Die Errettung Fatmes

von Wilhelm Hauff

~19 Min

Mein Brud­er Mustapha und meine Schwest­er Fatme waren beina­he in dem gle­ichem Alter. Sie liebten einan­der innig und tat­en alles, was unserem Vater die Last seines Alters erle­ichtern konnte.

Zum sechzehn­ten Geburt­stag von Fatme ver­anstal­tete Mustapha ein großes Fest. Als es dann Abend wurde, führte er die ganze Gesellschaft auf eine fes­tlich geschmück­te Barke, um ein wenig auf die See hin­ausz­u­fahren. Fatme und ihre Gespielin­nen willigten mit Freuden ein. Es gefiel ihnen so gut, dass sie weit­er hin­ausz­u­fahren woll­ten. Mustapha tat es aber nur ungern, weil vor eini­gen Tagen ein Kor­sar gesichtet wor­den war.

Als die Barke nun einen die Spitze eines Felsvor­sprungs erre­ichte, sahen sie in geringer Ent­fer­nung ein Schiff, das mit Bewaffneten beset­zt war. Mein Brud­er Mustapha befahl den Rud­er­ern, die Barke dem Lande zuzu­rud­ern, doch das Kor­saren­schiff kam immer näher. Die Mäd­chen auf der Barke schrieen vor Angst und stürzten sich alle auf die antere Seite, worauf die Barke umschlug. Dieses Unglück hat­te man vom Lande aus beobachtet, und mehrere Boote stießen sogle­ich vom Lande ab, um den Schiff­brüchi­gen beizustehen.

In der Ver­wirrung war das feindliche Kor­saren­schiff entwischt. Auf den Ret­tungs­booten war man sich aber nicht sich­er, ob wirk­lich alle gerettet seien. Man schaute herum und fand, dass meine Schwest­er Fatme und eine ihrer Gespielin­nen fehlten. Dafür ent­deck­te man aber einen Frem­den an Bord, den nie­mand kan­nte. Mustapha dro­hte ihm, worauf dieser ges­tand, dass er zu dem feindlichen Schiff gehöre. Seine Gefährten hät­ten ihn im Stich gelassen, als er die bei­den Mäd­chen aus dem Wass­er hob. Auch sagte er, dass die Mäd­chen jet­zt auf dem Kor­saren­schiff seien.

Der Schmerz meines alten Vaters war gren­zen­los, und mein Brud­er Mustapha machte sich große Vor­würfe, denn jene Gespielin, die Fatmes Unglück teilte, war ihm als Braut bes­timmt. Mein Vater ließ Mustapha zu sich kom­men und sprach: Deine Torheit hat mir die Freude meines Herzens ger­aubt. Dafür muss ich dich auf ewig ver­ban­nen. Ich ver­fluche dich und deine Nachkom­men. Doch wenn du mir Fatme wieder­bringst, soll dein Haupt rein gewaschen und der Fluch des Vaters nichtig sein.”

So viel Hass hat­te mein armer Brud­er nicht erwartet. Er hat­te sich ja schon entschlossen, die Schwest­er und ihre Fre­undin zu befreien. Darum ließ er sich zu dem gefan­genen Seeräu­ber brin­gen und fragte ihn, wohin das Kor­saren­schiff fahre. So erfuhr er, das die Seeräu­ber ihre Sklaven gewöhn­lich in Bal­so­ra auf dem großen Markt verkauften.

Als Mustapha dann wieder nach Hause kam, schien sich der Zorn des Vaters ein wenig gelegt zu haben, denn er gab ihm einen Beu­tel mit Gold für die Reise. Mein Brud­er nahm weinend Abschied von den Eltern sein­er geliebten Braut, die Zoraides hieß, und machte sich auf den Weg nach Bal­so­ra. Am Abend des vierten Tages, als er ganz allein sein­er Wege ritt, begeg­neten ihm plöt­zlich drei Män­ner. Mein Brud­er merk­te gle­ich, dass sie gut bewaffnet und stark waren und hielt es für gescheit­er, sich zu ergeben. Die drei Räu­ber stiegen von ihren Pfer­den ab und ban­den ihm die Füße unter dem Bauch seines Pfer­des zusam­men. Dann nah­men sie ihn in die Mitte trieben ihre Pferde an.

