Die drei Musikanten

von Ludwig Bechstein

~12 Min

Es zogen ein­mal drei junge Musikan­ten aus ihrer Heimat in die Fremde, sie hat­ten alle drei bei einem Meis­ter die Musik gel­ernt und woll­ten nun auch vere­int bleiben und ihr Glück in frem­den Lan­den ver­suchen. Von Ort zu Ort wan­derten sie fröh­lich dahin, spiel­ten auf zu Kirmes- und Fest­tagtänzen und gewan­nen durch ihre lusti­gen Musik­stück­lein gar manchen schw­eren Batzen, neben dem stillen und laut­en Beifall. So kamen sie denn auch ein­mal in ein Städtchen und belustigten am Abend die Gesellschaft mit schön­er Musik. Endlich hörten sie auf aufzus­pie­len, son­dern tranken eines, tat­en manchem Bescheid und gaben auch zum Gespräch der Gäste ihren Teil. Da ward mancher­lei Ver­wun­der­lich­es durcheinan­der geplaud­ert und erzählt. Zunächst ging die Rede von einem Zauber­schloß, welch­es sich in der Nähe des Städtchens befände und von welchem ebenso­viel Wun­der­schönes als Wun­der­bares erzählt wurde. Bald hieß es: ja, dort sind unge­heure Schätze, dort ist stets Über­fluß an den köstlich­sten Lebens­mit­teln, obgle­ich keine Men­schenseele darin­nen wohnt – bald hieß es wieder: aber dort ist ein schreck­lich­er Gespen­ster­spuk. Wer seinen Buck­el weiß hinein trägt, bringt ihn braun und blau gefärbt wieder her­aus, ohne die Schätze gehoben oder den Zauber gelöst zu haben. Dies und vieles andere wurde hin und her gere­det über das verza­uberte Schloß. Die drei Musikan­ten waren nicht sobald allein in ihrem Schlafkäm­mer­lein, als sie sich lange unterre­de­ten und zugle­ich den Gedanken erfaßten, das rät­sel­hafte Schloß sich näher zu bese­hen, ja, sog­ar sich hineinzuwa­gen, um möglicher­weise die dort ver­bor­ge­nen und verza­uberten Schätze zu heben. Nun wur­den sie einig unter sich, daß ein jed­er einzeln, ein­er nach dem andern, sich hinein­wa­gen sollte, je nach der Älte, und daß einem jeden ein ganz­er Tag dazu vergön­nt sein sollte, sein Aben­teuer zu bestehen.

