Die drei Vögelchen

von Brüder Grimm

~7 Min

Es ist wohl tausend und mehr Jahre her, da waren hier im Lande lauter kleine Könige; da hat auch ein­er auf dem Keuter­berge gewohnt, der ging sehr gerne auf die Jagd. Als er wieder ein­mal mit seinen Jägern aus dem Schloss her­aus­zog, hüteten unten am Berge drei Mäd­chen ihre Kühe, und wie sie den König mit den vie­len Leuten sahen, so rief die älteste den anderen bei­den Mäd­chen zu, dabei auf den König weisend: Helo! Helo! Wenn ich den nicht kriege, so will ich keinen.“ Da antwortete die zweite auf der anderen Seite vom Berge und wies auf den, der dem König zur recht­en Hand ging: Helo! Helo! Wenn ich den nicht kriege, so will ich keinen!“ Da rief die jüng­ste und wies auf den, der link­er Hand ging: Helo! Helo! Wenn ich den nicht kriege, so will ich keinen!“ Das waren aber die bei­den Min­is­ter. Das hörte der König alles, und als er von der Jagd heimgekom­men war, liess er die drei Mäd­chen zu sich kom­men und fragte sie, was sie da gestern am Berge gesagt hät­ten. Das woll­ten sie nun nicht sagen, und der König fragte die älteste, ob sie ihn wohl zum Manne haben wollte? Da sagte sie ja, und ihre bei­den Schwest­ern fragten die bei­den Min­is­ter, denn sie waren alle drei schön von Angesicht, beson­ders die Köni­gin, die hat­te Haare wie Flachs.

Die bei­den Schwest­ern aber kriegten keine Kinder, und als der König ein­mal ver­reisen musste, liess er sie zur Köni­gin kom­men, um sie aufzu­muntern, denn sie war ger­ade guter Hoff­nung. Sie bekam einen kleinen Jun­gen, der brachte einen roten Stern mit auf die Welt. Da sagten die bei­den Schwest­ern, eine zur anderen, sie woll­ten den hüb­schen Jun­gen ins Wass­er wer­fen. Wie sie ihn hineinge­wor­fen hat­ten (ich glaube, es war die Weser), da flog ein Vögelchen in die Höhe und sang: 

Tom Daude bereit,
Auf weiter’n Bescheid
Tom Lilienstrus:
Wack­er Junge, bist du’s?“

Als das die bei­den hörten, kriegten sie Angst und macht­en, dass sie fortka­men. Wie der König nach Hause kam, sagten sie ihm, die Köni­gin hätte einen Hund geboren. Da sagte der König: Was Gott tut, das ist wohlgetan.“

Es wohnte aber ein Fis­ch­er am Wass­er, der fis­chte den kleinen Jun­gen wieder her­aus, als er noch lebendig war; und da seine Frau keine Kinder hat­te, füt­terten sie ihn auf. Nach einem Jahr war der König wieder ver­reist, da kriegte die Köni­gin wieder einen Jun­gen, den die bei­den falschen Schwest­ern eben­so nah­men und ins Wass­er war­fen. Da flog das Vögelchen wieder in die Höhe und sang: 

Tom Daude bereit,
Auf weiter’n Bescheid
Tom Lilienstrus:
Wack­er Junge, bist du’s?“

Und als der König zurück­kam, sagten sie zu ihm, die Köni­gin hätte wieder einen Hund bekom­men, und er sagte wieder: Was Gott tut, das ist wohlge­tan.“ Aber der Fis­ch­er zog auch diesen Jun­gen aus dem Wass­er und füt­terte ihn auf.

Da ver­reiste der König wieder, und die Köni­gin kriegte ein kleines Mäd­chen, das die falschen Schwest­ern auch ins Wass­er war­fen. Da flog das Vögelchen wieder in die Höhe und sang: 

Tom Daude bereit,
Auf weiter’n Bescheid
Tom Lilienstrus:
Wack­er Mäd­chen, bist du’s?“

Und wie der König nach Hause kam, sagten sie zu ihm, die Köni­gin hätte eine Katze gekriegt. Da wurde der König böse und liess seine Frau ins Gefäng­nis wer­fen, darin sie lange Jahre sitzen musste.