Mustapha und seine Begleit­er mocht­en wohl eine Stunde gerit­ten sein, als sie in ein kleines Seit­en­tal ein­bo­gen. Dort sah er etwa zwanzig aufgeschla­gene Zelte. An den Pflöck­en der Zelte waren Kamele und schöne Pferde ange­bun­den. Die drei Räu­ber ban­den ihn nun los und führten ihn in ein Zelt, das im Innern hüb­sch aufgeputzt war. Goldbe­stick­te Pol­ster, edle Fußtep­piche und ver­gold­ete Rauch­p­fan­nen ließen Reich­tum und angenehmes Leben erahnen.

Auf einem der Pol­ster saß ein alter klein­er Mann. Sein Gesicht war hässlich, seine Haut schwarzbraun und glänzend, und eine tück­ische Schlauheit blitzte aus seinen Augen. Wo ist der Starke?”, fragten die drei Räu­ber. Er ist auf der Jagd”, antwortete der kleine Mann, aber er hat mir aufge­tra­gen, seine Stelle einzunehmen.”

Das ist nicht gut”, erwiderte die Räu­ber, Der Starke muss sich bald entschei­den, ob er diesen frem­den Hund hier ster­ben lassen will. Das kann nur der Starke entschei­den.” Der kleine Mann stand auf und holte mit sein­er Hand weit aus. Er schien große Lust zu haben, sich mit einen Schlag zu rächen. Als er aber sah, dass es ihm an Kör­per­größe man­gelte, fing er wie ein Rohrspatz an zu schimpfen.

Da tat sich auf ein­mal die Türe des Zeltes auf, und ein hoher, stat­tlich­er Mann trat here­in. Er war jung und schön wie ein Perser­prinz. Wer wagt es, in meinem Zelt Stre­it anz­u­fan­gen?”, rief er den Erschrock­e­nen zu. Eine Zeit lang herrschte Stille. Doch dann erzählte ein­er von Mustaphas Begleit­ern, was sich zuge­tra­gen hat­te. Da wurde das Gesicht des Starken, wie sie ihn nan­nten, rot vor Zorn. Wann habe ich dich je an meine Stelle geset­zt, Has­san?”, schrie er den kleinen Mann mit furcht­bar­er Stimme an. Dieser zuck­te zusam­men und schlich sich zur Zelt­türe. Ein mächtiger Tritt des Starken machte, dass er im hohen Bogen zur Zelt­türe hinausflog.

Als der Kleine ver­schwun­den war, musterte der Starke den Gefan­genen und sprach: Bas­sa von Suliei­ka! Dein Gewis­sen wird dir schon sagen, warum du nun vor Orbasan stehst.” Als mein Brud­er dies hörte, warf er sich nieder und antwortete: Oh Herr! Du bist im Irrtum. Ich bin nicht der Bassa!”

Alle im Zelt waren über diese Rede erstaunt. Der Herr des Zeltes aber sprach: Es kann dir wenig helfen, dich zu ver­stellen. Ich will dir die Leute vor­führen, die dich wohl ken­nen.” Da befahl Orbasan, die alte Zuleima vorzuführen, und man brachte ein altes Weib in das Zelt. Sie sah meinen Brud­er und sagte: Jawohl, das ist der Bas­sa von Suliei­ka. Ich schwöre es beim Grab des Propheten.”

Nun sank meinem armen Brud­er der Mut. Das ist der Fluch meines harten Vaters, der mich zum schmachvollen Tode treibt”, rief er weinend, Was soll nur aus mein­er Schwest­er und mein­er geliebten Zoraide wer­den?” Deine Ver­stel­lung hil­ft dir nichts”, sprach ein­er der Räu­ber und band ihm die Hände auf den Rück­en. Mach schon, dass du hier aus dem Zelte kommst! Der Starke beißt sich schon auf die Lip­pen und blickt nach seinem Dolch. Wenn du noch eine Nacht leben willst, so komm!”

