Die drei Schlangenblätter

von Brüder Grimm

~7 Min

Es war ein­mal ein armer Mann, der kon­nte seinen einzi­gen Sohn nicht mehr ernähren. Da sprach der Sohn lieber Vater, es geht Euch so küm­mer­lich, ich falle Euch zur Last, lieber will ich selb­st fort­ge­hen und sehen, wie ich mein Brot ver­di­ene.‘ Da gab ihm der Vater seinen Segen und nahm mit gross­er Trauer von ihm Abschied. Zu dieser Zeit führte der König eines mächti­gen Reichs Krieg, der Jüngling nahm Dien­ste bei ihm und zog mit ins Feld. Und als er vor den Feind kam, so ward eine Schlacht geliefert, und es war grosse Gefahr und reg­nete blaue Bohnen, dass seine Kam­er­aden von allen Seit­en nieder­fie­len. Und als auch der Anführer blieb, so woll­ten die übri­gen die Flucht ergreifen, aber der Jüngling trat her­aus, sprach ihnen Mut zu und rief wir wollen unser Vater­land nicht zugrunde gehen lassen.‘ Da fol­gten ihm die andern, und er drang ein und schlug den Feind. Der König, als er hörte, dass er ihm allein den Sieg zu danken habe, erhob ihn über alle andern, gab ihm grosse Schätze und machte ihn zum Ersten in seinem Reich.

Der König hat­te eine Tochter, die war sehr schön, aber sie war auch sehr wun­der­lich. Sie hat­te das Gelübde getan, keinen zum Her­rn und Gemahl zu nehmen, der nicht ver­spräche, wenn sie zuerst stürbe, sich lebendig mit ihr begraben zu lassen. Hat er mich von Herzen lieb,‘ sagte sie, wozu dient ihm dann noch das Leben?‘ Dage­gen wollte sie ein Gle­ich­es tun, und wenn er zuerst stürbe, mit ihm in das Grab steigen. Dieses selt­same Gelübde hat­te bis jet­zt alle Freier abgeschreckt, aber der Jüngling wurde von ihrer Schön­heit so ein­genom­men, dass er auf nichts achtete, son­dern bei ihrem Vater um sie anhielt. Weisst du auch,‘ sprach der König, was du ver­sprechen musst?‘ Ich muss mit ihr in das Grab gehen,‘ antwortete er, wenn ich sie über­lebe, aber meine Liebe ist so gross, dass ich der Gefahr nicht achte.‘ Da willigte der König ein, und die Hochzeit ward mit gross­er Pracht gefeiert.

Nun lebten sie eine Zeit­lang glück­lich und vergnügt miteinan­der, da geschah es, dass die junge Köni­gin in eine schwere Krankheit fiel, und kein Arzt kon­nte ihr helfen. Und als sie tot dalag, da erin­nerte sich der junge König, was er hat­te ver­sprechen müssen, und es grauste ihm davor, sich lebendig in das Grab zu leg­en, aber es war kein Ausweg: der König hat­te alle Tore mit Wachen beset­zen lassen, und es war nicht möglich, dem Schick­sal zu ent­ge­hen. Als der Tag kam, wo die Leiche in das königliche Gewölbe beige­set­zt wurde, da ward er mit hin­abge­führt, und dann das Tor ver­riegelt und verschlossen.

Neben dem Sarg stand ein Tisch, darauf vier Lichter, vier Laibe Brot und vier Flaschen Wein. Sobald dieser Vor­rat zu Ende ging, musste er ver­schmacht­en. Nun sass er da voll Schmerz und Trauer, ass jeden Tag nur ein Bisslein Brot, trank nur einen Schluck Wein, und sah doch, wie der Tod immer näher rück­te. Indem er so vor sich hin­star­rte, sah er aus der Ecke des Gewölbes eine Schlange her­vorkriechen, die sich der Leiche näherte. Und weil er dachte, sie käme, um daran zu nagen, zog er sein Schw­ert und sprach solange ich lebe, sollst du sie nicht anrühren,‘ und hieb sie in drei Stücke. Über ein Weilchen kroch eine zweite Schlange aus der Ecke her­vor, als sie aber die andere tot und zer­stückt liegen sah, ging sie zurück, kam bald wieder und hat­te drei grüne Blät­ter im Munde. Dann nahm sie die drei Stücke von der Schlange, legte sie, wie sie zusam­menge­hörten, und tat auf jede Wunde eins von den Blät­tern. Als­bald fügte sich das Getren­nte aneinan­der, die Schlange regte sich und ward wieder lebendig, und bei­de eil­ten miteinan­der fort. Die Blät­ter blieben auf der Erde liegen, und dem Unglück­lichen, der alles mit ange­se­hen hat­te, kam es in die Gedanken, ob nicht die wun­der­bare Kraft der Blät­ter, welche die Schlange wieder lebendig gemacht hat­te, auch einem Men­schen helfen kön­nte. Er hob also die Blät­ter auf und legte eins davon auf den Mund der Toten, die bei­den andern auf ihre Augen. Und kaum war es geschehen, so bewegte sich das Blut in den Adern, stieg in das ble­iche Angesicht und rötete es wieder. Da zog sie Atem, schlug die Augen auf und sprach ach, Gott, wo bin ich?‘ Du bist bei mir, liebe Frau,‘ antwortete er, und erzählte ihr, wie alles gekom­men war und er sie wieder ins Leben erweckt hat­te. Dann reichte er ihr etwas Wein und Brot, und als sie wieder zu Kräften gekom­men war, erhob sie sich, und sie gin­gen zu der Türe, und klopften und riefen so laut, dass es die Wa chen hörten und dem König melde­ten. Der König kam selb­st herab und öffnete die Türe, da fand er bei­de frisch und gesund und freute sich mit ihnen, dass nun alle Not über­standen war. Die drei Schlangen­blät­ter aber nahm der junge König mit, gab sie einem Diener und sprach ver­wahr sie mir sorgfältig, und trag sie zu jed­er Zeit bei dir, wer weiss, in welch­er Not sie uns noch helfen können.‘

