Die drei Hunde

von Ludwig Bechstein

~8 Min

Ein Schäfer hin­ter­ließ seinen bei­den Kindern, einem Sohn und ein­er Tochter, nichts als drei Schafe und ein Häuschen, und sprach auf seinem Toten­bett: Teilt euch geschwis­ter­lich darein, daß nicht Had­er und Zank zwis­chen euch entste­he.“ Als der Schäfer nun gestor­ben war, fragte der Brud­er die Schwest­er, welch­es sie lieber wollte, die Schafe oder das Häuschen? Und als sie das Häuschen wählte, sagte er: So nehm‘ ich die Schafe und gehe in die weite Welt: es hat schon manch­er sein Glück gefun­den, und ich bin ein Son­ntagskind.“ Er ging darauf mit seinem Erbteil fort; das Glück wollte ihm jedoch lange nicht begeg­nen. Einst saß er recht ver­drießlich an einem Kreuzweg, ungewiß, wohin er sich wen­den wollte; auf ein­mal sah er einen Mann neben sich, der hat­te drei schwarze Hunde, von denen der eine immer größer als der andere war. Ei, junger Gesell“, sagte der Mann, Ihr habt da drei schöne Schafe. Wißt Ihr was, gebt mir die Schafe, ich wie Euch meine Hunde dafür geben.“ Trotz sein­er Trau­rigkeit mußte jen­er lachen. Was soll ich mit Euren Hun­den tun?“ fragte er; meine Schafe ernähren sich selb­st, die Hunde aber wollen gefüt­tert sein.“ – Meine Hunde sind von abson­der­lich­er Art“, antwortete der Fremde; sie ernähren Euch, statt Ihr sie, und wer­den Euer Glück machen. Der Kleinere da heißt: Bring Speisen‘, der zweite zerreiß’n‘, und der große Starke brich Stahl und Eisen‘.“ Der Schäfer ließ sich endlich beschwatzen und gab seine Schafe hin. Um die Eigen­schaft sein­er Hunde zu prüfen, sprach er: Bring Speisen!“ und als­bald lief der eine Hund fort und kam zurück mit einem großen Korb voll der her­rlich­sten Speisen. Den Schäfer gereute nun der Tausch nicht; er ließ sich’s wohl sein und zog lange im Lande umher.

Einst begeg­nete ihm ein Wagen mit zwei Pfer­den bespan­nt und ganz mit schwarzen Deck­en bek­lei­det und auch der Kutsch­er war schwarz ange­tan. In dem Wagen saß ein wun­der­schönes Mäd­chen in einem schwarzen Gewande, das weinte bit­ter­lich. Die Pferde tra­bten trau­rig und langsam und hin­gen die Köpfe. Kutsch­er, was bedeutet das?“ fragte der Schäfer. Der Kutsch­er antwortete unwirsch, jen­er aber ließ nicht nach zu fra­gen, bis der Kutsch­er erzählte, es hause ein großer Drache in der Gegend, dem habe man, um sich vor seinen Ver­wüs­tun­gen zu sich­ern, eine Jungfrau als jährlichen Trib­ut ver­sprechen müssen, die er mit Haut und Haar ver­schlingt. Das Los entschei­de alle­mal unter den vierzehn­jähri­gen Jungfrauen und dies­mal habe es die Königstochter betrof­fen. Darüber sei der König und das ganze Land in tief­ster Betrüb­nis und doch müsse der Drache sein Opfer erhal­ten. Der Schäfer fühlte Mitleid mit dem schö­nen jun­gen Mäd­chen und fol­gte dem Wagen. Dieser hielt endlich an einem hohen Berge. Die Jungfrau stieg aus und schritt langsam ihrem schreck­lichen Schick­sal ent­ge­gen. Der Kutsch­er sah nun, daß der fremde Mann ihr fol­gen wollte, und warnte ihn, der Schäfer ließ sich jedoch nicht abwendig machen. Als sie die Hälfte des Berges erstiegen hat­ten, kam vom Gipfel herab ein schreck­lich­es Untier mit einem Schup­pen­leib, Flügel und unge­heuren Krallen an den Füßen; aus seinem Rachen loderte ein glühen­der Schwe­fel­strom und schon wollte es sich auf seine Beute stürzen, da rief der Schäfer: Zerreiß’n!“ und der zweite sein­er Hunde stürzte sich auf den Drachen, biß sich in der Weiche des­sel­ben fest und set­zte ihm so zu, daß das Unge­heuer endlich nieder­sank und sein giftiges Leben aushauchte; der Hund aber fraß ihn völ­lig auf, daß nichts übrig­blieb als ein Paar Zähne, die steck­te der Schäfer zu sich. Die Königstochter war ganz ohn­mächtig vor Schreck und vor Freude, der Schäfer erweck­te sie wieder zum Leben, und nun sank sie ihrem Ret­ter zu Füßen und bat ihn fle­hentlich, mit zu ihrem Vater zu kom­men, der ihn reich belohnen werde. Der Jüngling antwortete, er wolle sich erst in der Welt umse­hen, nach drei Jahren aber wiederkom­men. Und bei diesem Entschluß blieb er. Die Jungfrau set­zte sich wieder in den Wagen, und der Schäfer ging eines anderen Weges fort.

