Die Geschichte von dem Gespensterschiff

von Wilhelm Hauff

~20 Min

Mein Vater hat­te einen kleinen Laden in Bal­so­ra; er war wed­er arm noch reich und ein­er von jenen Leuten, die nicht gerne etwas wagen, aus Furcht, das Wenige zu ver­lieren, das sie haben. Er erzog mich schlicht und recht und brachte es bald so weit, daß ich ihm an die Hand gehen kon­nte. Ger­ade als ich achtzehn Jahre alt war, als er die erste größere Speku­la­tion machte, starb er, wahrschein­lich aus Gram, tausend Gold­stücke dem Meere anver­traut zu haben. Ich mußte ihn bald nach­her wegen seines Todes glück­lich preisen, denn wenige Wochen her­nach lief die Nachricht ein, daß das Schiff, dem mein Vater seine Güter mit­gegeben hat­te, ver­sunken sei. Meinen jugendlichen Mut kon­nte aber dieser Unfall nicht beu­gen. Ich machte alles vol­lends zu Geld, was mein Vater hin­ter­lassen hat­te, und zog aus, um in der Fremde mein Glück zu pro­bieren, nur von einem alten Diener meines Vaters begleitet.

Im Hafen von Bal­so­ra schifften wir uns mit gün­stigem Winde ein. Das Schiff, auf dem ich mich eingemietet hat­te, war nach Indi­en bes­timmt. Wir waren schon fün­fzehn Tage auf der gewöhn­lichen Straße gefahren, als uns der Kapitän einen Sturm verkün­dete. Er machte ein beden­klich­es Gesicht, denn es schien, er kenne in dieser Gegend das Fahrwass­er nicht genug, um einem Sturm mit Ruhe begeg­nen zu kön­nen. Er ließ alle Segel einziehen, und wir trieben ganz langsam hin. Die Nacht war ange­brochen, war hell und kalt, und der Kapitän glaubte schon, sich in den Anze­ichen des Sturmes getäuscht zu haben. Auf ein­mal schwebte ein Schiff, das wir vorher nicht gese­hen hat­ten, dicht an dem unsri­gen vor­bei. Wildes Jauchzen und Geschrei erscholl aus dem Verdeck herüber, worüber ich mich zu dieser angstvollen Stunde vor einem Sturm nicht wenig wun­derte. Aber der Kapitän an mein­er Seite wurde blaß wie der Tod. »Mein Schiff ist ver­loren«, rief er, »dort segelt der Tod!«

Ehe ich ihn noch über diesen son­der­baren Aus­ruf befra­gen kon­nte, stürzten schon heulend und schreiend die Matrosen here­in. »Habt ihr ihn gese­hen?« schrien sie. »Jet­zt ist’s mit uns vorbei!«

Der Kapitän aber ließ Trost­sprüche aus dem Koran vor­lesen und set­zte sich selb­st ans Steuer­rud­er. Aber vergebens! Zuse­hends brauste der Sturm auf, und ehe eine Stunde verg­ing, krachte das Schiff und blieb sitzen. Die Boote wur­den aus­ge­set­zt, und kaum hat­ten sich die let­zten Matrosen gerettet, so ver­sank das Schiff vor unseren Augen, und als ein Bet­tler fuhr ich in die See hin­aus. Aber der Jam­mer hat­te noch kein Ende. Fürchter­lich­er tobte der Sturm; das Boot war nicht mehr zu regieren. Ich hat­te meinen alten Diener fest umschlun­gen, und wir ver­sprachen uns, nie voneinan­der zu weichen. Endlich brach der Tag an. Aber mit dem ersten Anblick der Mor­gen­röte faßte der Wind das Boot, in welchem wir saßen, und stürzte es um. Ich habe keinen mein­er Schiff­sleute mehr gese­hen. Der Sturz hat­te mich betäubt; und als ich aufwachte, befand ich mich in den Armen meines alten treuen Dieners, der sich auf das umgeschla­gene Boot gerettet und mich nachge­zo­gen hat­te. Der Sturm hat­te sich gelegt. Von unserem Schiff war nichts mehr zu sehen, wohl aber ent­deck­ten wir nicht weit von uns ein anderes Schiff, auf das die Wellen uns hin­trieben. Als wir näher hinzuka­men, erkan­nte ich das Schiff als das­selbe, das in der Nacht an uns vor­bei­fuhr und welch­es den Kapitän so sehr in Schreck­en geset­zt hat­te. Ich emp­fand ein son­der­bares Grauen vor diesem Schiffe . Die Äußerung des Kapitäns, die sich so furcht­bar bestätigt hat­te, das öde Ausse­hen des Schiffes, auf dem sich, so nahe wir auch her­anka­men, so laut wir schrien, nie­mand zeigte, erschreck­ten mich. Doch es war unser einziges Ret­tungsmit­tel; darum priesen wir den Propheten, der uns so wun­der­voll erhal­ten hatte.

