Die drei lustigen Brüder (Sächsisches Lügenmärchen aus Schäßburg)

von Josef Haltrich

~8 Min

Es waren ein­mal drei Brüder; der eine war stock­blind, der andere lenden­lahm und der dritte split­ter­nackt. Diese drei gin­gen eines Tages in den Wald, um Vogelnester auszunehmen. Als sie so im Walde hingin­gen, sah der Blinde plöt­zlich aus dem Gestrüpp einen Hasen her­vor­sprin­gen. Kaum hat­te er dies seinen Brüdern gesagt, war auch schon der Lahme wie der Wind hin­ter dem Hasen her und hielt ihn, eh‘ man’s gedacht, an den Hin­ter­beinen. Nun aber wußten sie nicht, wie sie den gefan­genen Hasen nach Hause schaf­fen soll­ten. Da sprach der Nack­te: Gebt ihn her!“ und steck­te ihn in seine Tasche. In der Freude über diesen Fang ver­gaßen sie, Vogelnester zu suchen, und gin­gen heimwärts. Auf dem Wege aber entspann sich ein Stre­it unter ihnen darüber, wem der Hase gehöre. Und das war nicht so leicht zu entschei­den, wie ihr denkt. Ich habe ihn zuerst gese­hen!“ sprach der Blinde. Was hil­ft das Sehen!“ ent­geg­nete der Lahme, ich habe ihn gefan­gen, mir gehört der Hase.“ — Hätte ich ihn nicht in die Tasche gesteckt“, sagte der Nack­te, ihr hät­tet ihn im Walde müssen laufen lassen, der Hase gehört mir!“ So strit­ten die drei Brüder untere­inan­der, und kein­er wollte nachgeben, endlich kamen sie auf den klu­gen Gedanken, den Stre­it durch den Richter entschei­den zu lassen; sie gin­gen schnurstracks zu diesem und fan­den ihn auch zum großen Glück daheim. Dem mußte nun jed­er von den dreien den Her­gang der Sache erzählen, und als der let­zte mit sein­er Erzäh­lung zu Ende war, sprach der Richter: Ihr braven Leute! Ich höre, daß ihr alle drei gut lügen kön­nt, wer mir von euch die dick­ste Lüge sagen kann, dem soll der Hase gehören.“