Als man meinen Brud­er aus dem Zelt führen wollte, kamen aber andere Räu­ber, die einen Gefan­genen vor sich her­trieben. Wir brin­gen den Bas­sa, wie du uns befohlen hast”, sprachen sie und führten den Gefan­genen vor das Pol­ster von Orbasan. Der Gefan­gene sah meinem Brud­er täuschend ähn­lich. Nur im Gesicht war er viel dunkler.

Orbasan zeigte sich sehr erstaunt. Wer von euch ist denn jet­zt der wahre Bas­sa?”, sprach er, indem er bald meinen Brud­er, bald den anderen Mann ansah. Wenn du den Bas­sa von Suliei­ka meinst, dann bin ich es”, antwortete der zweite Gefan­gene in stolzem Ton. Orbasan sah ihn lange grim­mig an. Dann wink­te er schweigend, den Bas­sa wegzuführen.

Orbasan ging nun auf meinen Brud­er zu, zer­schnitt seine Fes­seln mit dem Dolch und wink­te ihm, sich auf ein Pol­ster zu set­zen. Es tut mir Leid, Fremdling”, sagte er, dass ich dich für den grässlichen Bas­sa hielt.” Daraufhin erzählte er meinem Brud­er alles und überre­dete ihn, die Nacht über als Gast in seinem Zelte zu bleiben. Mein Brud­er schlug ein, wurde vortr­e­f­flich bewirtet und schlief bis zum Mor­gen im Zelt des Räubers.

Als Mustapha aufwachte, war er ganz alleine im Zelt. Vor dem Zelt hörte er aber zwei Stim­men. Es waren Orbasan und der kleine Mann. Mein Brud­er lauschte ein wenig und hörte zu seinem Schreck­en, dass der Kleine immer wieder forderte, den frem­den Gast zu töten. Er könne das Räu­ber­lager ja ver­rat­en. Nein”, sprach Orbasan, er ist mein Gast, und das Gas­trecht ist mir heilig. Auch sieht er mir nicht aus, als wolle er uns verraten.”

Als Orbasan so gesprochen hat­te, schlug er den Vorhang des Zeltes zurück und trat ein. Friede sei mit dir, Mustapha!”, sprach er, lass uns den Mor­gen­trunk kosten, und rüste dich zum Auf­bruch!” Er reichte meinem Brud­er einen Bech­er Sor­bet. Dann schwan­gen sie sich auf ihre Pferde. Orbasan erzählte nun, dass der gefan­gene Bas­sa einst ver­sprochen habe, die Räu­ber auf seinem Gebi­ete zu dulden. Vor weni­gen Wochen habe er aber einen ihrer tapfer­sten Män­ner aufhän­gen lassen.

Am Aus­gang des Seit­en­tales zügelte Orbasan sein Pferd, und beschrieb meinem Brud­er den Weg nach Bal­so­ra. Zum Abschied sprach er: Mustapha, du bist auf son­der­bare Weise der Gast­fre­und des Räu­bers Orbasan gewe­sen. Du hast ungerechter­weise Tode­sangst aus­ge­s­tanden, und ich bin dir etwas schuldig. Nimm diesen Dolch hier als Andenken. Wenn du Hil­fe brauchst, so sende ihn mir zurück. Ich werde eilen, um dir beizustehen.”

Mein Brud­er dank­te ihm für seinen Edel­mut und nahm den Dolch. Jet­zt sprengte Orbasan wie ein Wirbel­wind davon und warf noch einen Beu­tel im hohen Bogen auf die Erde. Mustapha ging hin und nahm den Beu­tel auf. Er war mit Gold­stück­en reich gefüllt.

