Die eisernen Stiefel

von Johann Wilhelm Wolf

~27 Min

Ein König hat­te ein großes Schloss, darin wohnte er mit sein­er Frau. Sie waren aber gar nicht glück­lich darin, denn sie hat­ten wohl Reichtümer genug, Diener­schaft die Menge und große Ställe voll Pferde, aber das Beste und Schön­ste fehlte ihnen, sie hat­ten keine Kinder. Das machte ihnen ihr Leben recht bit­ter und das Herz oft so schw­er, dass sie weinen mussten. Aber es schien ihnen noch viel mehr Trüb­sal und Leid bes­timmt, denn eines Tages brach ein großes Feuer aus, welch­es das ganze Schloss verzehrte. Der König kamen zwar mit dem Leben davon, aber von all ihren Schätzen und all ihrer Habe ret­teten sie nur eine eis­erne Kiste voll Gold. Damit baut­en sie das schöne Schloss wieder auf, aber die Freude währte nicht lange. Ein zweit­er Brand ver­schlang das neue Schloss und es wurde nichts gerettet, als die eis­erne Kiste, die aber war leer. So war der König plöt­zlich so arm gewor­den, wie der ärm­ste Mann in seinem Lande, und noch ärmer, denn ein armer Mann kann wenig­stens arbeit­en und sich sein Brot ver­di­enen, das aber kon­nte der König nicht. Seine Diener und Hofher­ren waren im Nu wie fort­ge­blasen, denn in des Königs Haus geht nicht viel Treue ein und aus und ein König kann noch viel eher sagen als unser eins: der Fre­unde in der Not gehen hun­dert auf ein Lot. Da nahm er seine Frau an der Hand und die Bei­den gin­gen tief betrübt in den Wald. Da stand ein ver­lassenes Hirten­häuschen, dies bezo­gen sie und wirtschafteten darin, wie geringe Leute. Der König trug selb­st sein Brennholz nach Hause und die Köni­gin machte sel­ber Feuer an und kochte Suppe und Kartof­feln. Das war sehr unge­wohnte Arbeit für sie, darum wurde es ihnen Anfangs recht sauer, aber nach und nach ging es immer bess­er und sie hat­ten sich mit jedem Tage lieber, viel lieber als da, wo sie noch auf dem Throne saßen und Alles vol­lauf hatten.

Eines Tages, als der König im Walde Holz fällte, trat ein fremder unbekan­nter Mann zu ihm, der fragte ihn, wie es ihm gehe? Nicht allzu gut“ sprach der König. Es will immer noch nicht so recht vor­wärts mit der Arbeit.“ Sprach der Fremde: Ihr habt nicht nötig zu arbeit­en, ihr kön­nt es bess­er haben, das liegt nur an euch.“ Wie meint ihr das?“ Wenn ihr mir schriftlich ver­sprecht, was ihr nicht wisst, dann fülle ich euch eure eis­erne Kiste mit Gold.“ Der König dachte: Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß, und gab dem Frem­den das Ver­sprechen auf ein Stück Papi­er. Der aber lachte boshaft und sprach: Dann las­set Beil und Holz nur hier liegen und geht nach Hause.“

Als der König nach Hause kam, sprang seine Frau ihm schon von weit­em ent­ge­gen und rief: Ein Glück kommt sel­ten allein, denke dir, die eis­erne Kiste ist voll Gold und was wir uns seit Jahren schon gewün­scht haben, unser größtes Glück das sollen wir auch bekom­men.“ Wie war der König da so froh! Er ließ als­bald alle möglichen Handw­erk­er kom­men, Mau­r­er und Zim­mer­mann, Schloss­er und Schrein­er und es dauerte nicht lange, da stand an der Stelle des Hüttchens das schön­ste Schloss von der Welt im Walde. Noch wohnte er keine drei Wochen darin, da erfüllte sich auch das andere Glück, denn die Köni­gin genas eines schö­nen Söh­nchens; so dass dem Könige nichts zu wün­schen übrig blieb.

