Die erlöste Schlange

von Johann Wilhelm Wolf

~5 Min

Ein Bauer ging eines Mor­gens in aller Frühe ins Feld zur Arbeit. Die Sonne stieg auf und es wurde immer heißer, da legte er sein Wams ab und neben sich auf die Erde. Als die Glocke Elf schlug, wollte er es wieder anziehen um nach Hause zu gehen, da sah er zu seinem Schreck­en, dass eine Schlange darauf lag. Er schüt­telte das Wams, doch sie war nicht wegzubrin­gen, sie war wie angeza­ubert. Schon wollte der Bauer einen der­ben Fluch ausstoßen, da sprach die Schlange: Ich weiche nicht von deinem Wams und von dir, bis du mir ver­sprochen hast, mich zu heirat­en.“ Das schien dem Bauer doch beden­klich und er sprach: Das Heirat­en ist eine wichtige Sache, welche man nicht also ohne Weit­eres abmacht. Ich muss mich darüber besin­nen und will dir Antwort sagen.“

Er ging ins Dorf und zum Pfar­rer, fragte ihn, was er in der Sache zu tun habe? Der Pfar­rer besann sich lange, las in einem großen Buche und sprach: Gehe zurück und ver­sprich der Schlange sie zu heirat­en. Sie wird als­dann heute Nacht zu dir kom­men und hast du Mut, so ist dein Glück gemacht. Du musst sie mit dem Schlage Zwölf mit bei­den Hän­den fassen und über deinen Kopf in die Höhe hal­ten, darf­st sie aber nicht los lassen, komme, was da wolle.“ Rasch kehrte der Bauer in das Feld zurück und sprach zur Schlange: Ich will dich heirat­en.“ Da war sie ganz außer sich vor Freude und zap­pelte lustig, dann machte sie einen schö­nen Ring und war verschwunden.

Kaum hat­te sich der Bauer Abends zu Bette gelegt, da kam die Schlange in die Kam­mer und legte sich zu ihm. Er lag ganz ruhig bis zwölf Uhr, da pack­te er sie fest und hielt sie hoch über seinen Kopf. Sogle­ich flog die Tür auf und sechs große dicke Schlangen schnell­ten here­in und auf das Bett zu. Da wurde es dem Bauern warm und kalt, aber er fasste sich ein Herz und hielt aus, auch als die Schlangen sich an dem Bett her­aufringel­ten und ihn mit ihren dop­pel­ten Zun­gen umzis­cht­en, als woll­ten sie all ihr Gift auf ihn speien. Das dauerte bis es Eins schlug, da waren sie plöt­zlich ver­schwun­den. Die Schlange aber sprach: Ich danke dir, mein Erlös­er, dass du mich so treulich beschützt hast. Halte nur noch zwei Nächte also aus, dann bist du glück­lich und ich noch mehr.“ Damit ver­schwand sie und war keine Spur mehr von ihr zu sehen.

Als der Bauer am fol­gen­den Abend zu Bette ging, war die Schlange wieder bei ihm. Um zwölf Uhr fasste er sie aber­mals und hielt sie hoch empor. Da flog die Tür auf und zwölf dicke schwarze Schlangen wan­den sich here­in und an seinem Bett her­auf und ringel­ten sich um ihn, bis­sen nach ihm und sein­er Schlange. Obwohl er dies­mal mehr Mut hat­te, wurde ihm doch fast schlecht, als er das kalte Gewürm an sich fühlte, aber er nahm sich doch zusam­men, so gut er kon­nte und hielt aus bis die Glocke Eins schlug, da waren die Schlangen wie wegge­blasen. Seine Schlange aber sprach: Ich danke dir, mein Erlös­er, dass du so treulich aus­ge­hal­ten hast, jet­zt ist nur noch eine Nacht übrig, dann bin ich erlöst und du bist glück­lich auf Leben­szeit.“ Als sie das gesagt hat­te, war sie verschwunden.

Abends lag sie wieder bei ihm und sah ihn so recht fle­hentlich an mit ihren klu­gen Augen. Da schwoll ihm der Mut und er sprach zu sich selb­st: Ehe ich sie dem garsti­gen Gezücht preis gebe, lasse ich mich lieber selb­st von ihm fressen.“ Als es zwölf Uhr schlug fasste er sie und hielt sie hoch empor. Da sprang die Tür auf und in einem Augen­blick war die ganze Kam­mer voll von den hässlich­sten Schlangen, die zap­pel­ten und zis­cht­en und ringel­ten sich unter einan­der, dass es nicht zum Anse­hen war. Der Bauer drück­te die Augen zu und tat als höre und sehe er nicht. Sie wan­den sich ihm um Leib und Arme und Hals, zis­cht­en ihm ins Gesicht und bis­sen nach sein­er Schlange, aber er ließ sich das Alles nicht anfecht­en. So dauerte es bis ein Uhr, da tat es einen schw­eren Schlag in dem nahen Walde und die Unge­heuer waren ver­schwun­den. Auch die Schlange war ihm aus der Hand entschlüpft, dafür aber lag eine wun­der­schöne Königstochter neben ihm in seinem harten Bett, die sprach mit fre­undlichen Blick­en. Ich danke dir tausend­mal, mein lieber und getreuer Erlös­er, dass du mich gerettet hast. Nun wäh­le dir, willst du mein Gemahl wer­den, oder hun­dert Wagen Gold haben.“ Der Bauer rieb sich die Augen, denn er glaubte nicht anders, als das müsse ein Traum sein. Endlich sprach er: Wenn ihr mich zum Gemahl haben wollt, aller­schön­ste Prinzessin, dann möchte ich das lieber, als alles Gold auf der ganzen Welt.“ Da bot sie ihm die Hand und er umarmte und küsste sie. Am fol­gen­den Mor­gen, als er die Fen­ster­lä­den öffnete, da stand sein Häuschen in einem prächti­gen Garten mit den schön­sten Blu­men und Bäu­men und nicht weit davon lag ein Königss­chloss und eine große Stadt. Er wusste nicht, wo er stand und ob er wiederum seinen Augen trauen könne. Da sprach die Prinzessin: Was du da siehst, ist alles dein, dein Schloss und dein Garten und dein Kön­i­gre­ich.“ Und sie führte ihn in das Schloss und Bei­de wohn­ten darin und waren glück­lich auf Lebenszeit.