Es war aber in der Frau, nach­dem sie wieder ins Leben war erweckt wor­den, eine Verän­derung vorge­gan­gen: es war, als ob alle Liebe zu ihrem Manne aus ihrem Herzen gewichen wäre. Als er nach einiger Zeit eine Fahrt zu seinem alten Vater über das Meer machen wollte, und sie auf ein Schiff gestiegen waren, so ver­gass sie die grosse Liebe und Treue, die er ihr bewiesen, und wom­it er sie vom Tode gerettet hat­te, und fasste eine böse Nei­gung zu dem Schif­fer. Und als der junge König ein­mal dalag und schlief, rief sie den Schif­fer her­bei, und fasste den Schlafend­en am Kopfe, und der Schif­fer musste ihn an den Füssen fassen, und so war­fen sie ihn hinab ins Meer. Als die Schand­tat voll­bracht war, sprach sie zu ihm nun lass uns heimkehren und sagen, er sei unter­wegs gestor­ben. Ich will dich schon bei meinem Vater so her­ausstre­ichen und rüh­men, dass er mich mit dir ver­mählt und dich zum Erben sein­er Kro­ne ein­set­zt.‘ Aber der treue Diener, der alles mit ange­se­hen hat­te, machte unbe­merkt ein kleines Schif­flein von dem grossen los, set­zte sich hinein, schiffte seinem Her­rn nach, und liess die Ver­räter fort­fahren. Er fis­chte den Toten wieder auf, und mit Hil­fe der drei Schlangen­blät­ter, die er bei sich trug und auf die Augen und den Mund legte, brachte er ihn glück­lich wieder ins Leben.

Sie rud­erten bei­de aus allen Kräften Tag und Nacht, und ihr kleines Schiff flog so schnell dahin, dass sie früher als das andere bei dem alten König anlangten. Er ver­wun­derte sich, als er sie allein kom­men sah, und fragte, was ihnen begeg­net wäre. Als er die Bosheit sein­er Tochter ver­nahm, sprach er ich kanns nicht glauben, dass sie so schlecht gehan­delt hat, aber die Wahrheit wird bald an den Tag kom­men,‘ und hiess bei­de in eine ver­bor­gene Kam­mer gehen und sich vor jed­er­mann heim­lich hal­ten. Bald her­nach kam das grosse Schiff herange­fahren, und die got­t­lose Frau erschien vor ihrem Vater mit ein­er betrübten Miene. Er sprach warum kehrst du allein zurück? wo ist dein Mann?‘ Ach, lieber Vater,‘ antwortete sie, ich komme in gross­er Trauer wieder heim, mein Mann ist während der Fahrt plöt­zlich erkrankt und gestor­ben, und wenn der gute Schif­fer mir nicht Bei­s­tand geleis­tet hätte, so wäre es mir schlimm ergan­gen; er ist bei seinem Tode zuge­gen gewe­sen und kann Euch alles erzählen.‘ Der König sprach ich will den Toten wieder lebendig machen,‘ und öffnete die Kam­mer, und hiess die bei­den her­aus­ge­hen. Die Frau, als sie ihren Mann erblick­te, war wie vom Don­ner gerührt, sank auf die Knie und bat um Gnade. Der König sprach da ist keine Gnade, er war bere­it, mit dir zu ster­ben, und hat dir dein Leben wiedergegeben, du aber hast ihn im Schlaf umge­bracht, und sollst deinen ver­di­en­ten Lohn emp­fan­gen.‘ Da ward sie mit ihrem Helfer­shelfer in ein durch­löchertes Schiff geset­zt und hin­aus ins Meer getrieben, wo sie bald in den Wellen versanken.