Am fol­gen­den Tage ließ sich ein fremder Mann bei dem König melden. Als der­selbe here­in­trat, begrüßte ihn der König mit viel­er Freude und wollte ihm von seinem Glück erzählen, aber der Fremde sprach: Ich weiß schon Alles, dein Sohn ist ja das, was du mir ver­sprochen hast, ohne es zu wis­sen. Sobald er fün­fzehn Jahre alt ist, muss er in den Wald kom­men, da wo ich dich gefun­den habe, da will ich ihn holen und mit mir nehmen.“ Mit den Worten war der Fremde ver­schwun­den, der König stand aber da, wie vom Don­ner gerührt. Da lagen nun alle seine Hoff­nun­gen, und viel lieber wäre er wieder im Wald­häuschen gewe­sen, als in seinem großen und prächti­gen Schloss, denn um den Preis hat­te er ja seinen Sohn verkauft. In der ersten Zeit sagte er der Köni­gin nichts davon, als sie es aber später erfuhr, da weinte sie Tag und Nacht und wollte sich nicht trösten lassen. Der König suchte sie zu beruhi­gen und sagte: Wer weiß, ob es nicht bess­er geht, als wir glauben. Es wird sich wohl ein Mit­tel find­en, unser Kind zu ret­ten. Warum sollen wir uns jet­zt schon darüber quälen und uns alle Freude ver­bit­tern; Gott wird schon helfen, wenn wir das Unsrige tun.“ Eine Zeit lang schlu­gen diese Reden wenig an, später aber wurde die Köni­gin immer ruhiger und endlich ganz heit­er, denn sie hat­te Gott Alles anheim gestellt.

Als das Kind größer wurde, gaben es die Ältern einem from­men Priester zur Erziehung, dass er es in Allem unter­richte, was ein Prinz wis­sen muss. Sie ver­schwiegen ihm zwar, was es mit dem Knaben für eine gefährliche Bewandt­nis hat­te, denn der König schämte sich zu sagen, dass er sich mit dem Teufel ein­ge­lassen habe und sich von ihm betrü­gen lassen, doch der Priester merk­te es dem Kinde als­bald an, dass es dem Bösen ver­schrieben und verkauft war. Darum erzog er den Knaben vor Allem in der Gottes­furcht, ließ es aber dabei an andern Kün­sten und gelehrten Din­gen nicht fehlen. Als der Knabe das vierzehnte Jahr erre­icht hat­te, sprach er zu ihm: Gehe zu deinen Ältern und frage sie, an welchem Tage du in dem Walde sein musst, da wo dein Vater stand, als ihm der fremde Mann zuerst erschienen ist, und bringe mir Antwort um jeden Preis.“ Der Knabe ging in das Schloss und fragte zuerst seine Mut­ter, dann seinen Vater, doch Bei­de woll­ten es ihm nicht sagen, bis er sie bedro­hte; da ges­tand der König Alles, wie es war, und dass er an seinem fün­fzehn­ten Geburt­stage auf der Wald­wiese sein müsse. Get­rost kehrte der Prinz zurück, denn er fürchtete sich vor nichts; er blieb nun bei seinem Lehrer, dem er Alles wieder erzählte, und während des ganzen Jahres war nicht ein­mal die Rede von dem Aben­teuer, welch­es ihm bevorstand.

Am Mor­gen seines fün­fzehn­ten Geburt­stages trat der Prinz zu dem Priester und sprach: Ich komme, um Abschied von euch zu nehmen und euch für Alles zu danken, was ich hier gel­ernt habe. Mit Gottes Hülfe werde ich wohl des Teufels Meis­ter wer­den.“ Das geht nicht so leicht“, sagte der Priester; wenn du mir aber fol­gen willst, kann es dir nicht fehlen.“ Er gab ihm einen Stab und unter­richtete ihn in Allem, was er zu tun hat­te, begleit­ete ihn noch bis zum Rande des Waldes und schied von ihm mit seinem Segen und vie­len guten Wünschen.

Der Prinz schritt wack­er zu und kam bald an den Platz, wo er des Bösen warten sollte. Er schaute sich nach allen Seit­en um, aber da war nichts zu hören noch zu sehn. Der Wald lag toten­still da, kein Vogel sang darin, nur manch­mal raschelte ein Eich­hörnchen durch die Zweige oder ein Reh lief scheu vorüber. Da fing ihm wohl das Herz an zu pochen, doch fasste er all seinen Mut zusam­men und sang ein frisches frommes Lied. Da schallen plöt­zlich helle Töne, wie von viel­er Musik aus der Luft, Trom­meln und Pfeifen, Hörn­er und Geigen. Er schaute empor, da fuhr ein Schiff durch die Luft daher und auf ihn zu, darin saß eine Menge von Teufeln, die musizierten und san­gen und schrieen dazwischen:

Die Zeit und Stunde die ist aus,
Fer­di­nand, Fer­di­nand komm herauf!“

Dabei streck­ten sie die Klauen nach ihm aus, um ihn zu greifen, aber er nicht faul schlug ihnen mit dem Stabe drauf, da heul­ten sie ganz erbärm­lich und fuhren weit­er, als ob ein Gewit­ter hin­ter ihnen drein gewe­sen wäre.
Der Prinz atmete frisch auf, doch nicht lange, denn da kam ein zweites Schiff gefahren, darin saßen noch viel ärg­ere und größere Teufel als in dem ersten; sie macht­en eine so durch­drin­gende Musik, dass er sich fast die Ohren zuhal­ten musste, und schrieen:

Die Zeit und Stunde die ist aus,
Fer­di­nand, Fer­di­nand komm herauf!“

grif­f­en auch mit ihren Klauen und Krallen nach ihm. Er teilte ihnen aber so gründliche Schläge aus, dass sie heulend zurück­fuhren und das Schiff schoss weit­er, wie ein Pfeil vom Bogen.
Jet­zt war des Prinzen Mut gewach­sen, denn da er die zwei Schiffe voll Teufel bestanden hat­te, meinte er auch das dritte noch beste­hen zu kön­nen, wenn ja ein solch­es noch kom­men sollte. Nun kam zwar kein Schiff weit­er, doch sein Mut litt eine noch härtere Probe. Es fuhr näm­lich ein gold­ner Wagen her­an, der mit feuri­gen Pfer­den bespan­nt war, daraus erscholl eine so sin­nver­wirrende Musik, dass Fer­di­nand sein­er Besin­nung nur schw­er Meis­ter blieb. Wie in den Schif­f­en, so saßen auch in dem Wagen Teufel die Menge, zu oberst aber der Alt­teufel, der lehnte sich weit aus dem Wagen her­aus und rief mit gräulich­er Stimme:

Die Zeit und Stunde die ist aus,
Fer­di­nand, Fer­di­nand komm herauf!“

Dabei hielt er dem Prinzen das Papi­er vor, welch­es der König unter­schrieben hat­te. Fer­di­nand nahm aber all seine Kraft zusam­men und schlug den Alt­teufel, als der­selbe nach ihm greifen wollte, mit dem Stabe tüchtig auf seine Pfote. Da ließ er die Hand­schrift fall­en und schrie, dass der ganze Wald wider­hallte; die Pferde schnaubten Feuer und der Wagen zis­chte durch die Luft dahin schneller wie der Blitz.

Nun stand Fer­di­nand allein im Walde da, aber sein Herz war leicht und fröh­lich und auch der Wald wurde jet­zt lebendig; wie nach einem schw­eren Gewit­ter, so kamen die Vöglein aller Orten her­vor und san­gen und jubilierten, die Hirsche und Rehe sprangen munter daher, als hät­ten sie gar keine Scheu vor ihm, und das Bäch­lein hüpfte frisch über die weißen Kiesel. Der Prinz eilte zu seinem Lehrer zurück, welch­er ihn mit banger Span­nung erwartete und sich gar sehr freute, ihn wiederzuse­hen. Du bist zu großen und schö­nen Din­gen berufen“, sprach der Priester da, darum kannst du nicht länger bei mir bleiben und musst nun fort in die Welt.“ Der Prinz erwiderte: Nun ich mit dem Teufel fer­tig gewor­den bin, habe ich eine wahre Sehn­sucht in mir nach dem Him­mel­re­ich, darum bitte ich euch, dass ihr mir fern­er helfet und saget, wie ich dahin gelan­gen kann.“ Davon kann ich dir wenig sagen“, sprach der Priester. Gehe aber im Walde fort, bis du an das große Wass­er kommst, welch­es jen­seits des­sel­ben liegt; da wohnt ein Ein­siedel, der kann dir mehr davon sagen, wie ich.“