Der erste Glücksver­such fiel dem Geiger zu. Der machte sich mutvoll und ohne Säu­men auf das Schloß und fand, als er dort anlangte, die Ein­gangsp­forten schon offen, als ob man sein­er gehar­rt hätte; doch als er über die Schwelle geschrit­ten war, schlug hin­ter ihm die schwere Türe zu, und es sprang ein riesiger Eisen­riegel vor, obgle­ich kein leben­des Wesen zu erblick­en war, doch als wenn ein strenger Pfört­ner hier sein Amt ver­richte und Wache halte – und dem Geiger kam ein Grausen an, so daß sein Haar sich auf dem Wirbel sträubte. Aber er kon­nte wed­er umkehren noch ver­weilen, und es kräftigte ihn wieder der Gedanke an das zu hof­fende Glück, an Gold und Schätze. Treppe auf, Treppe ab wan­derte der Jüngling, durch her­rliche Zim­mer, kost­bare Säle, trauliche Kabi­nettchen – alles prachtvoll aus­ges­tat­tet und in der schön­sten Sauberkeit erhal­ten. Aber über­all war eine Toten­stille, auch nicht das kle­in­ste Mückchen lebte und wohnte hier. Doch dem Jüngling wuchs der Mut aufs neue, zumal als er den untern Räu­men, Küche und Gewöl­ben, sich zuwandte, wo in Fülle die sel­tensten und köstlich­sten Spei­sevor­räte vorhan­den waren, in den Gewöl­ben die Wein­flaschen hoch aufge­spe­ichert lagen und alle Sorten süßer eingemacht­en Früchte in großen Gläsern nach der Rei­he standen. In der schö­nen blanken Küche knis­terte ver­traulich ein helles Feuer­lein, und darüber ward von unsicht­bar­er Hand ein Bra­trost geset­zt, und ein aus­ge­sucht­es Wild­bret­fleisch tanzte aus dem Gewölbe here­in in die Küche und auf den Rost; und viele andre Speisen, feine Gemüse und Pasteten und köstlich­es Back­w­erk wur­den eben­so schnell als kost­bar von unsicht­baren Hän­den zubere­it­et und dann in eins der schön­sten Zim­mer, wohin sich der Jüngling begeben hat­te, ihm nachge­tra­gen und auf ein­er gedeck­ten Tafel vor ihm aus­ge­set­zt. Der Jüngling ergriff zuerst sein Instru­ment und ließ klangvoll seine schö­nen Melo­di­en durch die stillen Räume schallen, worauf er sich dann ohne Zaud­ern zur ein­laden­den Tafel set­zte und zu schmausen anf­ing. Doch nicht lange, so öffnete sich die Türe, und es trat ein Männlein here­in, etwa drei Ellen­bo­gen hoch, mit einem Schar­lachröck­lein ange­tan, mit ver­welk­tem Gesichtlein und einem grauen Bart, der bis auf die großen sil­ber­nen Schuh­schnallen reichte. Und das Männlein set­zte sich schweigend neben den Geiger und schmausete mit. Als nun die Rei­he an den schö­nen Wild­bret­brat­en kam, nahm der Geiger die Schüs­sel und nick­te dem Männlein zu, doch zuerst zuzu­lan­gen, und dieses spießte lächel­nd ein Stück Fleisch an die Gabel und nick­te wieder und ließ dabei das Braten­stückchen unter den Tisch fall­en. Gefäl­lig bück­te sich da gle­ich der gute Geiger, um es wieder aufzuheben; aber im Nu saß ihm schon das Bart­männlein auf dem Rück­en und bläute so unbarmherzig auf ihn los, als ob es ihm das Lebenslicht aus­blasen wolle. Und auch des Geigers Mund wurde zuge­hal­ten, bis unter unaufhör­lichen Prügeln der­selbe endlich zur großen Ein­gangsp­forte hin­aus­geschoben ward. Draußen schöpfte der halbtote Geiger frischen Odem und schlich dann ächzend dem Gasthof zu“ wo die Kam­er­aden geblieben waren. Es war schon Nacht, als er ihn erre­ichte, und jene bei­den schliefen bere­its. Am andern Mor­gen sahen sie ganz erstaunt den Geiger eben­falls im Bette liegen und bestürmten ihn bald mit vie­len Fra­gen; doch er kraute sich Kopf und Rück­en, gab sehr kurze Antworten und sprach: »Gehet hin und sehet sel­ber zu! Es ist eine kit­zliche Sache.«

Der zweite Musik­er, ein Trompeter, trat nun den Gang nach dem Zauber­schloß an, fand alles eben­so wie das gebläute Geiger­lein und wurde auch eben­so bewirtet mit Pasteten und Prügeln, so daß er am fol­gen­den Mor­gen eben­falls wie ein geprell­ter Fuchs auf seinem Lager lag und klagte, es sei ihm abson­der­lich aufge­spielt wor­den, aus grober Tonart.

Den­noch hat­te der dritte, ein Flöten­bläs­er, noch Mut genug, um sein Heil im Zauber­schloß zu ver­suchen. Er war der pfif­fig­ste. Furcht­los durch­wan­derte er das ganze Schloß, es deuchte ihm recht angenehm, diese schö­nen Räume für immer zu besitzen; in Küche und Keller war ja Vor­rat an Lebens­mit­teln die Hülle und Fülle. Bald ward auch für ihn eine kost­bare Tafel gedeckt, und als er lange genug fröh­lich sin­gend und flöte­blasend herum gewan­dert war, nahm er Platz und ließ es sich beha­gen. Da trat wieder das Bart­männlein here­in und set­zte sich neben den Gast. Und der uner­schrock­ene Musikant ließ sich mit ihm in ein Gespräch ein und tat ger­ade, als ob er ihn schon hun­dert­mal hier getrof­fen, doch war das Männlein nicht sehr red­selig. Endlich kam es wieder an den Brat­en, und das Männlein ließ wieder mit Absicht ein Stück fall­en; gut­mütig war eben der Flöten­bläs­er im Begriff es aufzunehmen, als er gewahrte, daß das Zwer­glein flugs auf seinen Rück­en sprin­gen wollte. Da wandte er sich als­bald rasch um, riß es von sich und pack­te und schüt­telte das Männlein an seinem Bart so derb, bis er densel­ben zulet­zt ganz her­aus­riß und der kleine Alte ächzend nieder­stürzte. Aber so wie der Jüngling den Bart in seinen Hän­den hat­te, überkam ihn eine außeror­dentliche Kraft, und er erschaute im Schloß noch viel wun­der­barere Dinge als vorher; dage­gen hat­te das Männlein fast alles Leben ver­loren; es win­selte und fle­hte: »Gib, o gib mir meinen Bart wieder, so will ich dir allen Zauber, der dieses Schloß umfaßt, kund­tun und dir dazu ver­helfen, den Zauber zu lösen, so daß du dadurch reich und ewig glück­lich wer­den wirst.«