Der Kutsch­er aber war auf böse Gedanken gekom­men. Als sie über eine Brücke fuhren, unter der ein großer Strom floß, hielt er still, wandte sich zur Königstochter und sprach: Euer Ret­ter ist fort und begehrt Eures Dankes nicht. Es wäre schön von Euch, wenn Ihr einen armen Men­schen glück­lich machtet. Saget deshalb Eurem Vater, daß ich den Drachen umge­bracht habe; wollt Ihr aber das nicht, so werf‘ ich Euch hier in den Strom und nie­mand wird nach Euch fra­gen, denn es heißt, der Drache habe Euch ver­schlun­gen.“ Die Jungfrau wehk­lagte und fle­hte, aber verge­blich; sie mußte endlich schwören, den Kutsch­er für ihren Ret­ter auszugeben und kein­er Seele das Geheim­nis ver­rat­en. So fuhren sie in die Stadt zurück, wo alles außer sich vor Entzück­en war; die schwarzen Fah­nen wur­den von den Tür­men genom­men und bunte daraufgesteckt, und der König umarmte mit Freuden­trä­nen seine Tochter und ihren ver­meintlichen Ret­ter. Du hast nicht nur mein Kind, son­dern das ganze Land von ein­er großen Plage erret­tet“, sprach er. Darum ist es auch bil­lig, daß ich dich belohne. Meine Tochter soll deine Gemahlin wer­den; da sie aber noch allzu jung ist, so soll die Hochzeit erst in einem Jahr sein.“ Der Kutsch­er dank­te, ward prächtig gek­lei­det, zum Edel­mann gemacht und in allen feinen Sit­ten, die sein nun­mehriger Stand erforderte, unter­wiesen. Die Königstochter aber erschrak heftig und weinte bit­ter­lich, als sie dies ver­nahm, und wagte doch nicht, ihren Schwur zu brechen. Als das Jahr um war, kon­nte sie nichts erre­ichen, als die Frist noch eines Jahres. Auch dies ging zu Ende und sie warf sich dem Vater zu Füßen und bat um noch ein Jahr, denn sie dachte an das Ver­sprechen ihres wirk­lichen Erret­ters. Der König kon­nte ihrem Fle­hen nicht wider­ste­hen und gewährte ihr die Bitte, mit dem Zusatz jedoch, daß dies die let­zte Frist sei, die er ihr ges­tat­tete. Wie schnell ver­rann die Zeit! Der Trau­ungstag war nun fest­ge­set­zt, auf den Tür­men weht­en rote Fah­nen, und das Volk war im Jubel.

An dem­sel­ben geschah es, daß ein Fremder mit drei Hun­den in die Stadt kam. Der fragte nach der Ursache der all­ge­meinen Freude und erfuhr, daß die Königstochter eben mit dem Manne ver­mählt werde, der den schreck­lichen Drachen erschla­gen. Der Fremde schalt diesen Mann einen Betrüger, der sich mit frem­den Fed­ern schmücke. Aber er wurde von der Wache ergrif­f­en und in ein enges Gefäng­nis mit eis­er­nen Türen gewor­fen. Als er nun so auf seinem Stro­hbün­del lag und sein trau­riges Geschick über­dachte, glaubte er plöt­zlich draußen das Win­seln sein­er Hunde zu hören; da däm­merte ein Lichter Gedanke in ihm auf. Brich Stahl und Eisen!“ rief er so laut er kon­nte, und als­bald sah er die Tatzen seines größten Hun­des an dem Git­ter­fen­ster, durch welch­es das Tages­licht spär­lich in seine Zelle fiel. Das Git­ter brach, und der Hund sprang in die Zelle und zer­biß die Ket­ten, mit denen sein Herr gefes­selt war; darauf sprang er wieder hin­aus, und sein Herr fol­gte ihm. Nun war er zwar frei, aber der Gedanke schmerzte ihn sehr, daß ein ander­er seinen Lohn ern­ten solle. Es hungerte ihn auch und er rief seinen Hund an: Bring Speisen!“ Bald darauf kam der Hund mit ein­er Servi­ette voll köstlich­er Speisen zurück; in die Servi­ette war eine Königskro­ne gestickt.

Der König hat­te eben mit seinem ganzen Hof­s­taat an der Tafel gesessen, als der Hund erschienen war und der bräut­lichen Jungfrau bit­tend die Hand geleckt hat­te. Mit freudi­gem Schreck hat­te sie den Hund erkan­nt und ihm die eigene Servi­ette umge­bun­den. Sie sah dies als einen Wink des Him­mels an, bat den Vater um einige Worte und ver­traute ihm das ganze Geheim­nis. Der König sandte einen Boten dem Hunde nach, der bald darauf den Frem­den in des Königs Kabi­nett brachte. Der König führte ihn an der Hand in den Saal; der ehe­ma­lige Kutsch­er erblaßte bei seinem Anblick und bat kniend um Gnade. Die Königstochter erkan­nte den Fremdling als ihren Ret­ter, der sich noch überdies durch die Drachen­zähne, die er noch bei sich trug, auswies. Der Kutsch­er ward in einen tiefen Kerk­er gewor­fen, und der Schäfer nahm seine Stelle an der Seite der Königstochter ein. Dies­mal bat sie nicht um Auf­schub der Trau­ung. Das junge Ehep­aar lebte schon eine ger­aume Zeit in won­niglichem Glück, da gedachte der ehe­ma­lige Schäfer sein­er armen Schwest­er und sprach den Wun­sch aus, ihr von seinem Glück mitzuteilen. Er sandte auch einen Wagen fort, sie zu holen, und es dauerte nicht lange, so lag sie an der Brust ihres Brud­ers. Da begann ein­er der Hunde zu sprechen und sagte: Unsere Zeit ist nun um; du bedarf­st unser nicht mehr. Wir blieben nur so lange bei dir, um zu sehen, ob du auch im Glück deine Schwest­er nicht vergessen würdest.“ Darauf ver­wan­del­ten sich die Hunde in drei Vögel und ver­schwan­den in den Lüften.