Am Vorderteil des Schiffes hing ein langes Tau herab. Mit Hän­den und Füßen rud­erten wir darauf zu, um es zu erfassen. Endlich glück­te es. Noch ein­mal erhob ich meine Stimme, aber immer blieb es still auf dem Schiff. Da klimmten wir an dem Tau hin­auf, ich als der Jüng­ste voran. Aber Entset­zen! Welch­es Schaus­piel stellte sich meinem Auge dar, als ich das Verdeck betrat! Der Boden war mit Blut gerötet, zwanzig bis dreißig Leich­name in türkischen Klei­dern lagen auf dem Boden, am mit­tleren Mast­baum stand ein Mann, reich gek­lei­det, den Säbel in der Hand, aber das Gesicht war blaß und verz­er­rt, durch die Stirn ging ein großer Nagel, der ihn an den Mast­baum heftete, auch er war tot. Schreck­en fes­selte meine Schritte, ich wagte kaum zu atmen. Endlich war auch mein Begleit­er her­aufgekom­men. Auch ihn über­raschte der Anblick des Verdecks, das gar nichts Lebendi­ges, son­dern nur so viele schreck­liche Tote zeigte. Wir wagten es endlich, nach­dem wir in der See­le­nangst zum Propheten gefle­ht hat­ten, weit­er vorzuschre­it­en. Bei jedem Schritte sahen wir uns um, ob nicht etwas Neues, noch Schreck­licheres sich dar­bi­ete; aber alles blieb, wie es war; weit und bre­it nichts Lebendi­ges als wir und das Welt­meer. Nicht ein­mal laut zu sprechen wagten wir, aus Furcht, der tote, am Mast ange­spießte Kap­i­tano möchte seine star­ren Augen nach uns hin­drehen oder ein­er der Getöteten möchte seinen Kopf umwen­den. Endlich waren wir bis an eine Treppe gekom­men, die in den Schiff­s­raum führte. Unwillkür­lich macht­en wir dort halt und sahen einan­der an, denn kein­er wagte es recht, seine Gedanken zu äußern.

»O Herr«, sprach mein treuer Diener, »hier ist etwas Schreck­lich­es geschehen. Doch wenn auch das Schiff da unten voll Mörder steckt, so will ich mich ihnen doch lieber auf Gnade und Ung­nade ergeben, als län­gere Zeit unter diesen Toten zubrin­gen.« Ich dachte wie er; wir faßten uns ein Herz und stiegen voll Erwartung hin­unter. Toten­stille war aber auch hier, und nur unsere Schritte hall­ten auf der Treppe. Wir standen an der Türe der Kajüte. Ich legte mein Ohr an die Türe und lauschte; es war nichts zu hören. Ich machte auf. Das Gemach bot einen unor­dentlichen Anblick dar. Klei­der, Waf­fen und andere Geräte lagen untere­inan­der. Nichts in Ord­nung. Die Mannschaft oder wenig­stens der Kap­i­tano mußten vor kurzem gezechet haben; denn es lag alles noch umher. Wir gin­gen weit­er von Raum zu Raum, von Gemach zu Gemach, über­all fan­den wir her­rliche Vor­räte in Sei­de, Perlen, Zuck­er usw. Ich war vor Freude über diesen Anblick außer mir, denn da nie­mand auf dem Schiff war, glaubte ich, alles mir zueignen zu dür­fen, Ibrahim aber machte mich aufmerk­sam darauf, daß wir wahrschein­lich noch sehr weit vom Lande seien, wohin wir allein und ohne men­schliche Hil­fe nicht kom­men könnten.