Am Mit­tag des sieben­ten Tages zog Mustapha in die Tore von Bal­so­ra ein. Kaum war er in ein­er Karawanserei abgestiegen, fragte er nach dem Sklaven­markt. Er bekam die Schreck­en­sant­wort, dass der Markt schon gewe­sen sei. Man bedauerte seine Ver­spä­tung und erzählte ihm, dass er viel ver­loren habe. Noch am let­zten Tage des Mark­tes seien zwei beson­ders schöne Sklavin­nen angekom­men. Man habe sich ordentlich um sie geris­sen und geschla­gen, und sie seien auch zu einem hohen Preise verkauft wor­den. Mein Brud­er erkundigte sich nun weit­er, und erfuhr, dass der Mann, der die bei­den Sklavin­nen gekauft hat­te, Thi­uli heiße. Dieser sei früher Kapu­dan-Bas­sa des Großher­rn gewe­sen. Jet­zt habe er sich aber mit seinen gesam­melten Reichtümern zur Ruhe gesetzt.

Mustapha wollte sich gle­ich wieder auf sein Pferd set­zen, um dem Thi­uli nachzueilen. Als er es aber recht bedachte, hat­te er einen schlauen Ein­fall. Die Ver­wech­slung mit dem Bas­sa von Suliei­ka, die ihm beina­he das Leben gekostet hat­te, brachte ihn auf den Gedanken, unter diesem Namen in das Haus des Thi­uli zu gehen. So kon­nte er dann unerkan­nt einen Ver­such zur Ret­tung der bei­den Mäd­chen wagen.

Er mietete einige Diener und Pferde, wobei ihm Orbasans Geld sehr zus­tat­ten kam, und machte sich fein her­aus­geputzt auf den Weg. Nach fünf Tagen näherte sich der Zug dem Schloss von Thi­uli. Man lagerte in der Nähe, und Mustapha bestrich sein Gesicht mit dem Saft ein­er Pflanze, die ihm eine bräun­liche Farbe gab. Nun sah er ganz wie der echte Bas­sa aus.

Er schick­te einen sein­er Diener in das Schloss und ließ im Namen des Bas­sa von Suliei­ka um ein Nacht­lager bit­ten. Der Diener kam bald wieder, und mit ihm vier schön gek­lei­dete Sklaven, die Mustaphas Pferd am Zügel nah­men und in den Schlosshof führten. Dort halfen sie ihm selb­st vom Pferd, und vier andere geleit­eten ihn hin­auf zu Thiuli.

Dieser empf­ing meinen Brud­er ehrerbi­etig und ließ ihm das Beste vorset­zen, was der Koch zubere­it­en kon­nte. Nach dem Essen brachte Mustapha das Gespräch auf die neuen Sklavin­nen. Thi­uli rühmte ihre Schön­heit und beklagte nur, dass sie immer so trau­rig seien. Mein Brud­er war sehr vergnügt über diesen Emp­fang und legte sich mit den schön­sten Hoff­nun­gen zur Ruhe nieder.

Er mochte unge­fähr eine Stunde geschlafen haben, da weck­te ihn der Schein ein­er Lampe. Als er sich aufrichtete, glaubte er noch zu träu­men, denn vor ihm stand jen­er kleine Mann aus Orbasans Zelt. Er hat­te eine Lampe in der Hand und sein bre­ites Maul ver­zog sich zu einem widri­gen Grin­sen. Mustapha zwick­te sich in den Arm, um sich zu überzeu­gen, dass er wach war. Der kleine Mann war immer noch da. Was willst du an meinem Bette?”, rief Mustapha, als er sich von dem Schreck erholt hat­te. Gib dir keine Mühe!”, sprach der Kleine. Ich habe wohl errat­en, warum du gekom­men bist.” Was hast du hier zu suchen?”, fragte Mustapha voll Wut, weil sein Plan mis­s­rat­en war. Das will ich dir sagen”, antwortete der Kleine. Ich kon­nte mich mit Orbasan nicht länger ver­tra­gen, und die Ursache warst du, Mustapha. Doch ich will dir zur Flucht ver­helfen, wenn du mir deine Schwest­er zur Frau gib­st. Tust du es nicht, gehe ich zu Thi­uli und erzäh­le ihm etwas von dem neuen Bassa.”

