Die drei Schwestern bei dem Menschenfresser

von Josef Haltrich

~5 Min

Es waren ein­mal drei Schwest­ern im Walde und sucht­en Erd­beeren; wie sie nun abends heimkehren woll­ten, verir­rten sie sich und fan­den keinen Ausweg. Da kam nur ein­mal ein wilder Hüne, und das war ein Men­schen­fress­er, auf sie los und rief: Ha, jet­zt habe ich euch!“ und rührte sie zu seinem Schlosse. Da fragte er die Älteste: Willst du lieber mein Weib wer­den oder ster­ben?“ — Lieber ster­ben!“ sagte diese. Eben­so fragte er die zweite; auch die antwortete: Lieber ster­ben!“ Die Jüng­ste aber war pfif­fig genug, und als der Hüne sie fragte, sprach sie: Oh, von Herzen gerne, nur bin ich noch zu blutjung, wartet noch ein Jahr!“

Der Hüne war damit zufrieden und gab der Kleinen sogle­ich die Schlüs­sel von allen Zim­mern; da solle sie jet­zt schon Gewalt haben über alles; ihre bei­den Schwest­ern jedoch sper­rte er in einen Stall und befahl sein­er alten Mut­ter, sie solle sie mit Nüssen und Striezeln inästen, bis sie recht fett wären, und dann brat­en. Jeden Mor­gen ging der Hüne aus und kam nur gegen Mit­tag oder gegen Abend wieder heim, und sein­er alten Mut­ter befahl er jedes­mal, auf die im Stall und auf seine liebe Braut Sorge zu tra­gen. Eines Tages, als die Alte ihnen wieder Striezeln und Nüsse gebracht hat­te, wollte sie sehen, ob sie nun endlich fett wären. Langt her­aus euern Fin­ger!“ rief sie mit krächzen­der Stimme. Die Jüng­ste aber war auch zum Stall gekom­men, wie sie es jeden Tag mehrmals tat, wo sie dann ihre Schwest­ern tröstete; jet­zt reichte sie von der Seite jed­er ihrer Schwest­ern ein langes Hölzchen hin und flüsterte ihnen zu: Die Alte ist triefäugig und sieht nicht recht, reicht diese Hölzchen hin statt der Fin­ger!“ So tat­en sie auch. Die Alte hat­te ein Mess­er und schnitt an den Hölzchen: Ei daß dich!“ rief sie, das ist ja wie pur­er Knochen so hart; ihr werdet am Ende vor Sehn­sucht nur immer mager­er statt fet­ter; das darf nicht länger anste­hen; mor­gen kommt ihr in den Ofen “

Als am anderen Tage ganz früh der Hüne aus­ging, sagte die Alte: Komme heute mit­tags nach Hause; es erwartet dich ein guter Brat­en!“ Dann ging sie zu dem Ofen und heizte ihn tüchtig. Als er heiß genug war, rief sie die Jüng­ste zu dem Ofen und sprach: Sorge hier, bis ich komme!“ Sie ging zum Stall und führte die bei­den Schwest­ern zum Feuer, die jam­merten und klagten, daß sie nun so elendiglich ster­ben soll­ten. Da befahl ihnen die Alte, so und so auf die Brotschüs­sel zu sitzen; die Jüng­ste aber, die Braut des Hünen, hat­te wieder den klu­gen Ein­fall und sagte: Sie wis­sen ja nicht, wie sie’s machen sollen; zeiget es ihnen; ich will an diesem Ende hal­ten!“ Da ging die dumme Alte und set­zte sich auf die Brotschüs­sel; als­bald erfaßten auf einen Wink der Jüng­sten auch die bei­den andern Mäd­chen die Stange und schoben die Alte schnell in den Ofen, set­zten das Eisen vors Ofen­loch und liefen, nach­dem sie noch alle Türen ver­schlossen und die Schlüs­sel in den Brun­nen gewor­fen hat­ten, eiligst davon.

