Die drei Nüsse

von Ludwig Bechstein

~7 Min

Es war ein­mal ein Prinz, der war ein großer Jagdlieb­haber, und obgle­ich seine Eltern ihm das Jagen strenge ver­boten hat­ten, so ging er doch eines Tages wieder in den Wald. Hier ver­fol­gte er anhal­tend einen Hirsch, bis dieser sich in ein großes schönes Haus flüchtete, das plöt­zlich vor dem über­rascht­en Jäger stand, der aber auch in dieses Asyl dem Hirsch nach­fol­gte. Es war aber dieses Haus ein beza­ubertes Schloß, und darin­nen lebten drei schöne Prinzessin­nen unter strenger Obhut ihrer Eltern, welche böse Zauber­er waren. Kaum war der Jüngling einge­treten, so fiel hin­ter ihm ein starkes Gat­ter­tor, und er sah sieh gefan­gen. Der alte Zauber­er legte ihm gle­ich eine Arbeit auf, mit der er sich selb­st lösen sollte.

Er sollte mit einem hölz­er­nen Beile und mit ein­er hölz­er­nen Säge eine große Menge Holz zerklein­ern, wenn er dies nicht voll­bringe, ward gedro­ht, würde er sein Leben ver­lieren. Als der Prinz sehr trau­rig über die Unmöglichkeit dieser schw­eren Auf­gabe nach­dachte und sich schon auf den unver­mei­dlichen Tod vor­bere­it­ete, trat die eine Prinzessin zu ihm und sagte mitlei­dig und fre­undlich: »Ruhe du jet­zt, müder Jüngling, ich will dich von dein­er Sorge befreien und diese dir unmögliche Arbeit für dich voll­brin­gen.« Bald fiel der Prinz in Schlum­mer, da er von der Ver­fol­gung des Hirsches sehr ermat­tet war, und als er erwachte, war die schwere Auf­gabe gelöst. Er dank­te der liebreiehen Jungfrau, wobei es geschah, daß ihre Schön­heit und Liebenswürdigkeit sein ganzes Herz beza­uberte. Heim­lich trug er ihr Herz und Hand an, und die holde Jungfrau lächelte ihm Gewährung, sagte ihm aber auch schmer­zlich, daß es ihn und sie noch schwere Kämpfe kosten werde, ehe sie zum Ziel gelan­gen wür­den. »Denn«, so sagte sie, »meine Eltern wer­den einen Tag fest­set­zen, wo ich mit meinen zwei Schwest­ern ganz übere­in angek­lei­det vor dir erscheinen werde, dazu mit bedeck­tem Gesicht, so daß es dir wegen der großen Ahn­lichkeit unser­er Gestal­ten schw­er wer­den wird, mich von ihnen zu unter­schei­den; wählst du aber im Irrtum eine mein­er Schwest­ern, so kostet es dich das Leben – vielle­icht auch mich, zur Strafe, daß ich Mitleid mit dir hat­te. Doch will ich, Teur­er, dir ein Zeichen geben, mich zu erken­nen; sieh hier am Halse eine blaue Ader, welche dir das bange Klopfen meines Herzens verkün­den wird; diese haben meine Schwest­ern nicht so sichtbar.

Der ängstliche Tag der schw­eren Wahl kam her­an. Die sich ganz ähn­lichen Schwest­ern saßen, übere­in gek­lei­det, mit ihren Eltern in einem Zim­mer, in welch­es der Prinz geführt wurde. Lange sah er zweifel­nd und ängstlich die drei Mäd­chengestal­ten an, doch plöt­zlich gewahrte er die klopfende Ader an dem Halse sein­er auser­wählten Braut, die ihm nun von den Eltern zuge­sagt wurde.

Aber diese hegten bei­de Zorn und Tücke gegen die jüng­ste Prinzessin, denn das war des Prinzen Geliebte, und hät­ten das Glück gern ein­er ältern Tochter gegön­nt. Dieses wußte die kluge Braut aber recht gut, und da sie auch etwas von der Zauberkun­st ver­stand, so gab sie irgen­deinem Gegen­stand im Palaste eine geheime Kraft, daß, wenn die Mut­ter aus feindlich­er Absicht fra­gen würde, ob sie und der Prinz schliefen, eine Stimme immer nein antwortete. Des Nachts kam wirk­lich auch die Mut­ter und fragte ein Mal um das andere: »Schlaft ihr?« Drei Mal ertönte es: Nein! doch beim vierten Mal schwieg es. Jet­zt glaubte die Mut­ter nun, sie seien eingeschlafen und rief dem Vater ganz laut zu: »Jet­zt ist die Zeit, jet­zt kannst du den Prinzen töten!«