Da hüb der Blinde an: Mein Vater hat­te ein­mal gar viele Schafe, die mußte ich alle Tage zur Tränke treiben. Als ich sie ein­mal wieder aus­trieb an den Bach, da war dieser zuge­froren. Ich stand lange rat­los am Ufer; ungetränkt durfte ich meinem Vater die Schafe nicht nach Hause brin­gen, und eine Axt, die Eis­decke durchzuhauen, war in der Nähe auch nicht zu find­en. Ich dachte lange nach; endlich hat­te ich’s; ich legte mich platt aufs Eis und schlug mit meinem Kopfe eine große Lumme (en griß Leam) ins Eis, so daß alle Schafe sich satt­trinken kon­nten. Als ich nun meine Herde heimwärts trieb, sah ich auf den Wei­den­bäu­men, welche am Bachufer standen, Dresch­er, die droschen Erb­sen, so daß die Körn­er weit umher­flo­gen wie der Hagel. Gott greß ich, ir earetlich Dresch­er!‘ rief ich ihnen zu. Mer danken der, tea Ohnen­hi­wdi­jer!‘ war die Antwort. Ver­wun­dert und erschrock­en griff ich mit bei­den Hän­den nach meinem Kopfe und fühlte, daß ich keinen Kopf mehr hat­te. Weh kann er dir nun nicht mehr tun, dachte ich; allein du kannst ihn ja vielle­icht son­st noch brauchen. Wo soll­test du ihn wohl gelassen haben? Sollte er dir nicht, als du damit das Loch in das Eis schlugst, herun­terge­fall­en und in Gedanken da liegen geblieben sein?‘ Eilig (nor ni dich) kehrte ich um und sah zu mein­er Freude schon von weit­em meinen Kopf neben der Lumme auf dem Eise liegen. Es hat­te mir aber inzwis­chen eine Henne, da der Mund offenge­s­tanden, viele Eier in densel­ben gelegt. Schnell set­zte ich mir ihn wieder auf, kehrte um und gelangte wohlbe­hal­ten mit meinen Schafen nach Hause, und mein Vater war mit mir zufrieden, und siehe da, auch etwas Merk­würdi­ges ereignete sich noch. Die Eier in meinem Kopfe waren durch die Wärme aus­ge­gan­gen, und flo­gen mir aus Mund und Nase die jun­gen Hüh­nchen her­aus, und wir beka­men den Hof auf ein­mal voll Hüh­n­er, was mein­er Mut­ter eine große Freude war.“
Als der Blinde geen­det hat­te, sprach der Richter: Wenn das alles wahr ist, so ist es eine dicke Lüge! Doch wollen wir auch die andern hören.“ Der Lahme begann hier­auf: Mein Vater hat­te ein­mal ein altes Pferd (en alt Jep); das borgten von ihm die Nach­barn, sooft sie in den Wald gin­gen, um Holz zu holen. Ein­mal waren wieder zwei Nach­barn mit meines Vaters Pferd in den Wald gezo­gen. Sie ban­den das Tier an einen Baum und hieben nun auf den Baum, um ihn zu fällen, mit ihren Äxten gewaltig ein. Da ent­glitt dem einen die Axt und fuhr dem Pferd in die Seite. Von jähem Schreck ergrif­f­en, stand der Mann vor dem getrof­fe­nen Pferd und betra­chtete rat- und tat­los die blu­tende Wunde und rief: Ach här­rje! Wäll dät nea net ist äfhiren!‘ — Habe keine Angst!‘ tröstete ihn der andere: Wir hauen Reis­er und flecht­en (stiewen) ihm die Wunde zu.‘ Bald hat­ten die bei­den einen ganzen Haufen Reis­er zusam­menge­hauen und flocht­en damit dem Pferde die Wunde zu. Damit war zwar das Pferd kuri­ert; es wuchs ihm aber über Nacht in der Seite ein so großer Wald, daß bald die Zige­uner: der Midi und der Dodi, der Tutzu und der Willa und wie sie alle heißen, kamen, um darin Holz zu stehlen, und daraus ent­stand meinem Vater große Not und viel Ver­druß. So geht es‘, sprach er, wenn man sein Pferd auslei­ht; ich will es aber nicht bald wieder tun!’“
Also erzählte der Lahme. Der Richter aber rief: Du hast eben­so wahr gesprochen als dein Brud­er; nun wollen wir sehen, was der let­zte von euch kann!“ Da hüb der Nack­te an; Mein Vater hat­te ein­mal unzäh­lige Bienen­stöcke, und alle waren voll mit Bienen; diese mußte ich jeden Abend, wenn sie vom Felde heimkehrten, zählen. Eines Abends hat­te ich wieder die heimkehren­den Bienen gezählt, mußte aber meinem Vater melden, daß eine fehle, Zornig rief mein Vater; Gehe, suche die Biene, son­st geht es dir schlecht (licht).‘ Was war zu tun? Da war freilich guter Rat teuer, wohin ich mich wen­den sollte. Ich lief ängstlich aufs Feld und suchte, und suchte auf sieben Hat­terten, fand aber die verir­rte Biene nicht. Endlich traf ich auf dem acht­en Hat­tert einen Bauer[n], der hat­te eine Biene neben seinen Ochsen an den Pflug ges­pan­nt und knallte eben mit der Peitsche über das Zugvieh hin. Wie unter­ste­ht Ihr Euch‘, rief ich aufge­bracht, mit frem­dem Vieh zu pflü­gen (mät fremde Get­tern ze ack­ern)?‘ Der Bauer bat um Verzei­hung und erzählte mir, ein­er sein­er Ochsen sei ihm gestürzt (gestäckt), da habe er zum guten Glück die Biene gese­hen und gle­ich an die Stelle des fehlen­den Ochsen einges­pan­nt; er habe sie jedoch nicht als sein Eigen­tum behal­ten wollen, son­dern nur gedacht, wozu solle sie so mir nichts, dir nichts müßig auf dem Felde heru­mir­ren; zum Danke dafür, daß er sie abends ihrem Her­rn heim­brächte, könne sie ihm wohl auch einen kleinen Dienst verrichten.

