Die dunkle Welt

von Josef Haltrich

~12 Min

Es lebten ein­mal zwei Eheleutchen in einem Dorfe, die hat­ten so viele Kinder, daß ihnen schon alle Leute im Dorfe zu Gevat­ter ges­tanden waren. Als ihnen nun wieder zwei Kinder, ein Knabe und ein Mäd­chen, geboren wur­den, so machte sich der Mann auf, um im näch­sten Dorfe Gevat­ter­sleute zu suchen. Mit­ten auf der Straße fiel er aber vor Betrüb­nis und Müdigkeit nieder und schlief ein. Da kam ein Kauf­mann mit sein­er Frau in ein­er Kutsche gefahren, und wie dieser den Schlafend­en sah, ließ er anhal­ten, um ihn zu weck­en. Auf den Ruf erwachte der Mann nicht; da ging der Kutsch­er hin, rüt­telte an ihm, so daß er nun die Augen auf­schlug. Der Kauf­mann fragte ihn sogle­ich, wer er wäre, und der Mann erzählte seinen Kum­mer; er habe so viele Kinder, daß ihm das ganze Dorf schon zu Gevat­ter ges­tanden, und da ihm jet­zt wieder zwei Kinder, ein Knabe und ein Mäd­chen, geboren seien, so sei er im Begriff, auswärts Gevat­ter­sleute zu suchen. Der Kauf­mann erbot sich sogle­ich, mit sein­er Frau die Kinder aus der Taufe zu heben, doch unter der Bedin­gung, sie soll­ten ihm gehören, denn er selb­st hätte keine Kinder. Der arme Mann war das wohl zufrieden, denn er hat­te ja ohne­hin Kinder genug, für die er sor­gen mußte. Sie zogen nun ins Dorf, und man taufte die Kinder: den Knaben Hani, das Mäd­chen Susi. Der Kauf­mann nahm sie sogle­ich mit und fuhr in die Stadt; er erzog sie aber so, wie wenn es seine eignen Kinder wären, und die Kleinen nan­nten den Kauf­mann Vater, seine Frau Mut­ter. Als sie größer waren, nahm der Kauf­mann den Hani in sein Geschäft und seine Frau nahm Susi in ihre Hauswirtschaft. Bei­de führten sich so gut auf, daß der Kauf­mann dem Jun­gen das ganze Geschäft und die Schlüs­sel in der Hand­lung und seine Frau dem Mäd­chen die ganze Küche und alle Hauss­chlüs­sel über­ließ ; der Knabe war dem Kauf­mann und das Mäd­chen sein­er Frau die rechte Hand, und sie waren ihnen bei­de von Herzen lieb. Eines Tages trug es sich zu, daß der Kauf­mann und seine Frau nach dem Mit­tagessen aus­ruht­en, und die bei­den Kinder blieben daheim. Da sie die Lang­weile über­fiel, nah­men sie ein Spiel Karten, um sich damit zu unter­hal­ten. Hani aber war so unglück­lich, daß er immer ver­lor, zulet­zt set­zte er auch die Schlüs­sel von der Hand­lung; das Mäd­chen gewann auch diese. Da riß er im Ärg­er dem­sel­ben die Schlüs­sel aus der Hand und schlug es auf die Stirne, daß gle­ich ein Blut­stropfen her­vor­trat. Plöt­zlich erschien eine schwarze Gestalt und rief: Darauf habe ich schon lange gewartet!“ faßte das Mäd­chen und ver­schwand mit ihm. Man kann sich denken wie sehr der Knabe erschreck­en mußte. Er rang verzwei­flungsvoll die Hände und schlug sich an die Brust: Was habe ich getan!“ Doch das war alles umson­st. Als der Kauf­mann und seine Frau heimkehrten, fragte die let­ztere gle­ich: Wo ist Susi?“ Zit­ternd ges­tand der Knabe alles. Die Frau war untröstlich und sprach zum Jun­gen: Gehe mir aus den Augen, daß ich dich nicht sehe, da du mich um meine gute Tochter gebracht hast!“ Der Kauf­mann hätte dem Knaben gerne verziehen; allein er wollte sein­er Frau nicht zuwider sein, und so gab er ihm Geld auf die Reise.