Da nahm Fer­di­nand Abschied von dem Priester und wan­derte in den Wald hinein. Er hat­te schon manchen Schritt und Tritt getan, da wurde es eines Tages lichter und immer lichter, der Wald öffnete sich vor ihm und er kam an ein großes Wass­er, dessen Ende er gar nicht abse­hen kon­nte. Am Ufer lag ein Häuschen von Holz und Moos mit einem Kreuzchen drauf, da klopfte er an. Die Tür ging auf und der Ein­siedel mit seinem lan­gen grauen Bart und der braunen Kutte trat her­aus. Der Prinz grüßte ihn beschei­dentlich und fragte ihn: Kön­nt ihr mir sagen, wie ich den Weg zum Him­mel­re­ich finde?“ Der Ein­siedel antwortete: Ich kann dir das nicht sagen, ich wohne schon drei­hun­dert Jahre hier und sah in all der Zeit keinen Men­schen; aber mein Brud­er weiß es wohl, der wohnt drei­hun­dert Meilen von hier, jen­seits des Wassers, wenn du ihn fra­gen willst, wird er es dir sagen.“ Wie soll ich aber über das Wass­er kom­men?“ fragte der Prinz weit­er und der Ein­siedel ging mit ihm zum Ufer, wo ein Kahn lag und sprach: Set­ze dich hinein und du wirst den Weg bald gemacht haben.“ Fer­di­nand dank­te dem from­men Manne, set­zte sich in den Kahn und sogle­ich begann die Reise. Der Kahn schoss leicht und schnell über die Wellen daher, als ob sechs Rudr­er gerud­ert hät­ten und der Wind in volle Segel geblasen hätte. Ehe er es sich ver­sah, war der Prinz am andern Ufer und sprang aus dem Kahn ans Land. Er schritt heit­ern Gemütes weit­er, bis er aber­mals an ein großes Wass­er kam. Da stand am Ufer wiederum ein Häuschen von Holz und Moos mit einem Kreuzchen drauf und drin­nen saß der Ein­siedel mit weißem Bart und brauner Kutte und las in einem großen Buch; vor ihm stand ein Totenkopf und sein Wasserkrü­glein. Fer­di­nand grüßte ihn und fragte: Kön­nt ihr mir nicht sagen, wie ich den Weg in das Him­mel­re­ich finde?“ Der Ein­siedel antwortete: Ich kann es dir nicht sagen, ich wohne schon drei­hun­dert Jahre hier und habe in der Zeit keinen Men­schen gese­hen, aber mein Brud­er, der jen­seits des Wassers wohnt, ist älter und klüger als ich, der kann es dir wohl sagen, wenn du ihn fra­gen willst.“ Wie soll ich aber über das Wass­er kom­men?“ fragte der Prinz. Dazu will ich dir ver­helfen“, sprach der Ein­siedel und ging mit ihm zum Ufer, wo ein Kahn lag: Set­ze dich nur in diesen Kahn und du wirst bald dort sein.“ Fer­di­nand dank­te ihm, stieg in den Kahn und fort ging es, wie der Wind. Bald lan­dete der Kahn und er sprang ans Land. In der Ferne sah er schon das Haus des drit­ten Ein­siedels, es war aber viel höher und größer, wie das der bei­den andern. Der Prinz trat zu der Tür und klopfte, da kam der Ein­siedel her­aus. Fer­di­nand grüßte ihn beschei­dentlich und fragte: Kön­nt ihr mir nicht sagen, wie ich den Weg zum Him­mel­re­ich finde?“ Der Ein­siedel sprach: Ich wohne bere­its seit drei­hun­dert Jahren hier, aber noch hat mich kein­er nach dem Him­mel­re­ich gefragt; ich kann es dir nicht sagen, aber droben im andern Stock des Haus­es wohnen aller­lei Vögel, die kön­nen es dir jeden­falls sagen.“ Der Prinz dank­te dem Ein­siedel für seinen Rat, stieg in den obern Stock, wo die Vögel waren und fragte sie: Wis­set ihr nicht, wie ich den Weg ins Him­mel­re­ich finde?“ Da schrieen alle die Vögel durcheinan­der: Wir wis­sen es nicht, wir wis­sen es nicht, aber wir sind nicht alle beisam­men. Der Vogel Greif ist aus­ge­flo­gen, wenn der wiederkommt, kann er es dir sagen, er ist eben im himm­lis­chen Paradies.“ Es dauerte dem Prinzen gar lange, bis der Vogel Greif kam, auch war da ein Lärm und Geschrei von den Vögeln, dass er sich die Ohren zuhal­ten musste. Endlich schrieen sie: Da kommt er! da kommt er!“ Der Prinz trat ans Fen­ster und sah, wie von fern­her eine große Wolke her­an­flog, als sie näher kam, wurde sie immer größer und dabei rauschte es, wie ein stark­er Wind. Das war der Vogel Greif, er flog auf das Haus zu und ließ sich vor dem­sel­ben nieder. Fer­di­nand trat zu ihm und fragte: Kannst du mir sagen, wie ich in das Him­mel­re­ich komme?“ Sagen kann ich es dir wohl“, sprach der Greif, aber das Sagen allein hil­ft dir nichts, denn du kannst wed­er zu Wass­er noch zu Lande hinein. Ich will dir aber helfen und dich hinein­tra­gen.“ Fer­di­nand wollte ihm danken, aber ehe er noch sprechen kon­nte, fasste der Greif ihn schon mit seinen unge­heuren Klauen und flog mit ihm auf, immer höher und höher, bis er ihn im Him­mel­re­ich niedersetzte.

