Die faule Spinnerin

von  Brüder Grimm

~5 Min

Auf einem Dorfe lebte ein Mann und eine Frau, und die Frau war so faul, dass sie immer nichts arbeit­en wollte: und was ihr der Mann zu spin­nen gab, das spann sie nicht fer­tig, und was sie auch spann, haspelte sie nicht, son­dern liess alles auf dem Klauel gewick­elt liegen. Schalt sie nun der Mann, so war sie mit ihrem Maul doch vor­nen und sprach ​‚ei, wie sollt ich haspeln, da ich keinen Haspel habe, geh du erst in den Wald und schaff mir einen.‘ ​‚Wenns daran liegt,‘ sagte der Mann, ​’so will ich in den Wald gehen und Haspel­holz holen.‘ Da fürchtete sich die Frau, wenn er das Holz hätte, dass er daraus einen Haspel machte, und sie abhaspeln und dann wieder frisch spin­nen müsste. Sie besann sich ein biss­chen, da kam ihr ein guter Ein­fall, und sie lief dem Manne heim­lich nach in den Wald. Wie er nun auf einen Baum gestiegen war, das Holz auszule­sen und zu hauen, schlich sie darunter in das Gebüsch, wo er sie nicht sehen kon­nte und rief hinauf

‚wer Haspel­holz haut, der stirbt,
wer da haspelt, der verdirbt.‘

Der Mann horchte, legte die Axt eine Weile nieder und dachte nach, was das wohl zu bedeuten hätte. ​‚Ei was,‘ sprach er endlich, ​‚was wirds gewe­sen sein! es hat dir in den Ohren gek­lun­gen, mache dir keine unnötige Furcht.‘ Also ergriff er die Axt von neuem und wollte zuhauen, da riefs wieder von unten herauf

‚wer Haspel­holz haut, der stirbt,
wer da haspelt, der verdirbt.‘

Er hielt ein, kriegte angst und bang und sann dem Ding nach. Wie aber ein Weilchen vor­bei war, kam ihm das Herz wieder, und er langte zum drit­ten­mal nach der Axt und wollte zuhauen. Aber zum drit­ten­mal riefs und sprachs laut

‚wer Haspel­holz haut, der stirbt‘
wer da haspelt, der verdirbt.‘

Da hat­te ers genug, und alle Lust war ihm ver­gan­gen, so dass er eilends den Baum herun­ter­stieg und sich auf den Heimweg machte. Die Frau lief, was sie kon­nte, auf Neben­we­gen, damit sie eher nach Haus käme. Wie er nun in die Stube trat, tat sie unschuldig, als wäre nichts vorge­fall­en, und sagte ​’nun, bringst du ein gutes Haspel­holz?‘ ​‚Nein,‘ sprach er, ​‚ich sehe wohl, es geht mit dem Haspeln nicht,‘ erzählte ihr, was ihm im Walde begeg­net war, und liess sie von nun an damit in Ruhe.

Bald her­nach fing der Mann doch wieder an, sich über die Unord­nung im Hause zu ärg­ern. ​‚Frau,‘ sagte er, ​‚es ist doch eine Schande, dass das gesponnene Garn da auf dem Klauel liegen bleibt.‘ ​‚Weisst du was,‘ sprach sie, ​‚weil wir doch zu keinem Haspel kom­men, so stell dich auf den Boden und ich steh unten, da will ich dir den Klauel hin­aufw­er­fen, und du wirf­st ihn herunter, so gibts doch einen Strang.‘ ​‚Ja, das geht,‘ sagte der Mann. Also tat­en sie das, und wie sie fer­tig waren, sprach er ​‚das Garn ist nun gesträngt, nun muss es auch gekocht wer­den.‘ Der Frau ward wieder angst, sie sprach zwar ​‚ja wir wol­lens gle­ich mor­gen früh kochen,‘ dachte aber bei sich auf einen neuen Stre­ich. Früh­mor­gens stand sie auf, machte Feuer an und stellte den Kessel bei, allein statt des Gar­ns legte sie einen Klumpen Werg hinein, und liess es immerzu kochen. Darauf ging sie zum Manne, der noch zu Bette lag, und sprach zu ihm ​‚ich muss ein­mal aus­ge­hen, steh der­weil auf und sieh nach dem Garn, das im Kessel überm Feuer ste­ht: aber du mussts beizeit tun, gib wohl acht, denn wo der Hahn kräht, und du säh­est nicht nach, wird das Garn zu Werg.‘ Der Mann war bei der Hand und wollte nichts ver­säu­men, stand eilends auf, so schnell er kon­nte, und ging in die Küche. Wie er aber zum Kessel kam und hinein­sah, so erblick­te er mit Schreck­en nichts als einen Klumpen Werg. Da schwieg der arme Mann mäuschen­still, dachte, er hätts verse­hen und wäre schuld daran, und sprach in Zukun­ft gar nicht mehr von Garn und Spin­nen. Aber das musst du selb­st sagen, es war eine garstige Frau.

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