Die Geschenke der Schönen

von Josef Haltrich

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Einem Manne war die Frau gestor­ben und hat­te ihm ein Töchterchen hin­ter­lassen. In der Nach­barschaft lebte aber eine Witwe, die hat­te auch eine kleine Tochter, die spielte immer mit jen­em Mäd­chen. Da sagte die Witwe eines Tages zu dem Töchterchen des Mannes: Sage deinem Vater, er solle mich zur Frau nehmen, dann will ich dir eine gute Mut­ter sein; ich will dir jeden Mor­gen Biegelchen‘ zum Früh­stück geben.“ Das kleine Mäd­chen bat nun seinen Vater so lange, bis er die Nach­barin nahm; die aber hielt ihr Wort nur einige Mor­gen ; sie gab dem kleinen Mäd­chen zwar auch for­thin Biegelchen“, aber birkene“ zum Früh­stück, d. h. sie schlug es mit Birken­ruten, wenn es nicht mit einem Stückchen ver­schim­melten Brotes oder kalten Palukes“ vor­lieb nahm. Ihrer Tochter aber gab sie immer frische Eier­biegelchen“. Da weinte das arme Mäd­chen, und wenn es seinem Vater klagte, so ging es ihm noch schlim­mer; die Stief­mut­ter schlug es dann um so mehr, wenn sein Vater fort­ge­gan­gen war.

Bald aber wollte die Stief­mut­ter das Mäd­chen ganz und gar verder­ben, weil es ihr zuviel aß und zuviel brauchte. Darum schick­te sie das­selbe eines Mor­gens zu dem See, in dem die Schö­nen bade­ten. Kein Men­schenkind durfte nahe kom­men; wagte es ja ein­mal ein Vor­witziger und wollte die Schö­nen sehen, so zogen sie ihn in die Tiefe, und er kam nicht wieder. Das arme Mäd­chen ging aber ohne Furcht hin, und die Wasser­jungfern tat­en ihm nichts; denn sie sahen, daß es ein Leid drücke. Sie fragten es vielmehr mitlei­dig: wer es wäre und was es so trau­rig mache.
Das Mäd­chen erzählte alles treuherzig, wie es die böse Stief­mut­ter quäle. Da erbarmten sich die Schö­nen, und als das Arm­chen“ sich Wass­er geschöpft hat­te und fort­ge­hen wollte, zogen sie ihm ein schönes neues Kleid an, und jede gab ihm noch einen Heilsegen mit auf den Weg: Wo du gehst, sollen Blu­men sprießen“, sagte die erste: Wenn du sprichst, soll es angenehm duften“ die zweite: Wenn du dich wäschest, soll ein Gold­stück in der Schüs­sel sein!“ die dritte. Als das Mäd­chen heimkehrte, so machte die Stier­mut­ter große Augen, und es war ihr nicht recht; als sie aber von den Geschenken hörte und sich auch bald überzeugte, daß alles Wahrheit sei, wurde sie ganz grün vor Neid und dachte: Deine Tochter ver­di­ent noch viel mehr!“ Am andern Mor­gen klei­dete sie dieselbe schön an und schick­te sie auch nach Wass­er zum See. Die Schö­nen kamen hinzu und fragten zornig, wer sie wäre und was sie suche. Jet­zt tat sie ganz vornehm und stolz, log und sagte, sie sei eine Edeljungfer und sie wolle noch schönere Geschenke, als sie dem Bet­telmäd­chen gegeben hät­ten. Da trübte sich auf ein­mal das Wass­er, und die Schö­nen spritzten mit Kot auf das Mäd­chen, also daß es auf ein­mal ganz besudelt war und triefend heim­lief. Jede gab ihm noch einen Fluchsegen mit: Wo du gehst, sollen Dor­nen wach­sen!“ sprach die erste; Wenn du sprichst, soll es stinken!“ die zweite; Wenn du dich wäschest, soll eine garstige Kröte in der Schüs­sel sein!“ die dritte.

