Die Geschichte von dem kleinen Muck

von Wilhelm Hauff

~36 Min


In Nicea, mein­er lieben Vater­stadt, wohnte ein Mann, den man den kleinen Muck hieß. Ich kann mir ihn, ob ich gle­ich damals noch sehr jung war, noch recht wohl denken, beson­ders weil ich ein­mal von meinem Vater wegen sein­er halbtot geprügelt wurde. Der kleine Muck näm­lich war schon ein alter Geselle, als ich ihn kan­nte; doch war er nur drei bis vier Schuh hoch, dabei hat­te er eine son­der­bare Gestalt, denn sein Leib, so klein und zier­lich er war, mußte einen Kopf tra­gen, viel größer und dick­er als der Kopf ander­er Leute; er wohnte ganz allein in einem großen Haus und kochte sich sog­ar selb­st, auch hätte man in der Stadt nicht gewußt, ob er lebe oder gestor­ben sei, denn er ging nur alle vier Wochen ein­mal aus, wenn nicht um die Mit­tagsstunde ein mächtiger Dampf aus dem Hause aufgestiegen wäre, doch sah man ihn oft abends auf seinem Dache auf und ab gehen, von der Straße aus glaubte man aber, nur sein großer Kopf allein laufe auf dem Dache umher. Ich und meine Kam­er­aden waren böse Buben, die jed­er­mann gerne neck­ten und belacht­en, daher war es uns alle­mal ein Fest­tag, wenn der kleine Muck aus­ging; wir ver­sam­melten uns an dem bes­timmten Tage vor seinem Haus und warteten, bis er her­auskam; wenn dann die Türe aufging und zuerst der große Kopf mit dem noch größeren Tur­ban her­aus­guck­te, wenn das übrige Kör­per­lein nach­fol­gte, ange­tan mit einem abgesch­abten Män­telein, weit­en Bein­klei­dern und einem bre­it­en Gür­tel, an welchem ein langer Dolch hing, so lang, daß man nicht wußte, ob Muck an dem Dolch, oder der Dolch an Muck stak, wenn er so her­aus­trat, da ertönte die Luft von unserem Freudengeschrei, wir war­fen unsere Mützen in die Höhe und tanzten wie toll um ihn her. Der kleine Muck aber grüßte uns mit ern­sthaftem Kopfnick­en und ging mit langsamen Schrit­ten die Straße hinab. Wir Knaben liefen hin­ter ihm her und schrien immer: »Klein­er Muck, klein­er Muck! « Auch hat­ten wir ein lustiges Ver­slein, das wir ihm zu Ehren hier und da san­gen; es hieß:

»Klein­er Muck, klein­er Muck, Wohnst in einem großen Haus, Gehst nur all vier Wochen aus, Bist ein braver, klein­er Zwerg, Hast ein Köpflein wie ein Berg, Schau dich ein­mal um und guck, Lauf und fang uns, klein­er Muck!«

So hat­ten wir schon oft unsere Kurzweil getrieben, und zu mein­er Schande muß ich es geste­hen, ich trieb’s am ärg­sten; denn ich zupfte ihn oft am Män­telein, und ein­mal trat ich ihm auch von hin­ten auf die großen Pantof­feln, daß er hin­fiel. Dies kam mir nun höchst lächer­lich vor, aber das Lachen verg­ing mir, als ich den kleinen Muck auf meines Vaters Haus zuge­hen sah. Er ging richtig hinein und blieb einige Zeit dort. Ich ver­steck­te mich an der Haustüre und sah den Muck wieder her­auskom­men, von meinem Vater begleit­et, der ihn ehrerbi­etig an der Hand hielt und an der Türe unter vie­len Bück­lin­gen sich von ihm ver­ab­schiedete. Mir war gar nicht wohl zumute; ich blieb daher lange in meinem Ver­steck; endlich aber trieb mich der Hunger, den ich ärg­er fürchtete als Schläge, her­aus, und demütig und mit gesenk­tem Kopf trat ich vor meinen Vater. »Du hast, wie ich höre, den guten Muck beschimpft?« sprach er in sehr ern­stem Tone. »Ich will dir die Geschichte dieses Muck erzählen, und du wirst ihn gewiß nicht mehr aus­lachen; vor- und nach­her aber bekommst du das Gewöhn­liche.« Das Gewöhn­liche aber waren fün­fundzwanzig Hiebe, die er nur allzu richtig aufzuzählen pflegte. Er nahm daher sein langes Pfeifen­rohr, schraubte die Bern­stein­mund­spitze ab und bear­beit­ete mich ärg­er als je zuvor.

Als die Fün­fundzwanzig voll waren, befahl er mir, aufzumerken, und erzählte mir von dem kleinen Muck:

Der Vater des kleinen Muck, der eigentlich Muck­rah heißt, war ein ange­se­hen­er, aber armer Mann hier in Nicea. Er lebte beina­he so ein­sied­lerisch wie jet­zt sein Sohn. Diesen kon­nte er nicht wohl lei­den, weil er sich sein­er Zwerggestalt schämte, und ließ ihn daher auch in Unwis­senheit aufwach­sen. Der kleine Muck war noch in seinem sechzehn­ten Jahr ein lustiges Kind, und der Vater, ein ern­ster Mann, tadelte ihn immer, daß er, der schon längst die Kinder­schuhe zertreten haben sollte, noch so dumm und läp­pisch sei.

Der Alte tat aber ein­mal einen bösen Fall, an welchem er auch starb und den kleinen Muck arm und unwis­send zurück­ließ. Die harten Ver­wandten, denen der Ver­stor­bene mehr schuldig war, als er bezahlen kon­nte, jagten den armen Kleinen aus dem Hause und rieten ihm, in die Welt hin­auszuge­hen und sein Glück zu suchen. Der kleine Muck antwortete, er sei schon reise­fer­tig, bat sich aber nur noch den Anzug seines Vaters aus, und dieser wurde ihm auch bewil­ligt. Sein Vater war ein großer, stark­er Mann gewe­sen, daher paßten die Klei­der nicht. Muck aber wußte bald Rat; er schnitt ab, was zu lang war, und zog dann die Klei­der an. Er schien aber vergessen zu haben, daß er auch in der Weite davon schnei­den müsse, daher sein son­der­bar­er Aufzug, wie er noch heute zu sehen ist; der große Tur­ban, der bre­ite Gür­tel, die weit­en Hosen, das blaue Män­telein, alles dies sind Erb­stücke seines Vaters, die er seit­dem getra­gen; den lan­gen Damaszen­er­dolch seines Vaters aber steck­te er in den Gür­tel, ergriff ein Stöck­lein und wan­derte zum Tor hinaus.