Der Prinz schaute sich erfreut um. Er stand in einem her­rlichen Garten voll der prächtig­sten Blu­men und Bäume; in der Mitte erhob sich ein hohes stolzes Schloss, das leuchtete in der Sonne wie von purem Gold. Vor dem Schlosse lag ein großer, großer Teich und in dem Teich eine große furcht­bare Schlange. Die hätte manchen Andern in Furcht und Schreck­en ver­set­zt, der Prinz aber hat­te längst ver­lernt, was es heiße Furcht haben. Er ging keck auf den Teich los und betra­chtete sie, da hob sie ihr Haupt aus dem Wass­er empor, sah ihn mit klu­gen Augen an und sprach: Fer­di­nand, ich habe schon lange auf dich gehofft und gehar­rt, denn du sollst mich erlösen und kein Ander­er kann es, als du allein.“ Der Prinz fragte: Wie soll ich dies denn anfan­gen?“ Die Schlange antwortete: Du musst drei Nächte im Schlosse schlafen. Da wird dir aller­hand begeg­nen, aber du darf­st dich nichts anfecht­en lassen, was auch komme. Bestehst du diese Zeit, dann bin ich erlöst und wir sind Bei­de glück­lich, du und ich.“ Der Prinz ver­sprach ihr gerne das Beste, denn er dachte, wenn er so viel aus­ge­hal­ten habe, dann könne er auch noch die drei Nächte aushal­ten. Da gab ihm die Schlange noch aller­lei Ratschläge, wie er sich zu ver­hal­ten habe, dann tauchte sie ihr Haupt nieder unter das Wass­er und war verschwunden.

Fer­di­nand ging in dem Garten umher, die wun­der­baren Bäume und Blu­men zu beschauen und betrat zulet­zt auch das Schloss. Da stand ein reich gedeck­ter Tisch im schön­sten Saale, den man mit Augen sehen kann. Er set­zte sich hinzu und ließ es sich wohl schmeck­en, und je mehr er aß und trank, um so mehr neue und köstlichere Speisen wur­den von unsicht­baren Hän­den her­beige­tra­gen. Gegen Abend legte er sich zu Bette, aber er kon­nte nicht schlafen, denn er war allzu neugierig, was wohl in der Nacht vorge­hen werde.

Gegen zwölf Uhr fuhr die Tür auf und eine große Gesellschaft von prächtig gek­lei­de­ten Her­ren und Frauen kam here­in. Viele Diener mit Kerzen gin­gen ihnen zur Seite und hin­ter­her kam eine zahlre­iche Bande von Musikan­ten, welche lustige Tänze spiel­ten. Hei, war das ein Leben! Fer­di­nand sah ihnen ver­wun­dert zu, wie sie tanzten und sprangen, aber er hütete sich wohl mit ihnen herum zu sprin­gen. Da kamen sie alle nach der Rei­he an sein Bett und luden ihn ein, mit zu tanzen und sich mit ihnen zu freuen, aber er tat, als höre und sehe er nichts und blieb unbe­weglich da liegen, wie ein Stock. Das dauerte so fort, bis die Glocke Eins schlug, da ver­schwand der ganze Spuk. Zugle­ich ringelte sich die große Schlange here­in und sprach: Fer­di­nand, mein Erlös­er, eine Nacht hast du aus­ge­hal­ten und zwei ste­hen dir noch bevor; fürchte dich aber nicht, es geschieht dir nichts und Nie­mand kann dir am Leben schaden.“

In der zweit­en Nacht hat­te es wiederum kaum Zwölf geschla­gen, als dieselbe Gesellschaft mit Dienern und Musikan­ten in das Zim­mer trat und ihre Tänze begann. Sie kamen an sein Bett und riefen, er solle her­aus kom­men und mit ihnen tanzen, doch er blieb liegen und hörte nicht auf sie. Da dro­ht­en sie ihm und als er auch da noch liegen blieb, zer­rten sie ihn her­aus, schlu­gen ihn und trat­en ihn mit Füßen, doch er ließ es sich ruhig gefall­en und das wurde ihm nicht schw­er, denn er fühlte nichts davon. Also ging es fort, bis es Eins schlug, da ver­schwand die ganze Sipp­schaft. Die Schlange kam wieder here­in und sprach: Fer­di­nand, Erlös­er, zwei Nächte hast du glück­lich aus­ge­hal­ten und eine ste­ht dir noch bevor; das ist die härteste von allen. Fürchte dich aber nicht, es geschieht dir nichts und Nie­mand kann dir am Leben schaden.“