Mustapha war außer sich. Er musste das kleine Unge­heuer töten. Mit einem Sprung fuhr er aus dem Bette, um den Kleinen zu pack­en. Dieser ließ die Lampe schnell fall­en und entwischte mit laut­en Hil­fer­ufen in der Dunkel­heit. Jet­zt war guter Rat teuer. Die Mäd­chen musste er für den Augen­blick aufgeben und nur an die eigene Ret­tung denken. Er fasste seinen Dolch und seine Klei­der und schwang sich zum Fen­ster hin­aus. Der Fall war hart, aber er fühlte, dass er sich nichts gebrochen hat­te. Schnell sprang er auf, stieg über die Schloss­mauer und floh in einen kleinen Wald.

Mein Brud­er über­legte die ganze Nacht, was zu tun sei, und fand schließlich einen neuen Weg zur Ret­tung. Er ging in die näch­ste Stadt und forschte dort nach einem Arzt. Man riet ihm zu einem alten, erfahre­nen Mann. Mustapha kaufte bei ihm ein Mit­tel, das einen todesähn­lichen Schlaf her­beiführen kon­nte. Dieser Zus­tand ließ sich aber durch ein anderes Mit­tel wieder aufheben. Außer­dem kaufte sich mein Brud­er einen lan­gen falschen Bart, einen schwarzen Talar und aller­lei Büch­sen und Kol­ben. Er wollte sich als reisender Arzt aus­geben und kehrte so zum Schloss des Thi­uli zurück.

Dort ließ er sich als Arzt mit dem Namen Chaka­man­du­ba melden. Der prachtvolle Name klang sehr gelehrt, darum lud Thi­uli ihn gle­ich ein, mit ihm zu speisen. Als sie sich besprochen hat­ten, beschloss der Alte, seine Sklavin­nen von dem weisen Arzt unter­suchen zu lassen. Dieser kon­nte seine Freude kaum ver­ber­gen, dass er jet­zt seine geliebte Schwest­er wieder­se­hen sollte. Mit klopfen­d­em Herzen fol­gte er Thi­uli zum Serail.

Sie kamen in ein Zim­mer, das schön aus­geschmückt war, worin sich aber nie­mand befand. Cham­bal­la, oder wie du heißt,”, sprach Thi­uli, betra­chte jenes Loch dort in der Mauer. Dort wird jede mein­er Sklavin­nen ihren Arm her­ausstreck­en. Du kannst dann unter­suchen, ob der Puls krank oder gesund ist.” Mustapha mochte ein­wen­den, was er wollte, zu sehen bekam er die Frauen nicht.

Thi­uli zog nun einen lan­gen Zettel aus dem Gür­tel und begann mit lauter Stimme seine Sklavin­nen einzeln beim Namen zu rufen. Jedes Mal kam ein Arm aus der Mauer und der Arzt unter­suchte den Puls. Sechs waren schon abge­le­sen und sämtlich für gesund erk­lärt, da las Thi­uli den Namen Fatme vor, und eine kleine weiße Hand schlüpfte aus der Mauer. Zit­ternd vor Freude, nahm Mustapha diese Hand und erk­lärte sie mit wichtiger Miene für krank. Thi­uli war sehr besorgt und befahl, schnell eine Arznei für sie zu bereiten.

Der Arzt gehorchte und ging hin­aus. Er nutze diese Gele­gen­heit und schrieb auf einen kleinen Zettel: Fatme! Ich will dich ret­ten. Du musst bere­it sein, eine Arznei zu nehmen, die dich auf zwei Tage tot macht. Ich besitze aber das Mit­tel, das dich wieder zum Leben brin­gen wird. Willst du es, so sage nur, dass du den Trank nehmen wirst. Das soll mir ein Zeichen sein, dass du einwilligst.”

Thi­uli wartete schon ungeduldig auf den Arzt. Dieser fühlte der Kranken noch ein­mal den Puls und schob ihr dabei heim­lich den Zettel zu. Thi­uli schien in großer Sorge zu sein und fragte, wie es denn nun um den Trank ste­he. Mein Brud­er antwortete, die Kranke müsse sehr tapfer sein, um die übel schmeck­ende Medi­zin zu nehmen. Da hörten sie die Stimme von Fatme, wie sie sagte: Wenn die Arznei mir helfen kann, will ich sie gerne nehmen.” Und so geschah es.