Ich verzieh dem Manne zwar auf so gegrün­dete Entschuldigung, er aber mußte mir die Biene sogle­ich auss­pan­nen, und ich machte ihm aufs neue Vor­würfe, als ich sie näher unter­suchte und fand, daß das Joch ihren Nack­en ganz wund gerieben hat­te. In solchem Zus­tande durfte ich meinem Vater die Biene nicht nach Hause brin­gen, denn ich wäre ihm schön angekom­men; ich ging daher auf den Rat des Mannes, der sich unser­er Biene bedi­ent hat­te, zu einem Nußbaum, um ein paar Blät­ter des­sel­ben als schnelles Heilmit­tel auf den wun­den Nack­en der Biene zu leg­en. In der Eile hat­te ich mit den Blät­tern zugle­ich eine Nuß vom Boden aufger­afft und dieselbe samt den Blät­tern der Biene auf den Nack­en gebun­den. Davon wuchs über Nacht auf dem Nack­en der Biene ein großer Nußbaum, und als die Nüsse reif gewor­den, da war­fen die Knaben, wie das ja zu geschehen pflegt, so oft sie an meines Vaters Garten vorüber in die Schule gin­gen, mit Erd­schollen nach den Nüssen. Das gefiel meinem Vater, wie man sich denken kann, nicht; allein es hat­te doch auch sein Gutes. Die Knaben hat­ten nach einiger Zeit einen so großen Haufen (Tup­pes) Erde in unsern Garten gewor­fen, daß mein Vater sagte: Warum sollen wir diesen Haufen (Tup­pes) nur so unbe­nutzt lassen? Wir pflü­gen ihn um und säen darauf, wenn auch nur (mehr nor) Hafer.‘ Das geschah. Als nun der Hafer reif gewor­den, gab mir mein Vater die Sichel in die Hand und befahl mir, den Hafer zu schnei­den. Das Schnei­den und ins­beson­dere das Hafer­schnei­den ist nun keine so leichte Sache; deshalb lassen so viele unser­er Landleute durch andere schnei­den; allein ich mußte mich dazu beque­men, denn mein Vater war sehr streng; bei ihm galt keine Widerrede, und wehe dem, der nicht aufs Wort fol­gte! Kaum hat­te ich jedoch begonnen, als neben mir zu mein­er großen Freude ein Hase auf­sprang. Da dachte ich mir’s leicht zu machen; sofort (an em Witz) schleud­erte ich die Sichei mit solchem Geschick und Glück auf meinen Hasen, daß der Griff durchs Hin­ter­bein ging und steck­en blieb und die Schnei­de wie zum Schnitt gerichtet her­vor­stand. Der Getrof­fene mußte mir nun das Hafer­feld auf- und ablaufen, und im Nu war der Hafer bis auf den let­zten Halm geschnitten!“

War das“, fragte der Richter, nicht der­selbe Hase, den du heute in der Tasche hier­her gebracht hast?“

O ja!“ antwortete der Nack­te, ger­ade der­selbe.“ — Nun denn“, entsch­ied der Richter, so war und ist er auch fürder­hin unbe­strit­ten dein Eigen­tum; aber willst du dich gütig erweisen, so gib davon jedem dein­er Brüder auch einen Strem­pel; sie haben ihn auch redlich verdient!“