Die drei Rotbärte

von Josef Haltrich

~5 Min

Ein armer Mann rief eines Tages seine drei Söhne vor sich und sprach: Ihr seht, daß ich nicht mehr imstande bin, euch zu erhal­ten; zieht in die Fremde und sucht euch das tägliche Brot zu ver­di­enen!“ – Ja, lieber Vater“, sagten sie, wir wollen Euch nicht länger zur Last fall­en; wir wollen dienen gehen und so auch für Euch sor­gen!“ Damit nah­men sie ihre Sachen zusam­men und macht­en sich des andern Tages auf den Weg. Da traf es sich, daß sie durch einen Wald gin­gen, und es begeg­nete ihnen ein alter Mann in einem grauen Man­tel, der fragte sie fre­undlich: Wohin zieht ihr, meine Kinder?“ – Wir wollen dienen gehen, guter Mann, denn unser Vater ist nicht mehr imstande, uns zu ernähren, und so kön­nen wir auch für ihn sor­gen!“ – Das ist ja recht schön, hütet euch nur vor den Rot­bär­ti­gen; denn mit denen ist es nicht ganz richtig!“ – Wir wollen’s behal­ten!“ sprachen sie und gin­gen weit­er. Es währte nicht lange, so begeg­neten ihnen drei Rot­bärte, und diese fragten die drei Burschen, wohin sie es denn gestellt hät­ten. Wir suchen einen Dienst!“ sagten die Brüder. Und wir brauchen ger­ade Diener!“ erwiderten die Rot­barte, wollt ihr bei uns ein­treten?“ – Wir möcht­en ja gerne“, sprachen sie, allein ein alter Mann sagte uns, mit Rot­bärten soll­ten wir uns nicht ein­lassen, denn mit denen sei es nicht ganz richtig!“ – Ha, ha!“ lacht­en diese, und auf den alten Mann wollt ihr hören? Ihr Nar­ren! Wir geben euch auf ein Jahr einen so hohen Lohn, wie ihr son­st in zehn Jahren nicht ver­di­enen kön­ntet!“ Die Brüder dacht­en nur an ihren armen Vater, wie gut es für den sein würde, wenn sie bald mit reichem Lohn heimkehrten, und verd­ingten sich. Ein­er wie der andere sollte nach einem Jahre einen Beu­tel voll Dukat­en bekom­men und dafür die ganze Zeit nichts anders tun, als immer um einen Turm gehen und einen Spruch her­sagen, den man ihm aufgeben würde. Jed­er von den Rot­bärten nahm nun einen mit. Der Älteste sollte beim Herumge­hen um den Turm immer sprechen: Wir drei Brüder“, der Mit­tlere: Um einen Käs“, der dritte: Das ist recht!“ Und so geschah es auch. Nach einem Jahr bekam ein jed­er den bedun­genen Lohn.

Als sie nun miteinan­der heimkehrten, kon­nten sie nichts anders sprechen, als was sie das Jahr hin­durch immer und allein gesprochen hat­ten; son­st hat­ten sie alles vergessen. Da begeg­nete ihnen ein Mann, der grüßte und fragte sie: Wohin?“ Der Älteste antwortete: Wir drei Brüder!“ – Aber wohin? frage ich.“ – um einen Käs´“ sagte der zweite. Hol euch der Henker!“ – Das ist recht“ fiel der dritte ein. Der Mann glaubte nun, er habe es mit Nar­ren zu tun, fragte nicht mehr und ging sein­er Wege. Als sie nun weit­er wan­derten, sahen sie nur ein­mal, wie ein Reisender von einem Räu­ber über­fall­en und blutig geschla­gen wurde. Sie liefen schnell hinzu, um dem Armen zu helfen; allein es war zu spät; der Räu­ber entwischte ihnen, und der Geschla­gene starb bald unter ihren Hän­den. Da trafen die Gerichts­di­ener zu ihnen, wie sie ger­ade mit dem Ster­ben­den beschäftigt waren; die hiel­ten sie für die Räu­ber und Mörder, ergrif­f­en und ban­den sie und führten sie ohne weit­ers vor Gericht. Als sie vorgestellt und gefragt wur­den, wer den Frem­den tot­geschla­gen, sprach der Älteste: Wir drei Brüder!“ – Warum?“ fragte der Richter weit­er. Um einen Käs´“ sagte der zweite. Man wird euch jet­zt hän­gen!“ sprach der Richter. Das ist recht!“ sagte der dritte. Was brauchen wir mehr?“ sprach der Richter; ihre Schuld haben sie selb­st ein-ges­tanden und erken­nen die Strafe für gerecht: wohlan, so hänge man sie!“

Da wur­den sie zum Gal­gen geführt, und schon hat­ten sie die Leit­er erstiegen, und die drei Rot­bärte standen nahe und paßten; siehe, da kam der alte Mann im grauen Man­tel herzu und sprach, aber so, daß nie­mand ihn sah und hörte als die drei Brüder: Ihr hät­tet es zwar ver­di­ent, daß ich euch zap­peln ließe, weil ihr nicht fol­gtet, aber da ihr ein gutes Herz habt, will ich euch ret­ten; sprechet!“ Da riefen die drei Brüder zugle­ich mit lauter Stimme: Die drei Rot­bärte greift!“ Wie die das hörten, macht­en sie sich sogle­ich aus dem Staub und waren ver­schwun­den, noch ehe sie jemand gewahr wurde. Nun erzählten die drei Brüder, wie alles sich zuge­tra­gen habe, und das Volk erkan­nte daraus, daß die Rot­bärte drei Teufel und der Mann im grauen Man­tel unser Her­rgott gewe­sen. Der rechte Mörder wurde von ihnen genau beze­ich­net, und bald stellte er sich selb­st vor Gericht und bereute seine Sünde, aber um der Gerechtigkeit willen wurde er den­noch gehängt.

Die drei Brüder zogen nun mit dem vie­len Gelde heim und blieben jet­zt bei ihrem armen Vater und hat­ten weit­er keine Not ihr Leben lang.