Fröh­lich wan­derte er den ganzen Tag; denn er war ja aus­ge­zo­gen, um sein Glück zu suchen; wenn er eine Scherbe auf der Erde im Son­nen­schein glänzen sah, so steck­te er sie gewiß zu sich, im Glauben, daß sie sich in den schön­sten Dia­man­ten ver­wan­deln werde; sah er in der Ferne die Kup­pel ein­er Moschee wie Feuer strahlen, sah er einen See wie einen Spiegel blinken, so eilte er voll Freude darauf zu; denn er dachte, in einem Zauber­land angekom­men zu sein. Aber ach! Jene Trug­bilder ver­schwan­den in der Nähe, und nur allzubald erin­nerten ihn seine Müdigkeit und sein vor Hunger knur­ren­der Magen, daß er noch im Lande der Sterblichen sich befinde. So war er zwei Tage gereist unter Hunger und Kum­mer und verzweifelte, sein Glück zu find­en; die Früchte des Feldes waren seine einzige Nahrung, die harte Erde sein Nacht­lager. Am Mor­gen des drit­ten Tages erblick­te er von ein­er Anhöhe eine große Stadt.

Hell leuchtete der Halb­mond auf ihren Zin­nen, bunte Fah­nen schim­merten auf den Däch­ern und schienen den kleinen Muck zu sich herzuwinken. Über­rascht stand er stille und betra­chtete Stadt und Gegend. »Ja, dort wird Klein-Muck sein Glück find­en«, sprach er zu sich und machte trotz sein­er Müdigkeit einen Luft­sprung, »dort oder nir­gends.« Er raffte alle seine Kräfte zusam­men und schritt auf die Stadt zu. Aber obgle­ich sie ganz nahe schien, kon­nte er sie doch erst gegen Mit­tag erre­ichen; denn seine kleinen Glieder ver­sagten ihm beina­he gän­zlich ihren Dienst, und er mußte sich oft in den Schat­ten ein­er Palme set­zen, um auszu­ruhen. Endlich war er an dem Tor der Stadt ange­langt. Er legte sein Män­telein zurecht, band den Tur­ban schön­er um, zog den Gür­tel noch bre­it­er an und steck­te den lan­gen Dolch schiefer; dann wis­chte er den Staub von den Schuhen, ergriff sein Stöck­lein und ging mutig zum Tor hinein.

Er hat­te schon einige Straßen durch­wan­dert; aber nir­gends öffnete sich ihm die Türe, nir­gends rief man, wie er sich vorgestellt hat­te: »Klein­er Muck, komm here­in und iß und trink und laß deine Füßlein ausruhen!«

Er schaute ger­ade auch wieder recht sehn­süchtig an einem großen, schö­nen Haus hin­auf; da öffnete sich ein Fen­ster, eine alte Frau schaute her­aus und rief mit sin­gen­der Stimme:

»Her­bei, her­bei! Gekocht ist der Brei, Den Tisch ließ ich deck­en, Drum laßt es euch schmeck­en; Ihr Nach­barn her­bei, Gekocht ist der Brei.«

Die Türe des Haus­es öffnete sich, und Muck sah viele Hunde und Katzen hineinge­hen. Er stand einige Augen­blicke in Zweifel, ob er der Ein­ladung fol­gen sollte; endlich aber faßte er sich ein Herz und ging in das Haus. Vor ihm her gin­gen ein paar junge Kät­zlein, und er beschloß, ihnen zu fol­gen, weil sie vielle­icht die Küche bess­er wüßten als er.

Als Muck die Treppe hin­aufgestiegen war, begeg­nete er jen­er alten Frau, die zum Fen­ster her­aus­geschaut hat­te. Sie sah ihn mür­risch an und fragte nach seinem Begehr. »Du hast ja jed­er­mann zu deinem Brei ein­ge­laden«, antwortete der kleine Muck, »und weil ich so gar hun­grig bin, bin ich auch gekommen.«

Die Alte lachte und sprach: »Woher kommst du denn, wun­der­lich­er Gesell? Die ganze Stadt weiß, daß ich für nie­mand koche als für meine lieben Katzen, und hier und da lade ich ihnen Gesellschaft aus der Nach­barschaft ein, wie du siehst.«

Der kleine Muck erzählte der alten Frau, wie es ihm nach seines Vaters Tod so hart ergan­gen sei, und bat sie, ihn heute mit ihren Katzen speisen zu lassen. Die Frau, welch­er die treuherzige Erzäh­lung des Kleinen wohl gefiel, erlaubte ihm, ihr Gast zu sein, und gab ihm reich­lich zu essen und zu trinken. Als er gesät­tigt und gestärkt war, betra­chtete ihn die Frau lange und sagte dann: »Klein­er Muck, bleibe bei mir in meinem Dien­ste! Du hast geringe Mühe und sollst gut gehal­ten sein.«

Der kleine Muck, dem der Katzen­brei geschmeckt hat­te, willigte ein und wurde also der Bedi­en­stete der Frau Ahavzi. Er hat­te einen leicht­en, aber son­der­baren Dienst. Frau Ahavzi hat­te näm­lich zwei Kater und vier Katzen, diesen mußte der kleine Muck alle Mor­gen den Pelz käm­men und mit köstlichen Sal­ben ein­reiben; wenn die Frau aus­ging, mußte er auf die Katzen Achtung geben, wenn sie aßen, mußte er ihnen die Schüs­seln vor­legen, und nachts mußte er sie auf sei­dene Pol­ster leg­en und sie mit samte­nen Deck­en ein­hüllen. Auch waren noch einige kleine Hunde im Haus, die er bedi­enen mußte, doch wur­den mit diesen nicht so viele Umstände gemacht wie mit den Katzen, welche Frau Ahavzi wie ihre eige­nen Kinder hielt. Übri­gens führte Muck ein so ein­sames Leben wie in seines Vaters Haus, denn außer der Frau sah er den ganzen Tag nur Hunde und Katzen. Eine Zeit­lang ging es dem kleinen Muck ganz gut; er hat­te immer zu essen und wenig zu arbeit­en, und die alte Frau schien recht zufrieden mit ihm zu sein, aber nach und nach wur­den die Katzen unar­tig, wenn die Alte aus­ge­gan­gen war, sprangen sie wie besessen in den Zim­mern umher, war­fen alles durcheinan­der und zer­brachen manch­es schöne Geschirr, das ihnen im Weg stand. Wenn sie aber die Frau die Treppe her­aufkom­men hörten, verkrochen sie sich auf ihre Pol­ster und wedel­ten ihr mit den Schwänzen ent­ge­gen, wie wenn nichts geschehen wäre. Die Frau Ahavzi geri­et dann in Zorn, wenn sie ihre Zim­mer so ver­wüstet sah, und schob alles auf Muck, er mochte seine Unschuld beteuern, wie er wollte, sie glaubte ihren Katzen, die so unschuldig aus­sa­hen, mehr als ihrem Diener.