Der kluge Flöten­bläs­er aber sprach: »Deinen Bart sollst du wieder haben, doch mußt du mir zuvor alles dies kund­tun, son­st bis du ein Schalk. Und eher gebe ich den Bart nicht aus meinen Hän­den.« Da mußte der Alte sich beque­men, erst sein Ver­sprechen zu erfüllen, ob er es gle­ich nicht wil­lens gewe­sen war, son­dern nur mit List seinen Bart wieder an sich brin­gen wollte. Der Jüngling mußte ihm nun fol­gen, durch dun­kle geheime Gänge, unterirdis­che Gewölbe und greuliche Fel­sklüfte, bis sie endlich auf ein freies Gefilde kamen, das gän­zlich aus­sah wie eine viel schönere Welt als die unsrige. Und an einen Strom kamen sie, der brausete wild; doch das Männlein zog einen kleinen Stab her­vor und schlug ins Wass­er, worauf alsobald die Flut auseinan­der trat und stille stand, bis bei­de trock­e­nen Fußes hinüber waren. Drüben war es eine Pracht! da ging es weit­er durch grüne, her­rliche Laubgänge, über­all Blu­men, Vöglein mit Sil­ber- und Goldfed­ern, die san­gen wun­der­sam, und glänzende Käfer und Schmetter­linge gaukel­ten und tanzten herum, und andere niedliche Tiere schäk­erten in Büschen und Heck­en; und der Him­mel über ihnen sah nicht blau, son­dern wie pure Gold­strahlen aus, und die Sterne waren viel größer und kreiseten wie in ver­schlun­genen Tänzen durcheinander.

Der Jüngling staunte; und staunte noch mehr, als er von dem grauen Zwer­glein in ein noch weit prachtvolleres Gebäude als das Wun­der­schloß geführt wurde. Auch hier herrschte neben aller Her­rlichkeit die tief­ste Stille in den Gemäch­ern, und als sie deren viele durch­wan­dert, kamen sie in eins, das ganz mit Schleiern behangen war, wo in der Mitte des Zim­mers ein dicht ver­halltes Bette stand, darüber ein schön­er Vogel­bauer hing mit einem Vöglein, das gar helle Lieder durch die ein­same Stille schmetterte. Das graue Männlein hub die Schleier und Hüllen vom Bette und führte den Jüngling näher; dieser sah hier auf weichen sei­de­nen Kissen, die reich mit Goldtrod­deln behangen waren, ein gar lieblich­es Mäd­chen schlafend daliegen, das war so schön wie ein Engel, hat­te ein weißes Klei­d­chen an, und über ihre Brust und Schul­tern wall­ten die gold­nen Lock­en herab, und auf dem Haupte blitzte eine demantne Kro­ne; aber ein tiefer totenähn­lich­er Schlaf hielt die san­ften Züge gefan­gen, und kein Geräusch ver­mochte die holde Schläferin zu erweck­en. Da sprach das Männlein zu dem ver­wun­derten Jüngling: »Siehe hier dieses schlafende Kind! Es ist eine hohe Prinzessin. Dieses schöne Schloß und dieses geseg­nete Land ist ihr Erbgut, wann sie erlöset ist; aber seit Jahrhun­derten schläft sie den fes­ten Zauber­schlaf, und auch seit Jahrhun­derten fand noch keine men­schliche Seele den Weg, der hier­her fährt, den nur ich täglich zurück­legte, um dort im Schloß, das meine Woh­nung ist, zu speisen und etwa die gold­be­gieri­gen Men­schen, die sich ein­fan­den, mit einem Gericht Prügel zu bedi­enen. Ich bin der Wächter über diese Schläferin und mußte sorgfältig ver­hüten, daß kein Fremder hier ein­dringe, und dazu ward mir mein Bart, in dem solche über­mäßi­gen Kräfte wohnen, daß auch ich eben­falls seit Jahrhun­derten diesen Zauber zu üben ver­mag. Doch nun, wo mir der Bart entris­sen, bin ich kraft­los und muß dieses über­schwengliche Glück, das mit der hold­en Prinzessin erwacht, dir ent­deck­en und über­lassen. Und so schicke dich rasch zur Aus­führung des Erlö­sungswun­ders. Nimm diesen Vogel, der über der Prinzessin hängt und der sie einst in den Zauber­schlum­mer gesun­gen hat und seit­dem jene Melo­di­en auch immer­fort sin­gen mußte, nimm ihn, schlachte ihn und schnei­de ihm das kleine Herz aus, brenne es dann zu Pul­ver und gib dieses der Prinzessin in den Mund, alsobald wird sie davon erwachen und wird dich beglück­en mit Hand und Herz, mit Land und Schloß und allen ihren Schätzen.«