Als gegen Mit­tag der Hüne nach Hause kam, tobte und polterte er an der Türe; aber er kon­nte nicht hinein, bis er sie ein­schlug. Sein großer Hunger trieb ihn zum Ofen; er riß das Eisen fort und wollte den Brat­en her­ausziehen; doch siehe, es war seine alte Mut­ter, ganz geröstet und ver­bran­nt. Da lief er wütend zum Stall; doch er war leer; er suchte in allen Zim­mern seine junge Braut, auch die war nir­gends zu find­en. Ha! die sind alle fort, nu wartet, gle­ich will ich euch zurück­holen!“ Er schnallte geschwind seine Sieben­meilen­stiefel sich an und schritt ihnen nach.

Die drei armen Mäd­chen aber hat­te ein alter Mann gese­hen, wie sie so voller Angst vor dem Unhold flo­hen, und hat­te ihnen den recht­en Weg nach Hause gezeigt und ihnen drei Dinge gegeben: eine Nadel, eine Glass­cherbe und ein Fläschchen mit Wass­er; wenn sie den Hünen hin­ter sich sähen, so soll­ten sie so und so davon Gebrauch machen. Der Hüne hat­te nur einige Schritte getan, so war er schon an ihnen. Da steck­ten sie die Nadel hin­ter sich, und auf ein­mal war die ganze Straße weit und bre­it mit spitzen Nadeln besteckt: Wie seid ihr da hinübergekom­men?“ rief ihnen der Hüne nach. Wir haben uns die Schuhe aus­ge­zo­gen!“ rief gle­ich die Jüng­ste, seine Braut. Das tat er sofort und zer­stach sich die Füße ganz, bis er hinüberkam; aber die Sieben­meilen­stiefel hat­te er zurück­ge­lassen, ging darum wieder über die Nadeln zurück und brachte nun auch die Schuhe. Indessen waren die Mäd­chen ein gutes Stück fort­ge­laufen, bald war er jedoch mit­telst sein­er Sieben­meilen­stiefel an ihnen. Da war­fen sie die Glass­cherbe in den Weg, und auf ein­mal war die Straße weit und bre­it voll schnei­di­ger Glass­cher­ben. Wie seid ihr da hinübergekom­men?“ rief er ihnen nach. Ja, wir sind auf vieren gegan­gen!“ rief die Jüng­ste, seine Braut, gle­ich. So machte er’s auf der Stelle;vaber es ging schw­er und langsam, und er zer­schnitt sich dabei die Hände ganz, bis er hinüberkam. Die Mäd­chen waren wieder ein gutes Stück voraus­geeilt; aber der Hüne war ihnen doch bald auf dem Fuße. Da gossen sie das Wass­er aus, und gle­ich wurde zwis­chen ihnen und dem Hünen ein mächtiger Fluß. Wie seid ihr da hinüber?“ rief er ihnen nach. Ja“, rief gle­ich die Jüng­ste, seine Braut, wir hängten uns einen großen Stein an den Hals, der trug uns!“ Der Hüne hängte sich gle­ich einen mächti­gen Mühlstein an den Hals und stürzte sich hinein; da zog ihn der Stein hin­unter, also daß er beina­he ertrank. Mit schw­er­er Not schleppte er sich hin­aus. Jet­zt aber war sein Zorn auf das höch­ste gestiegen; er eilte zurück nach Hause, nahm drei mächtige Don­nerkeile und sprang auf eine hohe Bergspitze, wo er wei­thin bis zur Mor­gen- und Abend­sonne sehen kon­nte; er sah noch die Fliehen­den und schleud­erte die Don­nerkeile ihnen nach; allein es war umson­st, sie fie­len an der Gren­ze des Hünen­lan­des nieder, und jene waren schon im Reich der Men­schen­woh­nun­gen und gelangten nun glück­lich nach Hause. Der Hüne hat­te nicht lange das Nach­se­hen, denn er zer­barst vor Ärg­er und Grimm.