Wir labten uns an den Speisen und Getränken, die wir in reichem Maß vor­fan­den, und stiegen endlich wieder aufs Verdeck. Aber hier schaud­erte uns immer die Haut ob dem schreck­lichen Anblick der Leichen. Wir beschlossen, uns davon zu befreien und sie über Bord zu wer­fen; aber wie schauer­lich ward uns zumut, als wir fan­den, daß sich kein­er aus sein­er Lage bewe­gen ließ. Wie fest­ge­ban­nt lagen sie am Boden, und man hätte den Boden des Verdecks ausheben müssen, um sie zu ent­fer­nen, und dazu gebrach es uns an Werkzeu­gen. Auch der Kap­i­tano ließ sich nicht von seinem Mast los­machen; nicht ein­mal seinen Säbel kon­nten wir der star­ren Hand entwinden. Wir bracht­en den Tag in trau­riger Betra­ch­tung unser­er Lage zu, und als es Nacht zu wer­den anf­ing, erlaubte ich dem alten Ibrahim, sich schlafen zu leg­en, ich selb­st aber wollte auf dem Verdeck wachen, um nach Ret­tung auszus­pähen. Als aber der Mond her­aufkam und ich nach den Gestir­nen berech­nete, daß es wohl um die elfte Stunde sei, über­fiel mich ein so unwider­stehlich­er Schlaf, daß ich unwillkür­lich hin­ter ein Faß, das auf dem Verdeck stand, zurück­fiel. Doch war es mehr Betäubung als Schlaf, denn ich hörte deut­lich die See an der Seite des Schiffes anschla­gen und die Segel vom Winde knar­ren und pfeifen. Auf ein­mal glaubte ich Stim­men und Män­ner­tritte auf dem Verdeck zu hören . Ich wollte mich aufricht­en, um danach zu schauen. Aber eine unsicht­bare Gewalt hielt meine Glieder gefes­selt; nicht ein­mal die Augen kon­nte ich auf­schla­gen . Aber immer deut­lich­er wur­den die Stim­men, es war mir, als wenn ein fröh­lich­es Schiffsvolk auf dem Verdeck sich umher­triebe; mitunter glaubte ich, die kräftige Stimme eines Befehlen­den zu hören, auch hörte ich Taue und Segel deut­lich auf- und abziehen. Nach und nach aber schwan­den mir die Sinne, ich ver­fiel in einen tief­er­en Schlaf, in dem ich nur noch ein Geräusch von Waf­fen zu hören glaubte, und erwachte erst, als die Sonne schon hoch stand und mir aufs Gesicht bran­nte. Ver­wun­dert schaute ich mich um, Sturm, Schiff, die Toten und was ich in dieser Nacht gehört hat­te, kam mir wie ein Traum vor, aber als ich auf­blick­te, fand ich alles wie gestern. Unbe­weglich lagen die Toten, unbe­weglich war der Kap­i­tano an den Mast­baum geheftet. Ich lachte über meinen Traum und stand auf, um meinen Alten zu suchen.

Dieser saß ganz nach­den­klich in der Kajüte. »O Herr!« rief er aus, als ich zu ihm hinein­trat, »ich wollte lieber im tief­sten Grund des Meeres liegen, als in diesem ver­hex­ten Schiff noch eine Nacht zubrin­gen.« Ich fragte ihn nach der Ursache seines Kum­mers, und er antwortete mir: »Als ich einige Stun­den geschlafen hat­te, wachte ich auf und ver­nahm, wie man über meinem Haupt hin und her lief. Ich dachte zuerst, Ihr wäret es, aber es waren wenig­stens zwanzig, die oben umher­liefen; auch hörte ich rufen und schreien. Endlich kamen schwere Tritte die Treppe herab. Da wußte ich nichts mehr von mir, nur hie und da kehrte auf einige Augen­blicke meine Besin­nung zurück, und da sah ich dann densel­ben Mann, der oben am Mast ange­nagelt ist, an jen­em Tisch dort sitzen, sin­gend und trink­end; aber der, der in einem roten Schar­lachk­leid nicht weit von ihm am Boden liegt, saß neben ihm und half ihm trinken.« Also erzählte mir mein alter Diener.

