Die drei Hochzeitsgäste

von Ludwig Bechstein

~5 Min

Es waren in einem Dorfe drei Hofhunde, die hiel­ten gute Nach­barschaft miteinan­der. Eines Tages sollte eine große Bauern­hochzeit sein, wozu Alt und Jung geladen waren. Es wurde gekocht und geback­en, gebrat­en und gesot­ten, sodass der Geruch durchs ganze Dorf zog.

Die drei Hunde rochen den feinen Dun­st und über­legten miteinan­der, wie sie wohl zur Hochzeit kom­men kön­nten. Sich­er würde dort auch etwas für sie abfall­en, doch sie woll­ten Auf­se­hen ver­mei­den. Also beschlossen sie, nicht alle drei auf ein­mal hinzu­laufen, son­dern einzeln, ein­er nach dem anderen.

Als es dann soweit war, ging der erste Hund zur Hochzeit, machte sich in das Schlachthaus, schnappte rasch ein großes Stück Fleisch und wollte schon damit sein­er Wege gehen. Aber er wurde erwis­cht und bekam eine sat­te Tra­cht Prügel. Und das Stück Fleisch riss man ihm auch aus den Zähnen.

So kam der arme Hund hun­grig und übel gelaunt zurück auf den Hof. Seine Nach­bars­ge­sellen warteten schon auf gute Nachricht und fragten: Nun, wie ist es dir ergan­gen?” Da schämte sich der Hund, die Wahrheit zu geste­hen, dass sein Hochzeits­mahl in ein­er scharf gesalzenen Prügel­suppe bestanden hat­te. Also sagte er: Es war ganz gut! Aber es geht dort scharf her, und man muss hart und weich ver­tra­gen können!”

Als die Hun­dekam­er­aden das hörten, glaubten sie, ihr Kumpan habe auf der Hochzeit über alle Maßen gegessen und getrunk­en. Sie dacht­en, es wür­den viele gute Bröck­lein abfall­en, harte und weiche, Fleisch und Bein.

Darauf ran­nte der zweite Hund mit großen Sprün­gen zu dem Hochzeit­shaus, direkt in die Küche, und nahm, was er fand. Aber ehe er noch den Rück­weg fand, war er schon bemerkt. Ein Topf mit eiskaltem Wass­er wurde ihm über den Rück­en gegossen, dass er fast erstar­rte. Da schoss er davon wie ein begossen­er Pudel, obwohl ihn die Kälte eisig durch­fuhr. Als er nun auf den Hof kam, wo die bei­den Kam­er­aden sein­er har­rten, fragten sie voller Erwartung: Nun, wie hat es dir gefall­en?” Ganz gut”, antwortete der Hund, aber es geht dort heiß her. Da muss ein­er kalt und warm ver­tra­gen können!”

Da dachte der dritte Hund: Die Hochzeits­gäste sind jet­zt beim Schmaus in voller Arbeit, und kalte und warme Speisen wech­seln ab.” Daher galt es nichts zu ver­säu­men, und der Hund beeilte sich, wenig­stens zum Nachtisch da zu sein. Kaum aber war er im Hause, so erwis­chte ihn ein­er, klemmte ihm den Schwanz zwis­chen die Stuben­tür und gerbte ihm ordentlich das Fell. Nach dieser Abrei­bung machte sich der Hund jaulend davon.

Kaum war er auf dem Hof angekom­men, fragten die bei­den Kam­er­aden mit etwas Spott im Herzen: Nun, wie hat es dir auf der Hochzeit gefall­en?” Der übel Zugerichtete zog seinen geschun­de­nen Schwanz heim­lich zwis­chen die Beine und sprach: Ganz wohl! Es ging recht toll her, und es gab viel Kuchen zum Nachtisch. Aber Haare lassen muss ein­er können.”

Die drei Hunde dacht­en noch lange daran, wie wohl ihnen die Hochzeitssuppe, das Hochzeits­brot und der Hochzeit­skuchen geschmeckt hat­te, und vom Brat­en hat­te jed­er genug gerochen.