Dieses ent­ging den lauschen­den Ohren des Prinzen und der Prinzessin nicht; sie flüchteten sich eilend, und als der Vater mit einem Speer in das Schlafgemach trat, fand er es leer. Als das Braut­paar eine Strecke geflo­hen war, sagte die Braut: »Sieh dich um, es bren­nt mich heiß auf den Rück­en.« Der Prinz tat es, sah sich um und gewahrte hin­ter sich einen großen Raben. Als er dies der PrInzessin sagte, denn sie selb­st durfte sich nicht umdrehen, sprach sie erschrock­en: »Der schwarze Rabe, das ist meine Mut­ter, welche sich in diese Gestalt ver­wan­delt hat, ich will mich schnell in einen Garten ver­wan­deln und dich in einen Gärt­ner, aber behüte die Blu­men sorgfältig, daß sie keine abpflücke.« Sogle­ich erfol­gte die Ver­wand­lung, und der Rabe umschwärmte kreis­chend den blühen­den Garten, indessen der Gärt­ner wohl auf sein­er Hut war, daß ihm keine Blume entwen­det würde, und wehrte den Raben kräftig ab. Nach langem verge­blichen Streben, eine Blume nehmen zu kön­nen, flog der Vogel zulet­zt mit häßlichem Gekreisch davon. Die Prinzessin und der Prinz nah­men nun wieder ihre natür­liche Gestalt an und eil­ten weit­er. Nach einiger Zeit sagte die Braut wieder: »Sieh dich um, es bren­nt mich heiß auf meinen Rück­en.« Der Prinz sah sich wieder um und gewahrte einen großen Stoßvo­gel. Als er es sein­er Braut sagte, ver­wan­delte sie sich in einen Teich und ihren Geliebten in eine Ente. Schnell stürzte der Vogel herab und trank das Wass­er so rein aus, daß nicht ein Tröpfchen mehr darin blieb, dann flog er in die Höhe und ließ drei Nüsse fall­en mit dem Zuruf: »Damit, meine Tochter, wirst du dein Glück machen!« Dieser Vogel war der ver­wan­delte Vater der Prinzessin. Das Braut­paar nahm nun wieder seine natür­liche Gestalt an und erre­ichte nicht lange darauf eine Mühle.

Der Prinz war aber der Zaubereien und Ver­wand­lun­gen schon müde; er dachte an seine Eltern, die nicht wußten, was aus ihm gewor­den, und sprach zu sein­er Beglei­t­erin: »Meine Teure, ver­birg dich jet­zt in dieser Müh­le und erhole dich; ich will erst ein­mal in meine Heimat gehen, meine alten Eltern verge­hen son­st vor Gram, wenn ich nicht wieder zurück­kehre, dann will ich dich fes­tlich von hier abholen und heim­führen.« Trau­rig ging die Prinzessin hinein in die Müh­le, und da sie unerkan­nt bleiben wollte, so verd­ingte sie sich als Magd hinein und diente da. Der Prinz ging fort nach sein­er Heimat. Und bald ver­gaß er die gute Braut, die ihn doch befre­it und erettet, und ver­lobte sich mit ein­er andern Prinzessin. Dieses hörte die Ver­lassene in der Müh­le, nahm dort Abschied und ging trau­rig nach dem Schloß des Unge­treuen. Hier öffnete sie eine der drei Nüsse, es ent­fal­tete sich ein. her­rlich­es Gewand daraus. Darauf ging die Prinzessin mit dem kost­baren Kleid zu der neuen Braut des Prinzen und ließ ihr das Kleid zeigen. Das gefiel der Braut über alle Maßen wohl, und sie ließ gle­ich die Besitzerin kom­men und fra­gen, was sie dafür ver­lange. Da ver­langte jene, ohne Bei­sein eines Men­schen in das Gemach des Prinzen gelassen zu wer­den. Dies sagte die Braut zu und bes­timmte die Stunde, in welch­er die Prinzessin dem Prinzen nahen durfte. Aber als nun die Unterre­dung stat­tfind­en sollte und die Prinzessin in das Gemach des Prinzen trat, fand sie ihn schlafend, denn die arge Braut hat­te ihm einen Schlaftrunk eingegeben, so daß er nicht mit der reden kon­nte, die ihn zu sprechen begehrte. Da diese Arme nun so überlis­tet war, ging sie weinend fort und öffnete ihre zweite Nuß. Aus der quoll noch ein schön­res Kleid, und damit tat die Prinzessin, wie sie mit dem ersten getan. Die habgierige Braut wollte wohl auch dieses Kleid haben, deshalb sagte sie auch der Prinzessin zu, daß sie ohne Bei­sein eines Men­schen mit dem Prinzen reden sollte, aber sie hat­te einen abgerichteten großen Hund, den ließ sie in das Gemach des Prinzen kurz vorher, ehe die Prinzessin ein­trat, und der bellte nun so laut und fürchter­lich, daß sie erschrak und kein Wort sprechen kon­nte und weinend fort­ge­hen mußte, denn er ließ sich von dem Prinzen nicht beschwichti­gen. Jet­zt nahm sie zur drit­ten Nuß ihre Zuflucht, öffnete sie, und das allerköstlich­ste Gewand, schön­er als je eins auf Erden war, kam her­aus. Dies trug sie aber­mals der Prinzessin hin, ließ sich aber dies­mal das Wort geben, daß ihr vergön­nt sein müsse, mit dem Prinzen zu reden, anders würde sie das Kleid nicht lassen. Da siegten die Pracht des Klei­des und der Braut Putz­sucht und Eit­elkeit über Eifer­sucht und Tücke, und sie gewährte die erbetene Unterredung.

Als aber nun die Prinzessin zu dem Prinzen trat, gab sie sich ihm zu erken­nen und hielt ihm sein Unrecht san­ft vor, sagte ihm auch, wie hart­näck­ig und arglistig ihr die Unterre­dung zweimal vere­it­elt wor­den sei. Da schwand alle Nei­gung zu der Braut aus des Prinzen Herz und kehrte sich wieder zu der san­ften und dulden­den Prinzessin. Er führte sie zu seinen Eltern und gab jen­er andern Braut wiederum den Abschied, doch die Klei­der durfte sie behal­ten. Als sie sich damit aber schmück­en wollte, fiel eins nach dem andern in eit­el Fet­zen ihr vom Leibe herab.