die Erschei­n­ung noch immer regungs­los auf der Schwelle stand. »Weiche schnell von hin­nen, daß ich dir nicht fluche!«

»Zaleukos!« sprach eine bekan­nte Stimme unter der Larve her­vor. »Zaleukos! So empfängst du deinen Gast­fre­und?« Der Sprechende nahm die Larve ab, schlug den Man­tel zurück; es war Selim Baruch, der Fremde.

Aber Zaleukos schien noch nicht beruhigt, ihm graute vor dem Frem­den; denn nur zu deut­lich hat­te er in ihm den Unbekan­nten von der Ponte vec­chio erkan­nt; aber die alte Gewohn­heit der Gast­fre­und­schaft siegte; er wink­te schweigend dem Frem­den, sich zu ihm ans Mahl zu setzen.

»Ich errate deine Gedanken«, nahm dieser das Wort, als sie sich geset­zt hat­ten. »Deine Augen sehen fra­gend auf mich – ich hätte schweigen und mich deinen Blick­en nie mehr zeigen kön­nen, aber ich bin dir Rechen­schaft schuldig, und darum wagte ich es auch, auf die Gefahr hin, daß du mir flucht­est, vor dir in mein­er alten Gestalt zu erscheinen. Du sagtest einst zu mir: Der Glaube mein­er Väter befiehlt mir, ihn zu lieben, auch ist er wohl unglück­lich­er als ich; glaube dieses, mein Fre­und, und höre meine Rechtfertigung!

Ich muß weit aus­holen, um mich dir ganz ver­ständlich zu machen. Ich bin in Alessan­dria von christlichen Eltern geboren. Mein Vater, der jün­gere Sohn eines alten, berühmten franzö­sis­chen Haus­es, war Kon­sul seines Lan­des in Alessan­dria. Ich wurde von meinem zehn­ten Jahre an in Frankre­ich bei einem Brud­er mein­er Mut­ter erzo­gen und ver­ließ erst einige Jahre nach dem Aus­bruch der Rev­o­lu­tion mein Vater­land, um mit meinem Oheim, der in dem Lande sein­er Ahnen nicht mehr sich­er war, über dem Meer bei meinen Eltern eine Zuflucht zu suchen. Voll Hoff­nung, die Ruhe und den Frieden, den uns das empörte Volk der Fran­zosen entris­sen, im elter­lichen Hause wiederzufind­en, lan­de­ten wir. Aber ach! Ich fand nicht alles in meines Vaters Hause, wie es sein sollte; die äußeren Stürme der bewegten Zeit waren zwar noch nicht bis hier­her gelangt, desto uner­warteter hat­te das Unglück mein Haus im inner­sten Herzen heimge­sucht. Mein Brud­er, ein junger, hoff­nungsvoller Mann, erster Sekretär meines Vaters, hat­te sich erst seit kurzem mit einem jun­gen Mäd­chen, der Tochter eines flo­ren­tinis­chen Edel­manns, der in unser­er Nach­barschaft wohnte, ver­heiratet; zwei Tage vor unser­er Ankun­ft war diese auf ein­mal ver­schwun­den, ohne daß wed­er unsere Fam­i­lie noch ihr Vater die ger­ing­ste Spur von ihr auffind­en kon­nten. Man glaubte endlich, sie habe sich auf einem Spazier­gang zu weit gewagt und sei in Räu­ber­hände gefall­en. Beina­he tröstlich­er wäre dieser Gedanke für meinen armen Brud­er gewe­sen als die Wahrheit, die uns nur bald kund wurde. Die Treulose hat­te sich mit einem jun­gen Neapoli­tan­er, den sie im Hause ihres Vaters ken­nen­gel­ernt hat­te, eingeschifft. Mein Brud­er, aufs äußer­ste empört über diesen Schritt, bot alles auf, die Schuldige zur Strafe zu ziehen; doch vergebens; seine Ver­suche, die in Neapel und Flo­renz Auf­se­hen erregt hat­ten, dien­ten nur dazu, sein und unser aller Unglück zu vol­len­den. Der flo­ren­tinis­che Edel­mann reiste in sein Vater­land zurück, zwar mit dem Vorgeben, meinem Brud­er Recht zu ver­schaf­fen, der Tat nach aber, um uns zu verder­ben. Er schlug in Flo­renz alle jene Unter­suchun­gen, welche mein Brud­er angeknüpft hat­te, nieder und wußte seinen Ein­fluß, den er auf alle Art sich ver­schafft hat­te, so gut zu benützen, daß mein Vater und mein Brud­er ihrer Regierung verdächtig gemacht und durch die schändlich­sten Mit­tel gefan­gen, nach Frankre­ich geführt und dort vom Beil des Henkers getötet wur­den. Meine arme Mut­ter ver­fiel in Wahnsinn, und erst nach zehn lan­gen Monat­en erlöste sie der Tod von ihrem schreck­lichen Zus­tand, der aber in den let­zten Tagen zu vollem, klarem Bewußt­sein gewor­den war. So stand ich jet­zt ganz allein in der Welt, aber nur ein Gedanke beschäftigte meine Seele, nur ein Gedanke ließ mich meine Trauer vergessen, es war jene mächtige Flamme, die meine Mut­ter in ihrer let­zten Stunde in mir ange­facht hatte.