Der Knabe zog trau­rig fort, und damit er sich nicht an sein Unglück erin­nere, gab er die Hand­lung auf. Er kam in ein fremdes Land und wurde an dem königlichen Hofe Gärt­ner. Er führte sich aber hier so gut auf und sorgte so über­aus für die Blu­men der Köni­gin, daß er bald ihr Lieblings­gärt­ner wurde.

Nach der Arbeit pflegte er jeden Tag ein­mal an das Meere­sufer zu gehen. Eines Tages, als er wieder am Ufer stand und auf das weite Meer hin­schaute, hörte er eine Stimme Hani! Hani!“ rufen, und dreimal tönte sie wider. Hier bin ich!“ antwortete er. Da hob sich eine wun­der­schöne Jungfrau aus dem Meere und sprach: Bist du ein Zwill­ingskind?“ – Ja!“ – Heißest du Hani?“ – Ja!“ – Ich bin eine Königstochter und heiße Susi (aber es war nicht seine Schwest­er, wie du leicht glauben kön­ntest) und bin hier­her ver­wün­scht auf so lange, bis ein Zwill­ingskind, das Hani heißt, mich erret­ten will!“ – Das will ich gerne!“ sprach Hani schnell. So trauere denn neu­nund­ne­un­zig Tage in einem fort um mich; komme indes jeden Tag hier­her, und wenn du dich gut gehal­ten, wirst du unter dem Stein immer ein Gold­stück find­en!“ Damit ver­schwand sie, und Hani kehrte heim; er trauerte aber getreu seinem Ver­sprechen schon achtund­ne­un­zig Tage, und wenn er an das Meer kam, fand er immer unter dem Stein das Gold­stück. Am neu­nund­ne­un­zig­sten Tage geschah es aber, daß die Köni­gin ein Fest gab, und dahin wurde neben andern Lieblings­di­enern auch der Gärt­ner ein­ge­laden. Er wäre gerne daheim geblieben, allein er dachte, das würde seine gute Köni­gin kränken; er ging, nahm sich aber vor, keinen Anteil an der Freude zu nehmen. Während des Essens ging das auch gut; als aber nach der Tafel die Musik begann und alles tanzte, kam die Köni­gin zu ihm und fragte, warum er nicht tanze. Alle Entschuldigun­gen halfen nichts; die Köni­gin forderte ihn auf, mit ihr zu tanzen. Wie er noch immer nicht recht wollte, drangen seine Fre­unde heftig in ihn, er dürfe das der Köni­gin nicht tun, er müsse tanzen; endlich machte er einen Rei­hen durch. Als­bald aber lief er mit klopfen­d­em Herzen hin­aus und eilte an das Meere­sufer. Da war zum ersten­mal kein Gold­stück unter dem Stein. Das Meer aber war trübe und in Aufre­gung, die Jungfrau stieg empor und rief in schmer­zlich­er Klage: Wehe, du hast mich nicht erlöst; von jet­zt an bin ich auf den gläser­nen Berg ver­wün­scht, und von da wird mich wohl nie­mand erret­ten!“ Damit ver­schwand sie.

Der Junge ging weinend nach Hause und schloß kein Auge die ganze Nacht; am frühen Mor­gen ging er zur Köni­gin und nahm Abschied, er müsse fort und die Jungfrau auf dem Glas­berge erlösen, was es ihn immer koste. Auf dem Wege nahm er noch einen Diener zu sich, daß er nicht allein sei. Nach­dem sie lange, lange gewan­dert waren, kamen sie endlich am Ziele an. Unten am Glas­berge aber war eine Müh­le, und die Mül­lerin war eine Hexe; sie kehrten in die Müh­le ein und fragten, wo man denn auf den Glas­berg hin­auf­steige. Da und da ist eine Treppe!“ sprach die Hexe, was wollt ihr denn oben machen?“ Der Knabe wollte das nicht sagen, doch die Hexe merk­te sich’s gle­ich und ging zu dem Diener und sprach: Wenn ihr mor­gen die Treppe hinansteigt und an der drit­ten Stufe seid, so stecke diese Nadel deinem Her­rn in den Man­tel, denn son­st kön­nt ihr nicht hin­aufge­lan­gen.“ Als sie am andern Mor­gen hinanstiegen, tat der Diener, wie ihn die Hexe geheißen hat­te. Sogle­ich sprach der Junge: Ich bin so schläfrig, ich will mich hier­her ein wenig nieder­legen!“ Da schlief er ein und schlief fest. Nur ein­mal kam die Jungfrau vom Glas­berge hernieder und sah den Schlafend­en und jam­merte. Wehe, wehe! auch von hier wirst du mich nicht erlösen; ich komme aber noch zweimal, und wenn du auch dann schläf­st, so bin ich ver­loren!“ Wie der Junge erwachte, war es Abend, und sie kehrten wieder in die Müh­le. Die Hexe aber belohnte den Diener und sagte, er solle den andern Tag die Nadel nur ja wieder ein­steck­en und seinem Her­rn nichts sagen, was die Jungfrau gesprochen. Und so tat der Diener auch, als sie am Mor­gen wieder die Treppe hinanstiegen. Sein Herr mußte sich wieder nieder­legen und schlief. Die Jungfrau stieg aber­mals die Stufen herab, und als sie den schlafend­en Jüngling sah, klagte sie: Wehe, wehe! du wirst mich nicht erlösen; noch ein­mal komme ich und dann nicht mehr!“