Ihr kön­nt mir es glauben, meine Fre­unde, daß mir gar nicht wohl zumute war; denn es war keine Täuschung, ich hat­te ja auch die Toten gar wohl gehört. In solch­er Gesellschaft zu schif­f­en, war mir greulich. Mein Ibrahim aber ver­sank wieder in tiefes Nach­denken. »Jet­zt hab’ ich’s!« rief er endlich aus; es fiel ihm näm­lich ein Sprüch­lein ein, das ihn sein Groß­vater, ein erfahren­er, weit­gereis­ter Mann, gelehrt hat­te und das gegen jeden Geis­ter- und Zauber­spuk helfen sollte; auch behauptete er, jenen unnatür­lichen Schlaf, der uns befiel, in der näch­sten Nacht ver­hin­dern zu kön­nen, wenn wir näm­lich recht eifrig Sprüche aus dem Koran beteten. Der Vorschlag des alten Mannes gefiel mir wohl. In banger Erwartung sahen wir die Nacht her­ankom­men. Neben der Kajüte war ein kleines Käm­merchen, dor­thin beschlossen wir uns zurück­zuziehen. Wir bohrten mehrere Löch­er in die Türe, hin­länglich groß, um durch sie die ganze Kajüte zu über­schauen, dann ver­schlossen wir die Türe, so gut es ging, von innen, und Ibrahim schrieb den Namen des Propheten in alle vier Eck­en. So erwarteten wir die Schreck­en der Nacht. Es mochte wieder unge­fähr elf Uhr sein, als es mich gewaltig zu schläfern anf­ing. Mein Gefährte riet mir daher, einige Sprüche des Korans zu beten, was mir auch half. Mit einem Male schien es oben leb­haft zu wer­den; die Taue knar­rten, Schritte gin­gen über das Verdeck, und mehrere Stim­men waren deut­lich zu unter­schei­den — Mehrere Minuten hat­ten wir so in ges­pan­nter Erwartung gesessen, da hörten wir etwas die Treppe der Kajüte her­abkom­men. Als dies der Alte hörte, fing er an, den Spruch, den ihn sein Groß­vater gegen Spuk und Zauberei gelehrt hat­te, herzusagen:

Kommt ihr herab aus der Luft,
Steigt ihr aus tiefem Meer,
Schlieft ihr in dun­kler Gruft,
Stammt ihr vom Feuer her:
Allah ist euer Herr und Meis­ter,
ihm sind gehor­sam alle Geister.”

Ich muß geste­hen, ich glaubte gar nicht recht an diesen Spruch, und mir stieg das Haar zu Berg, als die Tür auf­flog. Here­in trat jen­er große, stat­tliche Mann, den ich am Mast­baum ange­nagelt gese­hen hat­te. Der Nagel ging ihm auch jet­zt mit­ten durchs Hirn; das Schw­ert aber hat­te er in die Schei­de gesteckt; hin­ter ihm trat noch ein ander­er here­in, weniger kost­bar gek­lei­det; auch ihn hat­te ich oben liegen sehen. Der Kap­i­tano, denn dies war er unverkennbar, hat­te ein ble­ich­es Gesicht, einen großen, schwarzen Bart, wil­drol­lende Augen, mit denen er sich im ganzen Gemach umsah. Ich kon­nte ihn ganz deut­lich sehen, als er an unser­er Türe vorüberg­ing; er aber schien gar nicht auf die Türe zu acht­en, die uns ver­barg. Bei­de set­zten sich an den Tisch, der in der Mitte der Kajüte stand, und sprachen laut und fast schreiend miteinan­der in ein­er unbekan­nten Sprache. Sie wur­den immer lauter und eifriger, bis endlich der Kap­i­tano mit geball­ter Faust auf den Tisch hinein­schlug, daß das Zim­mer dröh­nte. Mit wil­dem Gelächter sprang der andere auf und wink­te dem Kap­i­tano, ihm zu fol­gen. Dieser stand auf, riß seinen Säbel aus der Schei­de, und bei­de ver­ließen das Gemach. Wir atmeten freier, als sie weg waren; aber unsere Angst hat­te noch lange kein Ende. Immer lauter und lauter ward es auf dem Verdeck. Man hörte eilends hin und her laufen und schreien, lachen und heulen. Endlich ging ein wahrhaft höl­lis­ch­er Lärm los, so daß wir glaubten, das Verdeck mit allen Segeln komme zu uns herab, Waf­fengek­lirr und Geschrei — auf ein­mal aber tiefe Stille. Als wir es nach vie­len Stun­den wagten hin­aufzuge­hen, trafen wir alles wie son­st; nicht ein­er lag anders als früher. Alle waren steif wie Holz.