Der kleine Muck war sehr trau­rig, daß er also auch hier sein Glück nicht gefun­den hat­te, und beschloß bei sich, den Dienst der Frau Ahavzi zu ver­lassen. Da er aber auf sein­er ersten Reise erfahren hat­te, wie schlecht man ohne Geld lebt, so beschloß er, den Lohn, den ihm seine Gebi­eterin immer ver­sprochen, aber nie gegeben hat­te, sich auf irgen­deine Art zu ver­schaf­fen. Es befand sich in dem Hause der Frau Ahavzi ein Zim­mer, das immer ver­schlossen war und dessen Inneres er nie gese­hen hat­te. Doch hat­te er die Frau oft darin rumoren gehört, und er hätte oft für sein Leben gern gewußt, was sie dort ver­steckt habe. Als er nun an sein Reisegeld dachte, fiel ihm ein, daß dort die Schätze der Frau ver­steckt sein kön­nten. Aber immer war die Tür fest ver­schlossen, und er kon­nte daher den Schätzen nie beikommen.

Eines Mor­gens, als die Frau Ahavzi aus­ge­gan­gen war, zupfte ihn eines der Hundlein, welch­es von der Frau immer sehr stiefmüt­ter­lich behan­delt wurde, dessen Gun­st er sich aber durch aller­lei Liebes­di­en­ste in hohem Grade erwor­ben hat­te, an seinen weit­en Bein­klei­dern und gebärdete sich dabei, wie wenn Muck ihm fol­gen sollte. Muck, welch­er gerne mit den Hun­den spielte, fol­gte ihm, und siehe da, das Hundlein führte ihn in die Schlafkam­mer der Frau Ahavzi vor eine kleine Türe, die er nie zuvor dort bemerkt hat­te. Die Türe war halb offen. Das Hundlein ging hinein, und Muck fol­gte ihm, und wie freudig war er über­rascht, als er sah, daß er sich in dem Gemach befand, das schon lange das Ziel sein­er Wün­sche war. Er spähte über­all umher, ob er kein Geld find­en könne, fand aber nichts. Nur alte Klei­der und wun­der­lich geformte Geschirre standen umher. Eines dieser Geschirre zog seine beson­dere Aufmerk­samkeit auf sich. Es war von Kristall, und schöne Fig­uren waren darauf aus­geschnit­ten. Er hob es auf und drehte es nach allen Seit­en. Aber, o Schreck­en! Er hat­te nicht bemerkt, daß es einen Deck­el hat­te, der nur leicht darauf hinge­set­zt war. Der Deck­el fiel herab und zer­brach in tausend Stücke.

Lange stand der kleine Muck vor Schreck­en leb­los. Jet­zt war sein Schick­sal entsch­ieden, jet­zt mußte er ent­fliehen, son­st schlug ihn die Alte tot. Sogle­ich war auch seine Reise beschlossen, und nur noch ein­mal wollte er sich umschauen, ob er nichts von den Hab­seligkeit­en der Frau Ahavzi zu seinem Marsch brauchen kön­nte. Da fie­len ihm ein Paar mächtig große Pantof­feln ins Auge; sie waren zwar nicht schön; aber seine eige­nen kon­nten keine Reise mehr mit­machen; auch zogen ihn jene wegen ihrer Größe an; denn hat­te er diese am Fuß, so mußten ihm hof­fentlich alle Leute anse­hen, daß er die Kinder­schuhe vertreten habe. Er zog also schnell seine Töf­felein aus und fuhr in die großen hinein. Ein Spazier­stöck­lein mit einem schön geschnit­te­nen Löwenkopf schien ihm auch hier allzu müßig in der Ecke zu ste­hen; er nahm es also mit und eilte zum Zim­mer hin­aus. Schnell ging er jet­zt auf seine Kam­mer, zog sein Män­telein an, set­zte den väter­lichen Tur­ban auf, steck­te den Dolch in den Gür­tel und lief, so schnell ihn seine Füße tru­gen, zum Haus und zur Stadt hin­aus. Vor der Stadt lief er, aus Angst vor der Alten, immer weit­er fort, bis er vor Müdigkeit beina­he nicht mehr kon­nte. So schnell war er in seinem Leben nicht gegan­gen; ja, es schien ihm, als könne er gar nicht aufhören zu ren­nen; denn eine unsicht­bare Gewalt schien ihn fortzureißen. Endlich bemerk­te er, daß es mit den Pantof­feln eine eigene Bewandt­nis haben müsse; denn diese schossen immer fort und führten ihn mit sich. Er ver­suchte auf aller­lei Weise stil­lzuste­hen; aber es wollte nicht gelin­gen; da rief er in der höch­sten Not, wie man den Pfer­den zuruft, sich selb­st zu: »Oh – oh, halt, oh!« Da hiel­ten die Pantof­feln, und Muck warf sich erschöpft auf die Erde nieder.