Das Männlein schwieg erschöpft, und der Jüngling säumte nicht, an das Werk der Erlö­sung zu gehen. Schnell und gut wurde alles getreu nach der Angabe des kleinen Alten aus­ge­führt und das Pülver­lein bere­it­et. Nach weni­gen Minuten, als es der Prinzessin gegeben war, schlug sie frisch und lächel­nd die Augen auf und hob sich vom Lager empor und sank dem glück­lichen Jüngling an die Brust, liebkosete und dank­te ihm und nahm ihn zu ihrem Gemahl an. Und in dem­sel­ben Moment zog ein Don­nern und Krachen durch das Schloß, auf allen Trep­pen wurde es laut, und in allen Zim­mern wurde es geräuschvoll. Und endlich kam eine Schar Diener mit fre­undlichen Gesichtern in das Zim­mer getreten, in dem das glück­liche Paar weilte, und alle freuten sich und flo­gen dann flink und froh in die Küchen und Keller­räume, in Zim­mer und Säle und Gänge an ihre Arbeit, und waren alle wie neugeboren.

Das graue Zwer­glein aber heis­chte nun streng seinen Bart von dem Jüngling und gedachte immer noch in seinem boshaften Herzen, dem Glück­lichen einen Pos­sen zu spie­len. Denn, wenn ihm der Bart erst wieder am Kinn saß, hat­te er Macht, alle Sterblichen zu über­wälti­gen. Allein der kluge Flöten­bläs­er gebrauchte noch immer Vor­sicht mit dem tück­ischen Männlein, er sprach: »Oh, deinen Bart sollst du wieder haben, sei nicht bange, ich will ihn dir zum Abschied über­re­ichen, aber erlaube, daß wir bei­de, meine holde Braut und ich, dich eine kleine Strecke begleit­en dür­fen.« Das kon­nte das Männlein nicht ver­weigern. Sie gin­gen nun weit durch schöne Laubgänge und Blu­men­beete mit dem Zwerg und kamen endlich an das unge­heuer tiefe, rauschende Wass­er, das viele viele Meilen weit in der Runde um das Land der Prinzessin strömte und gle­ich­sam die Gren­zschei­dung bildete. Keine Brücke und kein Nachen war rings vorhan­den, worauf Men­schen das jen­seit­ige Ufer erre­ichen kon­nten; auch kein küh­n­er Schwim­mer hätte es errun­gen, denn die Wellen­flut war zu tosend und wild. Da sprach der Jüngling zu dem Männlein: »Gib mir deinen Stab, auf daß ich dir dies­mal noch zur Ehre das Wass­er auseinan­der schei­de.« Und das Männlein mußte gehorchen, weil es seine Bartkräfte noch nicht wieder hat­te, und dachte auch im stillen noch in hämis­ch­er Freude: wenn er mir drüben über dem Wass­er den Bart über­re­icht, so bekomme ich ihn doch in meine Gewalt, nehme ihm dann den Stab wieder ab, und bei­de kön­nen ihr wun­der­schönes Land nie betreten. Aber nicht also gin­gen des Zwerges boshafte Gedanken aus. Der kluge, glück­liche Jüngling schlug mit dem Stab ins Wass­er, es teilte sich behende und stand stille, und der Zwerg ging voran und ging hinüber, und schnell hin­ter ihm brausete die Flut zusam­men; aber der Jüngling war mit sein­er lieben Braut am andern Ufer zurück­ge­blieben, er behielt den Zauber­stab und schleud­erte nur den Bart übers Wass­er hinüber, so daß ihn der Zwerg drüben auff­ing und sich ihn wieder anset­zte; und so ward der Alte doch um seinen Zauber­stab bet­ro­gen und durfte hin­fort nim­mer wieder das her­rliche Gebi­et betreten. Und der glück­liche Jüngling kehrte zurück ins Schloß mit sein­er Hold­en, zu steter Freude und Glück­seligkeit; und keine Sehn­sucht kam ihm in sein Herz, je wieder zu seinen Kam­er­aden zurück­zukehren. Die saßen lange im Wirtshaus, und als jen­er nicht wiederkam, sprachen sie: »Der ist flöten gegan­gen« – und das ist her­nach zum Sprich­wort gewor­den, wenn ein­er Sache abhan­den und nicht wiederkommt.