Die faule Kathrin

von Josef Haltrich

~5 Min

Es war ein­mal eine Frau, die hieß Kathrin und war faul wie ein Klumpen Blei; sie ging aber jeden Tag, um nicht zu Hause arbeit­en zu müssen, in den Wein­berg; hier tat sie gar nichts, son­dern nahm nur ihre Haue, schlug in die Erde und sprach: 

Jet­zt grabe, Haue!“ Dann legte sie sich nieder und schlief bis zur Essen­szeit. Wenn sie der Hunger weck­te, erhob sie sich ein wenig, aß gehörig und kehrte sich dann auf die andere Seite und schlief bis es Abend und Zeit war zum Heimge­hen. Dann nahm sie ihre Haue, ging schnell nach Hause und stellte sich, als ob sie von der Arbeit so schwitze, und aß auch wieder gut zum Nachtmahl. Eines Tages ging ihr Mann heim­lich ihr nach in den Wein­garten, um zu sehen, was sie vorgebe; aber da sah er wed­er etwas von Arbeit noch seine Frau; endlich fand er sie unter dem dick­en Nußbaum schlafen. Ha“, dachte er, vielle­icht kannst du auf eine kluge Art von dem faulen Tier frei wer­den.“ Er schlich leise zu ihr hin, nahm seine Hippe, schnitt ihr den lan­gen Zopf ab, ohne daß sie es merk­te, nahm dann die Haue und ging nach Hause. Hier sagte er seinen Kindern, die noch klein waren: Wenn eine Frau kommt ohne Zopf und ohne Haue und fragt: Ist eure Mut­ter zu Hause?‘ so sagt nur: Ja!‘ “ Damit ging er fort in die Müh­le und schloß hin­ter sich die Türe zu.

Als die Frau im Wein­garten gegen Mit­tag erwachte, rieb sie sich die Augen und schüt­telte den Kopf. Da fand sie ihn so ungewöhn­lich leicht; sie griff nach ihrem Zopf, allein der war nicht da. Am Ende bin nicht ich es!“ dachte sie, denn als ich mich schlafen legte, hat­te ich doch einen Zopf; du willst dich aber gle­ich überzeu­gen, du hat­test ja auch eine Haue mit!“ Als sie die Haue nicht fand, erstaunte sie und rief: Nein, wahrlich, das bin ich nicht! Du willst dich aber noch bess­er überzeu­gen, bevor du aburteilst!“

Damit ging sie so schnell oder so langsam, als nur eine faule, ver­schlafene Frau, wenn man sie nicht sieht, zu gehen pflegt, nach Hause. Im Gehen aber sprach sie immer vor sich hin: Bin ich es oder bin ich es nicht!“ Weil sie aber daheim die Türe zuges­per­rt fand, so ging sie ans Fen­ster und klopfte. Die Kinder sprangen gle­ich hin und sahen die Frau ohne Zopf und ohne Haue, wie sie ihr Vater beschrieben hat­te, und als diese nun fragte: Ist eure Mut­ter zu Hause?“ so sagten sie: Ja, ja!“ – Jet­zt“, sprach sie bei sich, ist es klar, daß nicht ich es bin; ich will aber gehen und mich suchen; am lan­gen Zopf und an der Haue im Wein­berg und an der Mut­ter, die nicht zu Hause ist, bin ich leicht zu erken­nen!“ So ging sie nun in die weite Welt, um sich zu suchen, und geht bis heute noch und kann sich nim­mer finden.

Als aber ihr Mann abends aus der Müh­le nach Hause kam und hörte, daß eine Frau so und so da gewe­sen und fort­ge­gan­gen sei, sprach er vergnügt; Gelobt sei Gott, der mich erlöst hat! Denn ich will tausend­mal lieber allein im Schweiße meines Angesichts mich und meine Kinder ernähren, als so ein faules Aas in meinem Hause länger erhalten.“