Die Pantof­feln freuten ihn unge­mein. So hat­te er sich denn doch durch seine Ver­di­en­ste etwas erwor­ben, das ihm in der Welt auf seinem Weg das Glück zu suchen, forthelfen kon­nte. Er schlief trotz sein­er Freude vor Erschöp­fung ein; denn das Kör­per­lein des kleinen Muck, das einen so schw­eren Kopf zu tra­gen hat­te, kon­nte nicht viel aushal­ten. Im Traum erschien ihm das Hundlein, welch­es ihm im Hause der Frau Ahavzi zu den Pantof­feln ver­holfen hat­te, und sprach zu ihm: »Lieber Muck, du ver­stehst den Gebrauch der Pantof­feln noch nicht recht; wisse, wenn du dich in ihnen dreimal auf dem Absatz herum­drehst, so kannst du hin­fliegen, wohin du nur willst, und mit dem Stöck­lein kannst du Schätze find­en, denn wo Gold ver­graben ist, da wird es dreimal auf die Erde schla­gen, bei Sil­ber zweimal.« So träumte der kleine Muck. Als er aber aufwachte, dachte er über den wun­der­baren Traum nach und beschloß, als­bald einen Ver­such zu machen. Er zog die Pantof­feln an, lupfte einen Fuß und begann sich auf dem Absatz umzu­drehen. Wer es aber jemals ver­sucht hat, in einem unge­heuer weit­en Pantof­fel dieses Kun­st­stück dreimal hin­tere­inan­der zu machen, der wird sich nicht wun­dern, wenn es dem kleinen Muck nicht gle­ich glück­te, beson­ders wenn man bedenkt, daß ihn sein schw­er­er Kopf bald auf diese, bald auf jene Seite hinüberzog.

Der arme Kleine fiel einige­mal tüchtig auf die Nase; doch ließ er sich nicht abschreck­en, den Ver­such zu wieder­holen, und endlich glück­te es. Wie ein Rad fuhr er auf seinem Absatz herum, wün­schte sich in die näch­ste große Stadt, und – die Pantof­feln rud­erten hin­auf in die Lüfte, liefen mit Winde­seile durch die Wolken, und ehe sich der kleine Muck noch besin­nen kon­nte, wie ihm geschah, befand er sich schon auf einem großen Mark­t­platz, wo viele Buden aufgeschla­gen waren und unzäh­lige Men­schen geschäftig hin und her liefen. Er ging unter den Leuten hin und her, hielt es aber für rat­samer, sich in eine ein­samere Straße zu begeben; denn auf dem Markt trat ihm bald da ein­er auf die Pantof­feln, daß er beina­he umfiel, bald stieß er mit seinem weit hin­ausste­hen­den Dolch einen oder den anderen an, daß er mit Mühe den Schlä­gen entging.

Der kleine Muck bedachte nun ern­stlich, was er wohl anfan­gen kön­nte, um sich ein Stück Geld zu ver­di­enen; er hat­te zwar ein Stäblein, das ihm ver­bor­gene Schätze anzeigte, aber wo sollte er gle­ich einen Platz find­en, wo Gold oder Sil­ber ver­graben wäre? Auch hätte er sich zur Not für Geld sehen lassen kön­nen; aber dazu war er doch zu stolz. Endlich fiel ihm die Schnel­ligkeit sein­er Füße ein, »vielle­icht«, dachte er, »kön­nen mir meine Pantof­feln Unter­halt gewähren«, und er beschloß, sich als Schnel­läufer zu verdin­gen. Da er aber hof­fen durfte, daß der König dieser Stadt solche Dien­ste am besten bezahle, so erfragte er den Palast. Unter dem Tor des Palastes stand eine Wache, die ihn fragte, was er hier zu suchen habe. Auf seine Antwort, daß er einen Dienst suche, wies man ihn zum Auf­se­her der Sklaven. Diesem trug er sein Anliegen vor und bat ihn, ihm einen Dienst unter den königlichen Boten zu besor­gen. Der Auf­se­her maß ihn mit seinen Augen von Kopf bis zu den Füßen und sprach: »Wie, mit deinen Füßlein, die kaum so lang als eine Spanne sind, willst du königlich­er Schnel­läufer wer­den? Hebe dich weg, ich bin nicht dazu da, mit jedem Nar­ren Kurzweil zu machen.« Der kleine Muck ver­sicherte ihm aber, daß es ihm vol­lkom­men ernst sei mit seinem Antrag und daß er es mit dem Schnell­sten auf eine Wette ankom­men lassen wollte. Dem Auf­se­her kam die Sache gar lächer­lich vor; er befahl ihm, sich bis auf den Abend zu einem Wet­t­lauf bere­itzuhal­ten, führte ihn in die Küche und sorgte dafür, daß ihm gehörig Speis‘ und Trank gere­icht wurde; er selb­st aber begab sich zum König und erzählte ihm vom kleinen Muck und seinem Aner­bi­eten. Der König war ein lustiger Herr, daher gefiel es ihm wohl, daß der Auf­se­her der Sklaven den kleinen Men­schen zu einem Spaß behal­ten habe, er befahl ihm, auf ein­er großen Wiese hin­ter dem Schloß Anstal­ten zu tre­f­fen, daß das Wet­t­laufen mit Bequem­lichkeit von seinem ganzen Hof­s­taat kön­nte gese­hen wer­den, und emp­fahl ihm nochmals, große Sorgfalt für den Zwerg zu haben. Der König erzählte seinen Prinzen und Prinzessin­nen, was sie diesen Abend für ein Schaus­piel haben wür­den, diese erzählten es wieder ihren Dienern, und als der Abend her­ankam, war man in ges­pan­nter Erwartung, und alles, was Füße hat­te, strömte hin­aus auf die Wiese, wo Gerüste aufgeschla­gen waren, um den großsprecherischen Zwerg laufen zu sehen.

Als der König und seine Söhne und Töchter auf dem Gerüst Platz genom­men hat­ten, trat der kleine Muck her­aus auf die Wiese und machte vor den hohen Herrschaften eine über­aus zier­liche Ver­beu­gung. Ein all­ge­meines Freudengeschrei ertönte, als man des Kleinen ansichtig wurde; eine solche Fig­ur hat­te man dort noch nie gese­hen. Das Kör­per­lein mit dem mächti­gen Kopf, das Män­telein und die weit­en Bein­klei­der, der lange Dolch in dem bre­it­en Gür­tel, die kleinen Füßlein in den weit­en Pantof­feln – nein! es war zu drol­lig anzuse­hen, als daß man nicht hätte laut lachen sollen. Der kleine Muck ließ sich aber durch das Gelächter nicht irremachen. Er stellte sich stolz, auf sein Stöck­lein gestützt, hin und erwartete seinen Geg­n­er. Der Auf­se­her der Sklaven hat­te nach Mucks eigen­em Wun­sche den besten Läufer aus­ge­sucht. Dieser trat nun her­aus, stellte sich neben den Kleinen, und bei­de har­rten auf das Zeichen. Da wink­te Prinzessin Amarza, wie es aus­gemacht war, mit ihrem Schleier, und wie zwei Pfeile, auf das­selbe Ziel abgeschossen, flo­gen die bei­den Wet­tläufer über die Wiese hin.