Es war wieder Abend, als der Junge erwachte; sie mußten in die Müh­le zurück, und die Hexe belohnte den Diener aber­mals und trug ihm aufs neue auf, den näch­sten Tag nur ja die Nadel wieder einzusteck­en, und so geschah es. Der Knabe schlief auch zum drit­ten­mal, als die Jungfrau erschien. Wehe!“ rief sie, jet­zt bin ich weit hin ver­wün­scht in die dun­kle Welt, und von da kann mich wohl kein Sterblich­er erret­ten. Sage das deinem Her­rn“, sprach sie zum Diener, und noch dies, er solle dem ersten Baum, den er nach dem Erwachen um sich sehe, die Kro­ne abschla­gen.“ Als der Knabe erwachte, rief er: O wie habe ich so schön geträumt, hast du nichts gese­hen?“ Der Diener dachte: nun könne er wohl alles sagen, und erzählte, wie eine Jungfrau jeden Tag, wenn er geschlafen, erschienen sei und geklagt habe, daß er sie nicht erlösen werde und daß sie jet­zt in die dun­kle Welt ver­wün­scht sei; sie habe ihm auch sagen lassen, er solle dem ersten Baum, den er gle­ich nach dem Erwachen sehe, die Kro­ne abschla­gen. Da weinte und klagte der Junge bit­ter und sprach zu seinem Diener: Warum hast du mich nicht geweckt!“ Als er aber um sich sah nach dem Baum, war da kein­er; nun erkan­nte er, daß damit der, untreue Diener gemeint sei; er zog sein Schw­ert und hieb ihm das Haupt ab.

Trau­rig wan­derte er darauf fort und kam in ein anderes Kön­i­gre­ich; hier trat er aber­mals in eine Hand­lung und erwarb sich in kurz­er Zeit die Liebe seines Her­rn. An einem Abend trat der Kauf­mann zu ihm und sprach: Zeige nun, was du kannst! Mor­gen ist der Geburt­stag der Köni­gin; sie geht einkaufen: jedes Jahr tut sie’s nur ein­mal, allein der Kauf­mann, bei dem sie ein­spricht, wird dann reich und glück­lich; schmücke das Gewölbe auf das schön­ste!“ Der Junge arbeit­ete mit allem Eifer; am Mor­gen wurde von dem königlichen Palast bis auf den Markt die Straße mit grünem Gewand belegt, und auch jed­er Kauf­mann legte von der Straße bis zu seinem Laden grünes Gewand. Da kam die Köni­gin begleit­et von vie­len Jungfrauen auf der Straße her und sah über­all hin und ging endlich in das Gewölbe, das ihr am schön­sten erschien, hinein. Als sie den Jun­gen in der Hand­lung erblick­te, blieb sie ste­hen, sah und sah, und sie wußte nicht recht, wie ihr war; auch dem Knaben kam es vor, als habe er die Köni­gin noch gese­hen. Endlich kam sie stracks auf ihn zu, fiel ihm um den Hals und rief: Hani, mein Brud­er!“ Nun wurde er sogle­ich mit an den königlichen Hof geführt, und der König hat­te große Freude und sprach zum Knaben, der ganz betrübt aus­sah: Sei guten Muts, siehe, wenn du deine Schwest­er nicht geschla­gen, hätte ich das gute Weib nicht, und anders durfte ich nicht zu ihrem Besitz gelan­gen !“ Da offen­barte ihm der Knabe, wie ihn etwas anderes so sehr betrübe; er habe eine schöne Jungfrau zweimal erlösen kön­nen und habe sie nicht erlöst; jet­zt sei sie in die dun­kle Welt ver­wün­scht, und er möchte nun gerne auch dahin ziehen, wenn er nur den Weg wüßte. Da will ich dir gle­ich helfen!“ tröstete der König und nahm seine große Geißel und schlug dreimal in die Luft; sogle­ich erschienen eine Menge schwarz­er Geis­ter und riefen; Was ste­ht zu Befehl?“ Als aber der König sie überse­hen und gezählt hat­te, sprach er: Es fehlt ein­er!“ – Ja“, riefen sie, der ist flügel­lahm; er war die ver­gan­gene Nacht in der dunkeln Welt!“ Unter­dessen war der auch her­beigekom­men. Also du warst in der dunkeln Welt“ – Ja, mein König!“ – So wirst du auch den Weg wohl wis­sen; nimm hier meinen Schwa­ger und führe ihn dahin!“ Da faßte ihn der Geist und flog mit ihm durch die Luft; es wurde immer dun­kler, dun­kler, endlich war es stock­dunkel wie die Mit­ter­nacht; da kamen sie an ein düsteres Schloß.