So waren wir mehrere Tage auf dem Schiffe; es ging immer nach Osten, wohin zu, nach mein­er Berech­nung, Land liegen mußte; aber wenn es auch bei Tag viele Meilen zurück­gelegt hat­te, bei Nacht schien es immer wieder zurück­zukehren, denn wir befan­den uns immer wieder am näm­lichen Fleck, wenn die Sonne aufging. Wir kon­nten uns dies nicht anders erk­lären, als daß die Toten jede Nacht mit vollem Winde zurück­segel­ten. Um nun dies zu ver­hüten, zogen wir, ehe es Nacht wurde, alle Segel ein und wandten das­selbe Mit­tel an wie bei der Türe in der Kajüte; wir schrieben den Namen des Propheten auf Perga­ment und auch das Sprüch­lein des Groß­vaters dazu und ban­den es um die einge­zo­ge­nen Segel. Ängstlich warteten wir in unserem Käm­merchen den Erfolg ab. Der Spuk schien dies­mal noch ärg­er zu toben, aber siehe, am anderen Mor­gen waren die Segel noch aufgerollt, wie wir sie ver­lassen hat­ten. Wir span­nten den Tag über nur so viele Segel auf, als nötig waren, das Schiff san­ft fortzutreiben, und so legten wir in fünf Tagen eine gute Strecke zurück.

Endlich, am Mor­gen des sech­sten Tages, ent­deck­ten wir in geringer Ferne Land, und wir dank­ten Allah und seinem Propheten für unsere wun­der­bare Ret­tung. Diesen Tag und die fol­gende Nacht trieben wir an ein­er Küste hin, und am sieben­ten Mor­gen glaubten wir in geringer Ent­fer­nung eine Stadt zu ent­deck­en; wir ließen mit viel­er Mühe einen Anker in die See, der alsobald Grund faßte, set­zten ein kleines Boot, das auf dem Verdeck stand, aus und rud­erten mit aller Macht der Stadt zu. Nach ein­er hal­ben Stunde liefen wir in einen Fluß ein, der sich in die See ergoß, und stiegen ans Ufer. Am Stadt­tor erkundigten wir uns, wie die Stadt heiße, und erfuhren, daß es eine indis­che Stadt sei, nicht weit von der Gegend, wohin ich zuerst zu schif­f­en wil­lens war. Wir begaben uns in eine Karawanserei und erfrischt­en uns von unser­er aben­teuer­lichen Reise. Ich forschte daselb­st auch nach einem weisen und ver­ständi­gen Manne, indem ich dem Wirt zu ver­ste­hen gab, daß ich einen solchen haben möchte, der sich ein wenig auf Zauberei ver­ste­he. Er führte mich in eine abgele­gene Straße, an ein unschein­bares Haus, pochte an, und man ließ mich ein­treten mit der Weisung, ich solle nur nach Muley fragen.