Thi­uli führte meinen Brud­er nun in ein anderes Gemach. Er aber gab vor, draußen am See noch frische Kräuter sam­meln zu müssen. Das wurde ihm ges­tat­tet und er eilte zum Tor hin­aus. An dem See, der nicht weit ent­fer­nt war, zog mein Brud­er seine falschen Klei­der aus und warf sie ins Wass­er. Er selb­st aber ver­steck­te sich.

Mustapha war kaum eine Stunde lang aus dem Schloss wegge­blieben, da brachte man Thi­uli die Nachricht, dass seine Sklavin Fatme im Ster­ben liege. Verzweifelt schick­te er Boten an den See, um schnell den Chaka­man­du­ba zu holen. Die Boten kehrten aber bald zurück und erzählten, dass der arme Arzt im Wass­er ertrunk­en sei. Sein schwarz­er Talar schwimme im See, und hier und da gucke auch sein stat­tlich­er Bart aus den Wellen hervor.

Thi­uli sah keine Ret­tung mehr und ver­wün­schte sich und die ganze Welt. Das half aber nichts, denn Fatme tat bald den let­zten Atemzug. Nun befahl Thi­uli, einen Sarg zu machen, damit man den Leich­nam in das Begräb­nishaus brin­gen könne, das abseits vom Schlosse stand. Die Träger fol­gten diesen Weisun­gen und beeil­ten sich, den unheim­lichen Ort wieder zu verlassen.

Mein Brud­er, der sich im Begräb­nishaus ver­steckt hat­te, kam her­vor und zün­dete sich eine Lampe an. Dann zog er ein Glas her­vor, das die erweck­ende Arznei enthielt, und hob den Deck­el von Fatmes Sarg. Doch welch­es Entset­zen erfasste ihn, als sich beim Scheine der Lampe ganz fremde Züge zeigten! Wed­er seine Schwest­er Fatme, noch ihre Gespielin Zoraide, son­dern eine ganz Andere lag in dem Sarg. Mein Brud­er brauchte lange, um sich von dem neuen Schlag des Schick­sals zu erholen. Er öffnete sein Glas und flößte der Frem­den die Arznei ein. Sie atmete und öffnete langsam ihrer Augen.

Es dauerte eine Weile, bis sie sich an alles erin­nern kon­nte. Dann stand sie auf und warf sich Mustapha zu Füßen. Wie kann ich dir danken, gütiger Herr?”, rief sie. Du hast mich aus mein­er schreck­lichen Gefan­gen­schaft befre­it!” Mustapha unter­brach ihre Danksa­gun­gen mit der Frage, wie es denn geschehen sei, dass sie gerettet wor­den sei? Die Fremde sah ihn staunend an. Jet­zt wird mir meine Ret­tung erst klar, die mir vorher unbe­grei­flich war”, antwortete sie. Wisse, man nan­nte mich im Schloss Fatme, darum hast du mir den Zettel und den Ret­tungstrank gegeben.”

Mustapha forderte nun die Gerettete auf, ihm von sein­er Schwest­er und Zoraide Nachricht zu geben. So erfuhr er, dass bei­de noch im Schloss seien, aber nach der Gewohn­heit von Thi­uli neue Namen bekom­men hät­ten. Sie hießen jet­zt Mirza und Nurmahal.

Die gerettete Sklavin sah, dass mein Brud­er durch diese unglück­liche Fügung sehr niedergeschla­gen war. Sie sprach ihm Mut zu und ver­sprach, ihm einen Weg zu zeigen, wie er die bei­den Mäd­chen doch noch ret­ten kon­nte. Sie sprach: Ich bin zwar erst seit fünf Monat­en die Sklavin von Thi­uli, aber ich habe mir das Schloss genau ange­se­hen. Im inneren Hof des Schloss­es wirst du einen großen Brun­nen bemerkt haben, der aus zehn Röhren Wass­er speit. Ich erin­nerte mich, im Hause meines Vaters einen ähn­lichen Brun­nen gese­hen zu haben, dessen Wass­er durch eine Wasser­leitung her­beiströmt. Um nun zu erfahren, ob dieser Brun­nen auch so gebaut ist, fragte ich Thi­uli nach dem Baumeis­ter. Ich selb­st habe ihn gebaut’, antwortete er. Und das Wass­er kommt von einem Bach, der tausend Schritte weit weg ist. Die Wasser­leitung ist so hoch wie ein Mann. Die will ich dir nun zeigen. Durch sie kannst du nachts in das Schloss gelan­gen und die Mäd­chen befreien. Aber du brauchst noch zwei Män­ner, um die Wachen zu überwinden.”