Als sie zu Hause ankam und ihre Mut­ter sie sah in solchem Aufzuge und die Tochter heulend erzählte, wie es ihr ergan­gen und von dem Fluchsegen, da ließ sie all ihr Gift gegen das Stiefkind aus. Von nun an hat­te das keinen guten Tag mehr; fort­ja­gen wollte sie es aber nicht, des Gold­stück­es wegen, das sie selb­st jeden Mor­gen aus der Schüs­sel aufhob.

Nach einiger Zeit aber hörte der junge König von den Wun­der­gaben des armen Mäd­chens und sagte: Das und kein anders soll mein Ehegemahl wer­den!“ Er schick­te einen prächti­gen Wagen und schöne Klei­der hin, um es abholen zu lassen. Die Stief­mut­ter aber hat­te gle­ich einen boshaften Plan sich aus­gedacht ; sie set­zte sich mit ihrer häßlichen Tochter auch in den Wagen, und auf dem Wege stachen sie der Königs­braut die Augen aus und war­fen sie in einen Sumpf am Wege, ohne daß es der Kutsch­er merk­te. Dann zog die häßliche Tochter der Stief­mut­ter die Brautk­lei­der an, und so gelangten sie an die Burg. Der junge König kam ihnen ent­ge­gen und hob die ver­meintliche Braut aus dem Wagen und rief: Bist du es, nach der mein Herz ver­langt?“ – Ja, ja!“ sprach sie, son­st nichts mehr. Da ver­bre­it­ete sich ein entset­zlich­er Ges­tank, also daß dem König übel wurde. Als die falsche Braut im Schloßhofe so hing­ing, siehe da schössen gle­ich zwis­chen den Steinen Dor­nen empor, also daß man mit Not fortkom­men kon­nte. Was ist das ?“ rief der junge König ver­wun­dert, sind das die Gaben mein­er Braut ?“ – Das ist von der Anstren­gung der Reise!“ sprach die böse Mut­ter, es wird schon anders wer­den, nur muß die Braut eine Zeit­lang allein bleiben!“ Da schloß sich die Alte mit ihrer Tochter in ein Gemach ein, und als diese am andern Mor­gen sich wusch, goß die Alte selb­st das Wass­er aus, damit nie­mand die garstige Kröte bemerken solle.

Unter­dessen war das geblendete arme Mäd­chen aus dem Sumpfe her­aus­gekrochen und war unter einen Baum am Wege gekom­men, und da es ganz müde gewor­den, war es gle­ich eingeschlafen. Als es erwachte, wußte es nicht, ob es Tag oder Nacht sei, und es fing laut an zu jam­mern; da kamen drei ganz weiße Schwäne herange­flo­gen, die hörten die Klage und set­zten sich auf den Baum und sprachen: Du armes Kind, benet­ze deine Augen­höhlen mit dem Mor­gen­tau, der auf den Baum­blät­tern liegt!“ Kaum war das geschehen, so hat­te es frische Augen und sah noch weit bess­er als zuvor. Nun sah es auch, daß es schon lichter Tag war und daß die Leute ins Feld gin­gen. Es machte sich auf und wan­delte auf der Land­straße fort und kam gegen Mit­tag an die Königs­burg. Über­all aber standen die Leute still, sahen das Mäd­chen an und staunten; denn auf dem ganzen Wege hin­ter ihr wuch­sen die schön­sten Blu­men, und wie sie so fre­undlich die Leute grüßte, ver­bre­it­ete sich der angenehm­ste Duft. Als man dem jun­gen König meldete, es sei eine Bet­t­lerin draußen so und so, rief er freudig: Das ist keine Bet­t­lerin, daran erkenne ich meine liebe Braut; auf, machet die Tore weit und führet sie here­in zu mir!“ Er eilte aber selb­st hin­aus ihr ent­ge­gen, herzte und küßte sie.

Die Bosheit der Stief­mut­ter und ihrer häßlichen Tochter kam nun an den licht­en Tag. Der König ließ bei­de in ein Faß ein­schließen, das inwendig ganz mit Nadeln beschla­gen war, und sie von einem Berge ins Meer hinabrollen. Dann aber feierte er eine glänzende Hochzeit, und das arme Mäd­chen war jet­zt die lieb­ste und glück­lich­ste Königin.