Die drei Männlein im Walde

von Brüder Grimm

~10 Min

Es war ein Mann, dem starb seine Frau, und eine Frau, der starb ihr Mann; und der Mann hat­te eine Tochter, und die Frau hat­te auch eine Tochter. Die Mäd­chen waren miteinan­der bekan­nt und gin­gen zusam­men spazieren und kamen her­nach zu der Frau ins Haus. Da sprach sie zu des Mannes Tochter: Hör, sage deinem Vater, ich wollt ihn heirat­en, dann sollst du jeden Mor­gen dich in Milch waschen und Wein trinken, meine Tochter aber soll sich in Wass­er waschen und Wass­er trinken.“ Das Mäd­chen ging nach Haus und erzählte seinem Vater, was die Frau gesagt hatte. 

Der Mann sprach: Was soll ich tun? Das Heirat­en ist eine Freude und ist auch eine Qual.“ Endlich, weil er keinen Entschluss fassen kon­nte, zog er seinen Stiefel aus und sagte: Nimm diesen Stiefel, der hat in der Sohle ein Loch, geh damit auf den Boden, häng ihn an den grossen Nagel und giess dann Wass­er hinein. Hält er das Wass­er, so will ich wieder eine Frau nehmen, läuft’s aber durch, so will ich nicht.“ 

Das Mäd­chen tat, wie ihm geheis­sen war; aber das Wass­er zog das Loch zusam­men, und der Stiefel ward voll bis oben­hin. Es verkündigte seinem Vater, wie’s aus­ge­fall­en war. Da stieg er selb­st hin­auf, und als er sah, dass es seine Richtigkeit hat­te, ging er zu der Witwe und fre­ite sie, und die Hochzeit ward gehalten. 

Am andern Mor­gen, als die bei­den Mäd­chen sich auf­macht­en, da stand vor des Mannes Tochter Milch zum Waschen und Wein zum Trinken, vor der Frau Tochter aber stand Wass­er zum Waschen und Wass­er zum Trinken. Am zweit­en Mor­gen stand Wass­er zum Waschen und Wass­er zum Trinken so gut vor des Mannes Tochter als vor der Frau Tochter. Und am drit­ten Mor­gen stand Wass­er zum Waschen und Wass­er zum Trinken vor des Mannes Tochter und Milch zum Waschen und Wein zum Trinken vor der Frau Tochter, und dabei blieb’s. Die Frau ward ihrer Stieftochter spin­nefeind und wusste nicht, wie sie es ihr von einem Tag zum andern schlim­mer machen sollte. Auch war sie nei­disch, weil ihre Stieftochter schön und lieblich war, ihre rechte Tochter aber hässlich und widerlich. 

Ein­mal im Win­ter, als es stein­hart gefroren hat­te und Berg und Tal vollgeschneit lag, machte die Frau ein Kleid von Papi­er, rief das Mäd­chen und sprach: Da, zieh das Kleid an, geh hin­aus in den Wald und hol mir ein Kör­bchen voll Erd­beeren; ich habe Ver­lan­gen danach.“ 

Du lieber Gott,“ sagte das Mäd­chen, im Win­ter wach­sen ja keine Erd­beeren, die Erde ist gefroren, und der Schnee hat auch alles zugedeckt. Und warum soll ich in dem Papierklei­de gehen? Es ist draussen so kalt, dass einem der Atem friert; da weht ja der Wind hin­durch, und die Dor­nen reis­sen mir’s vom Leib.“ 

Willst du mir noch wider­sprechen?“ sagte die Stief­mut­ter. Mach, dass du fortkommst, und lass dich nicht eher wieder sehen, als bis du das Kör­bchen voll Erd­beeren hast.“ Dann gab sie ihm noch ein Stückchen hartes Brot und sprach: Davon kannst du den Tag über essen,“ und dachte: Draussen wird’s erfrieren und ver­hungern und mir nim­mer­mehr wieder vor die Augen kommen. 

Nun war das Mäd­chen gehor­sam, tat das Papierkleid an und ging mit dem Kör­bchen hin­aus. Da war nichts als Schnee die Weite und Bre­ite, und war kein grünes Hälm­chen zu merken. Als es in den Wald kam, sah es ein kleines Häuschen, daraus guck­ten drei kleine Haulemän­nerchen. Es wün­schte ihnen die Tageszeit und klopfte beschei­den­lich an die Tür. Sie riefen Here­in,“ und es trat in die Stube und set­zte sich auf die Bank am Ofen, da wollte es sich wär­men und sein Früh­stück essen. Die Haulemän­nerchen sprachen: Gib uns auch etwas davon.“ 