Von Anfang hat­te Mucks Geg­n­er einen bedeu­ten­den Vor­sprung, aber dieser jagte ihm auf seinem Pantof­fel­fuhrw­erk nach, holte ihn ein, überf­ing ihn und stand längst am Ziele, als jen­er noch, nach Luft schnap­pend, daher­lief. Ver­wun­derung und Staunen fes­sel­ten einige Augen­blicke die Zuschauer, als aber der König zuerst in die Hände klatschte, da jauchzte die Menge, und alle riefen: »Hoch lebe der kleine Muck, der Sieger im Wettlauf!«

Man hat­te indes den kleinen Muck her­beige­bracht; er warf sich vor dem König nieder und sprach: »Großmächtig­ster König, ich habe dir hier nur eine kleine Probe mein­er Kun­st gegeben; wolle nur ges­tat­ten, daß man mir eine Stelle unter deinen Läufern gebe!«

Der König aber antwortete ihm: »Nein, du sollst mein Leibläufer und immer um meine Per­son sein, lieber Muck, jährlich sollst du hun­dert Gold­stücke erhal­ten als Lohn, und an der Tafel mein­er ersten Diener sollst du speisen.«

So glaubte denn Muck, endlich das Glück gefun­den zu haben, das er so lange suchte, und war fröh­lich und wohlge­mut in seinem Herzen. Auch erfreute er sich der beson­deren Gnade des Königs, denn dieser gebrauchte ihn zu seinen schnell­sten und geheim­sten Sendun­gen, die er dann mit der größten Genauigkeit und mit unbe­grei­flich­er Schnelle besorgte.

Aber die übri­gen Diener des Königs waren ihm gar nicht zuge­tan, weil sie sich ungern durch einen Zwerg, der nichts ver­stand, als schnell zu laufen, in der Gun­st ihres Her­rn zurück­ge­set­zt sahen. Sie ver­anstal­teten daher manche Ver­schwörung gegen ihn, um ihn zu stürzen; aber alle schlu­gen fehl an dem großen Zutrauen, das der König in seinen geheimen Ober­leibläufer (denn zu dieser Würde hat­te er es in so kurz­er Zeit gebracht) setzte.

Muck, dem diese Bewe­gun­gen gegen ihn nicht ent­gin­gen, sann nicht auf Rache, dazu hat­te er ein zu gutes Herz, nein, auf Mit­tel dachte er, sich bei seinen Fein­den notwendig und beliebt zu machen. Da fiel ihm sein Stäblein, das er in seinem Glück außer acht gelassen hat­te, ein; wenn er Schätze finde, dachte er, wür­den ihm die Her­ren schon geneigter wer­den. Er hat­te schon oft gehört, daß der Vater des jet­zi­gen Königs viele sein­er Schätze ver­graben habe, als der Feind sein Land über­fall­en; man sagte auch, er sei darüber gestor­ben, ohne daß er sein Geheim­nis habe seinem Sohn mit­teilen kön­nen. Von nun an nahm Muck immer sein Stöck­lein mit, in der Hoff­nung, ein­mal an einem Ort vorüberzuge­hen, wo das Geld des alten Königs ver­graben sei. Eines Abends führte ihn der Zufall in einen entle­ge­nen Teil des Schloß­gartens, den er wenig besuchte, und plöt­zlich fühlte er das Stöck­lein in sein­er Hand zuck­en, und dreimal schlug es gegen den Boden. Nun wußte er schon, was dies zu bedeuten hat­te. Er zog daher seinen Dolch her­aus, machte Zeichen in die umstel­len­den Bäume und schlich sich wieder in das Schloß; dort ver­schaffte er sich einen Spat­en und wartete die Nacht zu seinem Unternehmen ab.

Das Schatz­graben selb­st machte übri­gens dem kleinen Muck mehr zu schaf­fen, als er geglaubt hatte.

Seine Arme waren gar zu schwach, sein Spat­en aber groß und schw­er; und er mochte wohl schon zwei Stun­den gear­beit­et haben, ehe er ein paar Fuß tief gegraben hat­te. Endlich stieß er auf etwas Hartes, das wie Eisen klang. Er grub jet­zt emsiger, und bald hat­te er einen großen eis­er­nen Deck­el zutage gefördert; er stieg selb­st in die Grube hinab, um nachzus­pähen, was wohl der Deck­el kön­nte bedeckt haben, und fand richtig einen großen Topf, mit Gold­stück­en ange­füllt. Aber seine schwachen Kräfte reicht­en nicht hin, den Topf zu heben, daher steck­te er in seine Bein­klei­der und seinen Gür­tel, so viel er zu tra­gen ver­mochte, und auch sein Män­telein füllte er damit, bedeck­te das übrige wieder sorgfältig und lud es auf den Rück­en. Aber wahrlich, wenn er die Pantof­feln nicht an den Füßen gehabt hätte, er wäre nicht vom Fleck gekom­men, so zog ihn die Last des Goldes nieder. Doch unbe­merkt kam er auf sein Zim­mer und ver­wahrte dort sein Gold unter den Pol­stern seines Sofas.

Als der kleine Muck sich im Besitz so vie­len Goldes sah, glaubte er, das Blatt werde sich jet­zt wen­den und er werde sich unter seinen Fein­den am Hofe viele Gön­ner und warme Anhänger erwer­ben. Aber schon daran kon­nte man erken­nen, daß der gute Muck keine gar sorgfältige Erziehung genossen haben mußte, son­st hätte er sich wohl nicht ein­bilden kön­nen, durch Gold wahre Fre­unde zu gewin­nen. Ach, daß er damals seine Pantof­feln geschmiert und sich mit seinem Män­telein voll Gold aus dem Staub gemacht hätte!