Der Prinz erwartete mutig in der drit­ten Nacht die zwölfte Stunde. Als es schlug erschien auch das gespen­stis­che Volk wieder und begann seine alten Stre­iche. Zuerst tanzte es allein, dann wollte es ihn ver­lock­en mit zu tanzen. Als er stand­haft blieb und sich nicht rührte, da ris­sen sie ihn aus dem Bette her­aus und schlu­gen ihn und als auch das nicht helfen wollte, da schnit­ten sie ihn in Stücke und tanzten darauf im Zim­mer herum, bis es Eins schlug. Da ver­sto­ben sie wie ein Rauch. Zugle­ich öffnete sich aber die Tür und here­in kam – nicht die Schlange, son­dern die aller­schön­ste Königstochter. Die ging im Zim­mer umher, las die Stücke zusam­men und fügte sie aneinan­der. Als das let­zte Stückchen dabei war, da sprang der Prinz auf und war so frisch und gesund wie vorher und schaute die Königstochter mit erstaunten Augen an. Da sprach sie: Fer­di­nand, mein Erlös­er, jet­zt hast du dein Werk voll­bracht und ich bin dein auf ewig; wir bleiben nun beisam­men und du hast Alles, was dein Herz begehrt.“ Da umarmte sie der Prinz und küsste sie und Bei­de waren froh und glück­selig. Sie führte ihn in dem ganzen Schloss umher und da wim­melte es von Bedi­en­ten und Hofher­ren, über­all war ein neues Leben eingekehrt. Nach­dem sie ihm das Schloss gezeigt hat­te, führte sie ihn auch in den wun­der­her­rlichen Garten, wo jet­zt Alles noch viel schön­er als vorher stand; nur an einem kleinen Garten­häuschen ging sie vorüber und schloss es nicht auf. Da fragte der Prinz, was in dem Häuschen sei, aber sie sprach: Da frage nicht und schließe es auch nie auf, wenn du mich lieb hast, denn wenn du dies tust, ist es dein Unglück.“ Da drang er nicht weit­er in sie und ver­sprach ihr, er wolle nie hinein schauen.

Eine Zeit­lang lebte der Prinz mit der schö­nen Königstochter in Glück und Freude; nach und nach aber musste er stets, wenn er in dem Garten war, auf das Garten­häuschen schauen, und er wurde mit jedem Tage neugieriger zu wis­sen, was wohl darin sein möge. Er sagte der Königstochter nichts davon, denn er schämte sich, ihr wieder davon anz­u­fan­gen, nach­dem er ihr doch das Ver­sprechen gegeben hat­te, nicht hinein­schauen zu wollen. Wenn er allein im Garten war, ging er um das Häuschen herum, ob er eine Ritze fände, durch die er hinein­guck­en kön­nte, aber die Fen­ster und die Türe waren ganz dicht. Zulet­zt aber kon­nte er seine Neugi­er nicht mehr bändi­gen, trat hinzu und schloss kurz und gut die Türe auf. Da sah er tief, tief hinab und unter sich die Welt, auf der Welt aber seines Vaters Schloss. Als­bald über­fiel ihn ein schmer­zlich­es Heimweh und er musste immer denken: Ach wäre ich doch nur Ein­mal wieder zu Hause, sähe ich meine Ältern doch nur Ein­mal wieder.“ Anfangs ließ er sich nichts davon merken, denn er schämte sich, sein Ver­sprechen gebrochen zu haben, aber er wurde von Tag zu Tage stiller und betrübter. Da bat ihn seine Frau eines Mor­gens, er solle ihr doch sagen, was ihm fehle und sofort wolle sie es ihm gewähren. Ich möchte meine lieben Ältern ein­mal wieder sehn, ich habe sie so lange nicht gese­hen“, sprach er. Da seufzte sie tief auf und sagte: So hast du dein Ver­sprechen nicht gehal­ten. Da es nun aber nicht anders sein kann, so fahre hin und besuche sie, nur merke dir das Eine: Wenn du in Not ger­at­en soll­test, dann rufe mich bei meinem Namen Katha­ri­na Mag­dale­na, so bin ich als­bald bei dir. Hüte dich jedoch, es ohne Not zu tun, denn dann würdest du mein und dein Unglück vol­len­den und uns Bei­de in bit­teres Lei­den brin­gen.“ Der Prinz ver­sprach ihr in sein­er Freude Alles, was sie wollte und wie bald er wieder zurück­kehren werde. Dann nahm er Abschied von ihr, set­zte sich in einen prächti­gen Wagen mit sechs Schim­meln bespan­nt und fuhr hinab zur Erde und ger­aden Wegs nach seines Vaters Schloss.