In den let­zten Stun­den war, wie ich dir sagte, ihr Bewußt­sein zurück­gekehrt; sie ließ mich rufen und sprach mit Ruhe von unserem Schick­sal und ihrem Ende. Dann aber ließ sie alle aus dem Zim­mer gehen, richtete sich mit feier­lich­er Miene von ihrem ärm­lichen Lager auf und sagte, ich könne mir ihren Segen erwer­ben, wenn ich ihr schwöre, etwas ausz­u­fahren, das sie mir auf­tra­gen würde – Ergrif­f­en von den Worten der ster­ben­den Mut­ter, gelobte ich mit einem Eide zu tun, wie sie mir sagen werde. Sie brach nun in Ver­wün­schun­gen gegen den Flo­ren­tin­er und seine Tochter aus und legte mir mit den fürchter­lich­sten Dro­hun­gen ihres Fluches auf, mein unglück­lich­es Haus an ihm zu rächen. Sie starb in meinen Armen. Jen­er Gedanke der Rache hat­te schon lange in mein­er Seele geschlum­mert; jet­zt erwachte er mit aller Macht. Ich sam­melte den Rest meines väter­lichen Ver­mö­gens und schwor mir, alles an meine Rache zu set­zen oder selb­st mit unterzugehen.

Bald war ich in Flo­renz, wo ich mich so geheim als möglich aufhielt; mein Plan war um vieles erschw­ert wor­den durch die Lage, in welch­er sich meine Feinde befan­den. Der alte Flo­ren­tin­er war Gou­verneur gewor­den und hat­te so alle Mit­tel in der Hand, sobald er das ger­ing­ste ahnte, mich zu verder­ben. Ein Zufall kam mir zu Hil­fe. Eines Abends sah ich einen Men­schen in bekan­nter Livree durch die Straßen gehen; sein unsicher­er Gang, sein fin­ster­er Blick und das hal­blaut her­aus­gestoßene »San­to sacra­men­to«, »Maledet­to diavo­lo« ließen mich den alten Pietro, einen Diener des Flo­ren­tin­ers, den ich schon in Alessan­dria gekan­nt hat­te, erken­nen. Ich war nicht in Zweifel, daß er über seinen Her­rn in Zorn ger­at­en sei, und beschloß, seine Stim­mung zu benützen. Er schien sehr über­rascht, mich hier zu sehen, klagte mir sein Lei­den, daß er seinem Her­rn, seit er Gou­verneur gewor­den, nichts mehr recht machen könne, und mein Gold, unter­stützt von seinem Zorn, brachte ihn bald auf meine Seite. Das Schwierig­ste war jet­zt beseit­igt; ich hat­te einen Mann in meinem Sol­de, der mir zu jed­er Stunde die Türe meines Fein­des öffnete, und nun reifte mein Rache­p­lan immer schneller her­an. Das Leben des alten Flo­ren­tin­ers schien mir ein zu geringes Gewicht, dem Unter­gang meines Haus­es gegenüber, zu haben. Sein Lieb­stes mußte er gemordet sehen, und dies war Bian­ka, seine Tochter. Hat­te ja sie so schändlich an meinem Brud­er gefrev­elt, war ja doch sie die Ursache unseres Unglücks. Gar erwün­scht kam sog­ar meinem rachedürsti­gen Herzen die Nachricht, daß in dieser Zeit Bian­ka zum zweit­en­mal sich ver­mählen wollte, es war beschlossen, sie mußte ster­ben. Aber mir selb­st graute vor der Tat, und auch Pietro traute sich zu wenig Kraft zu; darum späht­en wir umher nach einem Mann, der das Geschäft voll­brin­gen könne. Unter den Flo­ren­tin­ern wagte ich keinen zu din­gen, denn gegen den Gou­verneur würde kein­er etwas Solch­es unter­nom­men haben. Da fiel Pietro der Plan ein, den ich nach­her aus­ge­führt habe; zugle­ich schlug er dich als Frem­den und Arzt als den Tauglich­sten vor. Den Ver­lauf der Sache weißt du. Nur an dein­er großen Vor­sicht und Ehrlichkeit schien mein Unternehmen zu scheit­ern. Daher der Zufall mit dem Mantel.

Pietro öffnete uns das Pförtchen an dem Palast des Gou­verneurs; er hätte uns auch eben­so heim­lich wieder hin­aus­geleit­et, wenn wir nicht, durch den schreck­lichen Anblick, der sich uns durch die Türspalte dar­bot, erschreckt, ent­flo­hen wären. Von Schreck­en und Reue gejagt, war ich über zwei­hun­dert Schritte fort­ger­an­nt, bis ich auf den Stufen ein­er Kirche nieder­sank. Dort erst sam­melte ich mich wieder, und mein erster Gedanke warst du und dein schreck­lich­es Schick­sal, wenn man dich in dem Hause fände. Ich schlich an den Palast, aber wed­er von Pietro noch von dir kon­nte ich eine Spur ent­deck­en; das Pförtchen aber war offen, so kon­nte ich wenig­stens hof­fen, daß du die Gele­gen­heit zur Flucht benützt haben könntest.