In dem Hause kam mir ein altes Männlein mit grauem Bart und langer Nase ent­ge­gen und fragte nach meinem Begehr. Ich sagte ihm, ich suche den weisen Muley, und er antwortete mir, er sei es selb­st. Ich fragte ihn nun um Rat, was ich mit den Toten machen solle und wie ich es angreifen müsse, um sie aus dem Schiff zu brin­gen. Er antwortete mir, die Leute des Schiffes seien wahrschein­lich wegen irgen­deines Frev­els auf das Meer verza­ubert; er glaube, der Zauber werde sich lösen, wenn man sie ans Land bringe; dies könne aber nicht geschehen, als wenn man die Bret­ter, auf denen sie lägen, los­mache. Mir gehöre von Gott und Rechts wegen das Schiff samt allen Gütern, weil ich es gle­ich­sam gefun­den habe; doch solle ich alles sehr geheimzuhal­ten tra­cht­en und ihm ein kleines Geschenk von meinem Über­fluß machen; er wolle dafür mit seinen Sklaven mir behil­flich sein, die Toten wegzuschaf­fen. Ich ver­sprach, ihn reich­lich zu belohnen, und wir macht­en uns mit fünf Sklaven, die mit Sägen und Beilen verse­hen waren, auf den Weg. Unter­wegs kon­nte der Zauber­er Muley unseren glück­lichen Ein­fall, die Segel mit den Sprüchen des Korans zu umwinden, nicht genug loben. Er sagte, es sei dies das einzige Mit­tel gewe­sen, uns zu retten.

Es war noch ziem­lich früh am Tage, als wir beim Schiff anka­men. Wir macht­en uns alle sogle­ich ans Werk, und in ein­er Stunde lagen schon vier in dem Nachen. Einige der Sklaven mußten sie an Land rud­ern, um sie dort zu ver­schar­ren. Sie erzählten, als sie zurück­ka­men, die Toten hät­ten ihnen die Mühe des Begrabens erspart, indem sie, sowie man sie auf die Erde gelegt habe, in Staub zer­fall­en seien. Wir fuhren fort, die Toten abzusä­gen, und bis vor Abend waren alle an Land gebracht. Es war endlich kein­er mehr an Bord als der, welch­er am Mast ange­nagelt war. Umson­st sucht­en wir den Nagel aus dem Holze zu ziehen, keine Gewalt ver­mochte ihn auch nur ein Haar­bre­it zu ver­rück­en. ich wußte nicht, was anz­u­fan­gen war; man kon­nte doch nicht den Mast­baum abhauen, um ihn ans Land zu führen. Doch aus dieser Ver­legen­heit half Muley. Er ließ schnell einen Sklaven an Land rud­ern, um einen Topf mit Erde zu brin­gen. Als dieser her­beige­holt war, sprach der Zauber­er geheimnisvolle Worte darüber aus und schüt­tete die Erde auf das Haupt des Toten. Sogle­ich schlug dieser die Augen auf, holte tief Atem, und die Wunde des Nagels in sein­er Stirne fing an zu bluten. Wir zogen den Nagel jet­zt leicht her­aus, und der Ver­wun­dete fiel einem Sklaven in die Arme.

»Wer hat mich hier­herge­führt?« sprach er, nach­dem er sich ein wenig erholt zu haben schien. Muley zeigte auf mich, und ich trat zu ihm. »Dank dir, unbekan­nter Fremdling, du hast mich von lan­gen Qualen erret­tet. Seit fün­fzig Jahren schifft mein Leib durch diese Wogen, und mein Geist war ver­dammt, jede Nacht in ihn zurück­zukehren. Aber jet­zt hat mein Haupt die Erde berührt, und ich kann ver­söh­nt zu meinen Vätern gehen.«