Ach da fand er unter­dessen gar vieles verän­dert. Seine liebe Mut­ter war gestor­ben und sein Vater hat­te eine andere Frau genom­men, welche noch sehr jung und dabei über­aus schön war. Der alte König war über alle Maßen glück­lich, als er seinen Sohn nach so langer Zeit wieder­sah, und ver­anstal­tete ein Fest über das andere zur Feier sein­er Rück­kehr. Als nun alle Gäste bei Tis­che saßen und die junge Köni­gin gar so schön in ihrem Schmuck glänzte, da sprach der König: Du bist nun viel in der Welt herumgekom­men und hast manche schöne Frau gese­hen, gib aber ein­mal der Wahrheit die Ehre und sage mir, ob du je ein so schönes Weib gese­hen hast, wie meine Gemahlin ist.“ Der Prinz sprach: Deren gibt es wohl wenige, aber ich weiß doch eine, welche noch tausend­mal schön­er ist.“ Das ist nicht möglich!“ rief der König, und das glaubt dir kein Men­sch, bevor er sie sieht. Ich möchte aber wis­sen, wo sie denn zu find­en wäre.“ Das will ich dir sagen“, sprach der Prinz, es ist meine Frau, und die hat ihres Gle­ichen nicht und neben ihr kann keine andere aufkom­men.“ Das ärg­erte den König und er bestand darauf, es sei unmöglich und wenn es wahr wäre, dann hätte Fer­di­nand sie wohl mit­ge­bracht. Also strit­ten sie und erhitzen sich immer mehr, bis der Prinz rief: Nun so muss sie her­bei und mag es gehen wie es will. Katha­ri­na Mag­dale­na!“ Da trat die wun­der­schöne Frau here­in, und Alle ver­s­tummten, weil sie so über­schön war, dass ihr nichts ver­glichen wer­den kon­nte; aber sie sah gar blass und trau­rig aus. Sie kam schweigend an den Tisch und schrieb mit ihrem feinen schneeweißen Fin­ger darauf; das gab gold­ene Buch­staben und lautete also:

Es ist dir unmöglich, ein Paar eis­erne Stiefel zu zer­reißen
Und eben­so unmöglich, wieder ins himm­lis­che Paradies zu reisen.“

Und als sie das geschrieben hat­te seufzte sie tief auf und ver­schwand. Der Prinz war schon erschrock­en, als sie so blass und trau­rig here­in­trat, und seine Schuld lag ihm schon in dem Augen­blick schw­er auf dem Herzen. Jet­zt aber, wo er sah, dass er durch seinen Leichtsinn sein ganzes Glück ver­scherzt und seine liebe Frau ver­loren hat­te, war er ganz trost­los. Er fasste sich aber bald einen Mut und sprach zu sich sel­ber: Was ich ver­brochen habe, dafür will ich auch Buße tun, und ging aus dem Saal, ohne einem der Gäste Lebe­wohl zu sagen. Diese waren Alle so sehr von der Erschei­n­ung getrof­fen, dass ihnen die Lust zum Essen und Trinken ganz ver­gan­gen war und ein­er nach dem andern sich leise fortschlich.

Fer­di­nand ging aber zu einem Schmied, der musste ihm ein Paar eis­erne Stiefel an die Füße schmieden, damit wan­derte er in die weite Welt hin­aus. Jahr aus, Jahr ein zog er also herum, von Land zu Land, von Stadt zu Stadt und gön­nte sich kaum die allernötig­ste Ruhe. Da war ihm kein Som­mer zu heiß und kein Win­ter zu kalt, kein Berg zu steil und kein Weg zu schlecht, er wan­derte immer und immer zu und war da kein Hal­ten an ihm.