Gerne,“ sprach es, teilte sein Stückchen Brot entzwei und gab ihnen die Hälfte. Sie fragten: Was willst du zur Win­terzeit in deinem dün­nen Klei­d­chen hier im Wald?“ 

Ach,“ antwortete es, ich soll ein Kör­bchen voll Erd­beeren suchen und darf nicht eher nach Hause kom­men, als bis ich es mit­bringe.“ Als es sein Brot gegessen hat­te, gaben sie ihm einen Besen und sprachen: Kehre damit an der Hin­tertüre den Schnee weg.“ Wie es aber draussen war, sprachen die drei Män­nerchen untere­inan­der: Was sollen wir ihm schenken, weil es so artig und gut ist und sein Brot mit uns geteilt hat.“ Da sagte der erste: Ich schenk ihm, dass es jeden Tag schön­er wird.“ Der zweite sprach: Ich schenk ihm, dass Gold­stücke ihm aus dem Mund fall­en, sooft es ein Wort spricht.“ Der dritte sprach: Ich schenk ihm, dass ein König kommt und es zu sein­er Gemahlin nimmt.“ 

Das Mäd­chen aber tat, wie die Haulemän­nerchen gesagt hat­ten, kehrte mit dem Besen den Schnee hin­ter dem kleinen Hause weg, und was glaubt ihr wohl, das es gefun­den hat? Lauter reife Erd­beeren, die ganz dunkel­rot aus dem Schnee her­vorka­men. Da raffte es in sein­er Freude sein Kör­bchen voll, dank­te den kleinen Män­nern, gab jedem die Hand und lief nach Haus und wollte der Stief­mut­ter das Ver­langte brin­gen. Wie es ein­trat und Guten Abend“ sagte, fiel ihm gle­ich ein Gold­stück aus dem Mund. Darauf erzählte es, was ihm im Walde begeg­net war, aber bei jedem Worte, das es sprach, fie­len ihm die Gold­stücke aus dem Mund, so dass bald die ganze Stube damit bedeckt ward. 

Nun sehe ein­er den Über­mut,“ rief die Stief­schwest­er, das Geld so hinzuw­er­fen,“ aber heim­lich war sie nei­disch darüber und wollte auch hin­aus in den Wald und Erd­beeren suchen. Die Mut­ter: Nein, mein liebes Töchterchen, es ist zu kalt, du kön­ntest mir erfrieren.“ Weil sie ihr aber keine Ruhe liess, gab sie endlich nach, nähte ihm einen prächti­gen Pelzrock, den es anziehen musste, und gab ihm But­ter­brot und Kuchen mit auf den Weg. 

Das Mäd­chen ging in den Wald und ger­ade auf das kleine Häuschen zu. Die drei kleinen Haulemän­ner guck­ten wieder, aber es grüsste sie nicht, und ohne sich nach ihnen umzuse­hen und ohne sie zu grüssen, stolperte es in die Stube hinein, set­zte sich an den Ofen und fing an, sein But­ter­brot und seinen Kuchen zu essen. 

Gib uns etwas davon“ riefen die Kleinen, aber es antwortete: Es schickt mir sel­ber nicht, wie kann ich andern noch davon abgeben?“ Als es nun fer­tig war mit dem Essen, sprachen sie: Da hast du einen Besen, kehr uns draussen vor der Hin­tertür rein.“ 

Ei, kehrt euch sel­ber,“ antwortete es, ich bin eure Magd nicht.“ Wie es sah, dass sie ihm nichts schenken woll­ten, ging es zur Türe hin­aus. Da sprachen die kleinen Män­ner untere­inan­der: Was sollen wir ihm schenken, weil es so unar­tig ist und ein bös­es, nei­dis­ches Herz hat, das nie­mand etwas gön­nt?“ Der erste sprach: Ich schenk ihm, dass es jeden Tag hässlich­er wird.“ Der zweite sprach: Ich schenk ihm, dass ihm bei jedem Wort, das es spricht, eine Kröte aus dem Munde springt.“ Der dritte sprach: Ich schenk ihm, dass es eines unglück­lichen Todes stirbt.“ 

Das Mäd­chen suchte draussen nach Erd­beeren, als es aber keine fand, ging es ver­driesslich nach Haus. Und wie es den Mund auf­tat und sein­er Mut­ter erzählen wollte, was ihm im Walde begeg­net war, da sprang ihm bei jedem Wort eine Kröte aus dem Mund, so dass alle einen Abscheu vor ihm bekamen. 