Als aber der Tag anbrach, ließ mich die Angst vor der Ent­deck­ung und ein unab­weis­bares Gefühl von Reue nicht mehr in den Mauern von Flo­renz. Ich eilte nach Rom. Aber denke dir meine Bestürzung, als man dort nach eini­gen Tagen über­all diese Geschichte erzählte mit dem Beisatz, man habe den Mörder, einen griechis­chen Arzt, gefan­gen. Ich kehrte in banger Besorg­nis nach Flo­renz zurück; denn schien mir meine Rache schon vorher zu stark, so ver­fluchte ich sie jet­zt, denn sie war mir durch dein Leben allzu teuer erkauft. Ich kam an dem­sel­ben Tage an, der dich der Hand beraubte. Ich schweige von dem, was ich fühlte, als ich dich das Schafott besteigen und so helden­mütig lei­den sah. Aber damals, als dein Blut in Strö­men auf­spritzte, war der Entschluß fest in mir, dir deine übri­gen Leben­stage zu ver­süßen. Was weit­er geschehen ist, weißt du, nur das bleibt mir noch zu sagen übrig, warum ich diese Reise mit dir machte.

Als eine schwere Last drück­te mich der Gedanke, daß du mir noch immer nicht vergeben habest; darum entschloß ich mich, viele Tage mit dir zu leben und dir endlich Rechen­schaft abzule­gen von dem, was ich mit dir getan.«

Schweigend hat­te der Grieche seinen Gast ange­hört; mit san­ftem Blick bot er ihm, als er geen­det hat­te, seine Rechte. »Ich wußte wohl, daß du unglück­lich­er sein müßtest als ich, denn jene grausame Tat wird wie eine dun­kle Wolke ewig deine Tage verfin­stern; ich vergebe dir von Herzen. Aber erlaube mir noch eine Frage: Wie kommst du unter dieser Gestalt in die Wüste? Was fin­gst du an, nach­dem du in Kon­stan­tinopel mir das Haus gekauft hattest?«

»ich ging nach Alessan­dria zurück«, antwortete der Gefragte . »Haß gegen alle Men­schen tobte in mein­er Brust, bren­nen­der Haß beson­ders gegen jene Natio­nen, die man die gebilde­ten nen­nt. Glaube mir, unter meinen Moslemiten war mir wohler! Kaum war ich einige Monate in Alessan­dria, als jene Lan­dung mein­er Land­sleute erfolgte.

Ich sah in ihnen nur die Henker meines Vaters und meines Brud­ers; darum sam­melte ich einige gle­ich­gesin­nte junge Leute mein­er Bekan­ntschaft und schloß mich jenen tapfer­en Mameluck­en an, die so oft der Schreck­en des franzö­sis­chen Heeres wur­den. Als der Feldzug beendigt war, kon­nte ich mich nicht entschließen, zu den Kün­sten des Friedens zurück­zukehren. Ich lebte mit ein­er kleinen Anzahl gle­ich­denk­ender Fre­unde ein unstetes und flüchtiges, dem Kampf und der Jagd gewei­ht­es Leben; ich lebe zufrieden unter diesen Leuten, die mich wie ihren Fürsten ehren; denn wenn meine Asi­at­en auch nicht so gebildet sind wie Eure Europäer, so sind sie doch weit ent­fer­nt von Neid und Ver­leum­dung, von Selb­st­sucht und Ehrgeiz.«

Zaleukos dank­te dem Frem­den für seine Mit­teilung, aber er ver­barg ihm nicht, daß er es für seinen Stand, für seine Bil­dung angemessen­er fände, wenn er in christlichen, in europäis­chen Län­dern leben und wirken würde. Er faßte seine Hand und bat ihn, mit ihm zu ziehen, bei ihm zu leben und zu sterben.

Gerührt sah ihn der Gast­fre­und an. »Daraus erkenne ich«, sagte er, »daß du mir ganz vergeben hast, daß du mich lieb­st. Nimm meinen innig­sten Dank dafür!« Er sprang auf und stand in sein­er ganzen Größe vor dem Griechen, dem vor dem kriegerischen Anstand, den dunkel blitzen­den Augen, der tiefen Stimme seines Gastes beina­he graute. »Dein Vorschlag ist schön«, sprach jen­er weit­er, »er möchte für jeden andern lock­end sein – ich kann ihn nicht benützen. Schon ste­ht mein Roß gesat­telt, erwarten mich meine Diener; lebe wohl, Zaleukos!« Die Fre­unde, die das Schick­sal so wun­der­bar zusam­menge­führt, umarmten sich zum Abschied. »Und wie nenne ich dich? Wie heißt mein Gast­fre­und, der auf ewig in meinem Gedächt­nis leben wird?« fragte der Grieche.

Der Fremde sah ihn lange an, drück­te ihm noch ein­mal die Hand und sprach: »Man nen­nt mich den Her­rn der Wüste; ich bin der Räu­ber Orbasan.«