Auf dem Wege hat­te der Junge dem Geiste seinen Kum­mer erzählt, und dieser hat­te ihm gesagt, was er tun solle. Vor der ersten Türe des Schloss­es wür­den zwei Heubäume über ihm zusam­men­brechen, allein er dürfe nicht erschreck­en, es geschehe ihm nichts; vor der zweit­en Türe stün­den zu bei­den Seit­en zwei Löwen, die wür­den ihn zu ver­schlin­gen dro­hen, allein er solle sich nur nicht fürcht­en, sie täten ihm nichts! Wenn er zur drit­ten Tür hineinkäme, solle er unter das erste Bett rechts hineinkriechen und was man ihm auf­trage, genau tun, sich aber dur­chaus nicht erschreck­en! Der Geist blieb vor dem Schlosse ste­hen, der Knabe ging hinein; die Heubäume kracht­en an der ersten Türe über ihm zusam­men, doch er fürchtete sich nicht;
die Löwen sper­rten ihre Rachen auf, doch er ging mutig zwis­chen ihnen hin­durch; da kam er ins dritte Zim­mer und legte sich unter das beze­ich­nete Bett. Nur ein­mal fin­gen die Ver­wün­scht­en, die ring­sherum lagen, an, ihr Schick­sal zu erzählen und zu jam­mern, wie sie nun schon so viele Jahre dalä­gen und nie­mand käme, sie zu erlösen. Endlich erzählte auch die Jungfrau, unter deren Bett der Junge lag, und das war ger­ade Susi: ein guter Junge habe sie zweimal schon zu erlösen gesucht, wenn der nur den Weg hier­her fände, so würde er sie wohl erret­ten! Freilich müßte er etwas Schw­eres voll­brin­gen: Punkt zwölf Uhr müßte er sie umar­men, dann müßte sie sich sogle­ich in eine Schlange ver­wan­deln, ihn fest umk­lam­mern und beißen wenn er aber bis ein Uhr aushielte, so seien sie erlöst.

Als es nun zwölf schlug, sprang der Junge unter dem Bett her­vor und umarmte die Jungfrau; sogle­ich ward sie eine Schlange und umschlang und biß ihn, daß das Blut rann; er aber hielt ruhig aus; endlich schlug es eins, und es erfol­gte ein lauter Don­ner­schlag. Plöt­zlich wurde es licht wie am Tage, und alle Ver­wün­scht­en standen auf und waren erlöst und fie­len ihrem Ret­ter zu Füßen und dank­ten ihm. Er aber führte die Jungfrau an der Hand hin­aus; da nahm. sie der Geist und führte sie zum König; der war sehr froh, und nach­dem der Junge mit der erlösten Jungfrau Hochzeit gehal­ten, zog er dahin, wo die dun­kle Welt ges­tanden und wo jet­zt ein großes blühen­des Reich war, das dem Vater sein­er Susi gehört hat­te und dann ver­wün­scht wor­den war, und er herrschte noch lange als König über Land und Leute.