Ich bat ihn, uns doch zu sagen, wie er zu diesem schreck­lichen Zus­tand gekom­men sei, und er sprach: »Vor fün­fzig Jahren war ich ein mächtiger, ange­se­hen­er Mann und wohnte in Algi­er; die Sucht nach Gewinn trieb mich, ein Schiff auszurüsten und Seer­aub zu treiben. Ich hat­te dieses Geschäft schon einige Zeit fort­ge­führt, da nahm ich ein­mal auf Zante einen Der­wisch an Bord, der umson­st reisen wollte. Ich und meine Gesellen waren rohe Leute und achteten nicht auf die Heiligkeit des Mannes; vielmehr trieb ich mein Gespött mit ihm. Als er aber einst in heiligem Eifer mir meinen sündi­gen Lebenswan­del ver­wiesen hat­te, über­man­nte mich nachts in mein­er Kajüte, als ich mit meinem Steuer­mann viel getrunk­en hat­te, der Zorn. Wütend über das, was mir ein Der­wisch gesagt hat­te und was ich mir von keinem Sul­tan hätte sagen lassen, stürzte ich aufs Verdeck und stieß ihm meinen Dolch in die Brust. Ster­bend ver­wün­schte er mich und meine Mannschaft, nicht ster­ben und nicht leben zu kön­nen, bis wir unser Haupt auf die Erde legten. Der Der­wisch starb, und wir war­fen ihn in die See und ver­lacht­en seine Dro­hun­gen; aber noch in der­sel­ben Nacht erfüll­ten sich seine Worte. Ein Teil mein­er Mannschaft empörte sich gegen mich — Mit fürchter­lich­er Wut wurde gestrit­ten, bis meine Anhänger unter­la­gen und ich an den Mast genagelt wurde. Aber auch die Empör­er erla­gen ihren Wun­den, und bald war mein Schiff nur ein großes Grab. Auch mir brachen die Augen, mein Atem hielt an, und ich meinte zu ster­ben. Aber es war nur eine Erstar­rung, die mich gefes­selt hielt; in der näch­sten Nacht, zur näm­lichen Stunde, da wir den Der­wisch in die See gewor­fen, erwacht­en ich und alle meine Genossen, das Leben war zurück­gekehrt, aber wir kon­nten nichts tun und sprechen, als was wir in jen­er Nacht gesprochen und getan hat­ten. So segeln wir seit fün­fzig Jahren, kön­nen nicht leben, nicht ster­ben; denn wie kon­nten wir das Land erre­ichen? Mit toller Freude segel­ten wir alle­mal mit vollen Segeln in den Sturm, weil wir hofften, endlich an ein­er Klippe zu zer­schellen und das müde Haupt auf dem Grund des Meeres zur Ruhe zu leg­en. Es ist uns nicht gelun­gen. Jet­zt aber werde ich ster­ben. Noch ein­mal meinen Dank, unbekan­nter Ret­ter, wenn Schätze dich lohnen kön­nen, so nimm mein Schiff als Zeichen mein­er Dankbarkeit.«

Der Kap­i­tano ließ sein Haupt sinken, als er so gesprochen hat­te, und ver­schied. Sogle­ich zer­fiel er auch, wie seine Gefährten, in Staub. Wir sam­melten diesen in ein Kästchen und begruben ihn an Land; aus der Stadt nahm ich aber Arbeit­er, die mir mein Schiff in guten Zus­tand set­zten. Nach­dem ich die Waren, die ich an Bord hat­te, gegen andere mit großem Gewinn einge­tauscht hat­te, mietete ich Matrosen, beschenk­te meinen Fre­und Muley reich­lich und schiffte mich nach meinem Vater­lande ein. Ich machte aber einen Umweg, indem ich an vie­len Inseln und Län­dern lan­dete und meine Waren zu Markt brachte. Der Prophet seg­nete mein Unternehmen. Nach dreivier­tel Jahren lief ich, noch ein­mal so reich, als mich der ster­bende Kapitän gemacht hat­te, in Bal­so­ra ein. Meine Mit­bürg­er waren erstaunt über meine Reichtümer und mein Glück und glaubten nicht anders, als daß ich das Dia­man­ten­tal des berühmten Reisenden Sind­bad gefun­den habe. Ich ließ sie in ihrem Glauben, von nun an aber mußten die jun­gen Leute von Bal­so­ra, wenn sie kaum achtzehn Jahre alt waren, in die Welt hin­aus, um gle­ich mir ihr Glück zu machen. Ich aber lebte ruhig und in Frieden, und alle fünf Jahre mache ich eine Reise nach Mek­ka, um dem Her­rn an heiliger Stätte für seinen Segen zu danken und für den Kap­i­tano und seine Leute zu bit­ten, daß er sie in sein Paradies aufnehme.