Die Kinder waren unter­dessen herangewach­sen, da ging der älteste ein­mal mit anderen Jun­gen hin­aus, um zu fis­chen. Da woll­ten ihn die andern nicht dabei­haben und sagten: Du Fin­d­ling, geh du dein­er Wege!“ Da wurde er ganz betrübt und fragte den alten Fis­ch­er, ob das wahr sei? Der erzählte ihm, dass er ein­mal gefis­cht hätte, und er habe ihn aus dem Wass­er gezo­gen. Da sagte der Junge, er wolle fort und seinen Vater suchen. Der Fis­ch­er bat ihn, er möchte doch bleiben, aber er liess sich gar nicht hal­ten, bis der Fis­ch­er zulet­zt ein­willigte. Da machte er sich auf den Weg und ging mehrere Tage hin­tere­inan­der; endlich kam er zu einem allmächtig grossen Wass­er, davor stand eine alte Frau und fis­chte. Guten Tag, Mut­ter,“ sagte der Junge. – Grossen Dank.“ – Du musst wohl lange fis­chen, ehe du einen Fisch fängst?“ – Und du musst wohl lange suchen, ehe du deinen Vater find­est. Wie willst du denn da übers Wass­er kom­men?“ sagte die Frau. Ja, das mag Gott wis­sen.“ Da nahm die alte Frau ihn auf den Rück­en und trug ihn hin­durch, und er suchte lange Zeit und kon­nte seinen Vater nicht find­en. Als nun ein Jahr vorüber war, da zog der zweite aus und wollte seinen Brud­er suchen. Er kam an das Wass­er, wo es ihm eben­so erg­ing wie seinem Brud­er. Nun war nur noch die Tochter alleine zu Haus, und sie jam­merte so sehr nach ihren Brüdern, dass sie zulet­zt auch den Fis­ch­er bat, er möchte sie ziehen lassen, sie wolle ihre Brüder suchen. Da kam sie auch zu dem grossen Wass­er, und sagte zu der alten Frau: Guten Tag, Mut­ter.“ – Grossen Dank.“ – Gott helfe Euch beim Fis­chen.“ Als die alte Frau das hörte, wurde sie ganz fre­undlich, trug sie übers Wass­er und gab ihr eine Rute, und sagte: Nun geh nur immer auf diesem Wege weit­er, meine Tochter, und wenn du an einem grossen schwarzen Hund vor­beikommst, so musst du still und dreist, und ohne zu lachen und ohne ihn anzuse­hen, vor­beige­hen. Dann kommst du an ein gross­es offenes Schloss. Auf dessen Schwelle musst du die Rute fall­en lassen und stracks durch das Schloss an der anderen Seite wieder her­aus­ge­hen. Da ist ein alter Brun­nen, aus dem ist ein alter Baum gewach­sen, daran hängt ein Vogel im Bauer, den nimm auf. Dann nimm noch ein Glas Wass­er aus dem Brun­nen und geh mit diesen bei­den densel­ben Weg wieder zurück. Von der Schwelle nimm die Rute wieder mit, und wenn du dann wieder bei dem Hund vor­beikommst, dann schlag ihm ins Gesicht. Jedoch sieh zu, dass du ihn auch triff­st, und dann komm auch wieder zu mir zurück.“ Da fand sie alles ger­adeso, wie die Frau es gesagt hat­te, und auf dem Rück­weg da fand sie die bei­den Brüder, die sich in der hal­ben Welt gegen­seit­ig gesucht hat­ten. Sie gin­gen zusam­men bis zu dem schwarzen Hund, dem das Mäd­chen ins Gesicht schlug: da wurde er ein schön­er Prinz, der mit ihnen bis zum Wass­er ging. Da stand noch die alte Frau, die freute sich sehr, dass sie alle wieder da waren, und trug sie alle übers Wassers, und dann ging sie auch weg, denn nun war sie erlöst. Die andern aber gin­gen alle zu dem alten Fis­ch­er, und waren froh, dass sie sich wiederge­fun­den hat­ten; den Vogel aber hängten sie an die Wand.

Der zweite Sohn kon­nte nicht lange zu Hause bleiben, und er nahm seinen Flitze­bo­gen und ging auf die Jagd. Als er müde war, nahm er seine Flöte und blies ein Stückchen. Der König aber war auch auf der Jagd, hörte es und ging hin, und wie er den Jun­gen traf, da sagte er: Wer hat dir erlaubt, hier zu jagen?“ – Oh, nie­mand.“ – Wem gehörst du?“ – Ich bin dem Fis­ch­er sein Sohn.“ – Der hat ja keine Kinder.“ – Wenn du es nicht glauben willst, so komm mit.“ Das tat der König und fragte den Fis­ch­er, der ihm alles erzählte; und das Vögelchen an der Wand fing an zu singen: 

Die Mut­ter sitzt allein,
Wohl in dem Kerkerlein.
O König, edles Blut,
Dies sind deine Kinder gut.
Die falschen Schwest­ern beide,
Die tat­en den Kindern leide,
Wohl in des Wassers Grund,
Wo sie der Fis­ch­er fand.“

Da erschrak­en sie alle, und der König nahm den Vogel, den Fis­ch­er und die drei Kinder mit sich auf das Schloss, liess das Gefäng­nis auf­schliessen und nahm seine Frau wieder her­aus. Doch war diese ganz krank und elend gewor­den. Da gab ihr die Tochter von dem Wass­er des Brun­nens zu trinken, da wurde sie wieder frisch und gesund. Die bei­den falschen Schwest­ern wur­den aber ver­bran­nt, und die Tochter fre­ite den Prinzen.