Als nun ein­mal nach einem gar harten und kalten Win­ter, worin er viel Müh­sal aus­ge­s­tanden hat­te, der liebe Gott die große warme Stube wieder auf­schloss, schaute er eines Mor­gens nach sein­er Gewohn­heit nach den Stiefeln, ob er sie nicht bald zu Schan­den gelaufen habe. Da sah er, dass die Sohlen so dünn waren, dass sie keine acht Tage mehr hal­ten kon­nten. Das war die erste fro­he Stunde, welche er seit vie­len Jahren wieder hat­te und er dank­te Gott auf seinen Knien dafür. Sein erster Weg war nach dem Walde zu, an dessen Ende der Ein­siedel am großen Wass­er wohnte. Er bat ihn, dass er ihm nur ein­mal noch den Kahn gebe, der ihn über das große Wass­er trüge und der gute Ein­siedel führte ihn zum Ufer und hieß ihn ein­steigen. Eben­so schnell wie das erstemal war er am andern Ufer. Der zweite Ein­siedel half ihm dort in den andern Kahn, also kam er zu dem drit­ten Ein­siedel, welch­er ihn zu den Vögeln schick­te. Es dauerte nicht lange, da flog der Vogel Greif wieder her­an und Fer­di­nand bat ihn fle­hentlich, er möge ihn noch ein­mal in das Him­mel­re­ich tra­gen.. Da fasste der Greif ihn mit seinen starken Klauen und erhob sich in die Luft und flog immer höher und höher, bis er den Prinzen in dem wun­der­schö­nen Paradies­garten nieder­set­zte. Unter­wegs fragte Fer­di­nand, wie es der schö­nen Prinzessin erge­he? Da sprach der Greif: Seit­dem du fort warst, ist sie sehr trau­rig gewe­sen, nun aber feiert sie ihre Hochzeit mit ihrem neuen Gemahl.“ Das schnitt dem armen Prinzen durch das Herz, und er bat den Greif, doch nur schnell zu fliegen, bevor die Prinzessin mit ihrem neuen Gemahl in ihre Kam­mer gehe.

Als der Prinz an das Schloss kam, da erscholl ihm her­rliche Musik ent­ge­gen und Alles war Freude und Lust. Leise schlich er durch das Tor und die Trep­pen hinan zu der Kam­mertür sein­er lieben Frau. Da zog er seine jet­zt ganz zer­ris­se­nen Stiefel aus und stellte sie hin; an die Türe schrieb er:

Es ist möglich, ein Paar eis­ern­er Stiefel zu zer­reißen,
Und ist auch möglich ins himm­lis­che Paradies zu reisen.“

Er sel­ber aber stellte sich nebe­nan in eine dun­kle Ecke. Abends als die Königstochter mit ihrem neuen Gemahl in ihre Kam­mer einge­hen wollte, stieß sie an die eis­er­nen Stiefel. Da erschrak sie freudig, aber noch mehr, als sie das Haupt erhob und auf der Tür las, was der Prinz geschrieben hat­te. Sie erkan­nte daraus, dass ihr geliebter Fer­di­nand wieder zurück­gekehrt sei, hieß ihren neuen Gemahl auf den andern Abend warten und ging allein in ihre Kam­mer. Wie war der Prinz so glück­lich, als er sie in ihrer ganzen Schön­heit wieder­sah und nun wusste, dass sie ihn doch lieber habe, als ihren neuen Gemahl. Er regte sich aber nicht in sein­er Ecke, bis sie in ihrem Zim­mer war, dann ging er und offen­barte sich den Bedi­en­ten, befahl ihnen jedoch, keinem Men­schen etwas von sein­er Rück­kehr zu sagen. Er wurde nun in seine prächtige Kam­mer geführt, wo er die Nacht blieb, er schlief aber nicht vor lauter Freude.

Am fol­gen­den Tage wurde auf Befehl der Prinzessin ein her­rlich­es Mahl bere­it­et und alle Hochzeits­gäste dazu geladen. Als nun die Speisen aufge­tra­gen waren, erhob sich die Prinzessin und sprach: Ich habe eine eis­erne Kiste, worin ich meine Perlen und Edel­steine ver­schlossen halte. Durch Unvor­sichtigkeit ver­lor ich den Schlüs­sel dazu. Ich suchte lange vergebens dar­nach, als ich ihn nicht find­en kon­nte, ließ ich den Schloss­er kom­men und bestellte einen neuen Schlüs­sel. Nun habe ich glück­licher­weise den alten Schlüs­sel wieder gefun­den und möchte euren Rat hören, welchen der Bei­den ich nehmen soll, den alten oder den neuen?“ Natür­lich den alten!“ riefen alle Gäste ein­stim­mig. Da öffnete sich die Türe und der Prinz trat in den Saal und alle Gäste eil­ten ihm ent­ge­gen, ihn willkom­men zu heißen, nur der neue Bräutigam nicht. Der schlich sich leise fort und Nie­mand hörte noch sah jemals wieder etwas von ihm. Zuerst vor allen aber flog die Prinzessin ihrem geliebten Gemahl an die Brust und ein glück­licheres Paar mag wohl nie gewe­sen sein, als die Bei­den waren.