Das Gold, das der kleine Muck von jet­zt an mit vollen Hän­den austeilte, erweck­te den Neid der übri­gen Hof­be­di­en­steten. Der Küchen­meis­ter Ahuli sagte: »Er ist ein Falschmünzer.«

Der Sklave­nauf­se­her Achmet sagte: »Er hat’s dem König abgeschwatzt.«

Arc­haz, der Schatzmeis­ter, aber, sein ärg­ster Feind, der selb­st hier und da einen Griff in des Königs Kasse tun mochte, sagte ger­adezu: »Er hat’s gestohlen.«

Um nun ihrer Sache gewiß zu sein, verabre­de­ten sie sich, und der Ober­mund­schenk Korchuz stellte sich eines Tages recht trau­rig und niedergeschla­gen vor die Augen des Königs. Er machte seine trau­ri­gen Gebär­den so auf­fal­l­end, daß ihn der König fragte, was ihm fehle .

»Ah«, antwortete er, »ich bin trau­rig, daß ich die Gnade meines Her­rn ver­loren habe.«

»Was fabelst du, Fre­und Korchuz?« ent­geg­nete ihm der König. »Seit wann hätte ich die Sonne mein­er Gnade nicht über dich leucht­en lassen?« Der Ober­mund­schenk antwortete ihm, daß er ja den geheimen Ober­leibläufer mit Gold belade, seinen armen, treuen Dienern aber nichts gebe.

Der König war sehr erstaunt über diese Nachricht, ließ sich die Goldausteilun­gen des kleinen Muck erzählen, und die Ver­schwore­nen bracht­en ihm leicht den Ver­dacht bei, daß Muck auf irgen­deine Art das Geld aus der Schatzkam­mer gestohlen habe. Sehr lieb war diese Wen­dung der Sache dem Schatzmeis­ter, der ohne­hin nicht gerne Rech­nung ablegte. Der König gab daher den Befehl, heim­lich auf alle Schritte des kleinen Muck achtzugeben, um ihn wom­öglich auf der Tat zu ertap­pen. Als nun in der Nacht, die auf diesen Unglück­stag fol­gte, der kleine Muck, da er durch seine Freige­bigkeit seine Kasse sehr erschöpft sah, den Spat­en nahm und in den Schloß­garten schlich, um dort von seinem geheimen Schatze neuen Vor­rat zu holen, fol­gten ihm von weit­em die Wachen, von dem Küchen­meis­ter Ahuli und Arc­haz, dem Schatzmeis­ter, ange­führt, und in dem Augen­blick, da er das Gold aus dem Topf in sein Män­telein leg­en wollte, fie­len sie über ihn her, ban­den ihn und führten ihn sogle­ich vor den König. Dieser, den ohne­hin die Unter­brechung seines Schlafes mür­risch gemacht hat­te, empf­ing seinen armen Ober­leibläufer sehr ungnädig und stellte sogle­ich das Ver­hör über ihn an. Man hat­te den Topf vol­lends aus der Erde gegraben und mit dem Spat­en und mit dem Män­telein voll Gold vor die Füße des Königs geset­zt. Der Schatzmeis­ter sagte aus, daß er mit seinen Wachen den Muck über­rascht habe, wie er diesen Topf mit Gold ger­ade in die Erde gegraben habe.

Der König befragte hier­auf den Angeklagten, ob es wahr sei und woher er das Gold, das er ver­graben, bekom­men habe.

Der kleine Muck, im Gefühl sein­er Unschuld, sagte aus, daß er diesen Topf im Garten ent­deckt habe, daß er ihn habe nicht ein‑, son­dern aus­graben wollen.

Alle Anwe­senden lacht­en laut über diese Entschuldigung, der König aber, aufs höch­ste erzürnt über die ver­meintliche Frech­heit des Kleinen, rief aus: »Wie, Elen­der! Du willst deinen König so dumm und schändlich belü­gen, nach­dem du ihn bestohlen hast? Schatzmeis­ter Arc­haz! Ich fordere dich auf, zu sagen, ob du diese Summe Goldes für die näm­liche erkennst, die in meinem Schatze fehlt.«

Der Schatzmeis­ter aber antwortete, er sei sein­er Sache ganz gewiß, so viel und noch mehr fehle seit einiger Zeit von dem königlichen Schatz, und er könne einen Eid darauf able­gen, daß dies das Gestoh­lene sei.

Da befahl der König, den kleinen Muck in enge Ket­ten zu leg­en und in den Turm zu führen; dem Schatzmeis­ter aber über­gab er das Gold, um es wieder in den Schatz zu tra­gen. Vergnügt über den glück­lichen Aus­gang der Sache, zog dieser ab und zählte zu Haus die blink­enden Gold­stücke; aber das hat dieser schlechte Mann niemals angezeigt, daß unten in dem Topf ein Zettel lag, der sagte: »Der Feind hat mein Land über­schwemmt, daher ver­berge ich hier einen Teil mein­er Schätze; wer es auch find­en mag, den tre­ffe der Fluch seines Königs, wenn er es nicht sogle­ich meinem Sohne aus­liefert! König Sadi.«

Der kleine Muck stellte in seinem Kerk­er trau­rige Betra­ch­tun­gen an; er wußte, daß auf Dieb­stahl an königlichen Sachen der Tod geset­zt war, und doch mochte er das Geheim­nis mit dem Stäbchen dem König nicht ver­rat­en, weil er mit Recht fürchtete, dieses und sein­er Pantof­feln beraubt zu wer­den. Seine Pantof­feln kon­nten ihm lei­der auch keine Hil­fe brin­gen; denn da er in engen Ket­ten an die Mauer geschlossen war, kon­nte er, so sehr er sich quälte, sich nicht auf dem Absatz umdrehen. Als ihm aber am anderen Tage sein Tod angekündigt wurde, da gedachte er doch, es sei bess­er, ohne das Zauber­stäbchen zu leben als mit ihm zu ster­ben, ließ den König um geheimes Gehör bit­ten und ent­deck­te ihm das Geheim­nis. Der König maß von Anfang an seinem Geständ­nis keinen Glauben bei; aber der kleine Muck ver­sprach eine Probe, wenn ihm der König zugestünde, daß er nicht getötet wer­den solle.