Mein Brud­er Mustapha sah sich den Bach und die Wasser­leitung an und über­legte, woher er zwei oder drei treue Gehil­fen bekom­men kön­nte. Da fiel ihm Orbasans Dolch und sein Ver­sprechen ein. Er brachte die fremde Fatme in eine sichere Stadt und eilte zu dem Ort, wo er Orbasan das erste Mal getrof­fen hat­te. Der Räu­ber nahm ihn fre­undlich auf und Mustapha erzählte von seinen miss­lun­genen Ver­suchen. Orbasan ver­sprach sogle­ich Hil­fe und nahm noch drei sein­er tapfer­sten Män­ner mit. Sie rit­ten bis zu einem kleinen Wald, von wo aus man das Schloss gut sehen kon­nte. Dort lagerten sie, um die kom­mende Nacht zu erwarten.

Sobald es dunkel war, schlichen sie sich an den Bach, wo die Wasser­leitung anf­ing. Mit Waf­fen und Brecheisen wohl verse­hen, stiegen Mustapha, Orbasan und zwei Män­ner hinab in die Wasser­leitung. Sie sanken bis an den Gür­tel ins Wass­er, aber es ging gut vor­wärts. Nach ein­er hal­ben Stunde kamen sie an den Brun­nen im Schloss und set­zten ihre Brecheisen an. Die Mauer war dick und fest, doch mitvere­in­ten Kräften hat­ten sie bald eine Öff­nung geschaf­fen, um durchzuschlüpfen.

Orbasan ging voran und öffnete in einem mächti­gen Turm die Türe. Dort sah er sechs schwarze Sklaven schlafend auf dem Boden liegen. Schon wollte sich Orbasan wieder leise zurückziehen, als sich in der Ecke eine Gestalt aufrichtete und um Hil­fe rief. Es war der Kleine. Noch ehe die Schwarzen recht wussten, was geschah, stürzte Orbasan auf den Kleinen zu, ver­stopfte ihm den Mund und band ihm die Hände auf den Rück­en. Dann half er, die schwarzen Sklaven zu über­wälti­gen. Mustapha set­zte einem Sklaven den Dolch auf die Brust und fragte, wo Mirza und Nurma­hal wären, und der ges­tand, dass sie gle­ich nebe­nan seien. Mustapha stürzte in das Gemach und fiel sein­er Schwest­er Fatme und sein­er geliebten Zoraide mit Freuden­trä­nen in die Arme.

Schnell rafften die bei­den Mäd­chen ihren Schmuck und ihre Klei­der zusam­men und fol­gten Mustapha. Sie schlüpften in die Wasser­leitung, wohin ihnen Orbasan mit seinen Män­nern zu fol­gen ver­sprach. Die Räu­ber pack­ten den Kleinen, legten ihm ein Seil um den Hals und hängten ihn an der Spitze des Brun­nens auf. Danach stiegen auch sie in die Wasser­leitung. Die Freude war riesig, als mein Brud­er mit den Geretteten heimkehrte. Unser Vater ver­anstal­tete am Tag darauf ein großes Fest, und Mustapha erzählte, was geschehen war. Mein Vater stand auf und führte Zoraide zu ihm. Er sprach: So löse ich denn den väter­lichen Fluch von deinem Haupte. Nimm dieses zarte Geschöpf zu dein­er Braut. Du hast es dir redlich ver­di­ent. Möge es in unser­er Stadt immer Män­ner geben, die dir in brüder­lich­er Liebe, Klugheit und Eifer nachfolgen!”