Nun ärg­erte sich die Stief­mut­ter noch viel mehr und dachte nur darauf, wie sie der Tochter des Mannes alles Herzeleid antun wollte, deren Schön­heit doch alle Tage gröss­er ward. Endlich nahm sie einen Kessel, set­zte ihn zum Feuer und sott Garn darin. Als es gesot­ten war, hing sie es dem armen Mäd­chen auf die Schul­ter und gab ihm eine Axt dazu, damit sollte es auf den gefror­nen Fluss gehen, ein Eis­loch hauen und das Garn schlit­tern. Es war gehor­sam, ging hin und hack­te ein Loch in das Eis, und als es mit­ten im Hack­en war, kam ein prächtiger Wagen herge­fahren, worin der König sass. Der Wagen hielt still, und der König fragte: Mein Kind, wer bist du, und was machst du da?“ 

Ich bin ein armes Mäd­chen und schlit­tere Garn.“ Da fühlte der König Mitlei­den, und als er sah, wie es so gar schön war, sprach er: Willst du mit mir fahren?“ 

Ach ja, von Herzen gern,“ antwortete es, denn es war froh, dass es der Mut­ter und Schwest­er aus den Augen kom­men sollte. 

Also stieg es in den Wagen und fuhr mit dem König fort, und als sie auf sein Schloss gekom­men waren, ward die Hochzeit mit gross­er Pracht gefeiert, wie es die kleinen Männlein dem Mäd­chen geschenkt hat­ten. Über ein Jahr gebar die junge Köni­gin einen Sohn, und als die Stief­mut­ter von dem grossen Glücke gehört hat­te, so kam sie mit ihrer Tochter in das Schloss und tat, als wollte sie einen Besuch machen. Als aber der König ein­mal hin­aus­ge­gan­gen und son­st nie­mand zuge­gen war, pack­te das böse Weib die Köni­gin am Kopf, und ihre Tochter pack­te sie an den Füssen, hoben sie aus dem Bett und war­fen sie zum Fen­ster hin­aus in den vor­bei­fliessenden Strom. Darauf legte sich ihre hässliche Tochter ins Bett, und die Alte deck­te sie zu bis über den Kopf. 

Als der König wieder zurück­kam und mit sein­er Frau sprechen wollte, rief die Alte: Still, still, jet­zt geht das nicht, sie liegt in starkem Schweiss, Ihr müsst sie heute ruhen lassen.“ Der König dachte nichts Bös­es dabei und kam erst den andern Mor­gen wieder, und wie er mit sein­er Frau sprach und sie ihm Antwort gab, sprang bei jedem Wort eine Kröte her­vor, während son­st ein Gold­stück her­aus­ge­fall­en war. Da fragte er, was das wäre, aber die Alte sprach, das hätte sie von dem starken Schweiss gekriegt und würde sich schon wieder verlieren. 

In der Nacht aber sah der Küchen­junge, wie eine Ente durch die Gosse geschwom­men kam, die sprach: 

König, was machst du?
Schläf­st du oder wachst du?“ 

Und als er keine Antwort gab, sprach sie: 

Was machen meine Gäste?“ 

Da antwortete der Küchenjunge: 

Sie schlafen feste.“ 

Fragte sie weiter: 

Was macht mein Kindelein?“ 

Antwortete er: 

Es schläft in der Wiege fein.“ 

Da ging sie in der Köni­gin Gestalt hin­auf, gab ihm zu trinken, schüt­telte ihm sein Bettchen, deck­te es zu und schwamm als Ente wieder durch die Gosse fort. So kam sie zwei Nächte, in der drit­ten sprach sie zu dem Küchen­jun­gen: Geh und sage dem König, dass er sein Schw­ert nimmt und auf der Schwelle dreimal über mir schwingt.“ Da lief der Küchen­junge und sagte es dem König, der kam mit seinem Schw­ert und schwang es dreimal über dem Geist; und beim drit­ten­mal stand seine Gemahlin vor ihm, frisch, lebendig und gesund, wie sie vorher gewe­sen war. 

Nun war der König in gross­er Freude, er hielt aber die Köni­gin in ein­er Kam­mer ver­bor­gen bis auf den Son­ntag, wo das Kind getauft wer­den sollte. Und als es getauft war, sprach er: Was gehört einem Men­schen, der den andern aus dem Bett trägt und ins Wass­er wirft?“

Nichts Besseres,“ antwortete die Alte, als dass man den Bösewicht in ein Fass steckt und den Berg hinab ins Wass­er rollt.“ Da sagte der König: Du hast dein Urteil gesprochen,“ liess ein Fass holen und die Alte mit ihrer Tochter hine­in­steck­en, dann ward der Boden zuge­häm­mert und das Fass bergab gekullert, bis es in den Fluss rollte.