Der König gab ihm sein Wort darauf und ließ, von Muck unge­se­hen, einiges Gold in die Erde graben und befahl diesem, mit seinem Stäbchen zu suchen. In weni­gen Augen­blick­en hat­te er es gefun­den; denn das Stäbchen schlug deut­lich dreimal auf die Erde. Da merk­te der König, daß ihn sein Schatzmeis­ter bet­ro­gen hat­te, und sandte ihm, wie es im Mor­gen­land gebräuch­lich ist, eine sei­dene Schnur, damit er sich selb­st erdroßle. Zum kleinen Muck aber sprach er: »Ich habe dir zwar dein Leben ver­sprochen; aber es scheint mir, als ob du nicht allein dieses Geheim­nis mit dem Stäbchen besitzest; darum bleib­st du in ewiger Gefan­gen­schaft, wenn du nicht gestehst, was für eine Bewandt­nis es mit deinem Schnel­laufen hat.« Der kleine Muck, den die einzige Nacht im Turm alle Lust zu län­ger­er Gefan­gen­schaft benom­men hat­te, bekan­nte, daß seine ganze Kun­st in den Pantof­feln liege, doch lehrte er den König nicht das Geheim­nis von dem dreima­li­gen Umdrehen auf dem Absatz. Der König schlüpfte selb­st in die Pantof­feln, um die Probe zu machen, und jagte wie unsin­nig im Garten umher; oft wollte er anhal­ten; aber er wußte nicht, wie man die Pantof­feln zum Ste­hen brachte, und der kleine Muck, der diese kleine Rache sich nicht ver­sagen kon­nte, ließ ihn laufen, bis er ohn­mächtig niederfiel.

Als der König wieder zur Besin­nung zurück­gekehrt war, war er schreck­lich aufge­bracht über den kleinen Muck, der ihn so ganz außer Atem hat­te laufen lassen. »Ich habe dir mein Wort gegeben, dir Frei­heit und Leben zu schenken; aber inner­halb zwölf Stun­den mußt du mein Land ver­lassen, son­st lasse ich dich aufknöpfen!« Die Pantof­feln und das Stäbchen aber ließ er in seine Schatzkam­mer legen.

So arm als je wan­derte der kleine Muck zum Land hin­aus, seine Torheit ver­wün­schend, die ihm vorge­spiegelt hat­te, er könne eine bedeu­tende Rolle am Hofe spie­len. Das Land, aus dem er gejagt wurde, war zum Glück nicht groß, daher war er schon nach acht Stun­den auf der Gren­ze, obgle­ich ihn das Gehen, da er an seine lieben Pantof­feln gewöh­nt war, sehr sauer ankam.

Als er über der Gren­ze war, ver­ließ er die gewöhn­liche Straße, um die dicht­este Einöde der Wälder aufzusuchen und dort nur sich zu leben; denn er war allen Men­schen gram. In einem dicht­en Walde traf er auf einen Platz, der ihm zu dem Entschluß, den er gefaßt hat­te, ganz tauglich schien. Ein klar­er Bach, von großen, schat­ti­gen Feigen­bäu­men umgeben, ein weich­er Rasen luden ihn ein; hier warf er sich nieder mit dem Entschluß, keine Speise mehr zu sich zu nehmen, son­dern hier den Tod zu erwarten. Über trau­ri­gen Todes­be­tra­ch­tun­gen schlief er ein; als er aber wieder aufwachte und der Hunger ihn zu quälen anf­ing, bedachte er doch, daß der Hunger­tod eine gefährliche Sache sei, und sah sich um, ob er nir­gends etwas zu essen bekom­men könnte.

Köstliche reife Feigen hin­gen an dem Baume, unter welchem er geschlafen hat­te; er stieg hin­auf, um sich einige zu pflück­en, ließ es sich tre­f­flich schmeck­en und ging dann hin­unter an den Bach, um seinen Durst zu löschen. Aber wie groß war sein Schreck­en, als ihm das Wass­er seinen Kopf mit zwei gewalti­gen Ohren und ein­er dick­en, lan­gen Nase geschmückt zeigte! Bestürzt griff er mit den Hän­den nach den Ohren, und wirk­lich, sie waren über eine halbe Elle lang.

»Ich ver­di­ene Esel­sohren!« rief er aus; »denn ich habe mein Glück wie ein Esel mit Füßen getreten.« Er wan­derte unter den Bäu­men umher, und als er wieder Hunger fühlte, mußte er noch ein­mal zu den Feigen seine Zuflucht nehmen; denn son­st fand er nichts Eßbares an den Bäu­men. Als ihm über der zweit­en Por­tion Feigen ein­fiel, ob wohl seine Ohren nicht unter seinem großen Tur­ban Platz hät­ten, damit er doch nicht gar zu lächer­lich ausse­he, fühlte er, daß seine Ohren ver­schwun­den waren. Er lief gle­ich an den Bach zurück, um sich davon zu überzeu­gen, und wirk­lich, es war so, seine Ohren hat­ten ihre vorige Gestalt, seine lange, unförm­liche Nase war nicht mehr. Jet­zt merk­te er aber, wie dies gekom­men war; von dem ersten Feigen­baum hat­te er die lange Nase und Ohren bekom­men, der zweite hat­te ihn geheilt; freudig erkan­nte er, daß sein gütiges Geschick ihm noch ein­mal die Mit­tel in die Hand gebe, glück­lich zu sein. Er pflück­te daher von jedem Baum so viel, wie er tra­gen kon­nte, und ging in das Land zurück, das er vor kurzem ver­lassen hat­te. Dort machte er sich in dem ersten Städtchen durch andere Klei­der ganz unken­ntlich und ging dann weit­er auf die Stadt zu, die jen­er König bewohnte, und kam auch bald dort an.

Es war ger­ade zu ein­er Jahreszeit, wo reife Früchte noch ziem­lich sel­ten waren; der kleine Muck set­zte sich daher unter das Tor des Palastes; denn ihm war von früher­er Zeit her wohl bekan­nt, daß hier solche Sel­tenheit­en von dem Küchen­meis­ter für die königliche Tafel eingekauft wur­den. Muck hat­te noch nicht lange gesessen, als er den Küchen­meis­ter über den Hof herüber­schre­it­en sah. Er musterte die Waren der Verkäufer, die sich am Tor des Palastes einge­fun­den hat­ten; endlich fiel sein Blick auch auf Mucks Kör­bchen. »Ah, ein sel­tener Bis­sen«, sagte er, »der Ihro Majestät gewiß beha­gen wird. Was willst du für den ganzen Korb?« Der kleine Muck bes­timmte einen mäßi­gen Preis, und sie waren bald des Han­dels einig. Der Küchen­meis­ter über­gab den Korb einem Sklaven und ging weit­er; der kleine Muck aber macht sich einst­weilen aus dem Staub, weil er befürchtete, wenn sich das Unglück an den Köpfen des Hofes zeigte, möchte man ihn als Verkäufer auf­suchen und bestrafen.

Der König war über Tisch sehr heit­er ges­timmt und sagte seinem Küchen­meis­ter ein­mal über das andere Lob­sprüche wegen sein­er guten Küche und der Sorgfalt, mit der er immer das Sel­tenste für ihn aus­suche; der Küchen­meis­ter aber, welch­er wohl wußte, welchen Lecker­bis­sen er noch im Hin­ter­grund habe, schmun­zelte gar fre­undlich und ließ nur einzelne Worte fall­en, als: »Es ist noch nicht aller Tage Abend«, oder »Ende gut, alles gut«, so daß die Prinzessin­nen sehr neugierig wur­den, was er wohl noch brin­gen werde. Als er aber die schö­nen, ein­laden­den Feigen auf­set­zen ließ, da ent­floh ein all­ge­meines Ah! dem Munde der Anwesenden.

»Wie reif, wie appeti­tlich!« rief der König. »Küchen­meis­ter, du bist ein ganz­er Kerl und ver­di­enst unsere ganz beson­dere Gnade!« Also sprechend, teilte der König, der mit solchen Lecker­bis­sen sehr sparsam zu sein pflegte, mit eigen­er Hand die Feigen an sein­er Tafel aus. Jed­er Prinz und jede Prinzessin bekam zwei, die Hof­damen und die Wesire und Agas eine, die übri­gen stellte er vor sich hin und begann mit großem Beha­gen sie zu verschlingen.

»Aber, lieber Gott, wie siehst du so wun­der­lich aus, Vater?« rief auf ein­mal die Prinzessin Amarza. Alle sahen den König erstaunt an; unge­heure Ohren hin­gen ihm am Kopf, eine lange Nase zog sich über sein Kinn herunter; auch sich selb­st betra­chteten sie untere­inan­der mit Staunen und Schreck­en; alle waren mehr oder min­der mit dem son­der­baren Kopf­putz geschmeckt.

Man denke sich den Schreck­en des Hofes! Man schick­te sogle­ich nach allen Ärzten der Stadt; sie kamen haufen­weise, verord­neten Pillen und Mix­turen; aber die Ohren und die Nasen blieben. Man operierte einen der Prinzen; aber die Ohren wuch­sen nach.

Muck hat­te die ganze Geschichte in seinem Ver­steck, wohin er sich zurück­ge­zo­gen hat­te, gehört und erkan­nte, daß es jet­zt Zeit sei zu han­deln. Er hat­te sich schon vorher von dem aus den Feigen gelösten Geld einen Anzug ver­schafft, der ihn als Gelehrten darstellen kon­nte; ein langer Bart aus Ziegen­haaren vol­len­dete die Täuschung. Mit einem Säckchen voll Feigen wan­derte er in den Palast des Königs und bot als fremder Arzt seine Hil­fe an. Man war von Anfang sehr ungläu­big; als aber der kleine Muck eine Feige einem der Prinzen zu essen gab und Ohren und Nase dadurch in den alten Zus­tand zurück­brachte, da wollte alles von dem frem­den Arzte geheilt sein. Aber der König nahm ihn schweigend bei der Hand und führte ihn in sein Gemach; dort schloß er eine Türe auf, die in die Schatzkam­mer führte, und wink­te Muck, ihm zu fol­gen. »Hier sind meine Schätze«, sprach der König, »wäh­le dir, was es auch sei, es soll dir gewährt wer­den, wenn du mich von diesem schmachvollen Übel befreist.«

Das war süße Musik in des kleinen Muck Ohren; er hat­te gle­ich beim Ein­tritt seine Pantof­feln auf dem Boden ste­hen sehen, gle­ich daneben lag auch sein Stäbchen. Er ging nun umher in dem Saal, wie wenn er die Schätze des Königs bewun­dern wollte; kaum aber war er an seine Pantof­feln gekom­men, so schlüpfte er eilends hinein, ergriff sein Stäbchen, riß seinen falschen Bart herab und zeigte dem erstaunten König das wohlbekan­nte Gesicht seines ver­stoße­nen Muck. »Treulos­er König«, sprach er, »der du treue Dien­ste mit Undank lohnst, nimm als wohlver­di­ente Strafe die Mißgestalt, die du trägst. Die Ohren laß ich dir zurück, damit sie dich täglich erin­nern an den kleinen Muck.« Als er so gesprochen hat­te, drehte er sich schnell auf dem Absatz herum, wün­schte sich weit hin­weg, und ehe noch der König um Hil­fe rufen kon­nte, war der kleine Muck ent­flo­hen. Seit­dem lebt der kleine Muck hier in großem Wohl­stand, aber ein­sam; denn er ver­achtet die Men­schen. Er ist durch Erfahrung ein weis­er Mann gewor­den, welch­er, wenn auch sein Äußeres etwas Auf­fal­l­en­des haben mag, deine Bewun­derung mehr als deinen Spott verdient.

»So erzählte mir mein Vater; ich bezeugte ihm meine Reue über mein rohes Betra­gen gegen den guten kleinen Mann, und mein Vater schenk­te mir die andere Hälfte der Strafe, die er mir zugedacht hat­te. Ich erzählte meinen Kam­er­aden die wun­der­baren Schick­sale des Kleinen, und wir gewan­nen ihn so lieb, daß ihn kein­er mehr schimpfte. Im Gegen­teil, wir ehrten ihn, solange er lebte, und haben uns vor ihm immer so tief wie vor Kadi und Mufti gebückt.«

Die Reisenden beschlossen, einen Rast­tag in dieser Karawanserei zu machen, um sich und die Tiere zur weit­eren Reise zu stärken . Die gestrige Fröh­lichkeit ging auch auf diesen Tag über, und sie ergötzten sich in aller­lei Spie­len. Nach dem Essen aber riefen sie dem fün­ften Kauf­mann, Ali Sizah, zu, auch seine Schuldigkeit gle­ich den übri­gen zu tun und eine Geschichte zu erzählen. Er antwortete, sein Leben sei zu arm an auf­fal­l­en­den Begeben­heit­en, als daß er ihnen etwas davon mit­teilen möchte, daher wolle er ihnen etwas anderes erzählen, näm­lich: Das Märchen vom falschen Prinzen.